Donnerstag, Juni 21, 2018

Dobbel iu

Ich bin in einem Land, in dem diplomatische Worte ihre Wichtigkeit verloren haben. Hätte ich vor ein paar Jahren noch in gepflegten Sätzen beschrieben, wie es draussen gerade regnet, kann ich nun getrosst Gossensprache verwenden: Es pisst und zwar wie aus Kübeln! Was für eine Gelegenheit, wieder einmal ein paar Gedanken zu Papier zu bringen.

Zeiten ändern sich, Plätze auch. Leute verschieben ihre Prioritäten und verlieren dabei manchmal sogar ihren Ruf. So wie ich gerade, als ich mich unschick ausgedrückt habe.

Selbst eine Stadt kann seinen Ruf verlieren. Das nicht unbedingt in allen Bevölkerungsschichten, sehr wohl aber in kleinen Gruppen wie zum Beispiel Flugzeugbesatzungen. In der Regel haben wir mit anderen Besatzungen wenig Kontakt, zumindest wenn man wie ich kein Tinder-Konto besitzt. Anders hier in Chicago. Chicago hat die 69. Diese Zahl steht nicht in Zusammenhang mit Aktivitäten, die auf der eben genannten Plattform vereinbart werden können, 69 steht in Chicago für den einen (!) Schalter, wo Besatzungen die Einreiseformalitäten erledigen dürfen. Der geneigte Leser erkennt, dass für Passagiere deren 68 Linien bereitstehen, für Crews genau eine.

Die Warteschlange führt um drei Ecken in einem Gebäude, dass bereits bei der ersten Mondlandung veraltet war. Man ist konsterniert, frustriert und ein bisschen übermüdet. Die Passagierschlangen ziehen an einem vorbei und werden genau beobachtet von Uniformierten, die einen grossen Teil ihrer verfügbaren Denkkapazität darauf verwenden, grimmig auszusehen. Zu mehr reicht der es häufig nicht.
Der West Jet Capitän vor mir nimmt es gelassen. Er habe heute erst fünf Legs hinter sich und freue sich auf zu Hause, meinte er sichtlich gut gelaunt. Ob er dieses Theater jeden Tag über sich ergehen lasse?, fragte ich interessiert und er nickte. Vor der West Jet Crew die verschleierten Mädels vom Emirates. Der verschlafene Captain aus der Wüste sieht noch müder aus, als er im Anflug auf der Funkfrequenz geklungen hat. Ob bei uns „Chicago“ auch ein Schimpfwort sei?, wollte er von mit wissen. Noch nicht, meine knappe Antwort.
Nice chicks!, sagt er im schlüpfrigen Ton, drückt dabei ein Auge zu und schaut lüstern Richtung unserer Mädels. Tinder scheint in den Emiraten gesperrt zu sein.

Das Gebäude leert sich langsam. Vor den Einreiseschaltern warten nur noch die Einwohner von Schurkenstaaten, die es erfahrungsgemäss in diesem seltsamen Land etwas schwieriger haben.

Wir haben den ersten Corner erreicht und der Blick auf die nächste Etappe wird frei. Ohalätz, eine Eva Air Crew. Mindestens 20 Flight Attendants, alle mit dem gleichen Haarschmuck, der gleichen Frisur, der gleichen Grösse, der gleichen Figur und dem gleichen Lächeln sind vor der Emirates Crew aufgereiht. Man fragt sich bei diesem Bild, ob die armen Mädels bei der Selektion durch eine Schablone laufen müssen. Wer ohne Berührungen durchkommt, darf bleiben…

Betty, die erfahrene Hostess der West Jet Crew nimmt ein Sandwich aus ihrem Crewbag, das die Dimensionen ihres Unterarms übersteigt. Die abgemagerten Mitarbeiterinnen von Emirates und Eva Air schauen mit einem Mix aus Begierde und Entsetzen auf die doch etwas füllige Kollegin, die genüsslich die kleine Zwischenmahlzeit verdrückt und in regelmässigen Abständen mit dem Uniformärmel die Mundwinkel von der Sauce befreit. Immerhin ist wieder für fünf Minuten Gesprächsstoff gesorgt.

