Mittwoch, August 15, 2018

Westcoast Depression

Man kenn sich unter den Frühaufstehern. Im Hotel ist um 3 Uhr in der Früh nicht viel los. Pablo sitz wie immer um diese Zeit auf seinem Putzgerät und kurvt elegant um die unzähligen von ihm aufgestellten Warnschilder, die vor einem rutschigen Boden warnen. Der Nachportier winkt mir anerkennend zu und schwärmt von meinem sportlichen Ehrgeiz.
So verschwinde ich nach ein paar sozialen Kontakten im leeren Fitnessraum.

Ein Fitnessraum ist ein trister Ort. Wenn er um 3 Uhr morgens ganz leer ist noch weniger, als wenn sich Leute auf den Geräten quälen. Meistens sitzen diese aber nur herum, schauen den anderen auf die Ärsche, nippen an ihren Zuckergetränken und checken ihre Nachrichten auf dem Handy. Irgendwie erinnert mich das an Autobahnbaustellen im Sommer. Viele Leute die herumstehen, aber kaum einer der arbeitet.
Um 3 Uhr in der Früh ist der Raum leer. Zwei grosse Fernseher streiten mit zwei Nachrichtensprechern auf zwei Sendern um die besten Meldungen. Ein unangenehmer Lärmteppich ist die Folge, wobei wir wieder bei der Autobahnbaustelle wären.
Gerne würde ich das Laufband mit der Natur tauschen. Neben dem Hotel beginnt der traumhafte Joggingtrail entlang des Pazifiks. Über 15 Km könnte ich mit den rauschen des Meers im Ohr joggen und den Sonnenaufgang betrachten. Doch leider ist dies strengstens verboten. Ich bin in Amerika und die haben Vorschriften und leider auch genug Personal, um diese durchzusetzen. Erst nach Sonnenaufgang ist der Weg geöffnet und um 3 Uhr in der Früh ist dieser noch weit entfernt. Also besser aufs Laufband als in den Knast.

So stehe ich auf dem Depressionsbeschleuniger genannt Laufband und höre dank Internet die Nachrichten aus der Heimat im Ohr. Die werden zwar nicht so insbrünstig wie die amerikanischen verlesen, dafür kann man ihnen vertrauen.
Nach Kilometer 6 eine Störung: Die Türe geht auf und mein Copilot betritt den Raum. Auch er kann nicht schlafen, auch er sucht Abwechslung im Sport. Ich fixiere mein Bild im Spiegel und finde mich ab Kilometer 8 ziemlich attraktiv. Ob es an der Erschöpfung oder am Mangel an Auswahl liegt, sei dahingestellt. Am Copiloten liegt es nicht. Er sitzt ausserhalb meines Spiegelblickfelds in der Ecke der Gewichte und checkt seine Nachrichten auf dem Handy… Die heutige Jugend…

Der Kilometer 10 - meine persönliche Ziellinie, kommt näher und unter mir hat sich ein See aus Schweiss gebildet. Die Nachrichtensendung „Rendez-vous am Mittag“ ist zu Ende und mein Magen rebelliert vor Hunger. Doch bevor ich im Zimmer unter die erlösende Dusche stehe, versuche ich noch ein paar Eisen in die Höhe zu heben. Mit viel Selbstvertrauen sitze ich auf die Maschine, die vor mir mein Copilot zwischen Tinder, WhatsUp, Facebook, Snapchat, Instagramm und „was auch immer“ Nachrichten-Check benutzt hat. Das Gewicht verstelle ich nicht, so stark sieht der Kleine auch wieder nicht aus.
Der Kopf wird rot, der Atem stockt, aber das Gewicht bewegt sich keinen Millimeter. Saukerl!, denke ich und bin fest davon überzeugt, dass er vor dem Aufstehen die Gewichte noch verstellt hat. Die heutige Jugend…

Nach einer erfrischenden Dusche stehe ich um 5:30 Uhr vor Jenifer im hoteleigenen Starbucks. „Good Morning Peter!“, begrüsst sie mich begeistert. Ohne dass ich etwas sagen muss, läuft die Kaffee-Maschine und der Bagel verschwindet im Toaster. Draussen wird es hell und die obligate „WESTCOAST-DEPRESSION“ verschwindet.

Der Tag kann beginnen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen