Dienstag, Januar 22, 2019

VIP, VUP und VPP

Das WEF in Davos ist im Gange. Da hat der Ausdruck VIP Hochkonjunktur. Very important Person – was für ein ehrenvolle Bezeichnung, - was für eine Bürde. Da heute aber jedes Dorffest einen VIP Bereich hat, haftet an dem Kürzel aber auch etwas biederes an.
Darum wurde das Superlativ VVIP erfunden. Eine very, very important Person. Ein VVIP ist wirklich an der Spitze angekommen und ist nur noch einen Schritt vom VUP entfernt. Sie kennen den VUP nicht?
Aber sicher! Ein VUP ist eine very unimportant Person, also sie und ich liebe Leserinnen und Leser. Wer sich als VIP sieht, aber ein VUP ist, endet als VPP – very poor Person. Während der VIP sich selbstsicher gibt und die Ruhe liebt, ist der VUP in der Regel tief zufrieden und sich und der Welt im Reinen.
Der Mühsame der Gesellen ist der VPP. Er strapaziert das System und nervt das Umfeld und letzendlich die ganze Welt.

Also liebe VUPs, wir sind die Beliebtesten und die Glücklichsten. Wir können die VIPs bewundern und die VPPs bedauern. Mit etwas Kohle werden wir am nächsten Dorffest VIP und nach ein paar Drinks VPP. Das Leben als VUP ist so einfach. Das Leben als VUP ist das einzig erstrebenswerte.

Das heisst aber nicht, dass VIPs und VPPs unzufrieden oder gar unglücklich sind. So lange sie sich in ihren Peergroups bewegen, sind sie harmlos. Die VIPs drinken zusammen auf der Ehrentribühne Cüpli, während die VPPs in der Jägermeister-Bar zu Schlager die Bänke zum Brechen bringen.

Problematisch ist es, wenn man die VIPs, VUPs und VPP mischt. Das ist bekanntlich in einem Flugzeug der Fall – und genau das kann zu Dramen führen. Landläufig herrscht die Meinung vor, dass VIP in der ersten Klasse sitzen, während sich die VUP und VPP die hinteren Plätze streitig machen. Das kann so stattfinden, muss aber nicht. Die offensichtlich am grösste Durchmischung findet in der Business-Klasse statt. Bedingt durch Upgradings, günstige Sonderangebote und übermässigen Konsum während der Vorweihnachtszeit mit den damit verbundenen Meilengutschriften, führt in der Businessklasse zu einer unterhaltsamen und manchmal auch explosiven Mischung. Dann zeigen sich die wahren VIPs an Bord, nämlich unsere Kolleginnen und Kollegen der Cabin Crew.

Mit viel Menschenkenntnis, einer Portion Lebenserfahrung und einem gefüllten Rucksack mit Wissen, können sie dieses explosive Gemisch entschärfen. Sie wissen genau, wer Streicheleinheiten benötigt und wer mit einem treffenden Spruch ruhig gestellt werden kann. Doch manchmal kommen auch sie an ihre Grenzen und müssen die Flügel strecken. Das ist dann der Fall, wenn sich VIP, VUP und VPP in der kleinst und intimst möglichen Gruppe kreuzen, nämlich in der Kleinfamilie.
Sich kreuzen, kann da durchaus wörtlich genommen werden. Wenn sich zwei VUP zum Beischlaf treffen, kann daraus ein VIP (Kleinkind), eine VUP (Mutter) und ein VPP (Mann: ich wollte nie ein Kind) entstehen. Fliegen die Drei dann noch 10 Stunden an die Wärme, ist das Chaos perfekt.
Der VIP, erst fünf Monate zuvor der VUP entschloffen, wird in eine unterkühlte Flugzeugkabine geschleppt und dann durch die kürzeste Nacht seines noch jungen Lebens nach Bangkok geflogen. Der VPP würde sich gerne mit Gleichgesinnten KO-saufen, während die VUP sich total dem Wohl des VIP unterstellt. Das mit dem Kommasaufen geht für den VPP leider nicht, da der VIP alle paar Minuten lauthals neue Begehrlichkeiten anmeldet.

Nach zehn Stunden schütteln, rütteln, wiegen, füttern, wickeln, trösten und streicheln, schläft der VIP endlich ein. Kein Wunder, ist es in Bangkok doch so heiss und schwül, wie fünf Monate zuvor im Mutterleib der VUP. Der Duft – so vermute ich – wird sich vom Innern der Gebärmutter leicht von dem in Bangkok unterscheiden. Der VPP hält das schlafende VIP im Arm und schaut mich im Jetty wütend an. Ich ignoriere seine Blicke und spreche mit der VUP. Der Kleine sei erst fünf Monate alt, so die VUP, und es seinen seine ersten Ferien. Es sei so schön Mutter zu sein und der VPP und sie seien sehr glücklich. Während der VPP die Augen verdreht und vom Kinderwagen und Happy End träumt, erzählt mir die VUP von der bevorstehenden dreistündigen Busfahrt mit dem VIP, dem VPP und dem Berg Gepäck an einen Badeort am Meer. Na dann viel Spass.
In der Zwischenzeit trägt der Herr der Bodenmannschaft schweissüberströhmt den Kinderwagen die Enge Treppe herauf. Wobei Kinderwagen leicht untertrieben ist. Es handelt sich vielmehr um einen High Mobility Multipurpose Wheeled Vehicle, kurz HMMWV, der Einfachheit halber meist Humvee genannt. Für einen VIP ist nichts zu gross.

