Freitag, Oktober 12, 2018

Fluchende Piloten und die Presse

Ich bin auf einem Presseflug nach Hongkong. Das ist eine gute Gelegenheit, einem geschätzten Presserzeugnis, unsere Firma und unseren Job näher zu bringen.
Die Crew ist speziell zusammengestellt und wird begleitet von einer vierköpfigen Delegation. Der Photograf hält alles mit seinem professionellen Gerät fest und der schreibende Teil der Delegation bringt das Erlebte zu Papier. Die verantwortliche P/R Frau (a natural beauty!) sorgt für einen geordneten Ablauf und der Pressesprecher (Mister Speaker) dreht die Worte der Crew in die richtige Richtung.
Bei so einem Ausflug müssen Posen stimmen, die Natürlichkeit darf nicht abhanden kommen und es muss peinlich genau darauf geachtet werden, dass der Hosenstall wegen der zahlreich geschossenen Bildern stets geschlossen bleibt. Worte sollen überlegt sein und die Contenance darf nie verloren gehen.

Die Reise ging nach Hongkong und wer diese Stadt kennt, der weiss wie gross die Angebote von Sehenswürdigkeiten und Ablenkungen in diesem Teil der Welt sind.
Planung heisst der Ausweg aus diesem Dilema und Planung braucht es auch darum, weil wir uns mit einer 20-köpfigen Gruppe auf Terrain bewegen, das im Normalfall nur im Einzelsprung erobert werden kann.

Bewegt sich der Tross endlich einmal langsam Richtung Zielort, muss garantiert noch jemand auf die Toilette oder hat im Zimmer etwas vergessen. Reserven sind in diesem Umfeld überlebenswichtig, Slots werden in Gottesnamen verpasst.
Auch andere menschliche Bedürnisse sind in dieser Konstellation schwer zu befriedigen. Während das Bestellen von Getränken für so eine grosse Gruppe keinerlei Schwierigkeiten bereitet, ist die Nahrungsaufnahme etwas komplizierter.
Kleine Garküchen sind mit fast zwei Dutzend hungriger Mäuler überfordert und auch andere Esslokale geben bei der Reservation Forfait. Exotisch soll das Gebotene sein und wenn möglich regional. Nicht die Gäste haben diese Forderungen gestellt, es waren eher unsere eigenen Ansprüche. Man will ja etwas bieten!

Die erste Anlaufstelle, - ein den Airline Crews nicht abgeneigter Zeitgenosse, verwöhnte uns in Kowloon nach allen Regeln der Kochkunst. Als Dank für die Berücksichtigung seines Lokals offerierte er kostenlos eine gegarte Lammkeule und lächelte dabei in die grosse Linse des Fotografen. Wir dankten es ihm mit Worten und zahlreichen Nachbestellungen von Getränken. Die offerierten Häppchen waren so lecker auch wieder nicht und mussten mit desinfizierenden Flüssigkeiten heruntergespühlt werden.
Es ging weiter, allerdings erst, nachdem ein paar Gruppenmitglieder eine Pinkelpause eingelegt haben und eine weitere Gruppe im Seven Eleven noch etwas Flasche Wasser erstanden. Wieder ein Slot verpasst!

Unter dem grossem Druck, stets ein gutes Bild abzugeben, wurden die zahlreichen Eskalationsstufen des Hongkonger Nachtlebens gemeinsam entdeckt und durchlebt. Wenn die Kamera in Sichtweite war etwas gesitteter, sonst im normalen Masse...
Der Abend wurde an einem Morgen in einem Tanzlokal mit hohem Männeranteil beendet. Day one mission accomplished!

Tag zwei begann wieder mit einem Ausflug, der dem eines Schuelerreislis nicht unähnlich war. Fünf Minuten nach dem verabredeten Zeitpunkt erschien das letzte Mitglied der Gruppe. Zehn Minuten nach geplanter Abreise musste noch jemand aufs Klo und drei Minuten später bemerkte ein Weiterer, dass ein wichtiges Accessoire im Hotelzimmer vergessen ging. Kurz nachdem sich ein weiterer Steward Richtung Zimmer aufmachte, verspührte ein F/A grosse Lust auf einen Kaffee. Genau dieser Kaffee drückte einer Anderen auf die Blase, was die Gruppe um ein Mitglied mehr verkleinerte. Ein am gestrigen Tag viel zitierter Berufsgenosse hätte das mit dem Satz „what the hell is happening here“ kommentiert, ich verhielt mich ruhig und nahm das Verpassen eines weiteren Slots in meiner Karriere gelassen und professionell hin.

Eine Stunde später erheiterte das Lachen des grossen Buddas unsere Seele. Er hielt seine grosse Hand über uns und steckte die Gruppe mit seiner Ruhe an. Einige wurden so ruhig und entspannt, dass die Blase drückte – Pinkelpause! Es wurden Bilder geschossen, posiert, gelacht, gefroren, wieder gelacht, gegessen, getrunken, pünktlich zum vereinbarten Abreisetermin gepinkelt und wieder posiert.

Die Sonne verschwand hinter dem Horizont und unsere Mägen meldeten eine dramatische Unterzuckerung an. An einem Presseflug bringt das die Führung nicht aus der Ruhe, denn die Führung hat ja recherchiert und organisiert. Auf das Anraten meiner Wenigkeit hin haben wir am Abend nicht reserviert und uns spontan – also spontan heisst nach einer weiteren Pinkelpause eines Gruppenmitglieds – auf den Weg Richtung Discovery Bay gemacht.
„Da hat es immer Platz“, so der Herr Kapitän, „da hat es diverse Kneipen, die direkt am Meer feinstes BBQ anbieten“. Der Kapitän hatte Recht, zumindest in Bezug auf die freien Plätze. Schnell bezogen wir einen Tisch für die grosse Gruppe mit Sicht aufs Meer. Der Kellner brachte die Speisekarte, während einige Richtung Pinkelstation verabschiedeten.

Beim Blick auf die Speisekarte sind mir die Worte eines in diesen Tagen viel zitierten Zeitgenossen leise über die Lippen gekommen: „Es isch eifach wieder emal zum Chotze. Echt! Ich han d Schnauze voll vo dem huere Dräcksplatz.“ Mein Gegenüber bemerkte meine Unaufgeräumtheit und ermahnte mich zur Professionalität.
Was war passiert? Wir sassen in einem veganen Restaurant. VEGAN! Meine geliebten Hamburger sind vom Speiseplan verschwunden und mit veganen Fleischbällchen auf Pflanzenbasis ersetzt worden. „Es isch eifach wieder emal zum Chotze. Echt! Ich han d Schnauze voll vo dem huere Dräcksplatz.“
Es brauchte ein paar tröstende Worte von meinen Kollegen, bis ich endlich mein Menü bestellte.
Ich muss gestehen, das Essen war lecker und schmackhaft. Zugegeben habe ich das jedoch erst nach der dritten Eskalationsstufe des Hongkonger Nachtlebens. Der Abend hat übrigens wieder am Morgen geendet und das in der gleichen Gay-Bar wie am Vortag.

Was habe ich an diesen Tagen gelernt?
1. Einer muss immer pinkeln!
2. Mit dem Essen ist es wie mit dem Ausgang. Das verlassen des eigenen Rayons erweitert nicht nur den Horizont, sondern es macht auch grossen Spass!

Den Bericht der mitreisenden Journalisten könnt Ihr übrigens in der Dezemberausgabe des Magazins Display lesen. Es lohnt sich!



Dienstag, Oktober 02, 2018

Leserschwund

Ich verliere Leser! Was für Printzeitungen normal ist, macht einem Blogschreiber Sorgen. Die Gründe sind schnell gefunden. An zweideutigen Geschichten liegt es nicht, von denen wimmelt es in diesem Blog nur so. Zu teuer ist der Lesespass auch nicht, billiger als gratis geht fast nicht. Es muss an den Themen liegen!
Man braucht kein Raketenphysiker zu sein, um zu merken, dass Leser eines Pilotenblogs Pilotengeschichten lesen wollen. Leser wollen mitfliegen, Leser möchten Kerosinluft schnuppern, Leser wollen Geschichten lesen, die sonst verborgen bleiben.

Grundvoraussetzung dafür ist, dass der schreibende Pilot auch fliegt. Leider kommt das im Moment bei mir etwas zu kurz. Die Ausbildung neuer Kolleginnen und Kollegen fordert uns Instruktoren zur Zeit ziemlich und so verbringen wir viel Zeit im Simulator, genannt Geisterbahn. Letzten Monat musste ich nie meine Koffer packen, eine ungewohnte Situation für Langstreckenpiloten. Damit ich aus pilotischer Sicht in Übung blieb, flog ich vier mal nach Tel Aviv und zurück. Nicht schlecht für die Pilotenseele, katastrophal für einen Schreiberling.

Doch bald zeigt sich die Sonne am Firmament. Ein Flug nach Hongkong steht an und dieser ist ein besonderer. Ein Journalisten-Team eines bekannten Lifestyle Magazins begleitet uns nach Hongkong und zusammen wird die Stadt im Mündungsgebiet des Perlflusses entdeckt. Ich freue mich auf die Abwechslung. 

Nun folgt aus Eigeninteresse etwas Pilotengarn, um die Leser bei Laune zu halten. Die Geschichte wurde vor Jahren geschrieben. Habt Ausdauer!

Flug 69 nach JFK
... oder es geht schief, was schief gehen kann.

Epilog

Für einen Blogeintrag braucht es eine Geschichte, Hauptdarsteller und ein paar Pointen. Im Flugzeug gibt es das alles auf engstem Raum. Ein Flugzeug ist ein Theater mit vielen Bühnen, wo jeder – und auch wirklich jeder – meint, er spiele die Hauptrolle. Die engen Gänge sind ein Laufsteg der Eitelkeiten; die Galleys gleichzeitig Hochleistungsküchen, als auch Klatschzentren und die Cockpits das, was sie in der englischen Übersetzung auch bedeuten: eine Bühne für Gockelkämpfe. Besatzungen sind auch nur Menschen, wollen aber auch als solche behandelt werden.

Begleiten sie die Besatzung von Flug SCREW 69 nach New York. Der Flugzeugtyp ist ein Airbus 330, die Crew besteht aus zwölf mehr oder weniger motivierten Leuten. Da sich kein Mensch zwölf Namen merken kann, beschränken wir uns auf fünf Personen. Die Geschichte ist lang, fast so lange wie ein Langstreckenflug. Schnallen sie sich an, es könnte turbulent werden.


Preflight Duty

Jaques Gonfler war wütend. Er knallte den Telefonhörer auf die Gabel und fluchte in seiner Muttersprache Französisch vor sich hin. Im Mehrfamilienhaus hörte ihn keiner. Seit seiner Scheidung wohnte er in der Anflugsschneise in einer Dreizimmerwohnung. Über dem Hausdach tauchte ein vierstrahliger Jet auf, der verzweifelt gegen die Schwerkraft kämpfte. Unüberhörbar wurden die letzten Schubreserven mobilisiert. Man verstand in der Wohnung das eigene Wort nicht mehr, nicht einmal die eigenen Flüche.
«New York statt Bangkok – Merde!»
Zum Weiterfluchen blieb keine Zeit. Die Einsatzleitstelle musste einen kranken Flugkapitän ersetzen und zwar schnell. Flug 69 sollte Zürich in 90 Minuten verlassen und Jaques Gonfler war der einzig verfügbare Ersatz, der in so kurzer Zeit aufgeboten werden konnte.
Er tauschte die Badehosen mit der Winterjacke und die kurzen Shorts mit den langen Unterhosen. Auch die Präservative warf er wütend in die Ecke. Im prüden New York würde er die Zwölferpackung nicht brauchen.
Die Wohnungstür knallte ins Schloss, als er energiegeladen ins Treppenhaus stürzte. In der linken Hand den Koffer und in der rechten den Crew-Bag, rannte er die drei Stockwerke in die Garage hinunter. Der Aufzug war wieder einmal defekt. Mit quietschenden Reifen schoss er aus der Tiefgarage, ohne auch nur einmal in den Rückspiegel zu blicken. Eigentlich schade, denn vielleicht hätte er bemerkt, dass seine Brieftasche mit Reisepass und Kreditkarte in diesem Moment vom Autodach rutschte.

