Montag, Dezember 17, 2018

V-Mann

Ich habe noch nie in meinem Leben einen Intelligenztest gemacht. Keine Ahnung, ob das gut oder schlecht ist.
Mein Arbeitgeber scheint dies auch nicht zu stören. Es macht den Anschein, dass er mir vertraut. So hat er mich zum Beispiel zum Piloten ausgebildet, während Jahren in die weite Welt hinaus geschickt, einmal sogar die ganze Olypiamannschaft anvertraut und auch mal auf eine Dienstreise mit Pressebegleitung abdetachiert. Ich wurde auch ein paar Mal befördert.
Leserinnen und Leser mögen jetzt einwenden, dass man dafür keinen grossen Intelligenzquotienten braucht. Sie mögen Recht haben. Doch was kümmert das den Beförderten?

Beförderungen, Ernennungen und Ritterschläge haben aber nicht nur Vorteile. Sie bringen in der Regel auch mehr Verantwortung und Arbeit mit sich. Die Freizeit wird spärlicher und offizielle Termine zahlreicher.
Wer an diesen offiziellen Terminen, bei denen man gerade in der Vorweihnachtszeit öfters ein Glas alkoholisches in der rechten Hand hält, mit einem neuen Titel oder Funktion prahlen kann, wird für den Aufwand mit anerkennenden Blicken belohnt.

In meiner CV haben sich im Laufe der Jahre jene Linien vervielfacht, auf denen meine speziellen Aufgaben und Qualifikationen aufgeführt sind. Eine fehlt aber und dies aus offensichtlichen Gründen. Ich oute mich und lüfte an dieser Stelle ein streng gehütetes Geheimnis: Ich bin auch ein V-Mann!

V-Männer prahlen nicht mit ihrer Funktion, die Dunkelheit und die Anonymität sind ihr Schutz. V-Männer sind nicht unbedingt beliebt, in Leib und Leben aber stets gefährdet. V-Mann sein ist kein Schleck. V-Mann sein ist eine Aufgabe, die nur spezielle Persönlichkeiten mit einer starken Konstitution erledigen können. V-Mann sein ist ein Scheissjob, der leider Einer erledigen muss. V-Männer schweigen oder kommunizieren spärlich. V-Männer werden gehasst. V-Männer beobachten nächtelang dunkle Ecken und trinken dazu kannenweise schwarzen Kaffee. V-Männer leiden unter Schlafmangel. V-Männer gehen fahrlässig mit ihrer Gesundheit um. V-Männer werden auch in Kriegsgebieten wie Pakistan und Afghanistan eingesetzt. Ich bin so ein V-Mann.

An dieser Stelle taucht die berechtigte Frage auf, wozu eine Fluggesellschaft einen V-Mann braucht. Selbstverständlich ist auch diese Information geheim und höchst sensibel. Stellen sie sich nur vor, wenn ein junger Parktikant einer Gratiszeitschrift nach dem Lesen dieses Artikel einen Text mit der Aufschrift „V-Männer in grösster Schweizer Airline tätig.“ verfasst und dieser die Runde macht. Unsere Kommunikationsabteilung (hoi Stef) hätte alle Hände voll zu tun und müsste die Wellen in den (a-)sozialen Medien glätten.

Aufgrund der Tatsache, dass fast niemand diese Zeilen liest, kann ich das Risiko eingehen und die Frage nach der Aufgabe und dem Sinn eines V-Manns in einer Fluggesellschaft lüften:
Der V-Mann hat in einer 3-Personen-Cockpitcrew die undankbare Aufgabe, die ersten zwei Drittel des Flugs im Cockpit zu sitzen und endlos lange acht Stunden in die Nacht zu schauen, während Kriegsgebiete wie Pakistan und Afghanistan unter dem Flügel durchziehen. Glauben sie mir liebe Leserinnen und Leser, das ist wirklich kein Schleck. Darum macht das in der Regel auch ein subalterner Offizier.
Nur wenn ich als V-Mann des Trainings unterwegs bin (Check), arbeite ich als V-Mann im Cockpit. Warum die V-Männer im Kapitänsrang so unbeliebt sind, zeigt die Beschreibung des V-Mann in Wikipedia deutlich auf: Durch Ausnutzung von Vertrauen kann eine V-Person die Möglichkeit erlangen, Informationen in privaten Gesprächen und Situationen zu erhalten und von diesen ggf. Wort- und Bildaufzeichnungen zu fertigen. Tja, es handelt sich nunmal um einen Check!