Der VPP ist so am Ende, dass er sich ein Besäufnis mit Kollegen an einer Fullmoon-Party wünscht, der VIP schreit und die VUP dirigiert herumstehendes Personal von einer Ecke zur anderen. Die Traumferien können beginnen. Im Engadin wäre es übrigens auch schön gewesen, aber das ist eine andere Geschichte.

Dankbar nichts besonderes zu sein, laufe ich entspannt durch die Hallen und frage mich an der Gepäckaufgabe, wie die junge Familie gedenkt, all das Gepäck in einen Bus zu packen.

Very poor Persons indeed!


Montag, Januar 07, 2019

I have a dream

Wer die totale Müdigkeit noch nie erlebt hat, der weiss nicht, wie sehr sie schmerzt. Jede einzelne Zelle des Körpers schreit nach Schlaf und man sehnt sich nach einem Bett, nach Ruhe, nach Dunkelheit. Der Kopf kippt immer wieder in alle Richtungen, die Beine fühlen sich an, als wären sie in Beton eingegossen, die Augen sind rot, die Haut weiss und die Arme liegen schlaff auf den Armlehnen. Der Magen, übersäurt vom vielen Koffein, verweigert jegliche Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme.

Am Funk schreit ein Inder in sein Mikrofon. Er redet so schnell, dass die Satzzeichen die Wörter überholen und umgekehrt. Trotz technischen Hilfsmitteln in und auf den Ohren ergibt das Wortgewurstel keinen Sinn und ich antworte mit einem Satz, den ich an dieser Position für sinnvoll erachte. Der Inder scheint zufrieden.

Die Sonne scheint waagrecht und trifft genau in einem rechten Winkel auf meiner Netzhaut auf. Trotz montierter Sonnenblende und Sonnenbrille werden die Augen noch müder, die Glieder noch schwerer, der Kopf kippt noch weiter zur Seite und die Haut sieht aus wie Pergamentpapier. Und die Arme? Habe ich überhaupt noch Arme?

Ich stehe auf, ich strecke mich, ich verlasse das Cockpit. Die Küche der ersten Klasse sieht aus wie ein Darkroom. Nicht so erotisch, aber so geheimnissvoll und dunkel. Die Dunkelheit trägt nicht dazu bei, meine Lebensgeister wenigstens ein bisschen zu kitzeln. Ich lehne meinen Kopf an der Küchenwand an. „In diesen Stunden hasse ich meinen Job“, meint die Kollegin zusammengekauert auf ihrem Notsitz. „Ich auch, und wie!“

„Willst Du einen Kaffee oder etwas zu essen?“
„Nein danke.“
„Aber Du hast seit Zürich noch nichts gegessen.“
„Es ist auch erst 5 Uhr in der Früh!“

Drei Stunden später, mit nur einem Joghurt im Bauch, landen wir das Flugzeug weich in Singapur. Das Adrenalin hat uns geholfen, in der anspruchsvollen Phase des Landeanflugs das Flugzeug konzentriert zwischen den Gewitterwolken auf die Landebahn zu führen. Nach dem Abarbeiten der Checklisten fällt die Spannung ab wie die Blätter im Herbst und sie ist wieder da, die schmerzhafte Müdigkeit. Wie ferngesteuert laufe ich durch die Terminals, warte geduldig auf die Koffer, noch geduldiger auf die Einreisebewilligung und mache das, was meine Chefs von mir verlangen: Ich trete professionell auf. Auch wenn kein Pilot auf der Welt weiss, wo der verlorene Koffer geblieben ist, werden Piloten in den Warteschlangen regelmässig nach dem Verbleib genau dieser Koffer gefragt. Ich gebe geduldig Auskunft und vermeide, dem Gegenüber mitten ins Gesicht zu gähnen.
Die gefühlte Betonschicht um die Füsse scheint dicker geworden zu sein und die Körperhaltung gleicht der eines Teenagers, der gebeugt wie ein Neandertaler auf sein Handy schaut. Ich will nur ins Bett!

Eine Stunde nach der Landung habe ich die gleiche Stellung eingenommen wie lange Stunden zuvor. Entspannung? Fehlanzeige! Statt nach Osten zu fliegen, fahren wir jetzt nach Westen. Im Westen geht ja bekanntlich die Sonne unter und so scheint mir diese neuerlich in einem senkrechten Winkel auf die Netzhaut. Die Arme liegen wieder schlaff auf den Lehnen und wie mein Teint aussieht, möchte ich gar nicht wissen. Dass ich Beine habe, spüre ich schon gar nicht mehr, dafür meldet sich die Blase.

Das Einchecken im Hotel dauert ewig, der Lift in den 31. Stock will einfach nicht kommen. Der Schlüssel passt, das Kingsize Bett ist frisch bezogen. Die Uniform landet in einer Ecke, der Blaseninhalt wird in der dafür vorgesehenen Vorrichtung entsorgt.
Endlich liegen die Beine ausgestreckt unter der Daunendecke, es pulsiert in den Waden, in den Kniekehlen und sogar in den Zehen. Im Schritt pulsiert gar nichts, dafür bin ich wirklich zu müde. Die Arme liegen sowieso zu schlaff auf dem Bettlaken ausgebreitet, das wäre hoffnungslos. Der Schmerz der Müdigkeit wird langsam weniger und macht der totalen Entspannung Platz.

Ganze 14 Stunden später wache ich auf und denke an meinen Traum. Er war nicht erotischer, sondern praktischer Natur. Ich träumte, dass meine Firma das ordentliche Rentenalter bis zu meiner Pensionierung nicht erhöht. Das wäre wirklich ein Traum!