Mit 130 Sachen flog JoBo über den Nordring Richtung Flughafen. JoBo hiess eigentlich Johannes Bohnenblust, aber das klang einfach nicht cool genug für einen frischgebackenen Langstrecken-Copiloten. Das Auto war sein ganzer Stolz. Etwas zu teuer für sein Einkommen, aber standesgemäss, wie er fand. Er freute sich auf den Flug zum Big Apple. Den Kapitän kannte er aus der Umschulung auf die A330. Er war jung, aufgestellt und kompetent, wie es sich für einen Piloten der Luftwaffe gehörte. Dank seinem Können überstanden sie während des Kurses auch den berüchtigten Fluglehrer, der arrogant und aufgeblasen war, wie ein Luftballon an einem Kindergeburtstag. Nein, mit diesem alten Sack wollte er keine acht Stunden im Cockpit verbringen – lieber nicht. Die Raststätte Katzensee war schon vorbei, als sein Handy klingelte. Automatisch reduzierte sich die Lautstärke der Musik und der Bluetooth-Ohrstöpsel begann zu blinken. Ein teures Accessoire, aber in der heutigen Zeit unumgänglich. Es war sein Lieblingskapitän am Ende der Leitung. «Hallo JoBo, ich musste den Flug absagen. Meine Tochter hatte einen Unfall.» Automatisch reduzierte JoBo das Tempo, was auch prompt von einem Mercedes mit Basler Kennzeichen mit Lichthupesignalen quittiert wurde. Am Steuer sass eine ältere Dame mit Föhnfrisur, die zu JoBo’s Belustigung in einer Uniform seiner Fluggesellschaft steckte. «Alte Schachtel», dachte er und konzentrierte sich wieder auf das Gespräch und den Verkehr. «Dann wünsche ich gute Besserung. Schade, dass du nicht mitkommen kannst. Hoffentlich hast du für gleichwertigen Ersatz gesorgt.» «Da muss ich dich leider enttäuschen Jobo, geplant ist das Arschloch aus der Umschulung.»

Trix Sarasin drückte auf die Tube. Die Zürcher konnten einfach nicht Autofahren! Wertvolle Minuten verflogen, in denen sie lieber in der Garderobe noch einmal ihren Lidschatten nachgezogen hätte. Jetzt reduzierte dieser Depp im Audi auch noch das Tempo. «Bleeder Ziiiiircher, mach mal Platz da!» Sie betätigte mehrmals die Lichthupe und hoffte die Schnecke so von der Überholspur zu schiessen. Ihre potenten Halogenscheinwerfer verrichteten im Seriefeuermodus ihren Dienst zur vollen Befriedigung von Madame Sarasin. Der junge Schnösel machte Platz. Während dem Überholen erkannte sie die drei goldenen Streifen auf seiner Schulter. «Ein Copilötli!», lachte sie. «Geh mal schön Kurzstrecke fliegen mein Kleiner und lass brav die jungen Dinger in Ruhe. Mama Sarasin jettet heute nach New York.» Sie drückte aufs Gas und die dreihundert Pferde unter dem Stern galoppierten Richtung nächstes Opfer.

Ein leerer Koffer ist nicht kleiner als ein voller. Die Gepäckablagen der Bundesbahnen waren einfach zu klein für den Überseekoffer. Zara hätte auch den Kleinen mitnehmen können. Doch in New York wusste man nie, ob gerade irgendwo Ausverkauf war. Sie platzierte den Koffer im Abteil so, dass jedermann ihre Gepäcketikette mit der Aufschrift «Crew» lesen konnte. Das wäre unnötig gewesen. Zara reiste in Vollmontur. Die Uniform perfekt gebügelt, den Rock ein Spürchen zu kurz und die Strümpfe frisch aus dem Discounter, präsentierte sie sich stolz in ihren neuen Stöckelschuhen. Geschminkt war sie auf der grosszügigen Seite. Die Lippen in sattes Rot getaucht und die Lidschatten so schwarz, als käme sie direkt von einem Nachtflug. Auch Parfüm hatte sie üppig aufgetragen, was den Sitznachbarn zur Rechten dazu bewog, den Platz zu wechseln. Doch von diesen kleinen Makeln abgesehen, repräsentierte sie sich als Vorzeige-Flugbegleiterin. Ihre sportliche Figur passte perfekt in die dunkelblaue Uniform und die Frisur war nicht nur vorschriftskonform, sondern auch der letzte Schrei. Wie unschwer zu erkennen, war sich Zara nicht gewohnt, Röcke zu tragen. Eine ältere Dame im Abteil gegenüber machte sie mit Handzeichen diskret darauf aufmerksam, dass Frau in Rock die Beine nicht so spreizen sollte. Verlegen bedankte sich Zara Kaufleuten, verliess die S-Bahn am Flughafen und reihte sich vor der Schlange an der Rolltreppe ein, die Passagiere und Angestellte in die Flughafenhalle brachte.

«Reibst du mir den Rücken mit Body Lotion ein?», rief Roman Richtung Schlafzimmer. Sein Freund machte unter der Decke keinen Wank. «Ach komm, ich verbringe den ganzen Tag in dieser furztrockenen Röhre und du weiss, wie empfindlich meine Haut ist.» Keine Reaktion aus dem Schlafzimmer. «Selber schuld. Wenn der Ausschlag in New York wieder da ist, dann muss ich bei Glen vorbei und der wird mir mehr als den Rücken einsalben.» Immerhin ein «mmmhhh» klang unter der Decke hervor. Roman gab auf und zog sich an. Er bereitete sich auf der Parravicini einen Espresso zu und blickte aus dem Fenster über den Zürichsee. Die neu bezogene Wohnung im Seefeld war einfach paradiesisch. Extrem teuer, aber paradiesisch. Roman hätte die Arbeit als Flight Attendant aus finanzieller Sicht nicht nötig. Sein verstorbener Vater vererbte ihm ein Vermögen, das er selbst bei seinem verschwenderischen Lebenswandel bis zum Tod nie und nimmer hätte durchbringen können. Sein Lover arbeitete als Private Banker und hatte haufenweise schwule Multimillionäre in seinem Portfolio. Da kam einiges an Geld zusammen im Monat. Genug um das Leben würdevoll zu geniessen. «So steh endlich auf, wir müssen bald los.» Es war Wochenende und sein Partner wollte mit nach New York. Allerdings würde er länger bleiben. Man konnte als Banker privates gut mit geschäftlichem verbinden. Die Zeit wurde knapp, Roman musste gehen. Er bestellte ein Taxi auf den Namen Barfüssler und verliess die gemeinsame Wohnung. Sein Partner hatte noch Zeit. Als First-Class Passagier konnte er bis eine Viertelstunde vor Abflug einchecken.


Briefing

Mit JoBo im Schlepptau betrat Jaques Gonfler den Briefingraum. Die Kabinenbesatzung besprach gerade ein Notfallszenario, doch das störte den Herrn Kapitän nicht im Geringsten. «Guten Morgen!» Die Gespräche verklangen, die Blicke senkten sich Richtung Boden. «Flug nach New York, acht Stunden zwanzig Flugzeit, Turbulenzen wie immer. Johannes das Greenhorn fliegt uns nach Amerika. Er wird euch über das Wetter informieren.» Die Blicke waren noch immer gesenkt, die Flugzeit notiert. Mehr interessierte die Flight Attendants nicht.

Trix Sarasin studierte die Passagierliste der ersten Klasse. Fünf Leute waren geplant, zwei davon sogenannte VON, das sind besonders wichtige und gute Kunden, die verwöhnt und gehätschelt werden müssen. Sie freute sich auf die VON’s. Als Tochter aus gutem Hause war sie es gewohnt, einflussreiche Persönlichkeiten zu betreuen. Das Cockpit würde sie auf diesem Flug vernachlässigen. Ein bornierter Kapitän und ein Copilot, der ihr Sohn sein könnte – nicht ihre Welt. Ihre Welt war die erste Klasse, wo sich Filmstars und Politiker die Sitze teilten, wo es früher Kaviar gab und Zigarren. Ja früher, da war alles besser!

Roman betrachtete den jungen Copiloten. Den süssen Vornamen Johannes hat er durch das coole JoBo getauscht, was ihn keineswegs maskuliner machte. Roman scannte JoBo’s Body und gab ihm gute Noten. Sein knabenhaftes Aussehen gefiel Roman. Er käme nicht als Partner in Frage, aber wäre ein veritabler Seitensprung. Tja, dieses Mal nicht, aber wer weiss.

Zara pflegte ihre Fingernägel gut versteckt hinter der Handtasche. Der Copilot wollte mit seinen Wettermeldungen einfach nicht aufhören. Was meinte der Idiot eigentlich. Dank iPhone waren alle bestens über den Sturm in New York informiert. Trix vielleicht nicht, aber die hatte soviel Haarspray auf ihrem Kopf, dass es einen Hurrikan brauchte, um die Konstruktion in Schieflage zu bringen. Anfänger! Gut, so lange war sie auch noch nicht dabei, aber immerhin flog sie schon zum zweiten Mal nach New York. Ein altes Flughuhn quasi.

Gonfler wurde es zu bunt, er unterbrach JoBo mitten im Satz. «Um es kurz zu machen. Es herrscht Scheisswetter in New York. Wenn’s knallt bei der Landung, war der Kleine Schuld.» Er hatte bereits die Türfalle in der Hand, als er sich noch einmal umdrehte. «Haben alle den Reisepass? Bei dieser unerfahrenen Crew würde mich nichts verwundern! Hat noch jemand etwas anzufügen?» Roman hob die Hand und informierte, dass er seinen Freund dabei hatte. «Keinen Platz!», knurrte der Kapitän. «Ich nehme grundsätzlich niemanden auf dem Notsitz mit, Schwuchteln sowieso nicht!» Die Tür knallte zu, die Kabinenbesatzung war wieder allein.

«Sympathische Erscheinung», kommentierte die Kabinenchefin und fuhr mit den Notfallinstruktionen fort.

JoBo lief wie ein gewaschener Pudel Richtung Planungsraum. Das war ein Scheissauftritt. Ausgerechnet heute, wo diese Zara in der Besatzung war. Im Cockpit würde sie ihn auch nicht besuchen. Wen wundert’s, bei so einem Büffel als Chef. Scheisse, warum musste die Tochter des Lieblingskapitäns nur einen Unfall bauen.
Der Chef sass vorwurfsvoll am Planungstisch und wartete auf JoBo. «Wo sind die Planungsunterlagen?», fluchte der Kapitän. «Oben im Dispatch, wie immer.» An den umliegenden Tischen gingen die Augenbrauen hoch. «Einmal Arschloch, immer Arschloch», flüsterte ein Kapitänskollege zu seinem Copiloten, studierte die Wetterkarte und schüttelte den Kopf. Gonfler lief militärischen Schrittes zum Flugplaner.
«New York – toute suite s.v.p.!»
«Einen Moment bitte, ich bin noch mit der Tokio Crew beschäftigt.»
«Tokio startet zehn Minuten nach uns.»
«Ja, aber sie waren zuerst.»
«Ca m’intresse pas!»
Wieder verdrehten Kollegen die Augen. Der miserable Ruf Gonflers hatte sich einmal mehr bestätigt. Der Planer schob wortlos einen Stapel Papiere zum verhassten Kapitän und beschäftigte sich weiter mir der Tokio-Crew. Fluchend packte Gonfler die Flugunterlagen und verliess das Büro des Flugplaners. Eigentlich hätte er als verantwortlicher Kapitän noch über eine Pistensperrung an seiner Destination informiert werden sollen, aber das hatte sich damit erledigt.

«Roman mach dir keine Sorgen, ich bringe deinen Freund schon irgendwo unter», flüsterte ihm die Kabinenchefin im Crew-Bus in die Ohren. «Ich mache mir keine Sorgen, falls die Schlafmütze es noch aus dem Bett geschafft hat, ist er bestimmt an Bord. Fest gebucht, erste Klasse.» «Hoppla», antwortete die Kabinenchefin, «das ist aber eine Überraschung.» «Er ist einer der gelisteten VON’s. Sitz 1A. Danke für dein Engagement.» Roman wollte die erste Klasse Hostessen auch über seinen Freund informieren, liess das aber sein. Trix mit ihrer Föhnfrisur, die aussah wie der Haaraufsatz eines Playmobilmännchens, schien komplizierter als erwartet. Besser man lies die alte Madame in Ruhe arbeiten.

Die beiden Piloten redeten kein persönliches Wort miteinander. Gonfler studierte die Flugunterlagen, JoBo das Wetter. Als fliegenden Piloten wäre es eigentlich JoBo zugestanden, die erforderliche Treibstoffmenge zu bestimmen. Doch er machte sich keine Illusionen. Wie erwartet, hat Gonfler den von ihm gewünschten Wert auf das offizielle Formular gesetzt und mit seinem Kurzzeichen unterschrieben. JoBo hätte mehr genommen, traute sich aber nicht zu intervenieren.

Eine Viertelstunde später sass JoBo auf seinem Sitz und stellte die Schalter dorthin, wo sie gemäss Airbus Checkliste stehen sollten. Sein Kapitän schwirrte wie ein Eichhörnchen auf Speed durch die Gänge und trieb ausnahmslos jeden zur Weissglut, der ihm über den Weg lief. Zum ersten Mal hasste JoBo seinen Job.

Pünktlich wurde der Flug nach New York abgedockt und auf den Vorplatz geschoben. Die Triebwerke liefen ordnungsgemäss an und fünf Minuten später schaute die Flugzeugnase Richtung Himmel. Der ganze Flughafen Zürich war erleichtert, als die Maschine den Boden verliess. Für die Besatzung des Fluges 69 begann eine mehrstündige Odyssee. Einer gegen alle, alle gegen einen.