Nur noch von Singapur nach Hause fliegen, und dann bin ich meinen Job als V-Mann wieder los. Ich werde in der Beliebtheitsskala nach oben schnellen und darf mich fortan wieder zu der Gruppe der X-Men zählen. X-Men sind laut Wikipedia eine Gruppe von Superhelden und das beschreibt uns Langstreckenkapitäne recht gut wie ich finde. Warum eigentlich X-Men? Der Buchstaben X beschreibt die Schicht des Kapitäns im 3-Personen-Cockpit.

Hier endet meine Geschichte aus Singapur und nach dem Durchlesen des Textes frage ich mich ersthaft, ob nicht doch einmal einen Intelligenztest machen sollte?

Ich wünsche der Leserschaft schöne Festtage.

Dienstag, Dezember 04, 2018

Wetter 2018 - eine wissenschaftliche Erklärung

Herr Petrus und Frau Holle,
kriegen sich regelmässig in die Wolle.
Sie streiten mit Mordio und Zeter,
man ahnt es -, es geht ums Wetter.

Doch wenn das Wetter spinnt wie heuer,
muss der Segen schief sein im Gemäuer.
Wenn die Sonne brennt so ungesund,
lohnt sich die Frage nach dem wahren Grund.

Schuld ist das Internet - einmal mehr,
es frisst die Zeit aller allzu sehr.
Betroffen ist nicht nur der normale Pimmel,
es trifft auch das Kader oben im Himmel.

Frau Holle hat entdeckt das weite Netz,
gezeigt hat es ihr eine böse Hex.
Bildschirmzeit statt Schmusestunden,
Petrus’ Sexleben ganz verschwunden!

Dem Petrus stinkts -, das ist wohl klar,
er macht sich himmelweit zum grossen Narr.
Frau Gemahlin tummelt sich auf Instagram,
während Petrus’ Willi vergebens steht stramm.

So schlich er sich einst vor den Rechner,
ausgerüstet mit Rebensaft im Becher.
Er verdrängte den Gedanken an die Kinder
und eröffnete ein Konto bei der Plattform Tinder

So nahm der Ärger seinen Lauf.
Die Sonne ging im Frühling auf,
nur unter gehen wollte sie nimmer mehr,
Europa schwitzte in der Folge sehr.

Die Wettermaschine ging total vergessen,
Petrus versäumte die Natur zu nässen.
Stattdessen vergnügte er sich mit den Feen,
der Wasserstand sank bedrohlich in den Seen.

Frau Holle im Sog vom Internet,
verlies in der Zwischenzeit das Ehebett.
Sie warf sich an die Brust eines gewissen Torsten,
ein bärtiger Follower aus dem deutschen Osten.

Der nervige Hipster aus Berlin Marzahn,
ernährte sich ausschliesslich lakto-vegan.
Frau Holle blind vor grosser Liebe,
folgte kopflos diesem seltsamen Triebe.

Gemüse, Tofu und rohes Gemüse,
kamen fortan aus Holles kleiner Kombüse.
Petrus ging das alles gegen die Natur,
als Vergeltung erhöhte er noch zusätzlich die Temperatur.

Statt Grillsaison und Bier zum Frühstück,
wurde Grünzeug serviert von diesem Miststück.
Der Magen rebellierte, der Darm sowieso,
Petrus rannte fast stündlich aufs heimische Klo.

Er litt unter dem Konsum von roher Rinde,
aus dem Arsch entwichen unappetitliche Winde.
Seine Feen fanden das gar nicht glatt,
der Tinderscreen blieb in der Folge matt.

Satt kuscheln und erotische Massagen,
blieb Petrus nur das Trübsal blasen.
Er furzte laut und das nicht zu knapp,
und löschte im Frust seine Tinder App.

Die starken Winde aus Petrus’ Hintern,
vermögten den Temperaturanstieg nicht mindern.
Im Gegenteil und das ist bewiesen,
es wurden braun die einst grünen Wiesen.

Das Gemüse verdorrte auf Bauerns Feldern,
Grünkohl wurde knapp auf den veganen Tellern.
Der bärtige Hipster Torsten verfiel in Panik,
es drohte für die Veganer eine zweite Titanic.


x
Torsten flüchtete ins heimische Marzahn,
auf Suche nach Grünzeug in seinem Wahn.
Zurück blieb Frau Holle hungrig und hässig,
plötzlich fand sie Instagram nicht mehr so lässig.

Das schlechte Gewisse plagte sie mehr,
den Herrn Gemahl vermisste sie sehr.
Sein Willi war so schlecht auch wieder nicht,
der Bart nicht gepflegt, dafür wild und dicht.

Frau Holle sanft und plötzlich nett,
hüpfte zurück ins Ehebett.
Petrus überdrüssig von den jungen Dingern,
erforschte Gemahlins Höhlen mit den Fingern.

