Mittwoch, August 15, 2018

Westcoast Depression

Man kenn sich unter den Frühaufstehern. Im Hotel ist um 3 Uhr in der Früh nicht viel los. Pablo sitz wie immer um diese Zeit auf seinem Putzgerät und kurvt elegant um die unzähligen von ihm aufgestellten Warnschilder, die vor einem rutschigen Boden warnen. Der Nachportier winkt mir anerkennend zu und schwärmt von meinem sportlichen Ehrgeiz.
So verschwinde ich nach ein paar sozialen Kontakten im leeren Fitnessraum.

Ein Fitnessraum ist ein trister Ort. Wenn er um 3 Uhr morgens ganz leer ist noch weniger, als wenn sich Leute auf den Geräten quälen. Meistens sitzen diese aber nur herum, schauen den anderen auf die Ärsche, nippen an ihren Zuckergetränken und checken ihre Nachrichten auf dem Handy. Irgendwie erinnert mich das an Autobahnbaustellen im Sommer. Viele Leute die herumstehen, aber kaum einer der arbeitet.
Um 3 Uhr in der Früh ist der Raum leer. Zwei grosse Fernseher streiten mit zwei Nachrichtensprechern auf zwei Sendern um die besten Meldungen. Ein unangenehmer Lärmteppich ist die Folge, wobei wir wieder bei der Autobahnbaustelle wären.
Gerne würde ich das Laufband mit der Natur tauschen. Neben dem Hotel beginnt der traumhafte Joggingtrail entlang des Pazifiks. Über 15 Km könnte ich mit den rauschen des Meers im Ohr joggen und den Sonnenaufgang betrachten. Doch leider ist dies strengstens verboten. Ich bin in Amerika und die haben Vorschriften und leider auch genug Personal, um diese durchzusetzen. Erst nach Sonnenaufgang ist der Weg geöffnet und um 3 Uhr in der Früh ist dieser noch weit entfernt. Also besser aufs Laufband als in den Knast.

So stehe ich auf dem Depressionsbeschleuniger genannt Laufband und höre dank Internet die Nachrichten aus der Heimat im Ohr. Die werden zwar nicht so insbrünstig wie die amerikanischen verlesen, dafür kann man ihnen vertrauen.
Nach Kilometer 6 eine Störung: Die Türe geht auf und mein Copilot betritt den Raum. Auch er kann nicht schlafen, auch er sucht Abwechslung im Sport. Ich fixiere mein Bild im Spiegel und finde mich ab Kilometer 8 ziemlich attraktiv. Ob es an der Erschöpfung oder am Mangel an Auswahl liegt, sei dahingestellt. Am Copiloten liegt es nicht. Er sitzt ausserhalb meines Spiegelblickfelds in der Ecke der Gewichte und checkt seine Nachrichten auf dem Handy… Die heutige Jugend…

Der Kilometer 10 - meine persönliche Ziellinie, kommt näher und unter mir hat sich ein See aus Schweiss gebildet. Die Nachrichtensendung „Rendez-vous am Mittag“ ist zu Ende und mein Magen rebelliert vor Hunger. Doch bevor ich im Zimmer unter die erlösende Dusche stehe, versuche ich noch ein paar Eisen in die Höhe zu heben. Mit viel Selbstvertrauen sitze ich auf die Maschine, die vor mir mein Copilot zwischen Tinder, WhatsUp, Facebook, Snapchat, Instagramm und „was auch immer“ Nachrichten-Check benutzt hat. Das Gewicht verstelle ich nicht, so stark sieht der Kleine auch wieder nicht aus.
Der Kopf wird rot, der Atem stockt, aber das Gewicht bewegt sich keinen Millimeter. Saukerl!, denke ich und bin fest davon überzeugt, dass er vor dem Aufstehen die Gewichte noch verstellt hat. Die heutige Jugend…

Nach einer erfrischenden Dusche stehe ich um 5:30 Uhr vor Jenifer im hoteleigenen Starbucks. „Good Morning Peter!“, begrüsst sie mich begeistert. Ohne dass ich etwas sagen muss, läuft die Kaffee-Maschine und der Bagel verschwindet im Toaster. Draussen wird es hell und die obligate „WESTCOAST-DEPRESSION“ verschwindet.

Der Tag kann beginnen.

Samstag, August 04, 2018

Sexismus, Rassismus und andere lustige Sachen

Fünf Uhr dreissig, Joana öffnet den Starbucks im Hotel und begrüsst die Wartenden herzlich. Es sind durchwegs Kolleginnen und Kollegen, die um 14:30 Uhr Schweizerzeit Lust auf einen Kaffee haben.
Man plaudert etwas, man beklagt den schlechten Schlaf und man schmiedet Pläne, wie man den langen Tag in Kalifornien verbringen soll. Die meisten mieten ein Auto und stauen dann drei Stunden bis Santa Monica und am Abend drei Stunden zurück. Keine Option für mich, für Stau muss ich nicht nach Kalifornien fliegen.

Plötzlich sind wir nur noch zu zweit. Grosse Pläne haben beide nicht, Hunger schon. Wir beschliessen zusammen zu frühstücken. Zwei Kaffees und ein paar hundert Kalorien später entschliesse ich mich, das US Surf Open in Huntington Beach mit meiner Anwesenheit zu beehren, meine temporäre Begleitung schliesst sich mir an.

Am Ort der Begierde angekommen ist schon viel los. Surfer sind Frühaufsteher. Die Sonne zeigt sich am Horizont und sofort erklimmen Temperaturen Werte, wo sich die Schweisspooren öffnen. Die Augen werden zu kleinen Schlitzen und schreien nach der Sonnenbrille. Die Haut freut sich über die morgentliche Pflege mit Faktor 50 und das Haar sucht Schutz unter einem Hut mit dem Schriftzug SILVAPLANA. Meine Begleiterin hat Sonnenbrille, Sonnenschutz und Sonnenhut vergessen.
Kein Problem an einem amerikanischen Sportanlass. Sponsoren drängen darauf, ihre Produkte gratis an die Besucher abzugeben und so steuern wir direkt das Sponsoringdorf an.

Zuerst wird die Haut verwöhnt. Stephanie, eine kalifornische Strandschönheit wie es im Buch steht, lobt das von ihr angepriesene Produkt in höchsten Tönen. Es gibt Gratismuster. Ich geniesse es, dass mir Stephanie ihre laut Werbung „gut einziehende Sonnencreme“ mit grosser Geduld im Unterarm einmassiert und fast verzweifelt, dass ihr Schutzfaktor 30 nicht durch meinen am Morgen aufgetragenen Faktor 50 dringen will. Während der Unterarmstreichelmassage betrachte ich die anderen Strandschönheiten, die mit ganz wenig Stoff am Körper und einem Brett unter dem Arm Richtung Meer laufen. Sexistisch? Vielleicht, aber ich habe es genossen.

Punkt zwei auf unserer Bucketlist ist die Sonnenbrille. Geld wollen wir dafür nicht ausgeben, schliesslich hat es Sponsoren. Harley Davidson bietet Hand. Dort gibt es kostenlos Brillen mit dem Firmenlogo an der Seite. Für die Verteilung sind anderen Kaliber Frauen zuständig. Statt Bikini tragen sie Leder, statt knackigen Hintern präsentieren sie den übergrossen Vorbau. Da und dort hat eine etwas Eisen im Gesicht und die Männer stehen um die grossen Maschinen herum. „Was ich tun müsse, um eine der Sonnenbrillen für meine Begleiterin zu erhalten?“, wollte ich von der imposanten Person hinter dem Tresen erfahren. „Fragen beantworten!“, die knappe Antwort. Na dann los!

„Fahren Sie Motorrad?“
„Na klar“, lüge ich sie faustdick an.

„Marke?“
„Puch Maxi N“

Ein grosses Fragezeichen erscheint über Ihrem Gesicht.

Sie streckt mir ein iPad vor die Nase und will von mir viele persönliche Daten haben. Falls in Münsingen ein Hans Moser an der Eigergasse 23 wohnt, möge er mir verzeihen, dass ich seinen Namen und seine Adresse benutzt habe.
Gerade als ich tief in den Auschnitt des weiblichen Gegenübers blickte (sexistisch, ich weiss), fragte sie mich nach meinem Jahreseinkommen. Wenn das Wesen schon mit ihren Titten übertrebt, dann kann ich das mit meinem Einkommen auch. Hans Moser in Münsingen verdient über eine Million Dollar im Jahr. Ich gratuliere!
Die nächste Frage betraf meine Rasse. Jawohl, meine Rasse! Zur Verfügung standen AFRO-AMERICAN, ASIAN, HISPANIC, AFRICAN, KAUKASIAN und OTHERS. Ich wählte OTHERS. Etwas beleidigt, dass ich rassenlos bin drückte, ich auf SEND. So wurde ich Opfer von Rassismus…

Der der Firma VANS hätten wir sicherlich einen Sonnenhut bekommen, doch ich fürchtete mich vor der Frage nach dem Geschlecht. Falls nur FEMALE und OTHERS zur Verfügung stünden, wäre mein Tag gelaufen gewesen. Sexismus pur!