Steigflug

Zara schwitzte in der hintersten Küche. Nicht wegen der Temperatur, sondern wegen den vierzig koscheren Essen. Ausgerechnet heute! Auf alles hatte sie sich vorbereitet, wirklich auf alles. Jüdische Passagiere erwartete sie nicht auf dem Flug nach Amerika. Schlechte Vorbereitung Zara, beheimatete New York doch die grösste jüdische Exilgemeinde der Welt. Das hiess Stress am Boden. Vierzig koschere Mahlzeiten, davon drei vegetarische, fünf Kinder und sieben «non-gluten». Zuerst mussten die Spezialessen am Boden gefunden, dann geprüft, dann bezeichnet und dann auf die Öfen verteilt werden. Zara war schon vor dem Erlöschen des «fasten seat belt» total erschöpft.

Trix konnte es kaum erwarten, den Filmstar auf Sitz 1A zu bedienen. Vermutlich reiste er unter einem Synonym. Der Name auf der Passagierliste klang zu gewöhnlich, zu unbekannt. Während der kleine Copilot versuchte, die Flugzeugnase Richtung Westen zu drehen, schaute Trix in den kleinen Spiegel im Puderdöschen. Die Frisur sass, das Make-up auch. Die ersten zehn Minuten wollten nicht verstreichen. Das «fasten seat belt» nicht verschwinden. Endlich das langersehnte «Ping», endlich durfte sie aufstehen. Während die Kabinenchefin in drei Sprachen allerlei Informationen herunterlas, die keine Seele an Bord interessierte, öffnete Trix die Champagnerflasche aus edler Domäne. Handgriffe, die ihr in den vergangenen Jahren in Fleisch und Blut übergingen. Die bauchigen Flaschen benahmen manchmal wie wildgewordene Teenager. Kein Wunder, wurden sie doch gerüttelt und geschüttelt, verladen und wieder entladen. Doch Trix war ihnen gewachsen, sie hätte das noch bei Stromausfall beherrscht. Sanft schälte sie das Aluminium vom Flaschenhals, drehte das Drahtnetz langsam im Gegenuhrzeigersinn und warf den Abfall mit einer Hand elegant in den Eimer, während sie den Champagner mit der anderen auf der schmalen Ablage fixierte. Genau in diesem Moment zwängte sich die dicke Deutsche von 1K hinter ihr durch und das Unglück nahm ihren Lauf. Die kleine Ruckbewegung genügte, um dem Zapfen Auftrieb zu geben und dem Überdruck in der Flasche freien Lauf zu lassen. Begleitet vom einem lauten «Plopf» schoss das Stück Kork durch die Luft und traf Trix so unglücklich am Hals, dass eine blaue Stelle blieb, die einem Knutschfleck nicht unähnlich sah. Kaum spürte die Arme den Aufprall des Zapfens, wurde der Kopf mit kühlem Krug Selectionée 1992 gekühlt. Die Passagierin konnte sich in die Toilette flüchten, die Kabinenchefin und Trix standen nass in der Küche und rochen wie Boxenluder an der Preisverteilung vom grossen Preis von Monaco. Beide brachen in Tränen auch.

In diesem Moment öffnete sich die Cockpittür und Gonfler stand vor den beiden Damen. Er schien von der Katastrophe keine Notiz zu nehmen und bestellte einen doppelten Espresso mit geschäumter Milch und zwar SUBITO!

Die beiden Damen brauchten jetzt dringend eine Toilette. Die der ersten Klasse war besetzt mit der Dicken von 1K. Das konnte eine Ewigkeit dauern! In der Businessklasse hatte es drei der rettenden Tolietten. Zwei waren bereits besetzt, eine zeigte auf Grün. Doch der Weg zur rettenden Insel führte durch die erste Klasse. Beide zögerten. Trix gab eine erbärmliche Figur ab. Die Schminke verteilte sich grosszügig um die Augen und in der Puderschicht bildeten sich tiefe Canyons, in denen eine Mischung von Schweiss, Tränen und Krug Selectionée 1992 hinunterlief. Die Bluse war nass und an zwei Stellen war der Büstenhalter deutlich zu erkennen.

Wieder öffnete sich die Cockpittür und JoBo stand in der Küche. Eigentlich wollte er nur helfen, den Kaffee für den Chef zubereiten. Als er die verzweifelten Damen im Galley erblickte, versuchte er diese etwas aufzuheitern. Aufzuheitern, mit einem Spruch, der zwar zu seinem Alter passte, die reife Trix und ihre Kollegin nicht wirklich trösten konnte: «Na, veranstaltet ihr einen wet T-Shirt contest?»

Hinten im Flugzeug nahmen weder Gäste, noch Besatzungsmitglieder Notiz vom Champagnerunfall im vorderen Galley. Roman verwöhnte die Gäste in der Business-Class, Zara versuchte die Küche in der Economy zu managen. Niemand realisierte, dass die Ansage der Kabinenchefin mitten im Satz abrupt stoppte. Nach etwa einer Stunde –, die heissen Essen waren gerade zum Verteilen bereit, erschien Romans Freund in der mittleren Küche. «Nicht jetzt Schatz, ich hab jetzt wirklich keine Zeit! Vergnüge dich vorne bei Lachs und Champagner, ich besuche dich, wenn ich hier fertig bin.» Roman spitzte die Lippen wie es nur Schwule können und wollte seinem Partner links und rechts ein Abschiedsküsschen auf die Wange geben. «Roman, es ist was passiert. Vorne herrscht Chaos!» Romans Mine verfinsterte sich. Rauch, Motorenprobleme oder ein Feuer? Müssen wir Notlanden, den Service abbrechen, Schwimmwesten anziehen? Sein Partner beruhigte ihn. «Im Gegenteil, ihr müsst nicht den Service abbrechen, sondern ihn endlich beginnen. Ich sterbe vor Hunger und Durst habe ich auch.» Wortlos verstaute Roman seinen Schubkarren und lief schnurstracks in die vordere Küche. Das Bild, das ihm geboten wurde beelendete ihn. Trix, die hochnäsige Hostess aus alten Zeiten versuchte verzweifelt einen Knutschfleck mit rosa Puder zu überdecken und die Kabinenchefin reinigte mit Feuchttüchern das Bedienpanel des Bordunterhaltungssystems. Etwas Krug Selectionée 1992 hat sich zwischen die Leiterplatten geschlichen und das ganze System lahmgelegt. Als er in die Gesichter der beiden schaute, sah er nackte Panik.

Roman drehte sich zu seinem Partner um. «Lust auf etwas Spass?» «Logo!», lautete die kurze Antwort und die Zwei legten los. Als erstes verstaute Roman die beiden Heulsusen im kleinen Schlafraum der Piloten. Dieser wurde auf diesem Flug nicht gebraucht, die Betten waren frei. Er holte aus der Bordapotheke Schlaftabletten, breitete die Duvets aus und klopfte die Kissen zurecht. «Gute Nacht die Damen. Seit beruhigt, wir schaukeln das schon.»
Problem eins gelöst.
Nach einem kurzen Telefonat ins Business-Class-Galley arrangierte Roman ein Mittagessen für die beiden Piloten, das selbst Gonfler für über eine Stunde ruhig stellen sollte. Er brachte sämtlichen Lesestoff in französischer Sprache nach vorne, wünschte einen guten Appetit und verabschiedete sich höflich.
Problem zwei gelöst.
In der Zwischenzeit machte sein Freund in der ersten Klasse die Runde. Er beschönigte nichts und informierte die Gäste über den Nervenzusammenbruch der Damen, offenbarte seinen Plan und klopfte dazwischen Sprüche, die den Gästen ein herzhaftes Lachen entlockten. Roman riss in der Küche alle Schubladen auf und stellte die Getränke, die seinem Geschmack entsprachen auf die Seite. Im Nu baute er in der ersten Klasse eine kleine Bar auf und mixte Getränke in allen Farben. «Jetzt zeigen wir denen einmal, wie wir am anderen Ufer Partys feiern!» Die Jalousien wurden heruntergelassen, das Licht gedämpft und der iPod von Roman beschallte die Kabine mit Lounge Musik.
Roman improvisierte. Er arrangierte eine Vorspeiseplatte mit Lachs, Trockenfleisch und Hartkäse, der eigentlich für den Nachtisch gedacht war. Dazu servierte er den Chablis aus der Business-Class, der ihm besser mundete, als der teure Weisswein aus dem Burgenland. Nach drei Flugstunden begann die Dicke aus 1K zu singen. Eine Viertelstunde später schnarchte sie. Die Wagen waren bald leergefressen, die Gäste glücklich.
Problem drei gelöst.
Als Zara nach vier Stunden völlig erschöpf in der vorderen Kabine erschien, wo sie sich etwas zu Essen holen wollte, blieb sie erschrocken stehen. Roman und sein Freund knutschten offensichtlich betrunken in einen Sitz herum, während sich die Dicke von 1K und ihr schmächtiger Nachbar näher kamen, als es sich auf 11000 Metern eigentlich gehörte. «Auweia, das gibt Ärger!»


Reiseflug

«Ich versuche noch einmal zu telefonieren», sagte Gonfler unfreundlich und zog die Kopfhörer an. Schon seit drei Stunden wählte das Arschloch immer wieder die gleiche Nummer – ohne Erfolg. JoBo kümmerte das wenig. Im Gegenteil, so hatte er seine Ruhe und konnte ungestört seine Zeitungen lesen. Gut versteckt vor Gonfler steckte im rechten Ohr ein iPod Ohrstöpsel und beschallte ihn mit Musik von Billy Idol. Soll doch dieser ungehobelte Bock telefonieren so lange er wollte. Flug 69 war mitten über dem Atlantik, noch vier Stunden bis New York.

«Mei Lin? It’s me sweety.»
Gonfler schien Erfolg zu haben. Er schrie mit einem Mix aus Thailändisch und Englisch ins Mikrofon. «No sweety, I’m not coming tonight. Changed plan, going to New York.»
JoBo grinste. Dieser alte Bock hatte also eine Geliebte in Bangkok. Darum war er so unausstehlich, er wollte heute Nacht nach Thailand statt nach New York.
«No sweety, no other girl in New York. You are my best, my number one.»
Dieses «number oooooaaaaaaaane» zog er so in die Länge, dass die Luft in Gonflers Lunge knapp wurde. JoBo musste sich das Lachen verkneifen. Die Szene hatte etwas Surreales. Dieser aufgeblasene Idiot, der vor Selbstvertrauen nur so strotzte, schickte dieses infantile Geblabber in den Äther hinaus und das für 10 Dollar die Minute.
«... oh, prepaid card soon empty .... yes will send you money .... no problem .... mei pen rai ... yes, will send you more money .... love you too, sweety .... you are my number oooooooooooaaaaaane ....»
JoBo hatte genug, er stand ungefragt auf und verliess das Cockpit. Hastig unterbrach Gonfler das Gespräch und konzentrierte sich auf die Instrumente. «Was fällt diesem jungen Schnösel eigentlich ein?», dachte sich der alte Kapitän und schwor sich, dem Kerl die Leviten zu lesen.

JoBo erleichterte sich in der vordersten Toilette und lief durch die erste Klasse, die sich wie ein Saustall präsentierte. Überall standen leere Gläser und Flaschen herum und die Gäste schliefen in den Betten, doch nicht alle allein. JoBo lief weiter durch die Business-Class und stattete der Küche einen Besuch ab. «Was willst du?», fragte Zara wirsch? «Euch besuchen, einen kleinen Schwatz machen oder so.» «Na hör mal du Held der Lüfte. Vier Stunden sind wir durch die Kabine gerannt, haben den Passagieren alle Wünsche von den Augen gelesen, Reklamationen angehört, Gläser aufgefüllt, wieder Reklamationen gehört, Glaser neuerlich aufgefüllt, Chicken, Chicken und nochmals Chicken aufgewärmt und viel zu heissen Kaffee serviert. Seit genau drei Minuten sitze ich zum ersten Mal auf diesem wackligen Klappstuhl und der Herr Copilot will ein Schwätzchen mit mir machen. ICH WILL NICHTS ANDERES ALS MEINE RUHE! HAU AB!»
Konsterniert zog JoBo von Dannen. Ein Besuch in der Holzklasse erübrigte sich. Vorsichtig lief er durch die dunkle First-Class Richtung Cockpit. «Lag da nicht der schwule Steward auf einem Passagier?»

