Freitag, Juli 20, 2018

E-Bikes auf Flugplätzen

Der Zug ist ein herrlicher Ort um zu schreiben. Man hat Zeit; die Landschaft fliegt an einem vorbei; Kindergeschrei und stinkende Wandersocken erinnern einem, dass es wieder Richtung Dichtestress geht; der schlecht klimatisierte Wagen hält einem vor Augen, dass es auf der Welt wärmer wird und der schlechte Kaffee hat etwas von der Brühe, die wir auf Kurzstrecke servieren.

Liebe Leserinnen und Leser, sie merken bereits jetzt, der Schreibende ist im Angriffsmodus. Der Angriffsmodus ist immer dann gut, wenn man nicht die geringste Ahnung hat, worüber man schreiben soll. Das machen im Moment viele Schreibende so, denn wir befinden uns im Sommerloch. So auch ein Bundeshausredaktor des Tagesanzeigers, der sich über Fahrräder mit Elektroantrieb äusserte. Sie ahnen es liebe Leserinnen und Leser, der Kolumnist fand wenig lobende Worte für die „Old Kids“ auf ihren e-Bikes.

Ich tue es ihm gleich, denn auch ich habe Sommer und auch ich mag die aufrechtsitzzenden Biker nicht, die „Achtung“-schreiend über meine heimischen Bikepfade im Engadin radeln. Aufrecht sitzend ist noch fast untertrieben. Die Lenker der Elektrodengeschosse hocken auf ihren Gefährten, wie die Frau Rottenmeier aus dem Heidi Film an ihrem Tisch in Frankfurt.
Haben sie gewusst, dass man als Muskelbiker die e-Biker auf keinen Fall grüsst? Was hat einer schon geleistet, wenn er 500 Höhenmeter mit Hilfe des Ohm’schen Gesetztes erklimmt? Was ist der Reiz davon, mit 45 Sachen der Berg hoch zu schiessen, wenn man in umgekehrter Richtung wegen voller Hose und Herzflattern mit Schritttempo den Berg runterschleicht, statt mit Hilfe der Gravitation neue Geschwindigkeitsphären zu entdecken?
Am liebsten mag ich e-Biker mit leeren Batterien. Die stossen dann mit hochroten Köpfen ihre 50 Pfund schweren Geräte den Hügel hoch und betteln um Gnade. Gnade, die ihnen vom einem Muskelbiker nie und nimmer gewährt würde.

Mittlerweile bin ich in Sargans vorbei und ich habe meine Munition gegen die Elektronenfahrradfahrer verschossen. Damit die Leserinnen und Leser nicht abspringen, muss ich jetzt einen Bogen zur Fliegerei schlagen. Schliesslich ist das ein Aviatikblog mit einem fliegerischen Bezug, speziell aus Sicht eines Piloten, genauer gesagt eines Kapitäns.

Darum nehme ich mit Vergnügen Stellung zur Frage, ob es in der Verkehrsfliegerei einen ähnlichen Konflikt gibt, wie zwischen herkömmlichen Fahrradfahrern und Elektronenbikern? Und ob es den gibt! Nur wer ist welche Position ein? Wo läuft der Graben den Philosophien durch?
Es würde auf der Hand liegen, dass man diesen zwischen den Flugzeugherstellern suchen würde. Boeing gegen Airbus zum Beispiel, doch da liegen sie falsch, liebe Leserinnen und Leser. Der Unterschied Airbus und Boeing ist eher einer wie zwischen Fully und Hardtail. Manche mögen es komfortabler und andere wollen jede Bodenwelle in den Bandscheiben spüren. Die Bandscheibengeplagten bekommen dafür eine bessere Bodenhaftung und eine direktere Steuerung, während die Fully-Piloten vom gedämpften Fluggefühl und den vielen Protections Seekrank werden.

Der wahre Graben liegt zwischen Kurz- und Langstrecke. Den Kurzstreckenpiloten schiesst beim Weckruf um 04:00 Uhr das Adrenalin in jede Körperzelle und da bleibt es bis zum Feierabend 12 Stunden später. Pausen würden stören, es wird mit im roten Bereich drehend durchgearbeitet. Den Berg hoch mit Vollgas wie die blondmähnige Jolanda Neff, den Berg runter mit vollem Risiko wie Tom Lüthi auf seinem Super-Bike und das vier Mal am Tag. Unterstützung ist verpöhnt, man fühlt sich von zusätzlichen Herausforderungen wie Handgepäckproblemen und Slots zusätzlich motiviert. Kurzstreckenpiloten sind die wahrhaftigen Helden.

Die e-Biker unter den Piloten sind die Langstreckenpiloten. Jemand hat uns Arbeitsgeräte vor die Nasen gestellt, die von Kraft nur so strotzen (oder vier Motoren haben), jeglichen Geschwindigkeitsbegrenzungen erlöst wurden und sich bequem mit zwei Fingern steuern lassen. Die Sitze sind ein bisschen weicher, die Sitzlehnen etwas schräger. Nespresso macht den „Ride“ angenehm und es wird auch nur eine Strecke von A nach B absolviert. Schweiss kennen wir nur vom Hörensagen und Slots sind uns ein Fremdwort. Uns wird alles tafelfertig serviert und einmal in der Luft, überholen wir die Meisten der hart arbeitenden Kollegen mit links.

Dass hier ein potentieller Konflikt existiert liegt auf der Hand. Meinem Arbeitgeber ist das bewusst und darum schickt er Kurz- und Langstreckenpiloten zu verschiedenen Zeiten auf die Piste. Wellenkonzept nennt er das. Was akademisch und sehr schlau klingt, dient in Tat und Wahrheit nur der Konfliktvermeidung.

Ich bin in der Zwischenzeit in Ziegelbrücke durch und sollte endlich auf den Punkt kommen. Bereits wurde einige Male in diesem Text erwähnt, dass wir uns mitten im Sommerloch befinden. Die wenigen noch aktiven Menschen in der Schweiz werden praktisch alle Morgen in die Sonne fliehen. Aus unerklärlichen Gründen besteigen sie dazu nicht die RhB in Richtung St. Moritz, sondern wollen nach Südeuropa. Aber das ist ein anderes Thema…
Weil eben Morgen so viele Leute in den Süden wollen, darf ich mit meinem grossen Vogel im Kurzstreckenzirkus mitmischen. Das birgt Gefahren und Konfliktpotential.
Das ist, als ob sich ein Panzer mit ein paar alten Mini Cooper messen wollte. Oder um die Brücke zum Bike zu schlagen: Als ob sich ein e-Biker mit Anzug im Tour de France Peleton einreihen würde. Speedmässig ist er überlegen, aber an der Agilität und auch der Erfahrung bezüglich Verhalten in der Gruppe hapert es mehr als es den Mitkämpfern liebt ist.
Darum liebe Kolleginnen undn Kollegen zeigt Mitgefühl und Verständnis, wenn sich morgen Samstag ein träges Dickschiff inmitten der adrenalinüberflutenden Horde wie ein Elefant im Porzelanladen bewegt.
Ich gebe mir Mühe, ich werde artig Handzeichen geben und beim Überholen die Klingel benutzen. Kurven werde ich etwas langsamer nehmen und etwas später rotierern. Unnötige Fürze werde ich vermeiden, damit ihr in meinen Waketubulences keine Loopings schlagt. Ich gebe mir Mühe, all die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze der Kurzstrecke zu befolgen.

Ehrlich! Habt Erbarmen!

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