Das Surfen war übrigens wenig spektakulär. Die Wellen waren so hoch wie jene auf dem Silvaplanersee bei Malojawind und die Badenixen von Baywatch nicht im Entferntesten so scharf wie jene in der gleichnamigen TV-Serie. Wir verliessen den Ort des Geschehens.

Am Nachmittag hörte ich auf dem Hometrainer im hoteleigenen Fitnesscenter die Aufzeichnung der heimatlichen Abendnachrichten „Echo der Zeit“.
Da wurde im bündnerischen Arosa ein Bär eingesperrt und man feierte die gute Tat und die vielen Gutmenschen, die das Einsperren einer Kreatur ermöglichten. Eine Bundesrätin reiste an und genoss die kühle Bergluft bei Betrachten des hinter Gittern weggeschlossenen Kuscheltiers.

Einige Tage zuvor beklagte sich ein Landsmann des Bärs in den Medien lauthals, dass ihm eine grosse Fluggesellschaft lebenslang von der Passagierliste gestrichen hat. Was eigentlich der totalen Freiheit gleichkommt (nie mehr in einer Sardinenbüchse eingesperrt zu sein), legte der Betroffene als Rassismus aus. Er müsste, so lässt seine Nationalität schliessen, wie ich OTHERS beim Harley Formular ausfüllen. OTHERS definiert keine Rasse, darum kann es auch nicht Rassismus sein. Ich finde das lustig.

Samstag, Juli 28, 2018

Der Vermieter

Mein Vermieter hat mir gesagt, ich solle wieder einmal etwas an dieser Stelle publizieren. Mit Vermietern spasst man nicht, Vermieter sind am längeren Hebel.
Mein Vermieter – jung, attraktiv und im zeugungsfähigen Alter -, sitzt einige Reihen hinter mir im Crewbus inmitten der jungen Kolleginnen.
Wir stehen im Moment im Stau und das irgendwo auf einer Schnellstrasse im Moloch Bangkok.

Der Heimflug steht an und ich habe diesen Flug vorgängig gewünscht, um eben diesen Vermieter aus den Ferien nach Hause zu bringen. Eine wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe! Nicht auszudenken was geschehen würde, wenn etwas dazwischen gekommen wäre. Vermieter sind mächtig und wer ihre Rache spührt, steht bald auf der Strasse.

Natürlich beinhaltete das Rundum-Wohlfühl-Paket zu Gunsten meines Vermieters nicht nur die Rückführung, sondern auch die Betreuung vor Ort. Dazu gehörte sowohl ein umfassendes Kulturprogramm, als auch standesgemässe Verwöhnung in kulinarischen Oasen. Kultur zu bieten ist einfach in Bangkok, kulinarische Genüsse ebenso. Ersteres kann man in buddistischen Stätten und Massage-Tempeln erledigen, zweiteres an jeder Ecke in der Stadt.

Nun müssen sie wissen liebe Leserinnen und Leser, mein Vermieter ist ein Geniesser! Pflegt er zu Hause an so exquisiten Orten wie dem Frohsinn in Opfikon zu dinieren, verlangt er im Ausland nach ähnlicher Qualität. Er ist einem guten Gläschen Wein nie abgeneigt und zieht zwischendurch auch einmal an einer Zigarre aus kommunistischer Manufaktur. In dieser Beziehung ist er ein guter Christ, schliesslich wurde ja auch während des Abendmahls gebechert wie man auf Bildern dieser Epoche deutlich erkennen kann.

Leider Gottes ist Bangkok nicht christlich, sondern folgt dem buddistischen Glauben. Obwohl Budda himself einen BMI höher als der eines durchschnittlichen Mönchs aus dem Mittelalter hat, scheint er am Alkohol keine Freude zu haben. Am sogenannten Buddafest herrscht 48 stündiges Alkoholverbot und leider weilen wir genau in dieser Zeitspanne in der Stadt der Engel.

Schlimm war das nicht, lernten wir doch Orte kennen, die wir während normalen Aufenthalten nie besucht hätten. Das Nachtleben war anders - zugegeben, aber so schlecht auch wieder nicht. Ob es meinem Vermeter gepasst hat? Bei der nächsten Nebenkostenabrechnung werde ich es schwarz auf weiss erfahren.

Genug geschrieben, Vermieter hin oder her. Inzwischen ist der Bus ist am Flughafen angekommen und ich beendige den Text.

Ob mein Vermieter wohl zufrieden ist?

Freitag, Juli 20, 2018

E-Bikes auf Flugplätzen

Der Zug ist ein herrlicher Ort um zu schreiben. Man hat Zeit; die Landschaft fliegt an einem vorbei; Kindergeschrei und stinkende Wandersocken erinnern einem, dass es wieder Richtung Dichtestress geht; der schlecht klimatisierte Wagen hält einem vor Augen, dass es auf der Welt wärmer wird und der schlechte Kaffee hat etwas von der Brühe, die wir auf Kurzstrecke servieren.

Liebe Leserinnen und Leser, sie merken bereits jetzt, der Schreibende ist im Angriffsmodus. Der Angriffsmodus ist immer dann gut, wenn man nicht die geringste Ahnung hat, worüber man schreiben soll. Das machen im Moment viele Schreibende so, denn wir befinden uns im Sommerloch. So auch ein Bundeshausredaktor des Tagesanzeigers, der sich über Fahrräder mit Elektroantrieb äusserte. Sie ahnen es liebe Leserinnen und Leser, der Kolumnist fand wenig lobende Worte für die „Old Kids“ auf ihren e-Bikes.

Ich tue es ihm gleich, denn auch ich habe Sommer und auch ich mag die aufrechtsitzzenden Biker nicht, die „Achtung“-schreiend über meine heimischen Bikepfade im Engadin radeln. Aufrecht sitzend ist noch fast untertrieben. Die Lenker der Elektrodengeschosse hocken auf ihren Gefährten, wie die Frau Rottenmeier aus dem Heidi Film an ihrem Tisch in Frankfurt.
Haben sie gewusst, dass man als Muskelbiker die e-Biker auf keinen Fall grüsst? Was hat einer schon geleistet, wenn er 500 Höhenmeter mit Hilfe des Ohm’schen Gesetztes erklimmt? Was ist der Reiz davon, mit 45 Sachen der Berg hoch zu schiessen, wenn man in umgekehrter Richtung wegen voller Hose und Herzflattern mit Schritttempo den Berg runterschleicht, statt mit Hilfe der Gravitation neue Geschwindigkeitsphären zu entdecken?
Am liebsten mag ich e-Biker mit leeren Batterien. Die stossen dann mit hochroten Köpfen ihre 50 Pfund schweren Geräte den Hügel hoch und betteln um Gnade. Gnade, die ihnen vom einem Muskelbiker nie und nimmer gewährt würde.

Mittlerweile bin ich in Sargans vorbei und ich habe meine Munition gegen die Elektronenfahrradfahrer verschossen. Damit die Leserinnen und Leser nicht abspringen, muss ich jetzt einen Bogen zur Fliegerei schlagen. Schliesslich ist das ein Aviatikblog mit einem fliegerischen Bezug, speziell aus Sicht eines Piloten, genauer gesagt eines Kapitäns.

Darum nehme ich mit Vergnügen Stellung zur Frage, ob es in der Verkehrsfliegerei einen ähnlichen Konflikt gibt, wie zwischen herkömmlichen Fahrradfahrern und Elektronenbikern? Und ob es den gibt! Nur wer ist welche Position ein? Wo läuft der Graben den Philosophien durch?
Es würde auf der Hand liegen, dass man diesen zwischen den Flugzeugherstellern suchen würde. Boeing gegen Airbus zum Beispiel, doch da liegen sie falsch, liebe Leserinnen und Leser. Der Unterschied Airbus und Boeing ist eher einer wie zwischen Fully und Hardtail. Manche mögen es komfortabler und andere wollen jede Bodenwelle in den Bandscheiben spüren. Die Bandscheibengeplagten bekommen dafür eine bessere Bodenhaftung und eine direktere Steuerung, während die Fully-Piloten vom gedämpften Fluggefühl und den vielen Protections Seekrank werden.