Roman knurrte. Irgend ein Nilpferd trampelte so laut durch die Gänge, dass der Sitz bebte. Die zwei Bloody Mary von vorhin hämmerten an seine Schädeldecke. Er stolperte Richtung Toilette und trat in etwas Weiches, etwas Warmes. Oje, Dame 1K hat sich übergeben und mitten in den Gang gekotzt. Roman machte sich im kleinen Waschraum etwas frisch, braute eine Kanne starken Kaffee und trat mit einem warmen Tuch und drei Alka-Selzer zu 1K. Er wusch ihr vorsichtig das Gekotzte von der Wange, schob ihr die Pillen in den Mund und flösste ihr vorsichtig Wasser ein. Dankbar strich die Hand von 1K über seine Wange und verteilte damit das, was Roman eigentlich wegwischen wollte.
Nach einer Stunde präsentierte sich die Kabine wieder so wie im Prospekt. Roman streute das gebrauchte Kaffeepulver auf den Boden und neutralisierte so den scharfen Geruch aus dem Schlund von 1K. Es roch nach frisch gebrautem Arabica, was den anderen verkaterten Gästen Leben einhauchte. Langsam erwachte der Saustall wieder. 1K steckte in einem frischen Schlafanzug und verdrückte genüsslich ihr Katerfrühstück. Auch der iPod verrichtete wieder seinen Dienst. «Good Morning Amerika how are you ...», scherbelte es aus den viel zu kleinen Lautsprechern und 1K summte mit vollem Mund mit. Die Gäste waren gut gelaunt. Noch zwei Stunden bis zur Landung.

Zara verteilte Berge von Formularen, Formulare für die Einreise, Formulare für die Ausreise, Formulare für die Weiterreise und Formulare für den Zoll. Als ob das nicht schon genug Bürokram wäre, wollte das Management der SCREW von den geschätzten Gästen wissen, wie ihnen die Reise gefallen hätte. Das hiess wiederum weitere 178 Formulare zu verteilen. Die Feedbacks waren wie immer. Passagiere, die den ganzen Flug reklamierten, verteilten die besten Noten. Schweizer hauten «ihre» Airline in die Pfanne. Die schlechtesten Fünfzig wanderten in den Abfall, den Rest würde Zara brav in der Briefkasten der Zonenchefin werfen.

Die Gäste der ersten Klasse rissen Roman die Feedback-Formulare aus den Händen. Sie verteilten ausnahmslos Höchstnoten, was später mit einem vorgedruckten Brief des Zonenchefs verdankt wurde. Dame 1K war das zuwenig. Sie entnahm ihrer Louis Vuitton Tasche ein Schreibset und schrieb mit dem goldenen Mont-Blanc Füller einen vierseitigen Brief an den CEO von SCREW. In höchsten Tönen lobte sie Roman, schlug ihn für höhere Ämter vor, betitelte SCREW mehrmals als beste Airline des Planeten und schob fünf 200 Franken Scheine in das Couvert. Bevor sie dieses aber zuklebte, hielt sie kurz inne. Der CEO würde das Geld sicher für einen guten Zweck spenden – so eine Verschwendung!. Beim Kapitän wäre das Trinkgeld besser aufgehoben. Mit 1000 Franken in der Hand lief sie zur Cockpitür und klopfte heftig. Die Pforte öffnete sich und das grelle Sonnenlicht raubten ihr die Sicht. Gonfler wurde auch geblendet. Was für eine Frau! Welche Fülle! Dieser Busen, diese Hüften, dieser Charme. Die musste er haben!
«Geschätzter Herr Luftkapitän, dieser Flug ist das Beste, was ich je erlebt habe. Ich erlaube mir ihnen für die Crew ein bescheidenes Trinkgeld zu übergeben. Lassen sie es sich in New York gut gehen, geniessen sie den freien Abend in dieser wunderbaren Stadt.»
Galant nahm Gonfler das Couvert entgegen und streckte es dem Copiloten hin. «Geben wir das den Jungen, sie sollen damit Spass haben. Damit wir auch zu unserem Vergnügen kommen, möchte ich sie heute Abend zum Dinner im Ritz einladen. Hätten sie Zeit und Lust mich zu begleiten?»
JoBo flüsterte leise «you my number ooooooooaaaaaaaane» vor sich hin und verstaute das Couvert ungeöffnet in der Brusttasche. 1K wollte. Gonfler und sie verabredeten sich für 20 Uhr. Ein weiteres Satellitengespräch und 140 Dollar Gesprächsgebühren später, war der beste Tisch im Ritz reserviert.

Gonfler war das erste Mal gut gelaunt. Das Wetter schien es ihm gleich zu tun. Kein Sturm in New York, eine leichte Brise aus Nord, Landung auf der 31R, 21 Grad Celsius. JoBo ergriff das Handset und überlegte kurz, was er sagen sollte. Es waren noch 40 Minuten Zeit bis zur Landung, die Gäste wollten informiert werden.
«Ladies an Gentlemen, ........... »

Trix schoss aus ihrem Traum auf und schlug den Kopf heftig gegen das obere Bett. Dort lag die Kabinenchefin noch immer im Koma und redete unwirsches Zeugs im Schlaf. «Aufstehen, wir haben verschlafen!» Mit aller Kraft versuchte sie die Kabinenchefin zu wecken, was ihr nach einigen Minuten auch gelang. «Wir landen in 35 Minuten.» «WAS?»
Roman wusste, was die Ansage des Copiloten bei den Schlafmützen auslösen würde: nackte Panik. Er instruierte vorgängig die Gäste der ersten Klasse, dass die Toilette die letzten 40 Minuten zur Wiederherstellung von Trix und Kabinenchefin reserviert war. 1K stellte ihren Haarspray und den Louis Vuitton Schminktresor bereit, Roman benässte einige Baumwolltücher im Ofen und wärmte sie auf. Im Eilzugstempo wurden die Lidschatten nachgezogen, Blusen gereinigt, Frisuren getrimmt, Büstenhalter gerichtet, Strümpfe gestreckt und Schuhe gewechselt. Drei Minuten vor Touchdown war das Werk vollbracht. «Roman, du bist ein Schatz!»
«Cabin und Galley secured», rapportiere die Kabinenchefin einem seltsam gutgelaunten Gonfler. Zwei Minuten später waren sie am Boden. Die erste Klasse applaudierte frenetisch.

Postflight Duty

Gonfler sass immer noch im Immigrationsbüro, als die Crew an der Ecke 33rd/6th die Koffer ins Zimmer schleppten. Als der Herr Kapitän nach der Landung sein Handy einschaltete, sah er eine SMS des Hauswarts, der ihm mitteilte, dass Gonfler seine Brieftasche samt Pass und Kreditkarte bei ihm abholen könne. Merde! Kein Pass bei der Einreise nach Amerika bedeutete Ärger. Er wies JoBo an, nicht auf ihn zu warten, er hätte am Flughafen noch etwas zu erledigen. JoBo war das mehr als lieb, dem Rest der Crew auch. Bevor sich der Kapitän von seinem Copi verabschiedete, verlangte er das Couvert zurück, dass ihm 1K im Cockpit überreichte. Denn ohne eine Kreditkarte im Sack konnte man schlecht eine Dame von Welt ins Ritz einladen. JoBo tat was ihm befohlen wurde.

Die Kabinenchefin entschuldigte sich im Bus bei der Crew in aller Form. Es war ihr unendlich peinlich, dass sie den ganzen Flug verpennt hatte. Trix schwieg zur ganzen Sache. Auf Zuraten von Roman verzichtete die Kabinenchefin auf eine Selbstanklage bei höherer Stelle. Warum auch? Die Gäste waren zufrieden wie noch nie.
Zara schlief die ganze Fahrt zum Hotel. Sie war müde und ausgelaugt. Kein Wunder, wenn die Hälfte der Besatzung in der ersten Klasse pennte! Sie wollte von der ganzen Bande nichts mehr hören und verabschiedete sich nach Ankunft im Hotel ohne ein Wort zu sagen im Aufzug.
JoBo spielte bei der Ankunft den Gentleman und half den Damen bei Kofferausladen. Zaras roter Rollkoffer hob er mit leichtem Herzklopfen. Er hatte zuhause vor dem Flug einen Brief geschrieben, der er ihr jetzt unbemerkt in die offene Seitentasche des Koffers schob. «Hoffentlich sieht sie ihn noch heute Abend», träumte der junge Casanova und beobachtete enttäuscht, wie Zara wortlos im Lift verschwand.

Die Crew verteilte sich nach der Ankunft wie eine Streubombe. Jeder hatte seine Pläne, keiner hatte nach dem Flug Lust auf aviatischen Smalltalk. Roman und sein Freund verschwanden in einem angesagten Restaurant in Chelsea und lachten noch den ganzen Abend über die tolle Party an Bord. Nach einem Night-Cup in einer Bar sackten sie in einem Club im Soho ab. Es war schon Morgen, als sie im kleinen Zimmer unter der Decke verschwanden.

JoBo rannte aufs Zimmer und stand sofort unter die Dusche. Zara könnte jeden Moment an die Zimmertür klopfen und Eintritt verlangen. Er musste bereit sein, frisch geduscht! Nach diesem mehrseitigen Brief – übrigens der Erste handgeschriebene seit Jahren – müsste sie das Zimmer des Copiloten förmlich stürmen. Sie kam nicht, sie blieb verschollen. Die Jerry-Springer-Show lief noch, als JoBo auf dem Bett einschlief. Einsam und durstig. Nach drei Stunden weckte ihn ein Schrei im Flur. Er rieb sich die Augen, wusch das Gesicht und trat festentschlossen vor das Zimmer. «Jetzt, oder nie!», dachte er und klopfte an Zaras Zimmertüre.

Trix stand etwas verloren in der Hotel-Lobby und sammelte ihre Gedanken. Vergebens feilschte sie Minuten davor mit dem Concierce um ein Raucherzimmer. Das Letzte war weg – Pech gehabt. Es war nicht ihr Tag, alles schien schief zu gehen. Als sie ins Freie treten wollte, um auf Manhattans Strassen eine Zigarette zu rauchen, wurde sie fast von Zara überrannt. «Nach diesem Flug kann ich unmöglich in einem Raucherzimmer schlafen, ich brauche ein anderes!», schrie sie durch die Lobby. Trix beruhigte das junge Flughuhn, klärte sie über einen möglichen Zimmerwechsel auf und die Beiden traten zusammen an den Hoteltresen.
Fünf Minuten später rauchte Trix ihre Marlboro light auf 507 und Zara entpackte ihren Koffer im rauchfreien 409. Zwischen den Flugunterlagen und den Einkaufsnotizen steckte ein Brief, der da eigentlich nicht hingehörte. Neugierig betrachtete Zara das edle Papier und die unübliche Struktur. Sie öffnete den Umschlag vorsichtig und entnahm einen handgeschriebenen Brief. Ihr Herz hüpfte vor Freude, ein Traum wurde war. In feiner Handschrift und mit dunkler Tinte war etwas sehr persönliches geschrieben: «Danke für den ausgezeichneten und unvergesslichen Flug!» «Tausend Franken!», schrie Zara durch das Zimmer, «tausend Franken!»

Gonfler tobte im Hotelflur wie ein Verrückter. Er brauchte nicht einen Liebesbrief für eine junge Hostess, er brauchte Kohle! «Verdammte Scheisse! Wenn ich diesen JoBo zwischen die Finger kriege! Er machte Rechtsumkehrt stampfte zurück in die Lobby und verlangte eine sofortige Verbindung zum SCREW Hauptquartier. Er machte dem unerfahrenen Angestellten so lange die Hölle heiss, bis dieser die verlangten 5000 Dollar in Bar als Notüberweisung dem Kapitän zustelle «UND ZWAR SOFORT!» Mit viel Bargeld im Sack und frisch geduscht erschien Jaques Gonfler um 20:30 Uhr in der Lobby des Ritz. 1K sass schon etwas sauer am reservierten Tisch und nippte an einem Glas Dry Martini. Die herzliche Begrüssung machte alles wieder wett. Man bestellte ein üppiges Abendbrot, teuren Wein und reichlich Schnaps. Gonflers welscher Charme und das grosszügige Trinkgeld, das Madame sichtlich beeindruckte, taten ihre Wirkung. Sie verschwanden kurz vor Mitternacht in Gonflers Zimmer im Hotel an der 33rd/6th. Hätte Gonfler vor Abflug die Familienpackung Präservative nicht wutentbrannt in die Ecke geworfen, dann wäre er vielleicht neun Monate später nicht zum vierten Mal Vater geworden.

Trix lag auf dem Bett und betrachtete frustriert die Zimmerdecke. Die Schmach vom heutigen Tag war noch nicht verdaut. Sie öffnete die dritte Whisky Miniature, als es an die Zimmertüre klopfte. Müde stand sie auf, stolperte zur Türe und blickte Momente später die weit geöffneten Augen von JoBo. Eine solche Gelegenheit kriegte sie nie wieder. Sie packte den jungen Copiloten am Kragen und riss ihn ins Zimmer. Die Lichter gingen aus.


Nachspann

Eine etwas zerzauste Crew traf sich am nächsten Tag in der Hotellobby an der 33rd/6th. Trix hatte jetzt zwei Knutschflecken und JoBo einen. Gonfler noch immer keinen Pass, aber bald eine Vaterschaftsklage am Hals. Zara schleppte zwei Koffer und drei Einkaufstüten von Macys hinter sich her und Roman verabschiedete sich müde von seinem Partner.
Flug 68 nach Zürich verlief ereignislos und man verabschiedete sich Stunden später im Crewraum des Hauptsitzes voneinander mit Küsschen rechts, Küsschen links und noch einmal Küsschen rechts. Eine ganz normale Rotation ging zu Ende.

