Montag, Dezember 17, 2018

V-Mann

Ich habe noch nie in meinem Leben einen Intelligenztest gemacht. Keine Ahnung, ob das gut oder schlecht ist.
Mein Arbeitgeber scheint dies auch nicht zu stören. Es macht den Anschein, dass er mir vertraut. So hat er mich zum Beispiel zum Piloten ausgebildet, während Jahren in die weite Welt hinaus geschickt, einmal sogar die ganze Olypiamannschaft anvertraut und auch mal auf eine Dienstreise mit Pressebegleitung abdetachiert. Ich wurde auch ein paar Mal befördert.
Leserinnen und Leser mögen jetzt einwenden, dass man dafür keinen grossen Intelligenzquotienten braucht. Sie mögen Recht haben. Doch was kümmert das den Beförderten?

Beförderungen, Ernennungen und Ritterschläge haben aber nicht nur Vorteile. Sie bringen in der Regel auch mehr Verantwortung und Arbeit mit sich. Die Freizeit wird spärlicher und offizielle Termine zahlreicher.
Wer an diesen offiziellen Terminen, bei denen man gerade in der Vorweihnachtszeit öfters ein Glas alkoholisches in der rechten Hand hält, mit einem neuen Titel oder Funktion prahlen kann, wird für den Aufwand mit anerkennenden Blicken belohnt.

In meiner CV haben sich im Laufe der Jahre jene Linien vervielfacht, auf denen meine speziellen Aufgaben und Qualifikationen aufgeführt sind. Eine fehlt aber und dies aus offensichtlichen Gründen. Ich oute mich und lüfte an dieser Stelle ein streng gehütetes Geheimnis: Ich bin auch ein V-Mann!

V-Männer prahlen nicht mit ihrer Funktion, die Dunkelheit und die Anonymität sind ihr Schutz. V-Männer sind nicht unbedingt beliebt, in Leib und Leben aber stets gefährdet. V-Mann sein ist kein Schleck. V-Mann sein ist eine Aufgabe, die nur spezielle Persönlichkeiten mit einer starken Konstitution erledigen können. V-Mann sein ist ein Scheissjob, der leider Einer erledigen muss. V-Männer schweigen oder kommunizieren spärlich. V-Männer werden gehasst. V-Männer beobachten nächtelang dunkle Ecken und trinken dazu kannenweise schwarzen Kaffee. V-Männer leiden unter Schlafmangel. V-Männer gehen fahrlässig mit ihrer Gesundheit um. V-Männer werden auch in Kriegsgebieten wie Pakistan und Afghanistan eingesetzt. Ich bin so ein V-Mann.

An dieser Stelle taucht die berechtigte Frage auf, wozu eine Fluggesellschaft einen V-Mann braucht. Selbstverständlich ist auch diese Information geheim und höchst sensibel. Stellen sie sich nur vor, wenn ein junger Parktikant einer Gratiszeitschrift nach dem Lesen dieses Artikel einen Text mit der Aufschrift „V-Männer in grösster Schweizer Airline tätig.“ verfasst und dieser die Runde macht. Unsere Kommunikationsabteilung (hoi Stef) hätte alle Hände voll zu tun und müsste die Wellen in den (a-)sozialen Medien glätten.

Aufgrund der Tatsache, dass fast niemand diese Zeilen liest, kann ich das Risiko eingehen und die Frage nach der Aufgabe und dem Sinn eines V-Manns in einer Fluggesellschaft lüften:
Der V-Mann hat in einer 3-Personen-Cockpitcrew die undankbare Aufgabe, die ersten zwei Drittel des Flugs im Cockpit zu sitzen und endlos lange acht Stunden in die Nacht zu schauen, während Kriegsgebiete wie Pakistan und Afghanistan unter dem Flügel durchziehen. Glauben sie mir liebe Leserinnen und Leser, das ist wirklich kein Schleck. Darum macht das in der Regel auch ein subalterner Offizier.
Nur wenn ich als V-Mann des Trainings unterwegs bin (Check), arbeite ich als V-Mann im Cockpit. Warum die V-Männer im Kapitänsrang so unbeliebt sind, zeigt die Beschreibung des V-Mann in Wikipedia deutlich auf: Durch Ausnutzung von Vertrauen kann eine V-Person die Möglichkeit erlangen, Informationen in privaten Gesprächen und Situationen zu erhalten und von diesen ggf. Wort- und Bildaufzeichnungen zu fertigen. Tja, es handelt sich nunmal um einen Check!

Nur noch von Singapur nach Hause fliegen, und dann bin ich meinen Job als V-Mann wieder los. Ich werde in der Beliebtheitsskala nach oben schnellen und darf mich fortan wieder zu der Gruppe der X-Men zählen. X-Men sind laut Wikipedia eine Gruppe von Superhelden und das beschreibt uns Langstreckenkapitäne recht gut wie ich finde. Warum eigentlich X-Men? Der Buchstaben X beschreibt die Schicht des Kapitäns im 3-Personen-Cockpit.

Hier endet meine Geschichte aus Singapur und nach dem Durchlesen des Textes frage ich mich ersthaft, ob nicht doch einmal einen Intelligenztest machen sollte?

Ich wünsche der Leserschaft schöne Festtage.

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