Der wahre Graben liegt zwischen Kurz- und Langstrecke. Den Kurzstreckenpiloten schiesst beim Weckruf um 04:00 Uhr das Adrenalin in jede Körperzelle und da bleibt es bis zum Feierabend 12 Stunden später. Pausen würden stören, es wird mit im roten Bereich drehend durchgearbeitet. Den Berg hoch mit Vollgas wie die blondmähnige Jolanda Neff, den Berg runter mit vollem Risiko wie Tom Lüthi auf seinem Super-Bike und das vier Mal am Tag. Unterstützung ist verpöhnt, man fühlt sich von zusätzlichen Herausforderungen wie Handgepäckproblemen und Slots zusätzlich motiviert. Kurzstreckenpiloten sind die wahrhaftigen Helden.

Die e-Biker unter den Piloten sind die Langstreckenpiloten. Jemand hat uns Arbeitsgeräte vor die Nasen gestellt, die von Kraft nur so strotzen (oder vier Motoren haben), jeglichen Geschwindigkeitsbegrenzungen erlöst wurden und sich bequem mit zwei Fingern steuern lassen. Die Sitze sind ein bisschen weicher, die Sitzlehnen etwas schräger. Nespresso macht den „Ride“ angenehm und es wird auch nur eine Strecke von A nach B absolviert. Schweiss kennen wir nur vom Hörensagen und Slots sind uns ein Fremdwort. Uns wird alles tafelfertig serviert und einmal in der Luft, überholen wir die Meisten der hart arbeitenden Kollegen mit links.

Dass hier ein potentieller Konflikt existiert liegt auf der Hand. Meinem Arbeitgeber ist das bewusst und darum schickt er Kurz- und Langstreckenpiloten zu verschiedenen Zeiten auf die Piste. Wellenkonzept nennt er das. Was akademisch und sehr schlau klingt, dient in Tat und Wahrheit nur der Konfliktvermeidung.

Ich bin in der Zwischenzeit in Ziegelbrücke durch und sollte endlich auf den Punkt kommen. Bereits wurde einige Male in diesem Text erwähnt, dass wir uns mitten im Sommerloch befinden. Die wenigen noch aktiven Menschen in der Schweiz werden praktisch alle Morgen in die Sonne fliehen. Aus unerklärlichen Gründen besteigen sie dazu nicht die RhB in Richtung St. Moritz, sondern wollen nach Südeuropa. Aber das ist ein anderes Thema…
Weil eben Morgen so viele Leute in den Süden wollen, darf ich mit meinem grossen Vogel im Kurzstreckenzirkus mitmischen. Das birgt Gefahren und Konfliktpotential.
Das ist, als ob sich ein Panzer mit ein paar alten Mini Cooper messen wollte. Oder um die Brücke zum Bike zu schlagen: Als ob sich ein e-Biker mit Anzug im Tour de France Peleton einreihen würde. Speedmässig ist er überlegen, aber an der Agilität und auch der Erfahrung bezüglich Verhalten in der Gruppe hapert es mehr als es den Mitkämpfern liebt ist.
Darum liebe Kolleginnen undn Kollegen zeigt Mitgefühl und Verständnis, wenn sich morgen Samstag ein träges Dickschiff inmitten der adrenalinüberflutenden Horde wie ein Elefant im Porzelanladen bewegt.
Ich gebe mir Mühe, ich werde artig Handzeichen geben und beim Überholen die Klingel benutzen. Kurven werde ich etwas langsamer nehmen und etwas später rotierern. Unnötige Fürze werde ich vermeiden, damit ihr in meinen Waketubulences keine Loopings schlagt. Ich gebe mir Mühe, all die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze der Kurzstrecke zu befolgen.

Ehrlich! Habt Erbarmen!

Mittwoch, Juli 11, 2018

Passagiere und ihr Gepäck

NZZ vom 11.7.18


Lachen oder Weinen? Staunen oder Schmunzeln? Als Pilot ist die Antwort klar: Wer nicht ein Mindestmass an Intelligenz besitzt, gehört nicht in ein Flugzeug. Das sollte nicht nur für die Crew gelten.