Montag, September 24, 2018

Bettgeschichten

In der Linienfliegerei gibt es viele Geheimnisse, die Insider so gerne für sich behalten. Ich breche an dieser Stelle die Omerta und lüfte eines der bestgehüteten „Secrets“ der Pilotenschaft.
Unser Beruf ist mit vielen Vorurteilen belastet. Die meisten davon schmeicheln uns und wir geben uns nur oberflächlich Mühe, diese aus der Welt zu schaffen. Was wir Männer am meisten zu hören bekommen, ist das Thema Frauen…

Behauptung:
Piloten haben stets junge hübsche Flight-Attendants um sich und lassen es sich in fernen Ländern gut gehen.
Standardantwort der Pilotenschaft:
Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass wir mit attraktiven Menschen um die Welt jetten und einander näher kommen. Piloten - insbesonders Kapitäne, sind sich aber ihrer Verantwortung bewusst und kennen sehr wohl meistens die Grenzen.
Realität:
Langstreckenkapitäne sind alt und unattraktiv. Sie haben in der Regel Übergewicht und klagen über Rückenschmerzen. Wenn einmal ein Flight-Attendant einem Kapitän ein Lächeln oder gar einen Kussmund zuwirft, dann hat dieser mit Sicherheit den Apéro bezahlt.

Warum ich dieses Thema aufwerfe? Ganz einfach, ich mache mir Sorgen um die Jugend.
Zu meiner Zeit als Single und Hochjäger war das relativ simpel. Die Crew bestand aus zwei Piloten und vier meist weiblichen Flight-Attendants. Man düste eine Woche durch Europa und hatte dank dünnem Flugplan genügend Zeit, einander näher zu kommen. Die Rollen waren klar verteilt. Man erwartete vom jungen Copiloten ein stilvolles Balzverhalten, das in der Regel nicht zum Erfolg führte. Mit zunehmenden Flugstunden lernte der Bock seine weiblichen Gegenspielerinnen besser kennen und passte seine Strategien an. Die weiblichen Gegenspielerinnen genossen dies und spielten mit dem balzenden Bock ein Spiel, das prickelnder nicht sein konnte.
Als Mann lernte man zuhören, humorvoll zu sein, interessante Gespräche zu führen, das Gegenüber ernst zu nehmen und Sie zu faszinieren. Je besser dies gelang, desto unwichtiger wurden Äusserlichkeiten, die auf den ersten Blick unter Umständen unattraktiv wirkten.

Im Jahre 2018 ist die Flirtwelt eine andere. Gutgemeinte Richtlinien wie die über „sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz“ können derart extrem ausgelegt werden, dass bereits ein persönliches Gespräch unter vier Augen zum Problem werden kann. Die Jungen weichen aus, bedienen sich anderen Kanälen. Netzwerke, die ironischerweise als sozial angepriesen werden, dienen als Plattform, auf deren die eigene Persönlichkeit schonungs- und hemmungslos ausgebreitet wird. Noch bevor das Briefing vor einer Rotation beginnt, können die Crewmitglieder alles über einander erfahren – und zwar wirklich alles.
Auf der Strecke bleibt der prickelnde Weg, der eigentliche Flirt, das Zuhören, das Lachen, die Erotik, der Spass.

Wenn ich diese Erkenntnisse meinen jungen Copiloten mitteilen, lachen sie mich aus. „He Alter, du hast doch überhaupt keine Ahnung.“ Frage ich die Mitfünfziger der Crew, geben sie mir recht.

Doch so trist, wie ich die Situation beschreibe, ist es dennoch nicht. Neulich erlebte der schreibende Kapitän eine Gegebenheit, die ihm schmeichelte. Ein überdurchschnittliches Engagement eines Crewmitglieds veranlasste mich dazu, dieser Person als Dank für den nicht selbstverständlichen Einsatz eine Flasche Champagner zu spendieren. Der Mann wurde verlegen, bedankte sich und offenbarte mir, dass er statt der Flasche Champagner lieber ein Date mit mir hätte. Auch wenn unsere sexuellen Ausrichtungen nicht ganz kompatibel waren, freute ich mich über das Kompliment.
Ein paar ruhigere Minuten später nahm mich ein junges Flight-Attendant auf die Seite und riet mir ernsthaft, den Kollegen wegen sexueller Belästigung zu melden. Mir tut die heutige Jugend wirklich leid!

Samstag, September 01, 2018

Der Pendler

Wenn nur diese Freizeit nicht ständig von diesen Arbeitseinsätzen unterbrochen würde! Ich pendle einmal mehr zur Arbeit. Das ist an und für sich nichts aussergewöhnliches, in meinem Fall vielleicht doch ein bisschen. Die Zugsfahrt zwischen meinem Wohnort und meinem Arbeitsort dauert mehr als drei Stunden. Bezüglich Reisezeit leicht über dem Durchschnitt, bezüglich Gemütlichkeit und Schönheit kaum zu überbieten.

In St. Moritz startet die Unesco-Weltkulturerbe-Eisenbahnstrecke Richtung Thusis. Das ist etwas besonderes und hat tatsächlich auch seinen Reiz. Leicht störend sind aber die Ansagen in zwei Sprachen, die jede Brücke beschreiben und jeden Tunnelbauer loben. Man kommt sich vor wie auf einem Charterflug, wo der Pilot jeden Strandkorb von oben beschreibt.
Kopfhörer, die das Aussengeräusch mindern, sind meine Rettung und so kann ich Texte wie diese schreiben, Mails beantworten, Podcasts schauen und mich auf Flüge vorbereiten.

So verliert die Länge der Reise an Schrecken und ob sie es glauben oder nicht, manchmal ist diese sogar zu kurz. Denn auch wir Piloten ersaufen in Mails, denn auch unsere Vorgesetzten werden immer jünger und damit mitteilungsfreudiger.

Manchmal sitze ich aber auch nur in meinem Stuhl der 1. Klasse, geniesse die so selten gewordene Langeweile und beobachte die Mitreisenden. In einer Tourismusregion zu wohnen hat grosse Vorteile. Mit den Jahreszeiten ändern sich die Freizeitbeschäftigungen und damit die Gäste im Zug ins Unterland. Grosses Kino!

Der Sommer im Engadin neigt sich dem Ende zu. Pünktlich mit dem Beginn der Hochjagt hat der erste Schnee die Berggipfel mit Puderzucker überzogen. Noch vor einer Woche klagten selbst wir im Hochtal über die hohen Temperaturen. Der Zug war voller als heute. Ferienende.

Im Abteil gegenüber sass eine Frau in meinem Alter. Gekleidet wie ein Modell der Modekette „forever 21“, fühlte sie sich genauso alt wie der Firmenname. Auf ihrem Pullover genau über dem straffen Busen „Made in Klinik Park“ war ein Schriftzug angebracht, der ein Weihnachtsguetzli bezeichnete, das ich ganz persönlich sehr mag, sie aber wegen Glutenunverträglichkeit und „low carb diet“ nie im Leben anrühren würde.  Ihr Sohn, geschätzte vier Jahre alt, war von oben bis unten gestylt wie ein Filmstar. Wenn es medizinisch möglich gewesen wäre, hätte auf der Lippe des Sohnemanns ein dicker Schnauz gewuchert. Nicht praktisch für Dreikäsehochs, aber total in Mode.

Ein Abteil weiter eine erfrischend andere Wandergruppe. Die stabilen Schuhe waren staubig, die Waden dick, die Bäuche auch. Aus den farbigen Rucksäcken holten die vier Spassvögel einen ganzen Wocheneinkauf ans Tageslicht. Während der Eine einen Salsiz auf dem mitgebrachten Holzbrett portionierte, entkorkte ein Anderer die Rotweinflasche. Frisch aufgebackenes Brot wurde herumgereicht und die hart gekochten Eier dick mit Senf beschmiert. Einer Dame kam in den Sinn, dass in den tiefen des Rucksacks noch eine Packung Fleischkäse auf den Verzehr wartete und der Herr gegenüber schnitt die Rinde des Käses so knapp ab, als wären wir noch in Kriegszeiten. Es wurde gelacht, Karten gespielt, Biberli entpackt, ein Flachmann herumgereicht und das Abteil mit Speiseresten übersät. Der Junge ohne Schnauz hätte sich an der Fresssorgie gerne beteiligt, die Frau Zimtstern hat ihn davon abgehalten. Ob sie Angst hatte um die Designerkleider oder den Babyspeck des Kleinen, entzieht sich meiner Kenntniss.

Wir fahren in den Albulatunnel ein. Die Dame der RhB informiert mich zum 87. Mal dieses Jahr, dass ein neuer Tunnel gebaut wird. Der Kleine weint und es fallen Tränen auf den Tommy Hilfiker. Die erste Flasche Wein verschwindet im viel zu kleinen Abfalleimer und es wird noch ein Glas Essiggurken geöffnet.
Das Internetsignal verschwindet – wir befinden uns im Unesco Weltkulturerbe! Noch genau drei Stunden bis zu meinem Reiseziel. Ich schaue jetzt einen Film.

Mittwoch, August 15, 2018

Westcoast Depression

Man kenn sich unter den Frühaufstehern. Im Hotel ist um 3 Uhr in der Früh nicht viel los. Pablo sitz wie immer um diese Zeit auf seinem Putzgerät und kurvt elegant um die unzähligen von ihm aufgestellten Warnschilder, die vor einem rutschigen Boden warnen. Der Nachportier winkt mir anerkennend zu und schwärmt von meinem sportlichen Ehrgeiz.
So verschwinde ich nach ein paar sozialen Kontakten im leeren Fitnessraum.

Ein Fitnessraum ist ein trister Ort. Wenn er um 3 Uhr morgens ganz leer ist noch weniger, als wenn sich Leute auf den Geräten quälen. Meistens sitzen diese aber nur herum, schauen den anderen auf die Ärsche, nippen an ihren Zuckergetränken und checken ihre Nachrichten auf dem Handy. Irgendwie erinnert mich das an Autobahnbaustellen im Sommer. Viele Leute die herumstehen, aber kaum einer der arbeitet.
Um 3 Uhr in der Früh ist der Raum leer. Zwei grosse Fernseher streiten mit zwei Nachrichtensprechern auf zwei Sendern um die besten Meldungen. Ein unangenehmer Lärmteppich ist die Folge, wobei wir wieder bei der Autobahnbaustelle wären.
Gerne würde ich das Laufband mit der Natur tauschen. Neben dem Hotel beginnt der traumhafte Joggingtrail entlang des Pazifiks. Über 15 Km könnte ich mit den rauschen des Meers im Ohr joggen und den Sonnenaufgang betrachten. Doch leider ist dies strengstens verboten. Ich bin in Amerika und die haben Vorschriften und leider auch genug Personal, um diese durchzusetzen. Erst nach Sonnenaufgang ist der Weg geöffnet und um 3 Uhr in der Früh ist dieser noch weit entfernt. Also besser aufs Laufband als in den Knast.

So stehe ich auf dem Depressionsbeschleuniger genannt Laufband und höre dank Internet die Nachrichten aus der Heimat im Ohr. Die werden zwar nicht so insbrünstig wie die amerikanischen verlesen, dafür kann man ihnen vertrauen.
Nach Kilometer 6 eine Störung: Die Türe geht auf und mein Copilot betritt den Raum. Auch er kann nicht schlafen, auch er sucht Abwechslung im Sport. Ich fixiere mein Bild im Spiegel und finde mich ab Kilometer 8 ziemlich attraktiv. Ob es an der Erschöpfung oder am Mangel an Auswahl liegt, sei dahingestellt. Am Copiloten liegt es nicht. Er sitzt ausserhalb meines Spiegelblickfelds in der Ecke der Gewichte und checkt seine Nachrichten auf dem Handy… Die heutige Jugend…

Der Kilometer 10 - meine persönliche Ziellinie, kommt näher und unter mir hat sich ein See aus Schweiss gebildet. Die Nachrichtensendung „Rendez-vous am Mittag“ ist zu Ende und mein Magen rebelliert vor Hunger. Doch bevor ich im Zimmer unter die erlösende Dusche stehe, versuche ich noch ein paar Eisen in die Höhe zu heben. Mit viel Selbstvertrauen sitze ich auf die Maschine, die vor mir mein Copilot zwischen Tinder, WhatsUp, Facebook, Snapchat, Instagramm und „was auch immer“ Nachrichten-Check benutzt hat. Das Gewicht verstelle ich nicht, so stark sieht der Kleine auch wieder nicht aus.
Der Kopf wird rot, der Atem stockt, aber das Gewicht bewegt sich keinen Millimeter. Saukerl!, denke ich und bin fest davon überzeugt, dass er vor dem Aufstehen die Gewichte noch verstellt hat. Die heutige Jugend…

Nach einer erfrischenden Dusche stehe ich um 5:30 Uhr vor Jenifer im hoteleigenen Starbucks. „Good Morning Peter!“, begrüsst sie mich begeistert. Ohne dass ich etwas sagen muss, läuft die Kaffee-Maschine und der Bagel verschwindet im Toaster. Draussen wird es hell und die obligate „WESTCOAST-DEPRESSION“ verschwindet.