Sie jauchzte, lachte und bekam Schluckauf,
es zogen auf der Erde dicke Wolken auf.
Endlich fiel der grosse Regen,
für alle Lebewesen ein wahrer Segen.

Die Moral der Geschichte ist schnell erzählt,
wenn wir nicht aufpassen sind unsere Tage gezählt.
Tinder, Instagram und Vegan sind gugus,
esst genügend Fleisch, statt ausschliesslich Humus.

Das globale Wetter wird’s Euch danken,
wir können nicht nur Sonne tanken.
Doch das Gemüse sollten wir verteufeln nicht,
Hopfen und Malz sind schliesslich ein Gedicht!

Prosit!

Samstag, Dezember 01, 2018

Vom Vögeln und anderem „auf und ab“

Drei Wochen Flugabstinenz hat durchaus seine Vorteile. Nicht dass ich nicht arbeiten würde, aber die nachtflugfreie Phase kommt einem zwischendurch vor wie Ferien.
Dieses dämmrige Gefühl, als hätte man nonstop zuviel THC geraucht, braucht der Mensch nicht wirklich. Nachflüge sind trotz Schlafgelegenheit und schönen Nordlichtern ein Graus. Der Körper wird seiner Energie beraubt – Energie, die Bergler wie ich lieber auf Skipisten oder Lopien loswerden.

Wenn ich nicht fliege, dann simuliere ich gewöhnlich. Nicht so wie Neymar, sondern richtig seriös in einem Gerät Namens Simulator. Auf Stelzen steht er und wippt bei Gebrauch hin und her wie Frauen in zu hohen Stöckelschuhen. In unserer Firma schulen wir im Moment wie wild Piloten auf die B777 um, da in Bälde zwei neue Exemplare dieses Fliegers in Zürich auf dem Tarmac stehen werden.

Simulator ist für den Instruktor eine äusserst gute Sache. Er sitzt enspannter im Gerät als seine Mitstreiter und profitiert unglaublich von den Fragen und den Fehlern seiner Schüler. Zusammen werden Verfahren eingeübt und die Stoplpersteine identifiziert. Ich darf in diesen Wochen nicht nur neue Piloten ausbilden, sondern auch einen neuen Instruktionskollegen in die Geheimnisse der B777 Schulung einführen. „Fuck the Fucker“ heisst das im Jargon, wird aber selbstverständlich nicht so krass gehandhabt. In dieser Konstellation sind statt zwei einfach drei Personen im Simulator unter Strom. Ich laufe während den vier Stunden im gleichen Meditationsmodus.

Nun bin ich nicht nur Instruktor, sondern auch noch Examiner. Das heisst, ich nehme den Kollegen den halbjährlichen Check ab und verlängere so die Lizenz für ein weiteres Semester. Das geschieht im Namen des Bundesamtes und so bin ich an diesen Tagen auch Bundesangestellter. Es liegt in der Natur der Sache, dass die beiden Geprüften mit höherem Puls in das Gerät einsteigen, als bei einem regulären Flug. Ich versuche, die Kollegen mit einer guten Atmosphäre zu Höchstleistungen anzustacheln.

Bei all diesen Schilderungen fragt man sich berechtigterweise, ob der Schreiberling auch selber mal angespannt oder gar gestresst ist? Ich kann das nur bejahen und blicke nervös auf meinen persönlichen Einsatzplan. Nächste Woche muss ich zum Fliegerarzt und das kommt mit 50+ dem Russisch Roulett ganz nahe.
Ein 50+ Mann ist wie eine 50+ Immobilie. Da und dort quietscht es und manchmal tropft auch ein Hahn. Auch wenn Komplettrenovationen nicht anstehen, sind kleinere Arbeiten immer notwendig. Die Fachärzte – durchwegs jung, motiviert und engagiert – kennen die Leiden eines 50+ Mannes nur aus Lehrbüchern. Dementsprechend kritisch stehen sie den aus meiner Sicht ganz normalen Leiden gegenüber und konsultieren bei jedem kleinen Knacksen ihr Nachschlagewerk, wo genaustens geschrieben steht, ob der Bald-Rentner zum Voll-Rentner wird. Sie selber stehen noch gut im Saft, können noch Sündigen ohne danach drei Tage flach zu liegen und laufen trotz Nikotinsucht noch jeden Tag ein paar Kilometer im Wald. Generationenkonflikt nennt man das und leider sitzen die Jüngeren bei diesem Spiel auf den besseren Plätzen.
Auch diesen Tag werde ich trotz Becherpinkeln und Lizenzdruck irgendwie überstehen.