Läuft man durch die Flughäfen aller Länder, dann sieht man überall die gleichen Bilder: Die Koffer werden grösser, nein gigantisch. Scheinbar muss der sensible Mensch von heute alles auf das Flugzeug mitnehmen. Amerikaner ihre Streichelhunde, Teenager ihre Powerbars mit Stromreserven, um eine Woche im Dschungel ohne Steckdose zu überleben. Frauen fehlt oft die Coolness, ohne Morgen-, Mittags, Abend- und Nachtcreme einen Flug von ein paar Stunden Länge anzugehen. Verwöhnte Teenager brauchen überdimensionale Kopfhörer, das iPad und das Kuschelkissen aus der Wiege. Wo führt das hin? Genau, zu überfüllten Kabinen mit Gepäckablagen, die zu platzen drohen.
Leute, diese Gepäckablagen wurden einst für Hüte und Mäntel konzipiert und nicht für Eure Shoppingsünden.

Dabei ist die Logik des Reisens ganz einfach. Je grösser das Gepäck, je weniger hat jemand sein Leben im Griff. Es braucht ein gewisses Mass an Selbstvertrauen, eine Reise mit minimalem Gepäck anzutreten. Es braucht auch ein gewisses Mass an Reisevorbereitung, damit man nicht für alle Klimazonen Kleidungsstücke mitnehmen muss.

Die Crew hat auch keine Lust, das viel zu schwere Handgepäck zu verstauen. Auch wir haben Rückenprobleme!

Wussten Sie übrigens, dass es wegen genau ihrem Handgepäck Verspätungen gibt? Wegen des mühsamen Umladens und Verstauen eben ihres Handgepäcks werden die Türen zu spät geschlossen und folglich die Startfenster verpasst. Verspätungen sind die Folge und es muss schneller geflogen werden, damit die Handgepäckschlepper am Zielflughafen mit minimalem Delay ankommen. Das kostet Geld, Nerven und schädigt die Umwelt.

Liebe Passagiere: Schaltet Euer Hirn ein beim Packen, nehmt Eure Verantwortung als Eltern wahr und setzt Euch durch, wenn es darum geht, das Minimum an Gepäck mitzunehmen. Die Ferien hängen nicht von der Anzahl gerissener Jeans im Gepäck ab, sondern von Eurer Bereitschaft, das Gastland respektvoll zu entdecken.

Klinge ich für einmal gereizt statt humorvoll? Vielleicht bin ich gereizt, aber wütend sicher nicht. Wütend werde ich erst, wenn ein Passagier von mir verlangt, dass ich sein Hab und Gut ins Hatrack lade. Liebe Leserinnen und Leser vermeiden sie das tunlichst.



Donnerstag, Juli 05, 2018

Warum Sie nicht in die Ferien fliegen sollten

Seit ein paar Wochen bin ich bei WhatsApp. Ich musste, ich wurde gezwungen. 
Unglaublich, wie schnell sich die Neuigkeit verbreitete. Aus aller Welt bekam ich Nachrichten, Bilder, Sprüche, Viren, Videos und ab und zu auch ein paar persönliche Zeilen.

So auch von einem guten Freund, der die Reise seines Lebens machte. Diese begann mit einer Zugfahrt an die Flughafen, wo er drei Stunden vor der Abflugzeit eintraf. Nach Gepäckaufgabe, Sicherheitskontrolle und einem Kaffee im Stehen, durfte er endlich das Flugzeug betreten. Nach zehn Stunden Flugzeit in der immer gleichen Kauerstellung erreichte er sein erstes Zwischenziel. Zollformalitäten, Sicherheitskontrolle, neuerliches Einchecken und wieder ein Kaffee im Stehen liessen die drei Stunden Umsteigezeit wie im Fluge vergehen. Der Weiterflug dauerte nur vier Stunden, was gemessen an der Gesamtreisezeit zu vernachlässigen war. 
Am Zielflughafen eine halbe Stunde auf das Gepäck gewartet, noch eine halbe Stunde an der Autovermietung und eine weitere halbe Stunde im Stau auf der Ausfahrtsachse.
Nach drei Stunden Autofahrt endlich die Leuchtreklame des Mountain Inn in Sichtweite. Er checkte ein, fiel erschöpft auf das Bett und schlief ganze drei Stunden durch. Warum nur drei Stunden wenn er doch so müde war? Ach ja, die Zeitverschiebung...

Am nächsten Tag nach der ersten Wanderung schickte er mir ein Bild via WhatsApp und schrieb dazu: "Diese Landschaft hier in Kanada ist einfach unglaublich, wenn nur die Mücken nicht wären."
Auf den ersten Blick dachte ich, er schicke mir ein Bild vom Lej Cavloc. Die Berge sahen gleich aus, das Wasser war gleich blau, Bären hat es auch immer wieder, nur Mücken fehlen hier im Engadin komplett.