Der Tag kann beginnen.

Samstag, August 04, 2018

Sexismus, Rassismus und andere lustige Sachen

Fünf Uhr dreissig, Joana öffnet den Starbucks im Hotel und begrüsst die Wartenden herzlich. Es sind durchwegs Kolleginnen und Kollegen, die um 14:30 Uhr Schweizerzeit Lust auf einen Kaffee haben.
Man plaudert etwas, man beklagt den schlechten Schlaf und man schmiedet Pläne, wie man den langen Tag in Kalifornien verbringen soll. Die meisten mieten ein Auto und stauen dann drei Stunden bis Santa Monica und am Abend drei Stunden zurück. Keine Option für mich, für Stau muss ich nicht nach Kalifornien fliegen.

Plötzlich sind wir nur noch zu zweit. Grosse Pläne haben beide nicht, Hunger schon. Wir beschliessen zusammen zu frühstücken. Zwei Kaffees und ein paar hundert Kalorien später entschliesse ich mich, das US Surf Open in Huntington Beach mit meiner Anwesenheit zu beehren, meine temporäre Begleitung schliesst sich mir an.

Am Ort der Begierde angekommen ist schon viel los. Surfer sind Frühaufsteher. Die Sonne zeigt sich am Horizont und sofort erklimmen Temperaturen Werte, wo sich die Schweisspooren öffnen. Die Augen werden zu kleinen Schlitzen und schreien nach der Sonnenbrille. Die Haut freut sich über die morgentliche Pflege mit Faktor 50 und das Haar sucht Schutz unter einem Hut mit dem Schriftzug SILVAPLANA. Meine Begleiterin hat Sonnenbrille, Sonnenschutz und Sonnenhut vergessen.
Kein Problem an einem amerikanischen Sportanlass. Sponsoren drängen darauf, ihre Produkte gratis an die Besucher abzugeben und so steuern wir direkt das Sponsoringdorf an.

Zuerst wird die Haut verwöhnt. Stephanie, eine kalifornische Strandschönheit wie es im Buch steht, lobt das von ihr angepriesene Produkt in höchsten Tönen. Es gibt Gratismuster. Ich geniesse es, dass mir Stephanie ihre laut Werbung „gut einziehende Sonnencreme“ mit grosser Geduld im Unterarm einmassiert und fast verzweifelt, dass ihr Schutzfaktor 30 nicht durch meinen am Morgen aufgetragenen Faktor 50 dringen will. Während der Unterarmstreichelmassage betrachte ich die anderen Strandschönheiten, die mit ganz wenig Stoff am Körper und einem Brett unter dem Arm Richtung Meer laufen. Sexistisch? Vielleicht, aber ich habe es genossen.

Punkt zwei auf unserer Bucketlist ist die Sonnenbrille. Geld wollen wir dafür nicht ausgeben, schliesslich hat es Sponsoren. Harley Davidson bietet Hand. Dort gibt es kostenlos Brillen mit dem Firmenlogo an der Seite. Für die Verteilung sind anderen Kaliber Frauen zuständig. Statt Bikini tragen sie Leder, statt knackigen Hintern präsentieren sie den übergrossen Vorbau. Da und dort hat eine etwas Eisen im Gesicht und die Männer stehen um die grossen Maschinen herum. „Was ich tun müsse, um eine der Sonnenbrillen für meine Begleiterin zu erhalten?“, wollte ich von der imposanten Person hinter dem Tresen erfahren. „Fragen beantworten!“, die knappe Antwort. Na dann los!

„Fahren Sie Motorrad?“
„Na klar“, lüge ich sie faustdick an.

„Marke?“
„Puch Maxi N“

Ein grosses Fragezeichen erscheint über Ihrem Gesicht.

Sie streckt mir ein iPad vor die Nase und will von mir viele persönliche Daten haben. Falls in Münsingen ein Hans Moser an der Eigergasse 23 wohnt, möge er mir verzeihen, dass ich seinen Namen und seine Adresse benutzt habe.
Gerade als ich tief in den Auschnitt des weiblichen Gegenübers blickte (sexistisch, ich weiss), fragte sie mich nach meinem Jahreseinkommen. Wenn das Wesen schon mit ihren Titten übertrebt, dann kann ich das mit meinem Einkommen auch. Hans Moser in Münsingen verdient über eine Million Dollar im Jahr. Ich gratuliere!
Die nächste Frage betraf meine Rasse. Jawohl, meine Rasse! Zur Verfügung standen AFRO-AMERICAN, ASIAN, HISPANIC, AFRICAN, KAUKASIAN und OTHERS. Ich wählte OTHERS. Etwas beleidigt, dass ich rassenlos bin drückte, ich auf SEND. So wurde ich Opfer von Rassismus…

Der der Firma VANS hätten wir sicherlich einen Sonnenhut bekommen, doch ich fürchtete mich vor der Frage nach dem Geschlecht. Falls nur FEMALE und OTHERS zur Verfügung stünden, wäre mein Tag gelaufen gewesen. Sexismus pur!

Das Surfen war übrigens wenig spektakulär. Die Wellen waren so hoch wie jene auf dem Silvaplanersee bei Malojawind und die Badenixen von Baywatch nicht im Entferntesten so scharf wie jene in der gleichnamigen TV-Serie. Wir verliessen den Ort des Geschehens.

Am Nachmittag hörte ich auf dem Hometrainer im hoteleigenen Fitnesscenter die Aufzeichnung der heimatlichen Abendnachrichten „Echo der Zeit“.
Da wurde im bündnerischen Arosa ein Bär eingesperrt und man feierte die gute Tat und die vielen Gutmenschen, die das Einsperren einer Kreatur ermöglichten. Eine Bundesrätin reiste an und genoss die kühle Bergluft bei Betrachten des hinter Gittern weggeschlossenen Kuscheltiers.

Einige Tage zuvor beklagte sich ein Landsmann des Bärs in den Medien lauthals, dass ihm eine grosse Fluggesellschaft lebenslang von der Passagierliste gestrichen hat. Was eigentlich der totalen Freiheit gleichkommt (nie mehr in einer Sardinenbüchse eingesperrt zu sein), legte der Betroffene als Rassismus aus. Er müsste, so lässt seine Nationalität schliessen, wie ich OTHERS beim Harley Formular ausfüllen. OTHERS definiert keine Rasse, darum kann es auch nicht Rassismus sein. Ich finde das lustig.

Samstag, Juli 28, 2018

Der Vermieter

Mein Vermieter hat mir gesagt, ich solle wieder einmal etwas an dieser Stelle publizieren. Mit Vermietern spasst man nicht, Vermieter sind am längeren Hebel.
Mein Vermieter – jung, attraktiv und im zeugungsfähigen Alter -, sitzt einige Reihen hinter mir im Crewbus inmitten der jungen Kolleginnen.
Wir stehen im Moment im Stau und das irgendwo auf einer Schnellstrasse im Moloch Bangkok.

Der Heimflug steht an und ich habe diesen Flug vorgängig gewünscht, um eben diesen Vermieter aus den Ferien nach Hause zu bringen. Eine wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe! Nicht auszudenken was geschehen würde, wenn etwas dazwischen gekommen wäre. Vermieter sind mächtig und wer ihre Rache spührt, steht bald auf der Strasse.

Natürlich beinhaltete das Rundum-Wohlfühl-Paket zu Gunsten meines Vermieters nicht nur die Rückführung, sondern auch die Betreuung vor Ort. Dazu gehörte sowohl ein umfassendes Kulturprogramm, als auch standesgemässe Verwöhnung in kulinarischen Oasen. Kultur zu bieten ist einfach in Bangkok, kulinarische Genüsse ebenso. Ersteres kann man in buddistischen Stätten und Massage-Tempeln erledigen, zweiteres an jeder Ecke in der Stadt.

Nun müssen sie wissen liebe Leserinnen und Leser, mein Vermieter ist ein Geniesser! Pflegt er zu Hause an so exquisiten Orten wie dem Frohsinn in Opfikon zu dinieren, verlangt er im Ausland nach ähnlicher Qualität. Er ist einem guten Gläschen Wein nie abgeneigt und zieht zwischendurch auch einmal an einer Zigarre aus kommunistischer Manufaktur. In dieser Beziehung ist er ein guter Christ, schliesslich wurde ja auch während des Abendmahls gebechert wie man auf Bildern dieser Epoche deutlich erkennen kann.

Leider Gottes ist Bangkok nicht christlich, sondern folgt dem buddistischen Glauben. Obwohl Budda himself einen BMI höher als der eines durchschnittlichen Mönchs aus dem Mittelalter hat, scheint er am Alkohol keine Freude zu haben. Am sogenannten Buddafest herrscht 48 stündiges Alkoholverbot und leider weilen wir genau in dieser Zeitspanne in der Stadt der Engel.

Schlimm war das nicht, lernten wir doch Orte kennen, die wir während normalen Aufenthalten nie besucht hätten. Das Nachtleben war anders - zugegeben, aber so schlecht auch wieder nicht. Ob es meinem Vermeter gepasst hat? Bei der nächsten Nebenkostenabrechnung werde ich es schwarz auf weiss erfahren.

Genug geschrieben, Vermieter hin oder her. Inzwischen ist der Bus ist am Flughafen angekommen und ich beendige den Text.

Ob mein Vermieter wohl zufrieden ist?

Freitag, Juli 20, 2018

E-Bikes auf Flugplätzen

Der Zug ist ein herrlicher Ort um zu schreiben. Man hat Zeit; die Landschaft fliegt an einem vorbei; Kindergeschrei und stinkende Wandersocken erinnern einem, dass es wieder Richtung Dichtestress geht; der schlecht klimatisierte Wagen hält einem vor Augen, dass es auf der Welt wärmer wird und der schlechte Kaffee hat etwas von der Brühe, die wir auf Kurzstrecke servieren.

Liebe Leserinnen und Leser, sie merken bereits jetzt, der Schreibende ist im Angriffsmodus. Der Angriffsmodus ist immer dann gut, wenn man nicht die geringste Ahnung hat, worüber man schreiben soll. Das machen im Moment viele Schreibende so, denn wir befinden uns im Sommerloch. So auch ein Bundeshausredaktor des Tagesanzeigers, der sich über Fahrräder mit Elektroantrieb äusserte. Sie ahnen es liebe Leserinnen und Leser, der Kolumnist fand wenig lobende Worte für die „Old Kids“ auf ihren e-Bikes.

Ich tue es ihm gleich, denn auch ich habe Sommer und auch ich mag die aufrechtsitzzenden Biker nicht, die „Achtung“-schreiend über meine heimischen Bikepfade im Engadin radeln. Aufrecht sitzend ist noch fast untertrieben. Die Lenker der Elektrodengeschosse hocken auf ihren Gefährten, wie die Frau Rottenmeier aus dem Heidi Film an ihrem Tisch in Frankfurt.
Haben sie gewusst, dass man als Muskelbiker die e-Biker auf keinen Fall grüsst? Was hat einer schon geleistet, wenn er 500 Höhenmeter mit Hilfe des Ohm’schen Gesetztes erklimmt? Was ist der Reiz davon, mit 45 Sachen der Berg hoch zu schiessen, wenn man in umgekehrter Richtung wegen voller Hose und Herzflattern mit Schritttempo den Berg runterschleicht, statt mit Hilfe der Gravitation neue Geschwindigkeitsphären zu entdecken?
Am liebsten mag ich e-Biker mit leeren Batterien. Die stossen dann mit hochroten Köpfen ihre 50 Pfund schweren Geräte den Hügel hoch und betteln um Gnade. Gnade, die ihnen vom einem Muskelbiker nie und nimmer gewährt würde.

Mittlerweile bin ich in Sargans vorbei und ich habe meine Munition gegen die Elektronenfahrradfahrer verschossen. Damit die Leserinnen und Leser nicht abspringen, muss ich jetzt einen Bogen zur Fliegerei schlagen. Schliesslich ist das ein Aviatikblog mit einem fliegerischen Bezug, speziell aus Sicht eines Piloten, genauer gesagt eines Kapitäns.

Darum nehme ich mit Vergnügen Stellung zur Frage, ob es in der Verkehrsfliegerei einen ähnlichen Konflikt gibt, wie zwischen herkömmlichen Fahrradfahrern und Elektronenbikern? Und ob es den gibt! Nur wer ist welche Position ein? Wo läuft der Graben den Philosophien durch?
Es würde auf der Hand liegen, dass man diesen zwischen den Flugzeugherstellern suchen würde. Boeing gegen Airbus zum Beispiel, doch da liegen sie falsch, liebe Leserinnen und Leser. Der Unterschied Airbus und Boeing ist eher einer wie zwischen Fully und Hardtail. Manche mögen es komfortabler und andere wollen jede Bodenwelle in den Bandscheiben spüren. Die Bandscheibengeplagten bekommen dafür eine bessere Bodenhaftung und eine direktere Steuerung, während die Fully-Piloten vom gedämpften Fluggefühl und den vielen Protections Seekrank werden.

