Montag, Januar 07, 2019

I have a dream

Wer die totale Müdigkeit noch nie erlebt hat, der weiss nicht, wie sehr sie schmerzt. Jede einzelne Zelle des Körpers schreit nach Schlaf und man sehnt sich nach einem Bett, nach Ruhe, nach Dunkelheit. Der Kopf kippt immer wieder in alle Richtungen, die Beine fühlen sich an, als wären sie in Beton eingegossen, die Augen sind rot, die Haut weiss und die Arme liegen schlaff auf den Armlehnen. Der Magen, übersäurt vom vielen Koffein, verweigert jegliche Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme.

Am Funk schreit ein Inder in sein Mikrofon. Er redet so schnell, dass die Satzzeichen die Wörter überholen und umgekehrt. Trotz technischen Hilfsmitteln in und auf den Ohren ergibt das Wortgewurstel keinen Sinn und ich antworte mit einem Satz, den ich an dieser Position für sinnvoll erachte. Der Inder scheint zufrieden.

Die Sonne scheint waagrecht und trifft genau in einem rechten Winkel auf meiner Netzhaut auf. Trotz montierter Sonnenblende und Sonnenbrille werden die Augen noch müder, die Glieder noch schwerer, der Kopf kippt noch weiter zur Seite und die Haut sieht aus wie Pergamentpapier. Und die Arme? Habe ich überhaupt noch Arme?

Ich stehe auf, ich strecke mich, ich verlasse das Cockpit. Die Küche der ersten Klasse sieht aus wie ein Darkroom. Nicht so erotisch, aber so geheimnissvoll und dunkel. Die Dunkelheit trägt nicht dazu bei, meine Lebensgeister wenigstens ein bisschen zu kitzeln. Ich lehne meinen Kopf an der Küchenwand an. „In diesen Stunden hasse ich meinen Job“, meint die Kollegin zusammengekauert auf ihrem Notsitz. „Ich auch, und wie!“

„Willst Du einen Kaffee oder etwas zu essen?“
„Nein danke.“
„Aber Du hast seit Zürich noch nichts gegessen.“
„Es ist auch erst 5 Uhr in der Früh!“

Drei Stunden später, mit nur einem Joghurt im Bauch, landen wir das Flugzeug weich in Singapur. Das Adrenalin hat uns geholfen, in der anspruchsvollen Phase des Landeanflugs das Flugzeug konzentriert zwischen den Gewitterwolken auf die Landebahn zu führen. Nach dem Abarbeiten der Checklisten fällt die Spannung ab wie die Blätter im Herbst und sie ist wieder da, die schmerzhafte Müdigkeit. Wie ferngesteuert laufe ich durch die Terminals, warte geduldig auf die Koffer, noch geduldiger auf die Einreisebewilligung und mache das, was meine Chefs von mir verlangen: Ich trete professionell auf. Auch wenn kein Pilot auf der Welt weiss, wo der verlorene Koffer geblieben ist, werden Piloten in den Warteschlangen regelmässig nach dem Verbleib genau dieser Koffer gefragt. Ich gebe geduldig Auskunft und vermeide, dem Gegenüber mitten ins Gesicht zu gähnen.
Die gefühlte Betonschicht um die Füsse scheint dicker geworden zu sein und die Körperhaltung gleicht der eines Teenagers, der gebeugt wie ein Neandertaler auf sein Handy schaut. Ich will nur ins Bett!

Eine Stunde nach der Landung habe ich die gleiche Stellung eingenommen wie lange Stunden zuvor. Entspannung? Fehlanzeige! Statt nach Osten zu fliegen, fahren wir jetzt nach Westen. Im Westen geht ja bekanntlich die Sonne unter und so scheint mir diese neuerlich in einem senkrechten Winkel auf die Netzhaut. Die Arme liegen wieder schlaff auf den Lehnen und wie mein Teint aussieht, möchte ich gar nicht wissen. Dass ich Beine habe, spüre ich schon gar nicht mehr, dafür meldet sich die Blase.

Das Einchecken im Hotel dauert ewig, der Lift in den 31. Stock will einfach nicht kommen. Der Schlüssel passt, das Kingsize Bett ist frisch bezogen. Die Uniform landet in einer Ecke, der Blaseninhalt wird in der dafür vorgesehenen Vorrichtung entsorgt.
Endlich liegen die Beine ausgestreckt unter der Daunendecke, es pulsiert in den Waden, in den Kniekehlen und sogar in den Zehen. Im Schritt pulsiert gar nichts, dafür bin ich wirklich zu müde. Die Arme liegen sowieso zu schlaff auf dem Bettlaken ausgebreitet, das wäre hoffnungslos. Der Schmerz der Müdigkeit wird langsam weniger und macht der totalen Entspannung Platz.

Ganze 14 Stunden später wache ich auf und denke an meinen Traum. Er war nicht erotischer, sondern praktischer Natur. Ich träumte, dass meine Firma das ordentliche Rentenalter bis zu meiner Pensionierung nicht erhöht. Das wäre wirklich ein Traum!

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