Ich antwortete umgehend: "Bin auf einer Wanderung im Engadin. Wetter auch perfekt, Landschaft sowieso, Mücken keine, geschlafen 9 Stunden. Bei mir schaut es aus wie bei Dir... Warum reist Du eigentlich so weit, wenn das Paradies so nahe liegt?"

Folgende Bilder legte ich der Nachricht bei:
Aufstieg von Surlej zum Hahnensee
Lej Nair am frühen Morgen

Fleurop Engadin

 so sieht schlechtes Wetter im Paradies aus

Holzklasse auf der Furtschellas

Apéro auf Muottas Muragl

Gipfelglück

Einheimisches Wild


Er antwortete nicht mehr....

Und Sie liebe Leserinnen und Leser. Habe ich Sie überzeugt? Sparen Sie Geld, Zeit und Nerven und machen sie im Paradies Ferien

Hier gibt es alles ausser schlechte Ansagen aus dem Cockpit :-)



Donnerstag, Juni 21, 2018

Dobbel iu

Ich bin in einem Land, in dem diplomatische Worte ihre Wichtigkeit verloren haben. Hätte ich vor ein paar Jahren noch in gepflegten Sätzen beschrieben, wie es draussen gerade regnet, kann ich nun getrosst Gossensprache verwenden: Es pisst und zwar wie aus Kübeln! Was für eine Gelegenheit, wieder einmal ein paar Gedanken zu Papier zu bringen.

Zeiten ändern sich, Plätze auch. Leute verschieben ihre Prioritäten und verlieren dabei manchmal sogar ihren Ruf. So wie ich gerade, als ich mich unschick ausgedrückt habe.

Selbst eine Stadt kann seinen Ruf verlieren. Das nicht unbedingt in allen Bevölkerungsschichten, sehr wohl aber in kleinen Gruppen wie zum Beispiel Flugzeugbesatzungen. In der Regel haben wir mit anderen Besatzungen wenig Kontakt, zumindest wenn man wie ich kein Tinder-Konto besitzt. Anders hier in Chicago. Chicago hat die 69. Diese Zahl steht nicht in Zusammenhang mit Aktivitäten, die auf der eben genannten Plattform vereinbart werden können, 69 steht in Chicago für den einen (!) Schalter, wo Besatzungen die Einreiseformalitäten erledigen dürfen. Der geneigte Leser erkennt, dass für Passagiere deren 68 Linien bereitstehen, für Crews genau eine.

Die Warteschlange führt um drei Ecken in einem Gebäude, dass bereits bei der ersten Mondlandung veraltet war. Man ist konsterniert, frustriert und ein bisschen übermüdet. Die Passagierschlangen ziehen an einem vorbei und werden genau beobachtet von Uniformierten, die einen grossen Teil ihrer verfügbaren Denkkapazität darauf verwenden, grimmig auszusehen. Zu mehr reicht der es häufig nicht.
Der West Jet Capitän vor mir nimmt es gelassen. Er habe heute erst fünf Legs hinter sich und freue sich auf zu Hause, meinte er sichtlich gut gelaunt. Ob er dieses Theater jeden Tag über sich ergehen lasse?, fragte ich interessiert und er nickte. Vor der West Jet Crew die verschleierten Mädels vom Emirates. Der verschlafene Captain aus der Wüste sieht noch müder aus, als er im Anflug auf der Funkfrequenz geklungen hat. Ob bei uns „Chicago“ auch ein Schimpfwort sei?, wollte er von mit wissen. Noch nicht, meine knappe Antwort.
Nice chicks!, sagt er im schlüpfrigen Ton, drückt dabei ein Auge zu und schaut lüstern Richtung unserer Mädels. Tinder scheint in den Emiraten gesperrt zu sein.

Das Gebäude leert sich langsam. Vor den Einreiseschaltern warten nur noch die Einwohner von Schurkenstaaten, die es erfahrungsgemäss in diesem seltsamen Land etwas schwieriger haben.

