Montag, September 24, 2018

Bettgeschichten

In der Linienfliegerei gibt es viele Geheimnisse, die Insider so gerne für sich behalten. Ich breche an dieser Stelle die Omerta und lüfte eines der bestgehüteten „Secrets“ der Pilotenschaft.
Unser Beruf ist mit vielen Vorurteilen belastet. Die meisten davon schmeicheln uns und wir geben uns nur oberflächlich Mühe, diese aus der Welt zu schaffen. Was wir Männer am meisten zu hören bekommen, ist das Thema Frauen…

Behauptung:
Piloten haben stets junge hübsche Flight-Attendants um sich und lassen es sich in fernen Ländern gut gehen.
Standardantwort der Pilotenschaft:
Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass wir mit attraktiven Menschen um die Welt jetten und einander näher kommen. Piloten - insbesonders Kapitäne, sind sich aber ihrer Verantwortung bewusst und kennen sehr wohl meistens die Grenzen.
Realität:
Langstreckenkapitäne sind alt und unattraktiv. Sie haben in der Regel Übergewicht und klagen über Rückenschmerzen. Wenn einmal ein Flight-Attendant einem Kapitän ein Lächeln oder gar einen Kussmund zuwirft, dann hat dieser mit Sicherheit den Apéro bezahlt.

Warum ich dieses Thema aufwerfe? Ganz einfach, ich mache mir Sorgen um die Jugend.
Zu meiner Zeit als Single und Hochjäger war das relativ simpel. Die Crew bestand aus zwei Piloten und vier meist weiblichen Flight-Attendants. Man düste eine Woche durch Europa und hatte dank dünnem Flugplan genügend Zeit, einander näher zu kommen. Die Rollen waren klar verteilt. Man erwartete vom jungen Copiloten ein stilvolles Balzverhalten, das in der Regel nicht zum Erfolg führte. Mit zunehmenden Flugstunden lernte der Bock seine weiblichen Gegenspielerinnen besser kennen und passte seine Strategien an. Die weiblichen Gegenspielerinnen genossen dies und spielten mit dem balzenden Bock ein Spiel, das prickelnder nicht sein konnte.
Als Mann lernte man zuhören, humorvoll zu sein, interessante Gespräche zu führen, das Gegenüber ernst zu nehmen und Sie zu faszinieren. Je besser dies gelang, desto unwichtiger wurden Äusserlichkeiten, die auf den ersten Blick unter Umständen unattraktiv wirkten.

Im Jahre 2018 ist die Flirtwelt eine andere. Gutgemeinte Richtlinien wie die über „sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz“ können derart extrem ausgelegt werden, dass bereits ein persönliches Gespräch unter vier Augen zum Problem werden kann. Die Jungen weichen aus, bedienen sich anderen Kanälen. Netzwerke, die ironischerweise als sozial angepriesen werden, dienen als Plattform, auf deren die eigene Persönlichkeit schonungs- und hemmungslos ausgebreitet wird. Noch bevor das Briefing vor einer Rotation beginnt, können die Crewmitglieder alles über einander erfahren – und zwar wirklich alles.
Auf der Strecke bleibt der prickelnde Weg, der eigentliche Flirt, das Zuhören, das Lachen, die Erotik, der Spass.

Wenn ich diese Erkenntnisse meinen jungen Copiloten mitteilen, lachen sie mich aus. „He Alter, du hast doch überhaupt keine Ahnung.“ Frage ich die Mitfünfziger der Crew, geben sie mir recht.

Doch so trist, wie ich die Situation beschreibe, ist es dennoch nicht. Neulich erlebte der schreibende Kapitän eine Gegebenheit, die ihm schmeichelte. Ein überdurchschnittliches Engagement eines Crewmitglieds veranlasste mich dazu, dieser Person als Dank für den nicht selbstverständlichen Einsatz eine Flasche Champagner zu spendieren. Der Mann wurde verlegen, bedankte sich und offenbarte mir, dass er statt der Flasche Champagner lieber ein Date mit mir hätte. Auch wenn unsere sexuellen Ausrichtungen nicht ganz kompatibel waren, freute ich mich über das Kompliment.
Ein paar ruhigere Minuten später nahm mich ein junges Flight-Attendant auf die Seite und riet mir ernsthaft, den Kollegen wegen sexueller Belästigung zu melden. Mir tut die heutige Jugend wirklich leid!

1 Kommentar:

  1. "Trans-Gender-Probleme"?

    Flight Attendants sind immer noch Flight Attendants, gestern so wie auch damals: Heute genauso wie heut :ö)...

    Die Leute (inkl. Flightattendants) sind im Auftreten heutzutags vielleicht etwas selbstbewusster geworden.
    Vielleicht auch nicht.

    Wie auch immer. Dein Post wirft Fragen auf;-)

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