Danach geht es weiter und das leider auch nicht ganz nach meinem Gusto. Drei Buchstaben stehen auf dem Plan und die drei Buchstaben heissen RGC – „Reccurrent Ground Course“.
Sicherheitstraining heisst das auf Deutsch und es deckt ziemlich genau die Bereiche ab, die mich am wenigsten interessieren. So zum Beispiel der Umgang mit „Dangerous Goods“. Leider haben wir viel zu viel von diesem Gefahrengut an Bord und ich habe leider Gottes auch regelmässig damit zu tun.

Die aus meiner Sicht gefährlichsten Stoffe im Flugzeug sind die Hormone – Hormone der Crew.
Da hat es zum Beispiel charmante Damen im vorderen Teil des Flugzeugs, die mit diesem Gefahrengut unterversorgt sind. Solche Mangelerscheinungen führen in der Regel zu Stimmungsschwankungen, die in Aggressionen ausarten können, wenn die Unterversorgten auf Überversorgte treffen. Solche Überversorgten haben wir ab Mitte des Flugzeugs in rauen Mengen, wobei es in der hintersten Küche von solchen nur wimmelt. Die Überversorgten sind im Gegensatz zu den Unterversorgten überdurchschnittlich stark an sexueller Aktivität interessiert. Es geht ums Vögeln und dabei spielt es kaum eine Rolle, ob gleichgeschlechtlich oder traditionell.
Viel sexuelle Energie konzentriert auf kleinstem Raum gibt im besten Fall Spannungen und im schlechtesten Nachwuchs.
Damit ist bewiesen, dass der Umgang mit eben diesem Gefahrengut genannt Hormone nicht genug trainiert werden kann.
Bei der Vorbereitung auf eben diesen RGC habe ich leider Gottes bemerkt, dass mein Arbeitgeber beim Begriff „Dangerous Goods“ an etwas ganz anders denkt. Schade eigentlich. Eine Schulung zum Umgang mit Unter- und Überversorgen beiden Geschlechts hätte mir als 50+ gut getan.

Nach dem Verfassen dieser Zeilen merke ich, dass ich je mehr ich schreibe, ich die Nachtflüge umso eher vermisse. Nachtlflüge haben den Nachteil, dass man sich danach wie ferngesteuert durch die Landschaft bewegt, haben aber den Vorteil, dass man gratis zu einer Teilbetäubung kommt. Diese Mattheit hat unter anderem zur Folge, dass man stundenlang in einer „Gala“ blättern kann ohne nur einen Satz zu lesen. Diese Mattheit hat aber auch zur Folge, dass man die quietschenden Gelenke und tropfenden Hähne am eigenen Körper vergisst.

So ist die Fliegerei, ein stetes auf und ab….

Donnerstag, November 22, 2018

Buntes Allerlei

Keine zwei Meter von mir putzt eine nette chinesische Frau zwischen den Tischen eine Lache voller Kaffee auf. Verteilt auf ungefährt drei Quadratmeter, hat sich die Mischung aus Milch und brauner Flüssigkeit den Weg in jede Ritze gesucht. Der Schuldige ist schnell gefunden, es handelt sich um den Schreiberling eben dieses Textes.

Es läuft im Moment nicht so rund. Denn neben dem verschütteten Kaffee und dem damit verbundenen Koffeinsturz, habe ich auch noch eine Blase die ausserhalb der Komfortzone drückt. Jeder kennt das Problem. In der unteren Bauchgegend wird die Hose enger und die Hochwasserwarnungen im Organ nierenabwärts melden beim Hirn eine bald notwendige Erleichterung an. Derweil suchen die Augen die Umgebung ab und die Nase prüft das Gefundene auf Praxistauglichkeit. Mit dem erfolgreichen Lokalisieren eines geeigneten Ortes erhöht sich erstaundlicherweise der Druck in der Blase auf ein fast nicht mehr erträgliches Mass. Man begibt sich Richtung gelobtes Ort und während die Bauchgegend auf Druckablass besteht, meldet die Nase grosse  Bedenken an. Auch die Augen unterstützen die kritische Haltung des Riechorgans und protestieren in aller Form. Willkommen in China!
Chinesische Bedürfnisanstalten könnten abweisender nicht sein. Mit etwas mentalem Training kann ich den Blasendruck leicht vermindern und hoffe auf baldige Erlösung im eigenen Hotelzimmer.