Wir haben den ersten Corner erreicht und der Blick auf die nächste Etappe wird frei. Ohalätz, eine Eva Air Crew. Mindestens 20 Flight Attendants, alle mit dem gleichen Haarschmuck, der gleichen Frisur, der gleichen Grösse, der gleichen Figur und dem gleichen Lächeln sind vor der Emirates Crew aufgereiht. Man fragt sich bei diesem Bild, ob die armen Mädels bei der Selektion durch eine Schablone laufen müssen. Wer ohne Berührungen durchkommt, darf bleiben…

Betty, die erfahrene Hostess der West Jet Crew nimmt ein Sandwich aus ihrem Crewbag, das die Dimensionen ihres Unterarms übersteigt. Die abgemagerten Mitarbeiterinnen von Emirates und Eva Air schauen mit einem Mix aus Begierde und Entsetzen auf die doch etwas füllige Kollegin, die genüsslich die kleine Zwischenmahlzeit verdrückt und in regelmässigen Abständen mit dem Uniformärmel die Mundwinkel von der Sauce befreit. Immerhin ist wieder für fünf Minuten Gesprächsstoff gesorgt.

Mittlerweile stehen wir geschlagene 45 Minuten in der Reihe und noch immer fehlt eine 90 Grad Kurve um die nächste Ecke. Die Halle wird immer leerer, es scheinen nur noch die Nordkoreaner herum zu stehen. Derweil ist die Crewwartelinie noch länger geworden. Hinter uns sind die Damen der ANA in die Warteschlaufe eingebogen. Ich versuche Smalltalk zu machen. Die junge Hostess gibt mir einen Korb. „Solly Captain, no speak English…“. Das kennen wir sonst nur von Alitalia…

Nach einer Stunde und 12 Minuten stehe ich an der Ziellinie. Der Kauz hinter dem Schalter schreit mich an, was mir bei meiner Schwerhörigkeit ziemlich egal ist. Ich wurde 1986 in der Grenadierschule in Isone an zahlreichen Waffen ausgebildet, die gegen jede Genfer Konvention verstossen und ich dank des intensiven Training noch immer fehlerfrei bedienen könnte. Ich habe ein intensives Nahkampftraining genossen, bei dem wir nicht wenige Schläge beigebracht wurden, die fatale Folgen für mein Gegenüber hätten. Doch dieser Schwererziehbare in der schwarzen Uniform und der mentalen und körperlichen Konstitution von Neymar, hat nichts anderes verdient, als Ignoranz und Freundlichkeit. Ich lächle ihm ins Gesicht und ignoriere ihn danach genüsslich.
Sicher ist die mitlesende Kommunikationsabteilung (hoi zäme!! Hopp Schwiiz!!) meiner Firma froh, dass ich nach aussen ein ruhiges Gemüt habe. Nicht auszudenken, was die Praktikantinnen bei den Online Presseerzeugnissen wieder geschrieben hätten, wenn ich meine 1986 antrainierten Fähigkeiten eingesetzt hätte.

Die nächste Etappe der Odyssee steht an.
Als die Koffer im Bus verladen waren, fuhr die Klapperkiste genau 10 Meter staufrei. Für die nächsten 75 Minuten sollte es das letzte Mal sein. Gut gibt es Podcasts, gut habe ich mein iPad dementsprechen mit Sendungen beladen. Die junge Dame, die sich aus Platzgründen neben mich gesetzt hat, durfte mit mir den Kopfhörer teilen und so wanderten wir zusammen mit Nik Hartmann durch das Gasterntal. Nach der Heimatsendung folgte eine Episode Kassensturz. Es wurden Bakterien auf Sushi gezählt. Zugegeben, nicht unbedingt die beste Sendungswahl, wenn man eine hübsche Dame Anfangs 20 beeindrucken will. Mir war das egal, besser zusammen mit Kassensturz Durchfallbakterien zählen, als im Bus einnicken und die Schulter der jungen Dame mit Speichel beschmutzen.

Geschlagene 3 Stunden und 45 Minuten nach der Landung endlich im Hotel. Weder ein kaltes Bier, noch die 14 Kolleginnen hatten mehr Anziehungkraft als das weiche Kissen im Zimmer 709. Ich fiel ins Koma.

Nach einer langen Nacht und einer Joggingrunde am See sitze ich nun im Kaffee und schaue nach draussen wie es pisst (bewusste Wortwahl, dem Lokalsitten angepasst). Mit fehlt es an „dobbel iu“. Und zwar nicht das klassische „dobbel iu“ das den Buchstaben W beschreibt, es ist vielmehr ein doppeltes U. Uber und Umbrella – beides nicht zur Hand. Das ist schlecht wenn man bedenkt, wie es in Chicago im Moment gerade pisst!