Sonntag, April 22, 2018

Den ganzen Tag rammeln

Entlarven Sie sich auch regelmässig dabei, dass Sie Wörter aus anderen Sprachregionen gebrauchen, deren Bedeutung Sie in ihrer Muttersprache gar nie hinterfragt haben?
So trinke ich wie so oft auf Reisen, meinen Kaffee im Sternenrammler –  im welturbanen Sprachschatz auch Starbucks genannt. Buck heisst laut meinem Sprachführer „Rammler“ und das nehme ich hier in der Hauptstadt der Rammler mit einen Lächeln auf den Lippen zur Kenntnis.

Richtig, ich bin in Bangkok. Läuft Ihnen beim Namen Bangkok ein Kopfkino ab? Logisch, man denkt an Klongs, Tuk-Tuk, scharfe Curries, noch schärfere Männer, grosse Bierbäuche und Sandalen aus dem Hause Adidas. Mit läuft nicht etwa ein Kopfkino ab, mir läuft der Schweiss aus allen Poren. Stolze 35° C zeigt das Thermometer an und der Wert der Luftfeuchtigkeit wird nur vom Feinstaubindex übertroffen. Bummel durch die Strassen oder Fahrt auf einem Flussboot? Auf so bekloppte Ideen kommen nur Touristen. Besuch eines Tempels oder des Wochenendmarktes? Sicher nicht!

Da tue ich es lieber den Rammlern mit den grossen Bierbäuchen gleich und vergnüge mich mit einer kaffeebraunen Schönheit – mit den Unterschied, dass sich meine kaffeebraune Schönheit in einer Keramiktasse befindet und auf den Namen Venti hört. Was heisst eigentlich Venti? Ich google und schäme mich. Logisch, dass heisst ja Zwanzig auf Italienisch. Ich trinke also zwanzig Cappuccinos…

Das Einkaufszentrum füllt sich gerade. Einheimische bevorzugen es, den Sonntag in diesen Konsumpalästen zu verbringen. Gekauft wird wenig, geschaut umso mehr. Eine Frau Namens Victoria verkauft ihre Geheimnisse und Paul der Bäcker süsse Sachen. Bei Victoria bin ich unerwünscht (sorry Sir – no Rammler allowed), dafür mag mich Paul umso mehr. So schlank, dass ich in Victorias Secrets passe, werde ich wohl erst nach dem Tod.

Im Erdgeschoss hat sich eine Spielwarenkette breit gemacht, die um die Gunst der Kleinen buhlt. Die reichen Kinder in Bangkok (sehr wenige in der Zahl) sind nicht anders als die reichen Kinder in der Schweiz (sehr viele an der Zahl). Sie tragen ein elektronisches Teil in der Hand, sind laut und nerven sowohl Eltern, als auch das Umfeld. Kein Wunder also, dass die Verkäuferin der Spielwaren noch lauter sein muss. Das geht bei den zarten Thai-Stimmen aber nur mit elektronischer Unterstützung. Da in diesem Land weder Höchstwerte für Temperaturen, noch Höchstwerte für Beschallung festgeschrieben sind, operiert der Lautsprecher nahe der Schmerzgrenze.

Das gibt leichte Abzüge in der Gemütlichkeit, doch wenn ich zwischen 35° C und 100dB wählen muss, entscheide ich mich für die Lautstärke.
In der Zwischenzeit füllt sich der Sternenrammler mit Gästen. Der freie Stuhl an meinem Tisch wird von einer freundlichen Engländerin in meinem Alter besetzt. Ihr Mann holt zwei Stück Cheesecake und zwei sehr süsse Getränke. Ich wage einmal zu behaupten, dass sie die Geheimnisse von Victoria auch nicht kennt. Vom Mann gar nicht zu sprechen. Wir 50+ teilen dieses Schicksal.

Mein Blick schweift von links nach rechts und ich beobachte das bummelnde Volk. Dass meine Augen trotz rigidem Eintrittsverbot immer wieder an den Auslagen von Victoria’s Geheimnissen hängen bleiben, hat vermutlich mit meiner Chromosomenkombination zu tun. So tue ich, was man in der vernetzten Welt so tut: ich recherchiere im Internet. „Victoria’s Secrets“ gebe ich in der Suchmaschine ein und drücke erwartungsvoll auf ENTER.
In Sekundenbruchteilen erscheint ein bedrohliches Symbol auf meinem Bildschirm, das einen amtlichen und dadurch hochoffiziellen Charakter hat. Irgend ein Ministerium wirft mir vor, dass ich das staatliche Internet dazu benutzen wollte, schlüpfrige Inhalte zu konsumieren. Die ersten vorwurfsvollen Blicke fallen mir zu und ich wähle die „Zurück“-Taste. Dass ich vorher im Hotel den Blick gelesen habe, auf dessen Homepage ein leicht bekleidetes Mädchen das Titelbild ausfüllt, hebt die Stimmung bei meinen Nachbarn auch nicht unbedingt. Ich bin abgestempelt und da bleibt nur die Flucht. Die Engländerin reisst ihren Ehemann vom Tisch weg und der versucht während der Flucht noch einen Blick von der Bademoden-Schönheit auf meinem Bildschirm zu erhaschen. Auch ich packe zusammen.

Gegenüber auf der anderen Strassenseite hat es ein anderes Einkaufszentrum. Auch da gibt es einen Sternenrammler und das ist gut so. Wenn ich die Kolleginnen und Kollegen heute Abend dann fragen, was ich den ganzen Tag gemacht habe, fällt mir die Antwort leicht: Den ganzen Tag gerammelt, was denn sonst?



Kommentare:

  1. Wie immer brilliant und amüsant geschrieben.

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  2. Immerhin trägt das Kaufhaus die Bezeichnung einer Flughafenabfertigungshalle…

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  3. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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