Mittwoch, Dezember 26, 2018

Himmel und Hölle

Vor nicht einmal 36 Stunden stand ich knöcheltief im Neuschnee und betrachtete den Piz Corvatsch in der Abendsonne. Am Himmel gab es keine Wolke zu sehen und der Schnee unter den Schuhen knirschte bei jedem Schritt. Der Körper freute sich über die diversen Schichten Funktionswäsche und der Hund über die vielen Artgenossen, die aus einer Sicht nur wegen ihm über die Festtage angereist sind. Das winterliche Sils-Maria, mein ganz persönlicher Himmel auf Erden!

Eine Stimmung, die man nicht in Worte fassen kann. Ein Bild wäre hilfreicher und ein solches hätte ich auch zur Hand, aber leider lässt das WLAN die Bytes nur tröpchenweise durch. Ich bin in Bangkok und habe mit über 30° C Aussentemperatur und einer Feuchtigkeit zu kämpfen, die es in dieser Form nur in unserem heimischen Waschraum gibt, wenn alle Parteien zusammen ihre sämtlichen Textilien nass aufhängen.
Es hupt, quietscht, bremst, stinkt und wem das Leben lieb ist, läuft näher an den Ratten als am Strassenrand. Und da hat es ja auch noch dieses Zika*! Wenn all die Passagiere wüssten , dass es ganz Nähe vom Flughafen Zürich auch ein Zika Nest gibt und dieses viel lustiger und ungefährlicher ist, als jenes in Bangkok, wären vermutlich einige unserer Passagiere in der Schweiz geblieben. Bangkok, das ist der Himmel der anderen!

Ich will diese Stadt der Engel nicht gerade Hölle nennen, aber vom meinem persönlichen Himmel ist sie etwa so weit entfernt, wie die Engadiner Sonne vom Zürcher Hochnebel. Unsere Kiste war am Weihnachtsabend bis auf den letzten Platz besetzt und mein firmeninterner Beliebtheitsgrad stieg ins Unermessliche. „Ich bin seit drei Monaten Flight-Attendant und Du fliegst mit mir (Du mit mir – gaht’s no!!!!) heute nach Bangkok. Gerne reserviere ich auf diesem Weg den Jumpseat im Cockpit für meinen Freund.“ Das nur eine von vielen Anfragen, die in meinem elektronischen Postfach landete. Ihr Freund sass übrigens nicht im Cockpit, das nur so am Rande.
Wie die alle an meine Mailadresse kamen, bleibt mit mit den neuen und ziemlich verschärften Datenschutzrichtlinien ein Rätsel. Ich kenne diese Datenschutzrichtlinien sehr genau, - das können sie mir glauben, habe ich doch vor Monatsfrist einen 20-minütigen Schulungsvideo über mich ergehen lassen und die darauf folgende Prüfung nach vier Anläufen mit 80% Trefferquote bestanden.

Die Internetverbindung ist immerhin so schnell, dass ich nach einem Blick auf die Swiss Meteo App festelle, dass ich einen traumhaften Engadiner Skitag verpasse. Nicht auf den Alpinskis - dafür hat es über die Festtage zuviele Leute, sondern auf den schmalen Langlauf-Latten. Ich muss Kilometer fressen und das nicht zu knapp. Es sind noch 73 Tage und 22 Stunden bis zum Start des Engadin Ski Marathons. Im Firmenteam meines Arbeitgebers möchte etwas zum guten Teamergebnis beitragen und den voraussichtlich letzten Platz in der Wertung des schnellsten Hausbewohners zumindest ehrenvoll besetzen. Dafür braucht es Training, Kilometer und Härte. Härte? Ja Härte!

Neben schnellen Beinen und starken Armen, benötigt der Athlet am Marathon spitze Ellenbogen und einen bösen Blick, mit dessen Hilfe er sich einen Weg durch den Pulk pflügt, wie einst Moses durch das Rote Meer. Für einen friedliebenden Menschen wie mich eine harte Prüfung. Wer vom Himmel kommt, der trainiert Härte am besten in der Hölle.
So mache ich mich auf zur Sukhumvit, wo sich die noch bleichen Touristen auf den engen Gehwegen mit gefälschten Textilien für den Strandurlaub im Süden eindecken.

Praktisch kein Durchkommen! Ausweichen unmöglich!

Denn rechts stehen die Autos Stoosstange an Stoosstange und hupen vom Dieselruss umgeben um die Wette und auf der linken Seite plätschert der Abwasserkanal, dem man ohne präventiv eingenommenes Antibiotika am besten nicht zu nahe kommt. Ein ideales Trainingsgebiet für einen Langläufer in der Tropenhölle, denn man fühlt sich wie ein Hauptklasse A - Läufer im Stazerwald.

