Mittwoch, Juli 11, 2018

Passagiere und ihr Gepäck

NZZ vom 11.7.18


Lachen oder Weinen? Staunen oder Schmunzeln? Als Pilot ist die Antwort klar: Wer nicht ein Mindestmass an Intelligenz besitzt, gehört nicht in ein Flugzeug. Das sollte nicht nur für die Crew gelten.

Läuft man durch die Flughäfen aller Länder, dann sieht man überall die gleichen Bilder: Die Koffer werden grösser, nein gigantisch. Scheinbar muss der sensible Mensch von heute alles auf das Flugzeug mitnehmen. Amerikaner ihre Streichelhunde, Teenager ihre Powerbars mit Stromreserven, um eine Woche im Dschungel ohne Steckdose zu überleben. Frauen fehlt oft die Coolness, ohne Morgen-, Mittags, Abend- und Nachtcreme einen Flug von ein paar Stunden Länge anzugehen. Verwöhnte Teenager brauchen überdimensionale Kopfhörer, das iPad und das Kuschelkissen aus der Wiege. Wo führt das hin? Genau, zu überfüllten Kabinen mit Gepäckablagen, die zu platzen drohen.
Leute, diese Gepäckablagen wurden einst für Hüte und Mäntel konzipiert und nicht für Eure Shoppingsünden.

Dabei ist die Logik des Reisens ganz einfach. Je grösser das Gepäck, je weniger hat jemand sein Leben im Griff. Es braucht ein gewisses Mass an Selbstvertrauen, eine Reise mit minimalem Gepäck anzutreten. Es braucht auch ein gewisses Mass an Reisevorbereitung, damit man nicht für alle Klimazonen Kleidungsstücke mitnehmen muss.

Die Crew hat auch keine Lust, das viel zu schwere Handgepäck zu verstauen. Auch wir haben Rückenprobleme!

Wussten Sie übrigens, dass es wegen genau ihrem Handgepäck Verspätungen gibt? Wegen des mühsamen Umladens und Verstauen eben ihres Handgepäcks werden die Türen zu spät geschlossen und folglich die Startfenster verpasst. Verspätungen sind die Folge und es muss schneller geflogen werden, damit die Handgepäckschlepper am Zielflughafen mit minimalem Delay ankommen. Das kostet Geld, Nerven und schädigt die Umwelt.

Liebe Passagiere: Schaltet Euer Hirn ein beim Packen, nehmt Eure Verantwortung als Eltern wahr und setzt Euch durch, wenn es darum geht, das Minimum an Gepäck mitzunehmen. Die Ferien hängen nicht von der Anzahl gerissener Jeans im Gepäck ab, sondern von Eurer Bereitschaft, das Gastland respektvoll zu entdecken.

Klinge ich für einmal gereizt statt humorvoll? Vielleicht bin ich gereizt, aber wütend sicher nicht. Wütend werde ich erst, wenn ein Passagier von mir verlangt, dass ich sein Hab und Gut ins Hatrack lade. Liebe Leserinnen und Leser vermeiden sie das tunlichst.



Donnerstag, Juli 05, 2018

Warum Sie nicht in die Ferien fliegen sollten

Seit ein paar Wochen bin ich bei WhatsApp. Ich musste, ich wurde gezwungen. 
Unglaublich, wie schnell sich die Neuigkeit verbreitete. Aus aller Welt bekam ich Nachrichten, Bilder, Sprüche, Viren, Videos und ab und zu auch ein paar persönliche Zeilen.

So auch von einem guten Freund, der die Reise seines Lebens machte. Diese begann mit einer Zugfahrt an die Flughafen, wo er drei Stunden vor der Abflugzeit eintraf. Nach Gepäckaufgabe, Sicherheitskontrolle und einem Kaffee im Stehen, durfte er endlich das Flugzeug betreten. Nach zehn Stunden Flugzeit in der immer gleichen Kauerstellung erreichte er sein erstes Zwischenziel. Zollformalitäten, Sicherheitskontrolle, neuerliches Einchecken und wieder ein Kaffee im Stehen liessen die drei Stunden Umsteigezeit wie im Fluge vergehen. Der Weiterflug dauerte nur vier Stunden, was gemessen an der Gesamtreisezeit zu vernachlässigen war. 
Am Zielflughafen eine halbe Stunde auf das Gepäck gewartet, noch eine halbe Stunde an der Autovermietung und eine weitere halbe Stunde im Stau auf der Ausfahrtsachse.
Nach drei Stunden Autofahrt endlich die Leuchtreklame des Mountain Inn in Sichtweite. Er checkte ein, fiel erschöpft auf das Bett und schlief ganze drei Stunden durch. Warum nur drei Stunden wenn er doch so müde war? Ach ja, die Zeitverschiebung...

Am nächsten Tag nach der ersten Wanderung schickte er mir ein Bild via WhatsApp und schrieb dazu: "Diese Landschaft hier in Kanada ist einfach unglaublich, wenn nur die Mücken nicht wären."
Auf den ersten Blick dachte ich, er schicke mir ein Bild vom Lej Cavloc. Die Berge sahen gleich aus, das Wasser war gleich blau, Bären hat es auch immer wieder, nur Mücken fehlen hier im Engadin komplett.

Ich antwortete umgehend: "Bin auf einer Wanderung im Engadin. Wetter auch perfekt, Landschaft sowieso, Mücken keine, geschlafen 9 Stunden. Bei mir schaut es aus wie bei Dir... Warum reist Du eigentlich so weit, wenn das Paradies so nahe liegt?"

Folgende Bilder legte ich der Nachricht bei:
Aufstieg von Surlej zum Hahnensee
Lej Nair am frühen Morgen

Fleurop Engadin

 so sieht schlechtes Wetter im Paradies aus

Holzklasse auf der Furtschellas

Apéro auf Muottas Muragl

Gipfelglück

Einheimisches Wild


Er antwortete nicht mehr....

Und Sie liebe Leserinnen und Leser. Habe ich Sie überzeugt? Sparen Sie Geld, Zeit und Nerven und machen sie im Paradies Ferien

Hier gibt es alles ausser schlechte Ansagen aus dem Cockpit :-)