Sonntag, Januar 07, 2018

Aviatische Relativitätstheorie

Wenn man schneller fliegt, vergeht die Zeit langsamer, darum hat man oft Verspätung.“



Die letzten Festtagstouristen verlassen Thailand in Richtung Westen und vollziehen den brutalen Wechsel von ferienbedingten Leerrlauf zum beruflichen Vollgas während dem Flug Richtung Heimat. Man gewöhnt sich in den Ferien schnell daran, dass flinke Hände einem alles abnehmen und selbst die privatesten und intimsten Verrichtungen durch allerlei Dienstleister schnell, zuverlässig und immer mit einem Lächeln auf dem Gesicht abgearbeitet werden.

Die Transformation vom Kunden zum Dienstleister, vom Befehlserteiler zum Befehlsempfänger, vom Master zum Menschen, vom König zum Gast – das alles geschieht innerhalb gut 12 Stunden auf über 10‘000 Metern in der Luft. Unnötig zu sagen, dass dieser schwierige Prozess durch gut ausgebildete Fachkräfte mit entsprechenden Qualifikationen begleitet werden muss. Diese Fachkräfte nennen sich Flight Attendants und eben diese Flight Attendants vollbringen immer wieder Wunder.

Wenn es schüttelt erklären sie den Transformern die physikalischen Zusammenhänge der Atmosphäre; wenn etwas am Boden erkennbar ist sind sie mit dem Namen der Stadt zur Stelle; wenn jemand wissen will, wie der 1. FC Breitenmoser im Cupklassiker gegen den SC Kindelfingen abgeschnitten hat, nehmen sie über das Weltall mit der Zentrale Kontakt auf; wenn einer das letzte Singha vor dem Boarding nicht vertrug, putzen sie die Reste von der Stuhllehne weg. Dazwischen werden Essen serviert, Drinks gemixt, Cappuccino‘s zubereitet, Gespräche geführt, Leben gerettet, Geburtshilfe geleistet, Händchen gehalten, Zigaretten verkauft, Eiscreme serviert, kleine Bobos verarztet, Schoppen erwärmt, unerzogene Kinder eingesammelt, unerzogene Eltern ermahnt, renitente Passagiere gefesselt, Feuer gelöscht und die Piloten gefüttert. 

Leider erkennt nicht immer jeder Tranformator, was die Heldinnen und Helden während der Transformation alles leisten. Das ist schade, kann aber nicht umgangen werden. 

Derweil nähert sich das Luftschiff der Heimat der Transformatoren und die Hektik steigt spührbar im Flugzeug. Im Sekundentakt schauen die müden und bereits wieder gestressten Ex-Feriengäste auf die Uhr und hoffen, dass sie den geplanten Zug auch erreichen. Mit sichtlichem Unmut wird registriert, dass der Flug um den halben Erdball fünf Minuten Verspätung habe. Dass die Piloten gegen einen unnüblichen Gegenwind zu kämpfen hatten, interessiert kaum einer in der Röhre. Bereits wenige Augenblicke nach der sanften Landung werden die Smartphones eingeschaltet und ein paar der Transformatoren posten auf der Wutbürgerseite einer Onlineplattform, dass sie nie wieder mit dieser Luftlinie reisen werden, da es sowieso nicht mehr das Gleiche sei, seit die Luftlinie unter fremder Herrschaft stehe...

Die Transformation vom Festtagstouristen zum Arbeiter ist erst zu Ende, wenn die Transformatoren wieder am eigenen Arbeitsplatz sitzen und sich masslos über ihre Kunden aufregen. „Warum verlangen die immer das Unmögliche? Warum ist der Ton so unfreundlich? Warum schätzen sie meinen Einsatz nicht?“ Sind diese Sätze mindestens einmal gefallen, sind die Transformatoren wieder in der Heimat angekommen.

Derweil fliegen unsere Heldinnen und Helden wieder durch die Gegend und verwöhnen weitere Transformatoren mit Herzblut.   

„Werden wir pünktlich landen? Ich habe einen wichtigen Termin.“ „Die Piloten haben mir versichert, dass sie schneller fliegen werden. Leider kann die Zeit dadurch langsamer vergehen. Eine kleine Verspätung ist darum nicht ausgeschlossen.“


Kommentare:

  1. Super. Ich fühle mich bestärkt, weiterhin beim Verlassen des Flugzeugs der Crew Danke zu sagen, auch wenn das nicht üblich zu sein scheint.

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  2. Danke! Die Kolleginnen und Kollegen werden Dir dankbar sein!

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  3. Schon schade, dass die Wertschätzung gegenüber Dienstleistungen (egal welcher Art) so abgenommen hat. Anscheinend ist diese für viele Leute mit der Bezahlung der Kosten inbegriffen. Für mich ist Fliegen nach wie vor ein Erlebnis, egal wie oft ich es tue. Besonders wenn ich nach einem Auslandaufenthalt den Flieger mit den Schweizerkreuz erblicke und beim Einsteigen wieder mal Grüezi sagen kann, dann fühle ich mich schon wieder heimisch. Und ein "Danke" während des Flugs und ein "auf wiedersehen und danke" beim Aussteigen an die Crew ist von meinem Anstandsverständnis her selbstverständlich. Für viele wohl leider nicht mehr.

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  4. Kluge Worte. Nicht zu vergessen ist, dass dieselben Transformatoren jammern, dass ihr Kunde immer alles zum günstigsten Preis will.
    Undank ist der Welten Lohn.
    Aber jeder von uns kann etwas dagegen machen. Fangen wir jetzt an......
    Danke nff für die Schönen und spannenden Texte an dieser Stelle.

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