Sonntag, Oktober 21, 2018

Winterhelden


Eine traumhafte Herbstlandschaft zieht am Zugfenster vorbei. Die Wälder leuchten in goldenen Farbe, der Himmel ist blau und die Bergspitzen strahlen in der Abendsonne.

Noch vor ein paar Stunden sass ich dick eingehüllt auf der Terrasse des Gipfelrestaurants der Diavolezza und hörte im Hintergrund das Summen der Schneekanonen. Vor mir der Morteratsch Gletscher und dahinter der höchste Bündner, der Bernina. Der weisse Streifen der Skipiste weckte in mir die Sehnsucht nach Schnee, viel Schnee.

Nun sitze ich wie gesagt im Zug nach Zürich und befasse mich mit eben diesem weissen Element. Was in der Tourismusbranche ein Segen ist, macht der Fliegerei regelmässig Probleme. Schnee, Kälte und feuchtes Klima rund um den Gefrierpunkt können das System Luftfahrt ziemlich an den Anschlag bringen. Da hilft nur gute Vorbereitung und dass diese Vorbereitung auch pflichtbewusst gemacht wird,  schaut uns der Regulator auf die Finger. Im Gegensatz zum Strassenverkehr müssen wir Piloten jedes Jahr einen Test absolvieren und damit dem Bundesamt beweisen, dass wir mit den garstigen Bedingungen während eines Wintertags auch zurechtkommen. Und genau diesen Test absolviere ich bei bestem Herbstwetter in der RhB im Albulatal.

Doch sind wir ehrlich, wenn es draussen schneit und stürmt, der Schnee über den Vorplatz fegt, die Bodenmannschaft dick verhüllt Gepäck einlädt, die Putzmannschaft leicht bekleidet die überheizte Kabine verlässt und Sekunden später schockgefroren ihr Fahrzeug besteigt, und die Mechaniker mit klammen Fingern Motorenöl nachfüllen, sitzen wir Piloten kurzärmlig im warmen Cockpit, schlürfen einen Espresso und ärgern uns über dies oder das. Helden sehen anders aus, Helden agieren anders.

Einer dieser Helden hat mit vor ein paar Wochen einen Memory Stick ins Postfach gelegt, der eindrückliche Bilder von einem winterlichen Abenteuer enthielt. Ein Abenteuer, das weltweit in aviatischen Kreisen sehr viel Aufmerksamkeit erregte und deren Ausgang besser nicht hätte sein können. Anfangs Februar 2017 war eine B777 gezwungen, im kanadischen Territorium Nunavut eine Zwischenlandung zu machen. Ein Triebwerk versagte den Dienst, an einen Weiterflug nach Los Angeles war nicht zu denken und als einzige Landemöglichkeit kam der Flugplatz Iqualit in Frage. Iqualit, eine Stadt mit knapp 7000 Einwohnern und Wintern, die ihrem Namen noch alle Ehre machen.

Das defekte Triebwerk musste ausgewechselt werden und das fernab von der heimischen Werkstatt. Eine grosse logistische Herausforderung! Ein sehr wichtiger Teil dieses logistischen Grossunternehmens war das Team von Mechanikern, die sich in Zürich auf den Weg Richtung Kanada machten, um das defekte Triebwerk zu ersetzen. Der Teamleiter hat mir erlaubt, Bilder dieses Abenteuers an dieser Stelle zu veröffentlichen. Es ist mir eine Ehre dies zu tun und ich kann nicht genug betonen, wie ich die Arbeit, die Ausdauer, die Härte und die Professionalität des Teams vor Ort in Iqualit bewundere. Noch einmal ganz herzlichen Dank an alle Beteiligten!



Anmerkung: Die Bilder sind von Eric R.; die Bildlegenden habe ich verfasst, bzw. von einer Präsentation von Eric übernommen.
wo liegt bloss dieses Iqualit?

Impressionen vor Ort

etwas Wärme braucht auch das defekte Treibwerk

16:00 Uhr; gemessene Temperatur: -36°C (Windchill -58°C)

Engine Cowl abmontieren


Den Elementen ausgesetzt

Gezeichnet von der Kälte

Die Fahrwerkhydraulik musste aufgewärmt werden

Zelt, das vor der Kälte schützte

Anspruchsvolle Arbeit mit einem Lächeln ausgeführt.

Abtransport des defekten Triebwerks

ununterbrochene Fahrwerkbeheizung

Vorwärmen des Motors vor dem ersten Standlauf
High Power Testlauf auf der Piste
scheint alles in Butter zu sein
Rückflug nach Zürich

Kommentare:

  1. Die wahren Helden des Alltags! Danke für die tollen Bilder!

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  2. Leute die sich auskennen...Das grosse Triple-Seven-Schiff unter widrigsten Bedingungen wieder flott gemacht!

    Excellent!

    Gruß
    Richard

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