Hongkong ist im Moment in seinem Element. Die Stadt scheint am Überlaufen zu sein und in den Strassen kommt man kaum vorwärts. Dann ist zu allem Elend auch noch dieses unsägliche Shoppingwochenende, wo am Donnerstag die Truthähne geschlachtet werden um am Freitag alles schwarz ist. Warum muss die ganze Welt bloss alles aus den USA kopieren? Ich verstehe das nicht. Statt zu motzen müsste ich einheimische Bräuche nach Fernost bringen. Wie wäre es, wenn am 1. März ganz Hongkong Chalandamarz feiern und die Knaben mit Glocken behangen die Henessy-Road auf- und abgehen würden? Mir täte es gefallen.

Heute Abend wird es in der Millionenstadt doppel schwierig. Es werden nicht nur Feiern zum Thanksgiving gestartet, es sind dafür eigens amerikanische Mitbürgerinnen und Mitbürger eingeschifft worden. Und zwar nicht die Schönen und Reichen aus Beverly Hills, sondern die Rauhen und Rohen aus den Vororten und dem mittleren Westen. Es weilen der Flugzeugträger USS Reagan und seine Begleitschiffe im Hafen von Hongkong und die fast 10‘000 Matrosinnen und Matrosen wollen in der Stadt etwas Spass haben. Thanksgiving und die Tatsache, dass die Matrosinnen und Matrosen lustvoll ihre Lust ausleben müssen/wollen/sollen, wird Hongkong heute Abend zu einem explosiven Ort machen. Ich werde auf der Hut sein.
Pech für die hormongesteuerten Seeleute, dass die Behörden neulich in der Stadt eine halbe Million Packungen der heute so wichtigen Kondome konfisziert haben. Gefälscht sollen diese gewesen sein, von Undichtigkeit war zum Glück keine Rede.

Meine Blase drückt noch immer. Dafür ist der Tisch nebenan wieder frisch gereinigt. Bei der Putzfrau habe ich mich höflichst bedankt und noch höflicher entschuldigt. Meine Augen blicken viel zu oft Richtung Toilettenschild, während meine Nase den Toilettenduft ignoriert und die Kaffeeschwaden von Tisch zu meiner Linken förmlich einsaugt. Die Blase droht zu explodieren und der Koffeinspiegel ist auf einem bedenklich tiefen Niveau. Zum Glück bin ich nicht giggerig. Denn das wäre heute Nacht in Hongkong lebensbedrohlich.

Adieu, ich muss!


Dienstag, November 13, 2018

Erstflug

Es gehört zu den schönsten und edelsten Aufgaben eines Instruktors, einen Trainee auf den Erstflug zu begleiten. Meist ist man sich schon vorher im Simulator während der Grundausbildung begegnet und kennt sich dementsprechend gut. Trotzdem spürt man die Vorfreude und die Nervosität des Kandidaten deutlich.
Auch wenn der Kollege bereits tausende Flugstunden auf der A320 verbrachte und Europa bestens kennt, betritt er mit dem ersten Langstreckenflug komplettes Neuland.

Der gleichzeitige Wechsel eines Flugzeugtypen und des Streckennetzes ist mit mehr Hindernissen gespickt, als man auf den ersten Blick erahnen könnte. Auf die technischen Unterschiede und die neuen Notfallverfahren werden die Pilotinnen und Piloten in der Umschulung bestens vorbereitet, die Realität kann aber nur beschränkt trainiert werden. So erstaunt es auch nicht, dass der Kollege nach ein paar Flugmeilen den Funk nicht mehr versteht. Auch wenn das Gegenüber Englisch spricht, ist der Dialekt nicht zuzuordnen. Kauderwelsch in Reinkultur!

Auf dem Weg nach Singapur überfliegen wir unzählige Landesgrenzen und kommen so in den Genuss von unzähligen lokalen Vorschriften. Einige Länder verlangen zehn Minuten vor dem Einflug eine Information, bei anderen muss eine Viertelstunde vor dem Überflug eine Genehmigung der Verteidigungskräfte eingeholt werden. Da es sich bei manchen Ländern nicht nur um Verteidigungsarmeen handelt, ist das Befolgen dieser Vorschriften vorteilhaft. Schnell merkt man auch, dass unsere Alpen gar nicht so hoch und auch nicht so breit sind. Gebirge, die einem schon vom Namen her Angst einflössen, sind auch in der aviatischen Welt Ernst zu nehmen. Was wenn ein Motor ausfällt? Was wenn die Druckkabine eben diesen Druck verliert? Antworten auf diese Fragen sind lebenswichtig, ein Auswegsszenario von Nöten.