Ich gehe in mich, brülle einen Schlachtruf der Maori-Krieger, lasse mein Lächeln verschwinden und ziehe eine grimmiges Fratze auf. Der Rücken gerade, die Augen zu einem Schlitz geformt, den Blick leicht nach unten und die Ellenbogen genau 67.5° von Rumpf abgewinkelt, beschleunige ich wie im Eins-Eins Langlaufschritt. Die ersten Flüche von Touristen fallen und machen wenig später der nackten Angst Platz. Vor mir teilt sich das Menschenmeer und hinter mir bilden die Betroffenen eine Rettungsgasse. Ich mache Tempo wie nie zuvor und hänge sogar die sonst so flinken Tuk-Tuk ab.

Der Trainingseffekt ist unbezahlbar und dennoch bevorzuge ich Kilometer auf dem Schnee. Ich habe nur noch 73 Tage und 21 Stunden und 23 Minuten. Die Ellenbogen sind fit, die Beine und die Pumpe noch nicht. Doch wer sich einen Weg durch die Sukhumvit-Hölle bahnen kann, der muss im Stazerwald-Himmel keine Angst haben. Heja, Heja!

* DISCLAIMER:
Die schwere Krankheit, die durch den Zika-Virus ausgelöst wird, soll an dieser Stelle nicht ins Lächerliche gezogen werden. Es war vielmehr ein kleines Wortspiel, das leider nur ein kleiner Teil meiner Leserschaft versteht. E guets Nöis öi alle. Bun an.


Montag, Dezember 17, 2018

V-Mann

Ich habe noch nie in meinem Leben einen Intelligenztest gemacht. Keine Ahnung, ob das gut oder schlecht ist.
Mein Arbeitgeber scheint dies auch nicht zu stören. Es macht den Anschein, dass er mir vertraut. So hat er mich zum Beispiel zum Piloten ausgebildet, während Jahren in die weite Welt hinaus geschickt, einmal sogar die ganze Olypiamannschaft anvertraut und auch mal auf eine Dienstreise mit Pressebegleitung abdetachiert. Ich wurde auch ein paar Mal befördert.
Leserinnen und Leser mögen jetzt einwenden, dass man dafür keinen grossen Intelligenzquotienten braucht. Sie mögen Recht haben. Doch was kümmert das den Beförderten?

Beförderungen, Ernennungen und Ritterschläge haben aber nicht nur Vorteile. Sie bringen in der Regel auch mehr Verantwortung und Arbeit mit sich. Die Freizeit wird spärlicher und offizielle Termine zahlreicher.
Wer an diesen offiziellen Terminen, bei denen man gerade in der Vorweihnachtszeit öfters ein Glas alkoholisches in der rechten Hand hält, mit einem neuen Titel oder Funktion prahlen kann, wird für den Aufwand mit anerkennenden Blicken belohnt.

In meiner CV haben sich im Laufe der Jahre jene Linien vervielfacht, auf denen meine speziellen Aufgaben und Qualifikationen aufgeführt sind. Eine fehlt aber und dies aus offensichtlichen Gründen. Ich oute mich und lüfte an dieser Stelle ein streng gehütetes Geheimnis: Ich bin auch ein V-Mann!

V-Männer prahlen nicht mit ihrer Funktion, die Dunkelheit und die Anonymität sind ihr Schutz. V-Männer sind nicht unbedingt beliebt, in Leib und Leben aber stets gefährdet. V-Mann sein ist kein Schleck. V-Mann sein ist eine Aufgabe, die nur spezielle Persönlichkeiten mit einer starken Konstitution erledigen können. V-Mann sein ist ein Scheissjob, der leider Einer erledigen muss. V-Männer schweigen oder kommunizieren spärlich. V-Männer werden gehasst. V-Männer beobachten nächtelang dunkle Ecken und trinken dazu kannenweise schwarzen Kaffee. V-Männer leiden unter Schlafmangel. V-Männer gehen fahrlässig mit ihrer Gesundheit um. V-Männer werden auch in Kriegsgebieten wie Pakistan und Afghanistan eingesetzt. Ich bin so ein V-Mann.