Mittlerweile stehen wir geschlagene 45 Minuten in der Reihe und noch immer fehlt eine 90 Grad Kurve um die nächste Ecke. Die Halle wird immer leerer, es scheinen nur noch die Nordkoreaner herum zu stehen. Derweil ist die Crewwartelinie noch länger geworden. Hinter uns sind die Damen der ANA in die Warteschlaufe eingebogen. Ich versuche Smalltalk zu machen. Die junge Hostess gibt mir einen Korb. „Solly Captain, no speak English…“. Das kennen wir sonst nur von Alitalia…

Nach einer Stunde und 12 Minuten stehe ich an der Ziellinie. Der Kauz hinter dem Schalter schreit mich an, was mir bei meiner Schwerhörigkeit ziemlich egal ist. Ich wurde 1986 in der Grenadierschule in Isone an zahlreichen Waffen ausgebildet, die gegen jede Genfer Konvention verstossen und ich dank des intensiven Training noch immer fehlerfrei bedienen könnte. Ich habe ein intensives Nahkampftraining genossen, bei dem wir nicht wenige Schläge beigebracht wurden, die fatale Folgen für mein Gegenüber hätten. Doch dieser Schwererziehbare in der schwarzen Uniform und der mentalen und körperlichen Konstitution von Neymar, hat nichts anderes verdient, als Ignoranz und Freundlichkeit. Ich lächle ihm ins Gesicht und ignoriere ihn danach genüsslich.
Sicher ist die mitlesende Kommunikationsabteilung (hoi zäme!! Hopp Schwiiz!!) meiner Firma froh, dass ich nach aussen ein ruhiges Gemüt habe. Nicht auszudenken, was die Praktikantinnen bei den Online Presseerzeugnissen wieder geschrieben hätten, wenn ich meine 1986 antrainierten Fähigkeiten eingesetzt hätte.

Die nächste Etappe der Odyssee steht an.
Als die Koffer im Bus verladen waren, fuhr die Klapperkiste genau 10 Meter staufrei. Für die nächsten 75 Minuten sollte es das letzte Mal sein. Gut gibt es Podcasts, gut habe ich mein iPad dementsprechen mit Sendungen beladen. Die junge Dame, die sich aus Platzgründen neben mich gesetzt hat, durfte mit mir den Kopfhörer teilen und so wanderten wir zusammen mit Nik Hartmann durch das Gasterntal. Nach der Heimatsendung folgte eine Episode Kassensturz. Es wurden Bakterien auf Sushi gezählt. Zugegeben, nicht unbedingt die beste Sendungswahl, wenn man eine hübsche Dame Anfangs 20 beeindrucken will. Mir war das egal, besser zusammen mit Kassensturz Durchfallbakterien zählen, als im Bus einnicken und die Schulter der jungen Dame mit Speichel beschmutzen.

Geschlagene 3 Stunden und 45 Minuten nach der Landung endlich im Hotel. Weder ein kaltes Bier, noch die 14 Kolleginnen hatten mehr Anziehungkraft als das weiche Kissen im Zimmer 709. Ich fiel ins Koma.

Nach einer langen Nacht und einer Joggingrunde am See sitze ich nun im Kaffee und schaue nach draussen wie es pisst (bewusste Wortwahl, dem Lokalsitten angepasst). Mit fehlt es an „dobbel iu“. Und zwar nicht das klassische „dobbel iu“ das den Buchstaben W beschreibt, es ist vielmehr ein doppeltes U. Uber und Umbrella – beides nicht zur Hand. Das ist schlecht wenn man bedenkt, wie es in Chicago im Moment gerade pisst!