Freitag, Oktober 12, 2018

Fluchende Piloten und die Presse

Ich bin auf einem Presseflug nach Hongkong. Das ist eine gute Gelegenheit, einem geschätzten Presserzeugnis, unsere Firma und unseren Job näher zu bringen.
Die Crew ist speziell zusammengestellt und wird begleitet von einer vierköpfigen Delegation. Der Photograf hält alles mit seinem professionellen Gerät fest und der schreibende Teil der Delegation bringt das Erlebte zu Papier. Die verantwortliche P/R Frau (a natural beauty!) sorgt für einen geordneten Ablauf und der Pressesprecher (Mister Speaker) dreht die Worte der Crew in die richtige Richtung.
Bei so einem Ausflug müssen Posen stimmen, die Natürlichkeit darf nicht abhanden kommen und es muss peinlich genau darauf geachtet werden, dass der Hosenstall wegen der zahlreich geschossenen Bildern stets geschlossen bleibt. Worte sollen überlegt sein und die Contenance darf nie verloren gehen.

Die Reise ging nach Hongkong und wer diese Stadt kennt, der weiss wie gross die Angebote von Sehenswürdigkeiten und Ablenkungen in diesem Teil der Welt sind.
Planung heisst der Ausweg aus diesem Dilema und Planung braucht es auch darum, weil wir uns mit einer 20-köpfigen Gruppe auf Terrain bewegen, das im Normalfall nur im Einzelsprung erobert werden kann.

Bewegt sich der Tross endlich einmal langsam Richtung Zielort, muss garantiert noch jemand auf die Toilette oder hat im Zimmer etwas vergessen. Reserven sind in diesem Umfeld überlebenswichtig, Slots werden in Gottesnamen verpasst.
Auch andere menschliche Bedürnisse sind in dieser Konstellation schwer zu befriedigen. Während das Bestellen von Getränken für so eine grosse Gruppe keinerlei Schwierigkeiten bereitet, ist die Nahrungsaufnahme etwas komplizierter.
Kleine Garküchen sind mit fast zwei Dutzend hungriger Mäuler überfordert und auch andere Esslokale geben bei der Reservation Forfait. Exotisch soll das Gebotene sein und wenn möglich regional. Nicht die Gäste haben diese Forderungen gestellt, es waren eher unsere eigenen Ansprüche. Man will ja etwas bieten!

Die erste Anlaufstelle, - ein den Airline Crews nicht abgeneigter Zeitgenosse, verwöhnte uns in Kowloon nach allen Regeln der Kochkunst. Als Dank für die Berücksichtigung seines Lokals offerierte er kostenlos eine gegarte Lammkeule und lächelte dabei in die grosse Linse des Fotografen. Wir dankten es ihm mit Worten und zahlreichen Nachbestellungen von Getränken. Die offerierten Häppchen waren so lecker auch wieder nicht und mussten mit desinfizierenden Flüssigkeiten heruntergespühlt werden.
Es ging weiter, allerdings erst, nachdem ein paar Gruppenmitglieder eine Pinkelpause eingelegt haben und eine weitere Gruppe im Seven Eleven noch etwas Flasche Wasser erstanden. Wieder ein Slot verpasst!

Unter dem grossem Druck, stets ein gutes Bild abzugeben, wurden die zahlreichen Eskalationsstufen des Hongkonger Nachtlebens gemeinsam entdeckt und durchlebt. Wenn die Kamera in Sichtweite war etwas gesitteter, sonst im normalen Masse...
Der Abend wurde an einem Morgen in einem Tanzlokal mit hohem Männeranteil beendet. Day one mission accomplished!