An dieser Stelle taucht die berechtigte Frage auf, wozu eine Fluggesellschaft einen V-Mann braucht. Selbstverständlich ist auch diese Information geheim und höchst sensibel. Stellen sie sich nur vor, wenn ein junger Parktikant einer Gratiszeitschrift nach dem Lesen dieses Artikel einen Text mit der Aufschrift „V-Männer in grösster Schweizer Airline tätig.“ verfasst und dieser die Runde macht. Unsere Kommunikationsabteilung (hoi Stef) hätte alle Hände voll zu tun und müsste die Wellen in den (a-)sozialen Medien glätten.

Aufgrund der Tatsache, dass fast niemand diese Zeilen liest, kann ich das Risiko eingehen und die Frage nach der Aufgabe und dem Sinn eines V-Manns in einer Fluggesellschaft lüften:
Der V-Mann hat in einer 3-Personen-Cockpitcrew die undankbare Aufgabe, die ersten zwei Drittel des Flugs im Cockpit zu sitzen und endlos lange acht Stunden in die Nacht zu schauen, während Kriegsgebiete wie Pakistan und Afghanistan unter dem Flügel durchziehen. Glauben sie mir liebe Leserinnen und Leser, das ist wirklich kein Schleck. Darum macht das in der Regel auch ein subalterner Offizier.
Nur wenn ich als V-Mann des Trainings unterwegs bin (Check), arbeite ich als V-Mann im Cockpit. Warum die V-Männer im Kapitänsrang so unbeliebt sind, zeigt die Beschreibung des V-Mann in Wikipedia deutlich auf: Durch Ausnutzung von Vertrauen kann eine V-Person die Möglichkeit erlangen, Informationen in privaten Gesprächen und Situationen zu erhalten und von diesen ggf. Wort- und Bildaufzeichnungen zu fertigen. Tja, es handelt sich nunmal um einen Check!

Nur noch von Singapur nach Hause fliegen, und dann bin ich meinen Job als V-Mann wieder los. Ich werde in der Beliebtheitsskala nach oben schnellen und darf mich fortan wieder zu der Gruppe der X-Men zählen. X-Men sind laut Wikipedia eine Gruppe von Superhelden und das beschreibt uns Langstreckenkapitäne recht gut wie ich finde. Warum eigentlich X-Men? Der Buchstaben X beschreibt die Schicht des Kapitäns im 3-Personen-Cockpit.

Hier endet meine Geschichte aus Singapur und nach dem Durchlesen des Textes frage ich mich ersthaft, ob nicht doch einmal einen Intelligenztest machen sollte?

Ich wünsche der Leserschaft schöne Festtage.

Dienstag, Dezember 04, 2018

Wetter 2018 - eine wissenschaftliche Erklärung

Herr Petrus und Frau Holle,
kriegen sich regelmässig in die Wolle.
Sie streiten mit Mordio und Zeter,
man ahnt es -, es geht ums Wetter.

Doch wenn das Wetter spinnt wie heuer,
muss der Segen schief sein im Gemäuer.
Wenn die Sonne brennt so ungesund,
lohnt sich die Frage nach dem wahren Grund.

Schuld ist das Internet - einmal mehr,
es frisst die Zeit aller allzu sehr.
Betroffen ist nicht nur der normale Pimmel,
es trifft auch das Kader oben im Himmel.

Frau Holle hat entdeckt das weite Netz,
gezeigt hat es ihr eine böse Hex.
Bildschirmzeit statt Schmusestunden,
Petrus’ Sexleben ganz verschwunden!

Dem Petrus stinkts -, das ist wohl klar,
er macht sich himmelweit zum grossen Narr.
Frau Gemahlin tummelt sich auf Instagram,
während Petrus’ Willi vergebens steht stramm.

So schlich er sich einst vor den Rechner,
ausgerüstet mit Rebensaft im Becher.
Er verdrängte den Gedanken an die Kinder
und eröffnete ein Konto bei der Plattform Tinder

So nahm der Ärger seinen Lauf.
Die Sonne ging im Frühling auf,
nur unter gehen wollte sie nimmer mehr,
Europa schwitzte in der Folge sehr.

Die Wettermaschine ging total vergessen,
Petrus versäumte die Natur zu nässen.
Stattdessen vergnügte er sich mit den Feen,
der Wasserstand sank bedrohlich in den Seen.

Frau Holle im Sog vom Internet,
verlies in der Zwischenzeit das Ehebett.
Sie warf sich an die Brust eines gewissen Torsten,
ein bärtiger Follower aus dem deutschen Osten.

Der nervige Hipster aus Berlin Marzahn,
ernährte sich ausschliesslich lakto-vegan.
Frau Holle blind vor grosser Liebe,
folgte kopflos diesem seltsamen Triebe.

