Samstag, Dezember 01, 2018

Vom Vögeln und anderem „auf und ab“

Drei Wochen Flugabstinenz hat durchaus seine Vorteile. Nicht dass ich nicht arbeiten würde, aber die nachtflugfreie Phase kommt einem zwischendurch vor wie Ferien.
Dieses dämmrige Gefühl, als hätte man nonstop zuviel THC geraucht, braucht der Mensch nicht wirklich. Nachflüge sind trotz Schlafgelegenheit und schönen Nordlichtern ein Graus. Der Körper wird seiner Energie beraubt – Energie, die Bergler wie ich lieber auf Skipisten oder Lopien loswerden.

Wenn ich nicht fliege, dann simuliere ich gewöhnlich. Nicht so wie Neymar, sondern richtig seriös in einem Gerät Namens Simulator. Auf Stelzen steht er und wippt bei Gebrauch hin und her wie Frauen in zu hohen Stöckelschuhen. In unserer Firma schulen wir im Moment wie wild Piloten auf die B777 um, da in Bälde zwei neue Exemplare dieses Fliegers in Zürich auf dem Tarmac stehen werden.

Simulator ist für den Instruktor eine äusserst gute Sache. Er sitzt enspannter im Gerät als seine Mitstreiter und profitiert unglaublich von den Fragen und den Fehlern seiner Schüler. Zusammen werden Verfahren eingeübt und die Stoplpersteine identifiziert. Ich darf in diesen Wochen nicht nur neue Piloten ausbilden, sondern auch einen neuen Instruktionskollegen in die Geheimnisse der B777 Schulung einführen. „Fuck the Fucker“ heisst das im Jargon, wird aber selbstverständlich nicht so krass gehandhabt. In dieser Konstellation sind statt zwei einfach drei Personen im Simulator unter Strom. Ich laufe während den vier Stunden im gleichen Meditationsmodus.

Nun bin ich nicht nur Instruktor, sondern auch noch Examiner. Das heisst, ich nehme den Kollegen den halbjährlichen Check ab und verlängere so die Lizenz für ein weiteres Semester. Das geschieht im Namen des Bundesamtes und so bin ich an diesen Tagen auch Bundesangestellter. Es liegt in der Natur der Sache, dass die beiden Geprüften mit höherem Puls in das Gerät einsteigen, als bei einem regulären Flug. Ich versuche, die Kollegen mit einer guten Atmosphäre zu Höchstleistungen anzustacheln.

Bei all diesen Schilderungen fragt man sich berechtigterweise, ob der Schreiberling auch selber mal angespannt oder gar gestresst ist? Ich kann das nur bejahen und blicke nervös auf meinen persönlichen Einsatzplan. Nächste Woche muss ich zum Fliegerarzt und das kommt mit 50+ dem Russisch Roulett ganz nahe.
Ein 50+ Mann ist wie eine 50+ Immobilie. Da und dort quietscht es und manchmal tropft auch ein Hahn. Auch wenn Komplettrenovationen nicht anstehen, sind kleinere Arbeiten immer notwendig. Die Fachärzte – durchwegs jung, motiviert und engagiert – kennen die Leiden eines 50+ Mannes nur aus Lehrbüchern. Dementsprechend kritisch stehen sie den aus meiner Sicht ganz normalen Leiden gegenüber und konsultieren bei jedem kleinen Knacksen ihr Nachschlagewerk, wo genaustens geschrieben steht, ob der Bald-Rentner zum Voll-Rentner wird. Sie selber stehen noch gut im Saft, können noch Sündigen ohne danach drei Tage flach zu liegen und laufen trotz Nikotinsucht noch jeden Tag ein paar Kilometer im Wald. Generationenkonflikt nennt man das und leider sitzen die Jüngeren bei diesem Spiel auf den besseren Plätzen.
Auch diesen Tag werde ich trotz Becherpinkeln und Lizenzdruck irgendwie überstehen.

Danach geht es weiter und das leider auch nicht ganz nach meinem Gusto. Drei Buchstaben stehen auf dem Plan und die drei Buchstaben heissen RGC – „Reccurrent Ground Course“.
Sicherheitstraining heisst das auf Deutsch und es deckt ziemlich genau die Bereiche ab, die mich am wenigsten interessieren. So zum Beispiel der Umgang mit „Dangerous Goods“. Leider haben wir viel zu viel von diesem Gefahrengut an Bord und ich habe leider Gottes auch regelmässig damit zu tun.

Die aus meiner Sicht gefährlichsten Stoffe im Flugzeug sind die Hormone – Hormone der Crew.
Da hat es zum Beispiel charmante Damen im vorderen Teil des Flugzeugs, die mit diesem Gefahrengut unterversorgt sind. Solche Mangelerscheinungen führen in der Regel zu Stimmungsschwankungen, die in Aggressionen ausarten können, wenn die Unterversorgten auf Überversorgte treffen. Solche Überversorgten haben wir ab Mitte des Flugzeugs in rauen Mengen, wobei es in der hintersten Küche von solchen nur wimmelt. Die Überversorgten sind im Gegensatz zu den Unterversorgten überdurchschnittlich stark an sexueller Aktivität interessiert. Es geht ums Vögeln und dabei spielt es kaum eine Rolle, ob gleichgeschlechtlich oder traditionell.
Viel sexuelle Energie konzentriert auf kleinstem Raum gibt im besten Fall Spannungen und im schlechtesten Nachwuchs.
Damit ist bewiesen, dass der Umgang mit eben diesem Gefahrengut genannt Hormone nicht genug trainiert werden kann.
Bei der Vorbereitung auf eben diesen RGC habe ich leider Gottes bemerkt, dass mein Arbeitgeber beim Begriff „Dangerous Goods“ an etwas ganz anders denkt. Schade eigentlich. Eine Schulung zum Umgang mit Unter- und Überversorgen beiden Geschlechts hätte mir als 50+ gut getan.

Nach dem Verfassen dieser Zeilen merke ich, dass ich je mehr ich schreibe, ich die Nachtflüge umso eher vermisse. Nachtlflüge haben den Nachteil, dass man sich danach wie ferngesteuert durch die Landschaft bewegt, haben aber den Vorteil, dass man gratis zu einer Teilbetäubung kommt. Diese Mattheit hat unter anderem zur Folge, dass man stundenlang in einer „Gala“ blättern kann ohne nur einen Satz zu lesen. Diese Mattheit hat aber auch zur Folge, dass man die quietschenden Gelenke und tropfenden Hähne am eigenen Körper vergisst.

So ist die Fliegerei, ein stetes auf und ab….

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