Das wusste natürlich auch mein Kollege aus dem Burgenland und bereitete sich dementsprechend gut vor. Sitzt man aber zum ersten Mal eine Etage höher als bis anhin, und hält beim ersten Start fast 330 Tonnen Mensch und Maschine in den Händen, schlägt der Puls dementsprechend höher. Er hat es gut gemacht, das vorweg!

Mit einem „Stift“ zu fliegen, hat aber auch einen grossen Vorteil. Er darf zwangsläufig nur mit einem Instruktor vorne sitzen und da wir nicht zu zweit nach Singapur fliegen dürfen, werden noch zwei weitere Piloten geplant. Man muss kein Raketeningenieur sein um zu merken, dass diese Tatsache einen positiven Effekt auf die Schlafdauer an Bord hat. Lang lebe die Instruktion!

Als wir über dem Golf von Bengalen aus der Koje schlüpften, türmten sich vor uns Gewitterwolken auf. Bis zu 15‘000 Meter hoch können sich diese Dinger in dieser Umgebung auftürmen und demensprechende Energie steckt in ihnen. Der Wetterradar leistet gute Dienste und so erreichen wir Singapur, ohne dass die Passagiere von unseren heldenhaften Ausweichmanövern erfahren.

Singapur ist übrigens eine Stadt mit mehr als 400 Gewittern im Jahr. 400 Gewitter? Ich weiss auch nicht wie die Fachmänner und – frauen das zählen, doch die Zahl zeigt deutlich, dass es jeden Tag mindestens einmal passiert und das meist zum Zeitpunkt unserer Landung.

So auch dieses Mal. Ab in die Warteschlaufe und Geduld beweisen. Was in Zürich nach einer übertriebenen Treibstoffreserve aussah, entpuppt sich jetzt als Segen. Gut hat sich der alte Kapitän mit seiner Erfahrung durchgesetzt… Der Treibstoffvorrat schmilzt wie der Oktoberschnee an der Sonne. Dass auch beide Ausweichflughäfen vom Gewitter betroffen sind, macht die Situation noch etwas anspruchvoller.
Leichte operative Hektik ist auch bei den Kontrollern am Boden zu spüren. Während dem Anflug wird vier mal die Piste gewechselt. Das bedeutet vier Mal den Bordcomputer umprogrammieren, vier Mal die Eingaben kontrollieren und vier Mal den Anflug und Durchstart besprechen. Mein Kollege hätte sich vor der Landung lieber etwas mehr Konzentrationsphase gewünscht, statt mehrmals die Kiste mit neuen Daten zu füttern.

Irgendwann schaut dann die Flugzeugnase dennoch Richtung Landebahn und es wird ruhiger im Cockpit. Der Kollege hält den verlangten Anflugwinkel präzise ein und steuert das nun noch 230 Tonnen schwere Flugzeug mit feinen Steuerausschlägen Richtung Boden. Ein böiger Seitenwind gibt der Aufgabe noch zusätzlich Würze und die Thermik sorgt für vertikale Abwechslung. Mein Kollege schwitzt, macht es aber ausgezeichnet. „Fifty – fourty – thirty – twenty – ten“ – er landet perfekt und sanft zum ersten Mal in Singapur. Fünf Minuten später sind wir am Standplatz und ich klopfe einem glücklichen Kollegen anerkennend auf die Schultern.

Welcome to Singapore! Welcome on the B777 Fleet!

Sonntag, Oktober 21, 2018

Winterhelden


Eine traumhafte Herbstlandschaft zieht am Zugfenster vorbei. Die Wälder leuchten in goldenen Farbe, der Himmel ist blau und die Bergspitzen strahlen in der Abendsonne.

Noch vor ein paar Stunden sass ich dick eingehüllt auf der Terrasse des Gipfelrestaurants der Diavolezza und hörte im Hintergrund das Summen der Schneekanonen. Vor mir der Morteratsch Gletscher und dahinter der höchste Bündner, der Bernina. Der weisse Streifen der Skipiste weckte in mir die Sehnsucht nach Schnee, viel Schnee.

Nun sitze ich wie gesagt im Zug nach Zürich und befasse mich mit eben diesem weissen Element. Was in der Tourismusbranche ein Segen ist, macht der Fliegerei regelmässig Probleme. Schnee, Kälte und feuchtes Klima rund um den Gefrierpunkt können das System Luftfahrt ziemlich an den Anschlag bringen. Da hilft nur gute Vorbereitung und dass diese Vorbereitung auch pflichtbewusst gemacht wird,  schaut uns der Regulator auf die Finger. Im Gegensatz zum Strassenverkehr müssen wir Piloten jedes Jahr einen Test absolvieren und damit dem Bundesamt beweisen, dass wir mit den garstigen Bedingungen während eines Wintertags auch zurechtkommen. Und genau diesen Test absolviere ich bei bestem Herbstwetter in der RhB im Albulatal.