Gemüse, Tofu und rohes Gemüse,
kamen fortan aus Holles kleiner Kombüse.
Petrus ging das alles gegen die Natur,
als Vergeltung erhöhte er noch zusätzlich die Temperatur.

Statt Grillsaison und Bier zum Frühstück,
wurde Grünzeug serviert von diesem Miststück.
Der Magen rebellierte, der Darm sowieso,
Petrus rannte fast stündlich aufs heimische Klo.

Er litt unter dem Konsum von roher Rinde,
aus dem Arsch entwichen unappetitliche Winde.
Seine Feen fanden das gar nicht glatt,
der Tinderscreen blieb in der Folge matt.

Satt kuscheln und erotische Massagen,
blieb Petrus nur das Trübsal blasen.
Er furzte laut und das nicht zu knapp,
und löschte im Frust seine Tinder App.

Die starken Winde aus Petrus’ Hintern,
vermögten den Temperaturanstieg nicht mindern.
Im Gegenteil und das ist bewiesen,
es wurden braun die einst grünen Wiesen.

Das Gemüse verdorrte auf Bauerns Feldern,
Grünkohl wurde knapp auf den veganen Tellern.
Der bärtige Hipster Torsten verfiel in Panik,
es drohte für die Veganer eine zweite Titanic.


x
Torsten flüchtete ins heimische Marzahn,
auf Suche nach Grünzeug in seinem Wahn.
Zurück blieb Frau Holle hungrig und hässig,
plötzlich fand sie Instagram nicht mehr so lässig.

Das schlechte Gewisse plagte sie mehr,
den Herrn Gemahl vermisste sie sehr.
Sein Willi war so schlecht auch wieder nicht,
der Bart nicht gepflegt, dafür wild und dicht.

Frau Holle sanft und plötzlich nett,
hüpfte zurück ins Ehebett.
Petrus überdrüssig von den jungen Dingern,
erforschte Gemahlins Höhlen mit den Fingern.

Sie jauchzte, lachte und bekam Schluckauf,
es zogen auf der Erde dicke Wolken auf.
Endlich fiel der grosse Regen,
für alle Lebewesen ein wahrer Segen.

Die Moral der Geschichte ist schnell erzählt,
wenn wir nicht aufpassen sind unsere Tage gezählt.
Tinder, Instagram und Vegan sind gugus,
esst genügend Fleisch, statt ausschliesslich Humus.

Das globale Wetter wird’s Euch danken,
wir können nicht nur Sonne tanken.
Doch das Gemüse sollten wir verteufeln nicht,
Hopfen und Malz sind schliesslich ein Gedicht!

Prosit!

Samstag, Dezember 01, 2018

Vom Vögeln und anderem „auf und ab“

Drei Wochen Flugabstinenz hat durchaus seine Vorteile. Nicht dass ich nicht arbeiten würde, aber die nachtflugfreie Phase kommt einem zwischendurch vor wie Ferien.
Dieses dämmrige Gefühl, als hätte man nonstop zuviel THC geraucht, braucht der Mensch nicht wirklich. Nachflüge sind trotz Schlafgelegenheit und schönen Nordlichtern ein Graus. Der Körper wird seiner Energie beraubt – Energie, die Bergler wie ich lieber auf Skipisten oder Lopien loswerden.

Wenn ich nicht fliege, dann simuliere ich gewöhnlich. Nicht so wie Neymar, sondern richtig seriös in einem Gerät Namens Simulator. Auf Stelzen steht er und wippt bei Gebrauch hin und her wie Frauen in zu hohen Stöckelschuhen. In unserer Firma schulen wir im Moment wie wild Piloten auf die B777 um, da in Bälde zwei neue Exemplare dieses Fliegers in Zürich auf dem Tarmac stehen werden.

Simulator ist für den Instruktor eine äusserst gute Sache. Er sitzt enspannter im Gerät als seine Mitstreiter und profitiert unglaublich von den Fragen und den Fehlern seiner Schüler. Zusammen werden Verfahren eingeübt und die Stoplpersteine identifiziert. Ich darf in diesen Wochen nicht nur neue Piloten ausbilden, sondern auch einen neuen Instruktionskollegen in die Geheimnisse der B777 Schulung einführen. „Fuck the Fucker“ heisst das im Jargon, wird aber selbstverständlich nicht so krass gehandhabt. In dieser Konstellation sind statt zwei einfach drei Personen im Simulator unter Strom. Ich laufe während den vier Stunden im gleichen Meditationsmodus.

