Dienstag, November 13, 2018

Erstflug

Es gehört zu den schönsten und edelsten Aufgaben eines Instruktors, einen Trainee auf den Erstflug zu begleiten. Meist ist man sich schon vorher im Simulator während der Grundausbildung begegnet und kennt sich dementsprechend gut. Trotzdem spürt man die Vorfreude und die Nervosität des Kandidaten deutlich.
Auch wenn der Kollege bereits tausende Flugstunden auf der A320 verbrachte und Europa bestens kennt, betritt er mit dem ersten Langstreckenflug komplettes Neuland.

Der gleichzeitige Wechsel eines Flugzeugtypen und des Streckennetzes ist mit mehr Hindernissen gespickt, als man auf den ersten Blick erahnen könnte. Auf die technischen Unterschiede und die neuen Notfallverfahren werden die Pilotinnen und Piloten in der Umschulung bestens vorbereitet, die Realität kann aber nur beschränkt trainiert werden. So erstaunt es auch nicht, dass der Kollege nach ein paar Flugmeilen den Funk nicht mehr versteht. Auch wenn das Gegenüber Englisch spricht, ist der Dialekt nicht zuzuordnen. Kauderwelsch in Reinkultur!

Auf dem Weg nach Singapur überfliegen wir unzählige Landesgrenzen und kommen so in den Genuss von unzähligen lokalen Vorschriften. Einige Länder verlangen zehn Minuten vor dem Einflug eine Information, bei anderen muss eine Viertelstunde vor dem Überflug eine Genehmigung der Verteidigungskräfte eingeholt werden. Da es sich bei manchen Ländern nicht nur um Verteidigungsarmeen handelt, ist das Befolgen dieser Vorschriften vorteilhaft. Schnell merkt man auch, dass unsere Alpen gar nicht so hoch und auch nicht so breit sind. Gebirge, die einem schon vom Namen her Angst einflössen, sind auch in der aviatischen Welt Ernst zu nehmen. Was wenn ein Motor ausfällt? Was wenn die Druckkabine eben diesen Druck verliert? Antworten auf diese Fragen sind lebenswichtig, ein Auswegsszenario von Nöten.

Das wusste natürlich auch mein Kollege aus dem Burgenland und bereitete sich dementsprechend gut vor. Sitzt man aber zum ersten Mal eine Etage höher als bis anhin, und hält beim ersten Start fast 330 Tonnen Mensch und Maschine in den Händen, schlägt der Puls dementsprechend höher. Er hat es gut gemacht, das vorweg!

Mit einem „Stift“ zu fliegen, hat aber auch einen grossen Vorteil. Er darf zwangsläufig nur mit einem Instruktor vorne sitzen und da wir nicht zu zweit nach Singapur fliegen dürfen, werden noch zwei weitere Piloten geplant. Man muss kein Raketeningenieur sein um zu merken, dass diese Tatsache einen positiven Effekt auf die Schlafdauer an Bord hat. Lang lebe die Instruktion!

Als wir über dem Golf von Bengalen aus der Koje schlüpften, türmten sich vor uns Gewitterwolken auf. Bis zu 15‘000 Meter hoch können sich diese Dinger in dieser Umgebung auftürmen und demensprechende Energie steckt in ihnen. Der Wetterradar leistet gute Dienste und so erreichen wir Singapur, ohne dass die Passagiere von unseren heldenhaften Ausweichmanövern erfahren.

Singapur ist übrigens eine Stadt mit mehr als 400 Gewittern im Jahr. 400 Gewitter? Ich weiss auch nicht wie die Fachmänner und – frauen das zählen, doch die Zahl zeigt deutlich, dass es jeden Tag mindestens einmal passiert und das meist zum Zeitpunkt unserer Landung.

So auch dieses Mal. Ab in die Warteschlaufe und Geduld beweisen. Was in Zürich nach einer übertriebenen Treibstoffreserve aussah, entpuppt sich jetzt als Segen. Gut hat sich der alte Kapitän mit seiner Erfahrung durchgesetzt… Der Treibstoffvorrat schmilzt wie der Oktoberschnee an der Sonne. Dass auch beide Ausweichflughäfen vom Gewitter betroffen sind, macht die Situation noch etwas anspruchvoller.
Leichte operative Hektik ist auch bei den Kontrollern am Boden zu spüren. Während dem Anflug wird vier mal die Piste gewechselt. Das bedeutet vier Mal den Bordcomputer umprogrammieren, vier Mal die Eingaben kontrollieren und vier Mal den Anflug und Durchstart besprechen. Mein Kollege hätte sich vor der Landung lieber etwas mehr Konzentrationsphase gewünscht, statt mehrmals die Kiste mit neuen Daten zu füttern.

Irgendwann schaut dann die Flugzeugnase dennoch Richtung Landebahn und es wird ruhiger im Cockpit. Der Kollege hält den verlangten Anflugwinkel präzise ein und steuert das nun noch 230 Tonnen schwere Flugzeug mit feinen Steuerausschlägen Richtung Boden. Ein böiger Seitenwind gibt der Aufgabe noch zusätzlich Würze und die Thermik sorgt für vertikale Abwechslung. Mein Kollege schwitzt, macht es aber ausgezeichnet. „Fifty – fourty – thirty – twenty – ten“ – er landet perfekt und sanft zum ersten Mal in Singapur. Fünf Minuten später sind wir am Standplatz und ich klopfe einem glücklichen Kollegen anerkennend auf die Schultern.

Welcome to Singapore! Welcome on the B777 Fleet!

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