Samstag, September 01, 2018

Der Pendler

Wenn nur diese Freizeit nicht ständig von diesen Arbeitseinsätzen unterbrochen würde! Ich pendle einmal mehr zur Arbeit. Das ist an und für sich nichts aussergewöhnliches, in meinem Fall vielleicht doch ein bisschen. Die Zugsfahrt zwischen meinem Wohnort und meinem Arbeitsort dauert mehr als drei Stunden. Bezüglich Reisezeit leicht über dem Durchschnitt, bezüglich Gemütlichkeit und Schönheit kaum zu überbieten.

In St. Moritz startet die Unesco-Weltkulturerbe-Eisenbahnstrecke Richtung Thusis. Das ist etwas besonderes und hat tatsächlich auch seinen Reiz. Leicht störend sind aber die Ansagen in zwei Sprachen, die jede Brücke beschreiben und jeden Tunnelbauer loben. Man kommt sich vor wie auf einem Charterflug, wo der Pilot jeden Strandkorb von oben beschreibt.
Kopfhörer, die das Aussengeräusch mindern, sind meine Rettung und so kann ich Texte wie diese schreiben, Mails beantworten, Podcasts schauen und mich auf Flüge vorbereiten.

So verliert die Länge der Reise an Schrecken und ob sie es glauben oder nicht, manchmal ist diese sogar zu kurz. Denn auch wir Piloten ersaufen in Mails, denn auch unsere Vorgesetzten werden immer jünger und damit mitteilungsfreudiger.

Manchmal sitze ich aber auch nur in meinem Stuhl der 1. Klasse, geniesse die so selten gewordene Langeweile und beobachte die Mitreisenden. In einer Tourismusregion zu wohnen hat grosse Vorteile. Mit den Jahreszeiten ändern sich die Freizeitbeschäftigungen und damit die Gäste im Zug ins Unterland. Grosses Kino!

Der Sommer im Engadin neigt sich dem Ende zu. Pünktlich mit dem Beginn der Hochjagt hat der erste Schnee die Berggipfel mit Puderzucker überzogen. Noch vor einer Woche klagten selbst wir im Hochtal über die hohen Temperaturen. Der Zug war voller als heute. Ferienende.

Im Abteil gegenüber sass eine Frau in meinem Alter. Gekleidet wie ein Modell der Modekette „forever 21“, fühlte sie sich genauso alt wie der Firmenname. Auf ihrem Pullover genau über dem straffen Busen „Made in Klinik Park“ war ein Schriftzug angebracht, der ein Weihnachtsguetzli bezeichnete, das ich ganz persönlich sehr mag, sie aber wegen Glutenunverträglichkeit und „low carb diet“ nie im Leben anrühren würde.  Ihr Sohn, geschätzte vier Jahre alt, war von oben bis unten gestylt wie ein Filmstar. Wenn es medizinisch möglich gewesen wäre, hätte auf der Lippe des Sohnemanns ein dicker Schnauz gewuchert. Nicht praktisch für Dreikäsehochs, aber total in Mode.

Ein Abteil weiter eine erfrischend andere Wandergruppe. Die stabilen Schuhe waren staubig, die Waden dick, die Bäuche auch. Aus den farbigen Rucksäcken holten die vier Spassvögel einen ganzen Wocheneinkauf ans Tageslicht. Während der Eine einen Salsiz auf dem mitgebrachten Holzbrett portionierte, entkorkte ein Anderer die Rotweinflasche. Frisch aufgebackenes Brot wurde herumgereicht und die hart gekochten Eier dick mit Senf beschmiert. Einer Dame kam in den Sinn, dass in den tiefen des Rucksacks noch eine Packung Fleischkäse auf den Verzehr wartete und der Herr gegenüber schnitt die Rinde des Käses so knapp ab, als wären wir noch in Kriegszeiten. Es wurde gelacht, Karten gespielt, Biberli entpackt, ein Flachmann herumgereicht und das Abteil mit Speiseresten übersät. Der Junge ohne Schnauz hätte sich an der Fresssorgie gerne beteiligt, die Frau Zimtstern hat ihn davon abgehalten. Ob sie Angst hatte um die Designerkleider oder den Babyspeck des Kleinen, entzieht sich meiner Kenntniss.

Wir fahren in den Albulatunnel ein. Die Dame der RhB informiert mich zum 87. Mal dieses Jahr, dass ein neuer Tunnel gebaut wird. Der Kleine weint und es fallen Tränen auf den Tommy Hilfiker. Die erste Flasche Wein verschwindet im viel zu kleinen Abfalleimer und es wird noch ein Glas Essiggurken geöffnet.
Das Internetsignal verschwindet – wir befinden uns im Unesco Weltkulturerbe! Noch genau drei Stunden bis zu meinem Reiseziel. Ich schaue jetzt einen Film.

Kommentare:

  1. Vielen Dank für deine Geschichten NFF, es ist immer eine besondere Freude für mich, wenn ich sehe dass Du wider etwas gepostet hast!

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  2. Bist Du ein Long-Range-Pendler?

    Vielleicht auch Mittelstrecke.
    Kurzstrecke eher nicht;ö)

    Gruß

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