Der wahre Graben liegt zwischen Kurz- und Langstrecke. Den Kurzstreckenpiloten schiesst beim Weckruf um 04:00 Uhr das Adrenalin in jede Körperzelle und da bleibt es bis zum Feierabend 12 Stunden später. Pausen würden stören, es wird mit im roten Bereich drehend durchgearbeitet. Den Berg hoch mit Vollgas wie die blondmähnige Jolanda Neff, den Berg runter mit vollem Risiko wie Tom Lüthi auf seinem Super-Bike und das vier Mal am Tag. Unterstützung ist verpöhnt, man fühlt sich von zusätzlichen Herausforderungen wie Handgepäckproblemen und Slots zusätzlich motiviert. Kurzstreckenpiloten sind die wahrhaftigen Helden.

Die e-Biker unter den Piloten sind die Langstreckenpiloten. Jemand hat uns Arbeitsgeräte vor die Nasen gestellt, die von Kraft nur so strotzen (oder vier Motoren haben), jeglichen Geschwindigkeitsbegrenzungen erlöst wurden und sich bequem mit zwei Fingern steuern lassen. Die Sitze sind ein bisschen weicher, die Sitzlehnen etwas schräger. Nespresso macht den „Ride“ angenehm und es wird auch nur eine Strecke von A nach B absolviert. Schweiss kennen wir nur vom Hörensagen und Slots sind uns ein Fremdwort. Uns wird alles tafelfertig serviert und einmal in der Luft, überholen wir die Meisten der hart arbeitenden Kollegen mit links.

Dass hier ein potentieller Konflikt existiert liegt auf der Hand. Meinem Arbeitgeber ist das bewusst und darum schickt er Kurz- und Langstreckenpiloten zu verschiedenen Zeiten auf die Piste. Wellenkonzept nennt er das. Was akademisch und sehr schlau klingt, dient in Tat und Wahrheit nur der Konfliktvermeidung.

Ich bin in der Zwischenzeit in Ziegelbrücke durch und sollte endlich auf den Punkt kommen. Bereits wurde einige Male in diesem Text erwähnt, dass wir uns mitten im Sommerloch befinden. Die wenigen noch aktiven Menschen in der Schweiz werden praktisch alle Morgen in die Sonne fliehen. Aus unerklärlichen Gründen besteigen sie dazu nicht die RhB in Richtung St. Moritz, sondern wollen nach Südeuropa. Aber das ist ein anderes Thema…
Weil eben Morgen so viele Leute in den Süden wollen, darf ich mit meinem grossen Vogel im Kurzstreckenzirkus mitmischen. Das birgt Gefahren und Konfliktpotential.
Das ist, als ob sich ein Panzer mit ein paar alten Mini Cooper messen wollte. Oder um die Brücke zum Bike zu schlagen: Als ob sich ein e-Biker mit Anzug im Tour de France Peleton einreihen würde. Speedmässig ist er überlegen, aber an der Agilität und auch der Erfahrung bezüglich Verhalten in der Gruppe hapert es mehr als es den Mitkämpfern liebt ist.
Darum liebe Kolleginnen undn Kollegen zeigt Mitgefühl und Verständnis, wenn sich morgen Samstag ein träges Dickschiff inmitten der adrenalinüberflutenden Horde wie ein Elefant im Porzelanladen bewegt.
Ich gebe mir Mühe, ich werde artig Handzeichen geben und beim Überholen die Klingel benutzen. Kurven werde ich etwas langsamer nehmen und etwas später rotierern. Unnötige Fürze werde ich vermeiden, damit ihr in meinen Waketubulences keine Loopings schlagt. Ich gebe mir Mühe, all die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze der Kurzstrecke zu befolgen.

Ehrlich! Habt Erbarmen!

Mittwoch, Juli 11, 2018

Passagiere und ihr Gepäck

NZZ vom 11.7.18


Lachen oder Weinen? Staunen oder Schmunzeln? Als Pilot ist die Antwort klar: Wer nicht ein Mindestmass an Intelligenz besitzt, gehört nicht in ein Flugzeug. Das sollte nicht nur für die Crew gelten.

Läuft man durch die Flughäfen aller Länder, dann sieht man überall die gleichen Bilder: Die Koffer werden grösser, nein gigantisch. Scheinbar muss der sensible Mensch von heute alles auf das Flugzeug mitnehmen. Amerikaner ihre Streichelhunde, Teenager ihre Powerbars mit Stromreserven, um eine Woche im Dschungel ohne Steckdose zu überleben. Frauen fehlt oft die Coolness, ohne Morgen-, Mittags, Abend- und Nachtcreme einen Flug von ein paar Stunden Länge anzugehen. Verwöhnte Teenager brauchen überdimensionale Kopfhörer, das iPad und das Kuschelkissen aus der Wiege. Wo führt das hin? Genau, zu überfüllten Kabinen mit Gepäckablagen, die zu platzen drohen.
Leute, diese Gepäckablagen wurden einst für Hüte und Mäntel konzipiert und nicht für Eure Shoppingsünden.

Dabei ist die Logik des Reisens ganz einfach. Je grösser das Gepäck, je weniger hat jemand sein Leben im Griff. Es braucht ein gewisses Mass an Selbstvertrauen, eine Reise mit minimalem Gepäck anzutreten. Es braucht auch ein gewisses Mass an Reisevorbereitung, damit man nicht für alle Klimazonen Kleidungsstücke mitnehmen muss.

Die Crew hat auch keine Lust, das viel zu schwere Handgepäck zu verstauen. Auch wir haben Rückenprobleme!

Wussten Sie übrigens, dass es wegen genau ihrem Handgepäck Verspätungen gibt? Wegen des mühsamen Umladens und Verstauen eben ihres Handgepäcks werden die Türen zu spät geschlossen und folglich die Startfenster verpasst. Verspätungen sind die Folge und es muss schneller geflogen werden, damit die Handgepäckschlepper am Zielflughafen mit minimalem Delay ankommen. Das kostet Geld, Nerven und schädigt die Umwelt.

Liebe Passagiere: Schaltet Euer Hirn ein beim Packen, nehmt Eure Verantwortung als Eltern wahr und setzt Euch durch, wenn es darum geht, das Minimum an Gepäck mitzunehmen. Die Ferien hängen nicht von der Anzahl gerissener Jeans im Gepäck ab, sondern von Eurer Bereitschaft, das Gastland respektvoll zu entdecken.

Klinge ich für einmal gereizt statt humorvoll? Vielleicht bin ich gereizt, aber wütend sicher nicht. Wütend werde ich erst, wenn ein Passagier von mir verlangt, dass ich sein Hab und Gut ins Hatrack lade. Liebe Leserinnen und Leser vermeiden sie das tunlichst.



Donnerstag, Juli 05, 2018

Warum Sie nicht in die Ferien fliegen sollten

Seit ein paar Wochen bin ich bei WhatsApp. Ich musste, ich wurde gezwungen. 
Unglaublich, wie schnell sich die Neuigkeit verbreitete. Aus aller Welt bekam ich Nachrichten, Bilder, Sprüche, Viren, Videos und ab und zu auch ein paar persönliche Zeilen.

So auch von einem guten Freund, der die Reise seines Lebens machte. Diese begann mit einer Zugfahrt an die Flughafen, wo er drei Stunden vor der Abflugzeit eintraf. Nach Gepäckaufgabe, Sicherheitskontrolle und einem Kaffee im Stehen, durfte er endlich das Flugzeug betreten. Nach zehn Stunden Flugzeit in der immer gleichen Kauerstellung erreichte er sein erstes Zwischenziel. Zollformalitäten, Sicherheitskontrolle, neuerliches Einchecken und wieder ein Kaffee im Stehen liessen die drei Stunden Umsteigezeit wie im Fluge vergehen. Der Weiterflug dauerte nur vier Stunden, was gemessen an der Gesamtreisezeit zu vernachlässigen war. 
Am Zielflughafen eine halbe Stunde auf das Gepäck gewartet, noch eine halbe Stunde an der Autovermietung und eine weitere halbe Stunde im Stau auf der Ausfahrtsachse.
Nach drei Stunden Autofahrt endlich die Leuchtreklame des Mountain Inn in Sichtweite. Er checkte ein, fiel erschöpft auf das Bett und schlief ganze drei Stunden durch. Warum nur drei Stunden wenn er doch so müde war? Ach ja, die Zeitverschiebung...

Am nächsten Tag nach der ersten Wanderung schickte er mir ein Bild via WhatsApp und schrieb dazu: "Diese Landschaft hier in Kanada ist einfach unglaublich, wenn nur die Mücken nicht wären."
Auf den ersten Blick dachte ich, er schicke mir ein Bild vom Lej Cavloc. Die Berge sahen gleich aus, das Wasser war gleich blau, Bären hat es auch immer wieder, nur Mücken fehlen hier im Engadin komplett.

Ich antwortete umgehend: "Bin auf einer Wanderung im Engadin. Wetter auch perfekt, Landschaft sowieso, Mücken keine, geschlafen 9 Stunden. Bei mir schaut es aus wie bei Dir... Warum reist Du eigentlich so weit, wenn das Paradies so nahe liegt?"

Folgende Bilder legte ich der Nachricht bei:
Aufstieg von Surlej zum Hahnensee
Lej Nair am frühen Morgen

Fleurop Engadin

 so sieht schlechtes Wetter im Paradies aus

Holzklasse auf der Furtschellas

Apéro auf Muottas Muragl

Gipfelglück

Einheimisches Wild


Er antwortete nicht mehr....

Und Sie liebe Leserinnen und Leser. Habe ich Sie überzeugt? Sparen Sie Geld, Zeit und Nerven und machen sie im Paradies Ferien

Hier gibt es alles ausser schlechte Ansagen aus dem Cockpit :-)



Donnerstag, Juni 21, 2018

Dobbel iu

Ich bin in einem Land, in dem diplomatische Worte ihre Wichtigkeit verloren haben. Hätte ich vor ein paar Jahren noch in gepflegten Sätzen beschrieben, wie es draussen gerade regnet, kann ich nun getrosst Gossensprache verwenden: Es pisst und zwar wie aus Kübeln! Was für eine Gelegenheit, wieder einmal ein paar Gedanken zu Papier zu bringen.

Zeiten ändern sich, Plätze auch. Leute verschieben ihre Prioritäten und verlieren dabei manchmal sogar ihren Ruf. So wie ich gerade, als ich mich unschick ausgedrückt habe.

Selbst eine Stadt kann seinen Ruf verlieren. Das nicht unbedingt in allen Bevölkerungsschichten, sehr wohl aber in kleinen Gruppen wie zum Beispiel Flugzeugbesatzungen. In der Regel haben wir mit anderen Besatzungen wenig Kontakt, zumindest wenn man wie ich kein Tinder-Konto besitzt. Anders hier in Chicago. Chicago hat die 69. Diese Zahl steht nicht in Zusammenhang mit Aktivitäten, die auf der eben genannten Plattform vereinbart werden können, 69 steht in Chicago für den einen (!) Schalter, wo Besatzungen die Einreiseformalitäten erledigen dürfen. Der geneigte Leser erkennt, dass für Passagiere deren 68 Linien bereitstehen, für Crews genau eine.

Die Warteschlange führt um drei Ecken in einem Gebäude, dass bereits bei der ersten Mondlandung veraltet war. Man ist konsterniert, frustriert und ein bisschen übermüdet. Die Passagierschlangen ziehen an einem vorbei und werden genau beobachtet von Uniformierten, die einen grossen Teil ihrer verfügbaren Denkkapazität darauf verwenden, grimmig auszusehen. Zu mehr reicht der es häufig nicht.
Der West Jet Capitän vor mir nimmt es gelassen. Er habe heute erst fünf Legs hinter sich und freue sich auf zu Hause, meinte er sichtlich gut gelaunt. Ob er dieses Theater jeden Tag über sich ergehen lasse?, fragte ich interessiert und er nickte. Vor der West Jet Crew die verschleierten Mädels vom Emirates. Der verschlafene Captain aus der Wüste sieht noch müder aus, als er im Anflug auf der Funkfrequenz geklungen hat. Ob bei uns „Chicago“ auch ein Schimpfwort sei?, wollte er von mit wissen. Noch nicht, meine knappe Antwort.
Nice chicks!, sagt er im schlüpfrigen Ton, drückt dabei ein Auge zu und schaut lüstern Richtung unserer Mädels. Tinder scheint in den Emiraten gesperrt zu sein.

Das Gebäude leert sich langsam. Vor den Einreiseschaltern warten nur noch die Einwohner von Schurkenstaaten, die es erfahrungsgemäss in diesem seltsamen Land etwas schwieriger haben.