Nun bin ich nicht nur Instruktor, sondern auch noch Examiner. Das heisst, ich nehme den Kollegen den halbjährlichen Check ab und verlängere so die Lizenz für ein weiteres Semester. Das geschieht im Namen des Bundesamtes und so bin ich an diesen Tagen auch Bundesangestellter. Es liegt in der Natur der Sache, dass die beiden Geprüften mit höherem Puls in das Gerät einsteigen, als bei einem regulären Flug. Ich versuche, die Kollegen mit einer guten Atmosphäre zu Höchstleistungen anzustacheln.

Bei all diesen Schilderungen fragt man sich berechtigterweise, ob der Schreiberling auch selber mal angespannt oder gar gestresst ist? Ich kann das nur bejahen und blicke nervös auf meinen persönlichen Einsatzplan. Nächste Woche muss ich zum Fliegerarzt und das kommt mit 50+ dem Russisch Roulett ganz nahe.
Ein 50+ Mann ist wie eine 50+ Immobilie. Da und dort quietscht es und manchmal tropft auch ein Hahn. Auch wenn Komplettrenovationen nicht anstehen, sind kleinere Arbeiten immer notwendig. Die Fachärzte – durchwegs jung, motiviert und engagiert – kennen die Leiden eines 50+ Mannes nur aus Lehrbüchern. Dementsprechend kritisch stehen sie den aus meiner Sicht ganz normalen Leiden gegenüber und konsultieren bei jedem kleinen Knacksen ihr Nachschlagewerk, wo genaustens geschrieben steht, ob der Bald-Rentner zum Voll-Rentner wird. Sie selber stehen noch gut im Saft, können noch Sündigen ohne danach drei Tage flach zu liegen und laufen trotz Nikotinsucht noch jeden Tag ein paar Kilometer im Wald. Generationenkonflikt nennt man das und leider sitzen die Jüngeren bei diesem Spiel auf den besseren Plätzen.
Auch diesen Tag werde ich trotz Becherpinkeln und Lizenzdruck irgendwie überstehen.

Danach geht es weiter und das leider auch nicht ganz nach meinem Gusto. Drei Buchstaben stehen auf dem Plan und die drei Buchstaben heissen RGC – „Reccurrent Ground Course“.
Sicherheitstraining heisst das auf Deutsch und es deckt ziemlich genau die Bereiche ab, die mich am wenigsten interessieren. So zum Beispiel der Umgang mit „Dangerous Goods“. Leider haben wir viel zu viel von diesem Gefahrengut an Bord und ich habe leider Gottes auch regelmässig damit zu tun.

Die aus meiner Sicht gefährlichsten Stoffe im Flugzeug sind die Hormone – Hormone der Crew.
Da hat es zum Beispiel charmante Damen im vorderen Teil des Flugzeugs, die mit diesem Gefahrengut unterversorgt sind. Solche Mangelerscheinungen führen in der Regel zu Stimmungsschwankungen, die in Aggressionen ausarten können, wenn die Unterversorgten auf Überversorgte treffen. Solche Überversorgten haben wir ab Mitte des Flugzeugs in rauen Mengen, wobei es in der hintersten Küche von solchen nur wimmelt. Die Überversorgten sind im Gegensatz zu den Unterversorgten überdurchschnittlich stark an sexueller Aktivität interessiert. Es geht ums Vögeln und dabei spielt es kaum eine Rolle, ob gleichgeschlechtlich oder traditionell.
Viel sexuelle Energie konzentriert auf kleinstem Raum gibt im besten Fall Spannungen und im schlechtesten Nachwuchs.
Damit ist bewiesen, dass der Umgang mit eben diesem Gefahrengut genannt Hormone nicht genug trainiert werden kann.
Bei der Vorbereitung auf eben diesen RGC habe ich leider Gottes bemerkt, dass mein Arbeitgeber beim Begriff „Dangerous Goods“ an etwas ganz anders denkt. Schade eigentlich. Eine Schulung zum Umgang mit Unter- und Überversorgen beiden Geschlechts hätte mir als 50+ gut getan.

Nach dem Verfassen dieser Zeilen merke ich, dass ich je mehr ich schreibe, ich die Nachtflüge umso eher vermisse. Nachtlflüge haben den Nachteil, dass man sich danach wie ferngesteuert durch die Landschaft bewegt, haben aber den Vorteil, dass man gratis zu einer Teilbetäubung kommt. Diese Mattheit hat unter anderem zur Folge, dass man stundenlang in einer „Gala“ blättern kann ohne nur einen Satz zu lesen. Diese Mattheit hat aber auch zur Folge, dass man die quietschenden Gelenke und tropfenden Hähne am eigenen Körper vergisst.

So ist die Fliegerei, ein stetes auf und ab….