Doch sind wir ehrlich, wenn es draussen schneit und stürmt, der Schnee über den Vorplatz fegt, die Bodenmannschaft dick verhüllt Gepäck einlädt, die Putzmannschaft leicht bekleidet die überheizte Kabine verlässt und Sekunden später schockgefroren ihr Fahrzeug besteigt, und die Mechaniker mit klammen Fingern Motorenöl nachfüllen, sitzen wir Piloten kurzärmlig im warmen Cockpit, schlürfen einen Espresso und ärgern uns über dies oder das. Helden sehen anders aus, Helden agieren anders.

Einer dieser Helden hat mit vor ein paar Wochen einen Memory Stick ins Postfach gelegt, der eindrückliche Bilder von einem winterlichen Abenteuer enthielt. Ein Abenteuer, das weltweit in aviatischen Kreisen sehr viel Aufmerksamkeit erregte und deren Ausgang besser nicht hätte sein können. Anfangs Februar 2017 war eine B777 gezwungen, im kanadischen Territorium Nunavut eine Zwischenlandung zu machen. Ein Triebwerk versagte den Dienst, an einen Weiterflug nach Los Angeles war nicht zu denken und als einzige Landemöglichkeit kam der Flugplatz Iqualit in Frage. Iqualit, eine Stadt mit knapp 7000 Einwohnern und Wintern, die ihrem Namen noch alle Ehre machen.

Das defekte Triebwerk musste ausgewechselt werden und das fernab von der heimischen Werkstatt. Eine grosse logistische Herausforderung! Ein sehr wichtiger Teil dieses logistischen Grossunternehmens war das Team von Mechanikern, die sich in Zürich auf den Weg Richtung Kanada machten, um das defekte Triebwerk zu ersetzen. Der Teamleiter hat mir erlaubt, Bilder dieses Abenteuers an dieser Stelle zu veröffentlichen. Es ist mir eine Ehre dies zu tun und ich kann nicht genug betonen, wie ich die Arbeit, die Ausdauer, die Härte und die Professionalität des Teams vor Ort in Iqualit bewundere. Noch einmal ganz herzlichen Dank an alle Beteiligten!



Anmerkung: Die Bilder sind von Eric R.; die Bildlegenden habe ich verfasst, bzw. von einer Präsentation von Eric übernommen.
wo liegt bloss dieses Iqualit?

Impressionen vor Ort

etwas Wärme braucht auch das defekte Treibwerk

16:00 Uhr; gemessene Temperatur: -36°C (Windchill -58°C)

Engine Cowl abmontieren


Den Elementen ausgesetzt

Gezeichnet von der Kälte

Die Fahrwerkhydraulik musste aufgewärmt werden

Zelt, das vor der Kälte schützte

Anspruchsvolle Arbeit mit einem Lächeln ausgeführt.

Abtransport des defekten Triebwerks

ununterbrochene Fahrwerkbeheizung

Vorwärmen des Motors vor dem ersten Standlauf
High Power Testlauf auf der Piste
scheint alles in Butter zu sein
Rückflug nach Zürich

Donnerstag, Oktober 18, 2018

Alpines Simulatorzentrum Samedan

Wenn die Pilotenausbildung am Anschlag läuft, dass sind die Instruktoren selten im Flugzeug anzutreffen. Wo Lizenzen erworben und Kompetenzen erarbeitet werden, sind Prüfer und Lehrer nicht weit. Das heisst für die betroffene Berufsgruppe Automatenkaffee statt Espresso, pampige Sandwiches statt Baliklachs, Motorenausfälle statt ruhiger Dauerbetrieb, harte Landungen statt weiches Aufsetzen und Nebel –  sehr viel Nebel.

Im Simulator ist der Nebel mit einem Knopfdruck weg, ausserhalb des Schulungszentrums bleibt dieser hartnäckig stehen. Die Wolkenuntergrenze kommt den Bäumen im Hardwald bei Opfikon bedrohlich nahe und die morgentliche Joggingrunde im Wald wird ohne Nebelhorn zum gefährlichen Spiessrutenlauf.