Wir haben den ersten Corner erreicht und der Blick auf die nächste Etappe wird frei. Ohalätz, eine Eva Air Crew. Mindestens 20 Flight Attendants, alle mit dem gleichen Haarschmuck, der gleichen Frisur, der gleichen Grösse, der gleichen Figur und dem gleichen Lächeln sind vor der Emirates Crew aufgereiht. Man fragt sich bei diesem Bild, ob die armen Mädels bei der Selektion durch eine Schablone laufen müssen. Wer ohne Berührungen durchkommt, darf bleiben…

Betty, die erfahrene Hostess der West Jet Crew nimmt ein Sandwich aus ihrem Crewbag, das die Dimensionen ihres Unterarms übersteigt. Die abgemagerten Mitarbeiterinnen von Emirates und Eva Air schauen mit einem Mix aus Begierde und Entsetzen auf die doch etwas füllige Kollegin, die genüsslich die kleine Zwischenmahlzeit verdrückt und in regelmässigen Abständen mit dem Uniformärmel die Mundwinkel von der Sauce befreit. Immerhin ist wieder für fünf Minuten Gesprächsstoff gesorgt.

Mittlerweile stehen wir geschlagene 45 Minuten in der Reihe und noch immer fehlt eine 90 Grad Kurve um die nächste Ecke. Die Halle wird immer leerer, es scheinen nur noch die Nordkoreaner herum zu stehen. Derweil ist die Crewwartelinie noch länger geworden. Hinter uns sind die Damen der ANA in die Warteschlaufe eingebogen. Ich versuche Smalltalk zu machen. Die junge Hostess gibt mir einen Korb. „Solly Captain, no speak English…“. Das kennen wir sonst nur von Alitalia…

Nach einer Stunde und 12 Minuten stehe ich an der Ziellinie. Der Kauz hinter dem Schalter schreit mich an, was mir bei meiner Schwerhörigkeit ziemlich egal ist. Ich wurde 1986 in der Grenadierschule in Isone an zahlreichen Waffen ausgebildet, die gegen jede Genfer Konvention verstossen und ich dank des intensiven Training noch immer fehlerfrei bedienen könnte. Ich habe ein intensives Nahkampftraining genossen, bei dem wir nicht wenige Schläge beigebracht wurden, die fatale Folgen für mein Gegenüber hätten. Doch dieser Schwererziehbare in der schwarzen Uniform und der mentalen und körperlichen Konstitution von Neymar, hat nichts anderes verdient, als Ignoranz und Freundlichkeit. Ich lächle ihm ins Gesicht und ignoriere ihn danach genüsslich.
Sicher ist die mitlesende Kommunikationsabteilung (hoi zäme!! Hopp Schwiiz!!) meiner Firma froh, dass ich nach aussen ein ruhiges Gemüt habe. Nicht auszudenken, was die Praktikantinnen bei den Online Presseerzeugnissen wieder geschrieben hätten, wenn ich meine 1986 antrainierten Fähigkeiten eingesetzt hätte.

Die nächste Etappe der Odyssee steht an.
Als die Koffer im Bus verladen waren, fuhr die Klapperkiste genau 10 Meter staufrei. Für die nächsten 75 Minuten sollte es das letzte Mal sein. Gut gibt es Podcasts, gut habe ich mein iPad dementsprechen mit Sendungen beladen. Die junge Dame, die sich aus Platzgründen neben mich gesetzt hat, durfte mit mir den Kopfhörer teilen und so wanderten wir zusammen mit Nik Hartmann durch das Gasterntal. Nach der Heimatsendung folgte eine Episode Kassensturz. Es wurden Bakterien auf Sushi gezählt. Zugegeben, nicht unbedingt die beste Sendungswahl, wenn man eine hübsche Dame Anfangs 20 beeindrucken will. Mir war das egal, besser zusammen mit Kassensturz Durchfallbakterien zählen, als im Bus einnicken und die Schulter der jungen Dame mit Speichel beschmutzen.

Geschlagene 3 Stunden und 45 Minuten nach der Landung endlich im Hotel. Weder ein kaltes Bier, noch die 14 Kolleginnen hatten mehr Anziehungkraft als das weiche Kissen im Zimmer 709. Ich fiel ins Koma.

Nach einer langen Nacht und einer Joggingrunde am See sitze ich nun im Kaffee und schaue nach draussen wie es pisst (bewusste Wortwahl, dem Lokalsitten angepasst). Mit fehlt es an „dobbel iu“. Und zwar nicht das klassische „dobbel iu“ das den Buchstaben W beschreibt, es ist vielmehr ein doppeltes U. Uber und Umbrella – beides nicht zur Hand. Das ist schlecht wenn man bedenkt, wie es in Chicago im Moment gerade pisst!

Donnerstag, Mai 17, 2018

Zeitdruck

Druck ist gut, Druck fordert und fördert. In genau 18 Minuten muss ich beim Apéro erscheinen. Das bedeutet 10 Minuten für diesen Text, drei Minuten um ihn bei diesem langsamen Netz hochzuladen, eine Minute zum Wasserlösen, 20 Sekunden zum Händewaschen und drei Minuten 40 Sekunden zum Liftfahren. Habe ich richtig gerechnet? Egal. Die Buchstaben müssen auf das Papier bzw. den Bildschirm.

Draussen auf den Strassen in Sao Paulo das übliche Chaos. Stau wo man hinsieht und Smog in allen Ecken. Die Leute sind genervt und gestresst – wo bleibt da die Brasilianische Leichtigkeit?

Nein, das ist nicht meine Lieblingsdestination. Der Flug ist lang, die Nacht tiefschwarz und das Wetter über Afrika und dem Südatlantik unruhig und gefährlich. Geschlagene zwei Stunden dauert die Busfahrt vom Flughafen zum Hotel und das Wetter will auch hier nicht ganz mitspielen.

Schneckentempo in Brasilien. Das will zu diesem Text nicht so recht passen, wo jeder Fehlgriff auf der Tastatur Zeitverslust bedeutet. In der Regel habe ich vor dem Schreiben einer Geschichte zumindest im Ansatz eine Idee, um was es sich in der Story handeln soll. Nicht selten verlasse ich meinen ursprünglichen Plot und lande ganz wo anders.

Zum Glück fliege ich nicht so.

Noch zehn Minuten.

In genau zehn Minuten erwartet mich die Crew. Hungrig sind sie alle, durstig auch, müde sowieso. Trotz Zeitverschiebung werden wir unseren Mägen ein halbes Rind zumuten und die Verdauung mit etwas Caipirinha anregen. Es wird gelacht, geredet, da und dort geflirtet und ich bin bei meiner pilotisch und altersbedingten Schwerhörigkeit froh, wenn ich die Hälfte aller Gespräche mitbekomme.

Noch acht Minuten; hoffentlich habe ich nicht zuviele Tippfehler gemacht. Zur Korrektur reicht es nicht mehr.

Noch drei Sätze mehr? Noch eine unerwartete Pointe, ein schlüpfriges Geständnis? Sorry, das passt nicht mehr in das enge Zeitkorsett. Ich muss -, ich muss wasserlösen, Händewaschen, auf den Lift warten, Apéro geniessen, Fleisch essen und vielleicht etwas flirten.

Gute Nacht zusammen. Noch 10, 9, 8, 7, 6 …

Freitag, Mai 11, 2018

Achtung Werbung - die ersten Schritte als Influenzer


Pilot sein heisst nicht zwingend, dass man die ganze Zeit in Flugzeugen oder Hotels herumlungert, man ist auch zwischendurch einmal zu Hause.

Wobei «zu Hause» für mich seit einem Jahr eine ganz neue Bedeutung hat. Als Neo-Engadiner mit Arbeitsort 8058 Zürich-Flughafen liegt der Konflikt auf der Hand. Selbst mit der pfeilschnellen und überpünktlichen RhB schaffe ich es nicht zeitig an jeden Event, den mir meine Firma geplant hat. Ein Zweitwohnsitz musste her, ich wurde Wochenaufenthalter.

So hat mich der Zufall und viel Glück nach Opfikon verschlagen, wo ich die feine Steuerführung meiner Kollegen ganz bequem aus dem Liegestuhl beobachten kann. Die fliegen so tief über meine Birne, dass ich die Flugzeugtypen nur an der Anzahl Nieten unterscheiden kann. Ein Paradies für Flugzeugfans!

So ein Mietshaus hat grosse Vorteile gegenüber einem Eigenheim: Man ist nie alleine. Als wir neulich zusammengesessen sind (kommt sehr selten vor), kamen wir zum Schluss, dass es im Haus von Genies nur so wimmelt und wir eigentlich ein Startup gründen sollten. Wir haben Finanzexperten (Hallo Mathias, gugguseli Ale), eine Innenarchitektin mit einer gewissen Nähe zu den Beatles (gäll Domi), IT-Genies (Simon und der Kollege aus der Attika), den Multi-Media-Mann mit dem grössten Fernseher aber ohne Team an der Fussball-WM (Ciao Sergio) und die Social Media Frau schlechthin (Ljubi sei gegrüsst). Als unschlagbares Security-Duo amten Coco und Jack und als Chauffeur stelle ich mich zur Verfügung. Fast hätte ich unser Catering-Team Nici und Raphi vom Frohsinn vergessen, doch zu ihnen später.

An einem dieser Abenden lernte ich, was ein Influenzer ist. Dass da auf meinem aviatischen Blog Potential für Ruhm und Reichtum schlummert, merkte ich sofort. Das Social Media Genie (Ljubi!!!) brachte mich schnell auf den Boden der Realität zurück, doch sie unterschätzte meinen Willen und meine Ausdauer. So versuche ich in diesem Beitrag, ohne dass die Leserinnen und Leser es merken, etwas Werbung zu verstecken. Damit bin ich jetzt auch ein Influenzer!

Ich möchte ihnen an dieser Stelle mein Zweitwohnort Opfikon ein bisschen vorstellen und beginne gleich mit dem Restaurant Frohsinn bei mir um die Ecke. Ein Gasthof, den es leider in dieser Form immer weniger gibt. Wenn sich Beizer wegen fehlenden Gästen beklagen, dann müssen sie nicht den Bumann um Hilfe bitten, sondern einmal ganz entspannt im Frohsinn vorbeischauen. Was hier an Freundlichkeit und Qualität geboten wird, sucht seinesgleichen. Die Besitzer sind keine Gastronomen, sondern Gastgeber. Das Personal arbeitet nicht einfach im Frohsinn, sie fühlen sich wohl und die Köche beherrschen das Handwerk der Frischzubereitung aus dem Effeff. Die Portionen sind gross, die Preise nicht, die Küche ist einheimisch und international zugleich, die Gäste auch.

Wer auf der Terrasse oder dem Gastraum keinen Platz findet, der ist in der Lounge-Bar willkommen. Liebe Leserinnen und Leser, mit dem Bus 759 erreichen Sie den Frohsinn in sechs Minuten, das ist genau so lange, wie sie im Mc-Donalds auf ihr Happy Meal warten. Sechs Minuten ihres Lebens, die sie nicht bereuen werden. Wenn die Franzosen oder Tifosi wieder einmal streiken und ihr Flug nach irgendwo verspätet ist, geniessen sie vor ihrem Abflug eine Köstlichkeit aus dem Hause Frohsinn. Wenn sie Freunde und Bekannte an den Flughafen chauffieren, bedanken sie sich bei ihren Liebsten mit einem Gaumenschmaus aus dem Hause Grimm. Die Ferien beginnen nicht am Flughafen, sie beginnen in Opfikon kurz vor dem Kreisel!

Zurück zur Villa P, wo ich Zweitheimischer bin. An so einem Zweitwohnsitz spielt der Briefkasten eine untergeordnete Rolle. Rechnungen und Mahnungen landen am Erstwohnsitz und persönliche Briefe auch. Zweitwohnsitzbriefkästen sind nur für Werbung da – und zwar ausschliesslich.

Interessiert durchforstete ich heute Morgen die vielfarbigen Prospekte. Ein Getränkehändler warb für seine Dienstleistungen und erinnerte mich daran, dass mein Vorrat an hopfenhaltigen Getränken eine beängstigende Grösse angenommen hat. So machte ich mich auf ins Nachbardorf und lud einen Kasten Chopfab Pale Ale Bleifrei auf den Einkaufskarren. Der Kassierer, freundlich und gepflegt, frage mich folgenden Satz: «Hast du Nuss Leder?»

Ja, ich gebe es ja zu, meine Nüsse sind etwas ledrig aber ich denke das ist in meinem Alter normal. Trotzdem muss ich ihm das nicht auf die Augen binden.

Er wieder: «Hast du Nuss Leder?»

«Entschuldigen sie, ich verstehe die Frage nicht.» Die Frau hinter mir in der Kolonne greift zu einem Nastuch und tupft sich die Tränen ab.

«Ich weiss nicht was sie meinen…»

Er greift unter den Tresen und reicht mit eben diese Werbung, wegen der ich das Verkaufslokal betreten habe. «Das ist unser Nuss-Leder mit einem Coupon für ein Viererpack Tonicwasser.»

Ich werde in Zukunft die Newsletter genauer lesen.

Nun bin ich bereits am Ende meines Berichts als Influenzer und habe tatsächlich die versteckte Werbung vergessen. Nun ja, wenn ich sie schon angekündigt habe, kann ich sie ja nicht mehr gut verstecken. Darum Achtung: Es folgt jetzt Werbung:

Morgen ist in Wallisellen Chasperli-Theater. Kommt Ihr auch?