Tag zwei begann wieder mit einem Ausflug, der dem eines Schuelerreislis nicht unähnlich war. Fünf Minuten nach dem verabredeten Zeitpunkt erschien das letzte Mitglied der Gruppe. Zehn Minuten nach geplanter Abreise musste noch jemand aufs Klo und drei Minuten später bemerkte ein Weiterer, dass ein wichtiges Accessoire im Hotelzimmer vergessen ging. Kurz nachdem sich ein weiterer Steward Richtung Zimmer aufmachte, verspührte ein F/A grosse Lust auf einen Kaffee. Genau dieser Kaffee drückte einer Anderen auf die Blase, was die Gruppe um ein Mitglied mehr verkleinerte. Ein am gestrigen Tag viel zitierter Berufsgenosse hätte das mit dem Satz „what the hell is happening here“ kommentiert, ich verhielt mich ruhig und nahm das Verpassen eines weiteren Slots in meiner Karriere gelassen und professionell hin.

Eine Stunde später erheiterte das Lachen des grossen Buddas unsere Seele. Er hielt seine grosse Hand über uns und steckte die Gruppe mit seiner Ruhe an. Einige wurden so ruhig und entspannt, dass die Blase drückte – Pinkelpause! Es wurden Bilder geschossen, posiert, gelacht, gefroren, wieder gelacht, gegessen, getrunken, pünktlich zum vereinbarten Abreisetermin gepinkelt und wieder posiert.

Die Sonne verschwand hinter dem Horizont und unsere Mägen meldeten eine dramatische Unterzuckerung an. An einem Presseflug bringt das die Führung nicht aus der Ruhe, denn die Führung hat ja recherchiert und organisiert. Auf das Anraten meiner Wenigkeit hin haben wir am Abend nicht reserviert und uns spontan – also spontan heisst nach einer weiteren Pinkelpause eines Gruppenmitglieds – auf den Weg Richtung Discovery Bay gemacht.
„Da hat es immer Platz“, so der Herr Kapitän, „da hat es diverse Kneipen, die direkt am Meer feinstes BBQ anbieten“. Der Kapitän hatte Recht, zumindest in Bezug auf die freien Plätze. Schnell bezogen wir einen Tisch für die grosse Gruppe mit Sicht aufs Meer. Der Kellner brachte die Speisekarte, während einige Richtung Pinkelstation verabschiedeten.

Beim Blick auf die Speisekarte sind mir die Worte eines in diesen Tagen viel zitierten Zeitgenossen leise über die Lippen gekommen: „Es isch eifach wieder emal zum Chotze. Echt! Ich han d Schnauze voll vo dem huere Dräcksplatz.“ Mein Gegenüber bemerkte meine Unaufgeräumtheit und ermahnte mich zur Professionalität.
Was war passiert? Wir sassen in einem veganen Restaurant. VEGAN! Meine geliebten Hamburger sind vom Speiseplan verschwunden und mit veganen Fleischbällchen auf Pflanzenbasis ersetzt worden. „Es isch eifach wieder emal zum Chotze. Echt! Ich han d Schnauze voll vo dem huere Dräcksplatz.“
Es brauchte ein paar tröstende Worte von meinen Kollegen, bis ich endlich mein Menü bestellte.
Ich muss gestehen, das Essen war lecker und schmackhaft. Zugegeben habe ich das jedoch erst nach der dritten Eskalationsstufe des Hongkonger Nachtlebens. Der Abend hat übrigens wieder am Morgen geendet und das in der gleichen Gay-Bar wie am Vortag.

Was habe ich an diesen Tagen gelernt?
1. Einer muss immer pinkeln!
2. Mit dem Essen ist es wie mit dem Ausgang. Das verlassen des eigenen Rayons erweitert nicht nur den Horizont, sondern es macht auch grossen Spass!

Den Bericht der mitreisenden Journalisten könnt Ihr übrigens in der Dezemberausgabe des Magazins Display lesen. Es lohnt sich!



1 Kommentar:

  1. "Han die Schnauze voll, vo dem (u)huärä Dräcksplatz!"
    ...kann jedem mal passiere, nicht nur den darüberstehenden, bzw.überfliegenden Piloten und Captains:-)

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