Dabei gäbe es einen einfachen Ausweg aus dem Nebeldesaster! Erstaunlich, dass noch niemand auf die brilliante Idee gekommen ist! Lasst uns im Engadin ein alpines Simulatorzentrum erstellen. Über 340 Tage im Jahr Sonnenschein; eine Bergwelt, die einem den Atem verschlägt; ein Flugplatz, der gerne ein neues Gebäude erstellen würde, aber noch nicht weiss, wie er es füllen soll; eine bestens ausgestattete Hotelinfrastruktur; Sportmöglichkeiten in Hülle und Fülle und vieles mehr. Im Engadin gibt es Brauereien und Kaffeeröster, im Engadin gibt es auch Zuckerbäcker, die ihr Handwerk verstehen und lieben. Die vielsprachigen Engadiner empfangen die lernwilligen Piloten aus aller Herren Länder mit offenen Armen. Selbst der Frust nach einem misslungenen Check könnte mit dem fast einheimischen Braulio oder dem einheimischen Iva, gepanscht mit Reinalkohol aus Livigno, problemlos gestillt werden.

Die Flugmusik – in der Umgangssprache auch Fluglärm genannt (was nachweislich falsch ist), würden wir im Unterland lassen. Die Kandidaten sollen sich im Zug ins Engadin auf die anspruchsvollen Lektionen vorbereiten. Seit die RhB die Patschifig-Abteile eingeführt hat, reduzierte sich die Anzahl stinkender Wandersocken in den Zugsabteilen signifikant.

Auch das Nachtleben würde profitieren. Fliegerbars würden entstehen, in denen auf Grossleinwänden im Dauerbetrieb Filme von missratenen Flugzeugträgerlandungen gezeigt würden und für die harten Jungs der Branche gäbe es hinter der Theke im Engadin hergestellten Schnupftabak. Ob die heiklen Tabakpflanzen im Engadin gedeien weiss ich nicht, im Notfall könnte man Steinbockscheisse trocknen, mit etwas Arvenöl vermischen und den Mix in edlen Blechdosen an die zahlungskräftigen Flieger verkaufen. Die ziehen alles in die Nase, Hauptsache der Tränenkanal bleibt dabei feucht.

Da im Engadin der Frauenanteil im Ausgang nur während der Hochjagd den Ansprüchen der jungen Pilotenschaft entspricht, wäre eine Verlagerung des Flight-Attendant-Trainings ins Hochtal wünschenswert. Man könnte das Notwassern im Hallenbad St. Moritz üben, den anspruchsvollen First-Class-Service in einem der grossen Häuser perfektionieren und im einmaligen Licht des Engadins den richtigen Sitz des Lidschattens ergründen. Damit die Instagram Accounts auch im Millisekundentakt gefüllt werden können, werden da und dort im Engadin bereits Glasfaserkabel verlegt. Bedarf sehe ich noch beim Angebot an veganen Speisen. Vielleicht aber stirbt diese Modeerscheinung bald aus und die Damen der Lüfte dürfen wieder Währschaftes verspeisen, ohne viral geköpft zu werden.

Neben den optimalen Rahmenbedingungen wäre der Fachnutzen für die Ausbildung der Flugbesatzungen gross. Nehmen wir das Beispiel Druckabfall. Ein lebensgefährliches Szenario, das in Kloten auf 400 Meter über Meereshöhe geübt wird. Die Probanden ziehen Sauerstoffmasken an, während der sich Instruktor aus Langeweile einen Schnupf genehmigt.
Dabei ist es eminent wichtig, dass Piloten und Flight-Attendants die Wirkung von Sauerstoffmangel am eigenen Körper spüren. Druckkammern sind ein Ansatz, die Fahrt auf den Corvatsch die Lösung!
Während der Gondelfahrt kann der Druck auf die Ohren durch Gähnen oder das Malträtieren eines Kaugummis vertieft und auf 3303 Meter über Meer, die körperliche Anstrengung auf dieser Höhe eingeübt werden. Dazu stehen diverse Skilifte und andere Infrastrukturen zur Verfügung.

Fazit: Das Engadin und die Fluggesellschaften der Star Alliance würden profitieren, das Gewerbe würde belebt und die Gasthäuser hätten 365 Tage im Jahr ein volles Haus.

Natürlich stellt sich die Frage nach der Finanzierung des ganzen Projektes. Doch auch da habe ich eine geniale Lösung zur Hand. Neben dem neuen Simulatorgebäude müsste man ein klitzekleines Zollfreilager erstellen und zwar für ein paar Bilder von Herrn Schwarzenbach. Lagert dieser bekennende Fan vom Flughafen Samedan nämlich seine Kunstwerke in eben diesem Lager, spart er Steuern und kann das gesparte Geld in das alpine Simulatorzentrum Samedan investieren, was sich wiederum an den Steuern abziehen lässt.

Ich schicke meinen Vorschlag an den neuen Gemeindepräsidenten von St. Moritz. Er ist zwar nicht die richtige Ansprechperson, aber das weiss er zum Glück nicht.