Mittwoch, Juli 11, 2018

Passagiere und ihr Gepäck

NZZ vom 11.7.18


Lachen oder Weinen? Staunen oder Schmunzeln? Als Pilot ist die Antwort klar: Wer nicht ein Mindestmass an Intelligenz besitzt, gehört nicht in ein Flugzeug. Das sollte nicht nur für die Crew gelten.

Läuft man durch die Flughäfen aller Länder, dann sieht man überall die gleichen Bilder: Die Koffer werden grösser, nein gigantisch. Scheinbar muss der sensible Mensch von heute alles auf das Flugzeug mitnehmen. Amerikaner ihre Streichelhunde, Teenager ihre Powerbars mit Stromreserven, um eine Woche im Dschungel ohne Steckdose zu überleben. Frauen fehlt oft die Coolness, ohne Morgen-, Mittags, Abend- und Nachtcreme einen Flug von ein paar Stunden Länge anzugehen. Verwöhnte Teenager brauchen überdimensionale Kopfhörer, das iPad und das Kuschelkissen aus der Wiege. Wo führt das hin? Genau, zu überfüllten Kabinen mit Gepäckablagen, die zu platzen drohen.
Leute, diese Gepäckablagen wurden einst für Hüte und Mäntel konzipiert und nicht für Eure Shoppingsünden.

Dabei ist die Logik des Reisens ganz einfach. Je grösser das Gepäck, je weniger hat jemand sein Leben im Griff. Es braucht ein gewisses Mass an Selbstvertrauen, eine Reise mit minimalem Gepäck anzutreten. Es braucht auch ein gewisses Mass an Reisevorbereitung, damit man nicht für alle Klimazonen Kleidungsstücke mitnehmen muss.

Die Crew hat auch keine Lust, das viel zu schwere Handgepäck zu verstauen. Auch wir haben Rückenprobleme!

Wussten Sie übrigens, dass es wegen genau ihrem Handgepäck Verspätungen gibt? Wegen des mühsamen Umladens und Verstauen eben ihres Handgepäcks werden die Türen zu spät geschlossen und folglich die Startfenster verpasst. Verspätungen sind die Folge und es muss schneller geflogen werden, damit die Handgepäckschlepper am Zielflughafen mit minimalem Delay ankommen. Das kostet Geld, Nerven und schädigt die Umwelt.

Liebe Passagiere: Schaltet Euer Hirn ein beim Packen, nehmt Eure Verantwortung als Eltern wahr und setzt Euch durch, wenn es darum geht, das Minimum an Gepäck mitzunehmen. Die Ferien hängen nicht von der Anzahl gerissener Jeans im Gepäck ab, sondern von Eurer Bereitschaft, das Gastland respektvoll zu entdecken.

Klinge ich für einmal gereizt statt humorvoll? Vielleicht bin ich gereizt, aber wütend sicher nicht. Wütend werde ich erst, wenn ein Passagier von mir verlangt, dass ich sein Hab und Gut ins Hatrack lade. Liebe Leserinnen und Leser vermeiden sie das tunlichst.



Donnerstag, Juli 05, 2018

Warum Sie nicht in die Ferien fliegen sollten

Seit ein paar Wochen bin ich bei WhatsApp. Ich musste, ich wurde gezwungen. 
Unglaublich, wie schnell sich die Neuigkeit verbreitete. Aus aller Welt bekam ich Nachrichten, Bilder, Sprüche, Viren, Videos und ab und zu auch ein paar persönliche Zeilen.

So auch von einem guten Freund, der die Reise seines Lebens machte. Diese begann mit einer Zugfahrt an die Flughafen, wo er drei Stunden vor der Abflugzeit eintraf. Nach Gepäckaufgabe, Sicherheitskontrolle und einem Kaffee im Stehen, durfte er endlich das Flugzeug betreten. Nach zehn Stunden Flugzeit in der immer gleichen Kauerstellung erreichte er sein erstes Zwischenziel. Zollformalitäten, Sicherheitskontrolle, neuerliches Einchecken und wieder ein Kaffee im Stehen liessen die drei Stunden Umsteigezeit wie im Fluge vergehen. Der Weiterflug dauerte nur vier Stunden, was gemessen an der Gesamtreisezeit zu vernachlässigen war. 
Am Zielflughafen eine halbe Stunde auf das Gepäck gewartet, noch eine halbe Stunde an der Autovermietung und eine weitere halbe Stunde im Stau auf der Ausfahrtsachse.
Nach drei Stunden Autofahrt endlich die Leuchtreklame des Mountain Inn in Sichtweite. Er checkte ein, fiel erschöpft auf das Bett und schlief ganze drei Stunden durch. Warum nur drei Stunden wenn er doch so müde war? Ach ja, die Zeitverschiebung...

Am nächsten Tag nach der ersten Wanderung schickte er mir ein Bild via WhatsApp und schrieb dazu: "Diese Landschaft hier in Kanada ist einfach unglaublich, wenn nur die Mücken nicht wären."
Auf den ersten Blick dachte ich, er schicke mir ein Bild vom Lej Cavloc. Die Berge sahen gleich aus, das Wasser war gleich blau, Bären hat es auch immer wieder, nur Mücken fehlen hier im Engadin komplett.

Ich antwortete umgehend: "Bin auf einer Wanderung im Engadin. Wetter auch perfekt, Landschaft sowieso, Mücken keine, geschlafen 9 Stunden. Bei mir schaut es aus wie bei Dir... Warum reist Du eigentlich so weit, wenn das Paradies so nahe liegt?"

Folgende Bilder legte ich der Nachricht bei:
Aufstieg von Surlej zum Hahnensee
Lej Nair am frühen Morgen

Fleurop Engadin

 so sieht schlechtes Wetter im Paradies aus

Holzklasse auf der Furtschellas

Apéro auf Muottas Muragl

Gipfelglück

Einheimisches Wild


Er antwortete nicht mehr....

Und Sie liebe Leserinnen und Leser. Habe ich Sie überzeugt? Sparen Sie Geld, Zeit und Nerven und machen sie im Paradies Ferien

Hier gibt es alles ausser schlechte Ansagen aus dem Cockpit :-)



Donnerstag, Juni 21, 2018

Dobbel iu

Ich bin in einem Land, in dem diplomatische Worte ihre Wichtigkeit verloren haben. Hätte ich vor ein paar Jahren noch in gepflegten Sätzen beschrieben, wie es draussen gerade regnet, kann ich nun getrosst Gossensprache verwenden: Es pisst und zwar wie aus Kübeln! Was für eine Gelegenheit, wieder einmal ein paar Gedanken zu Papier zu bringen.

Zeiten ändern sich, Plätze auch. Leute verschieben ihre Prioritäten und verlieren dabei manchmal sogar ihren Ruf. So wie ich gerade, als ich mich unschick ausgedrückt habe.

Selbst eine Stadt kann seinen Ruf verlieren. Das nicht unbedingt in allen Bevölkerungsschichten, sehr wohl aber in kleinen Gruppen wie zum Beispiel Flugzeugbesatzungen. In der Regel haben wir mit anderen Besatzungen wenig Kontakt, zumindest wenn man wie ich kein Tinder-Konto besitzt. Anders hier in Chicago. Chicago hat die 69. Diese Zahl steht nicht in Zusammenhang mit Aktivitäten, die auf der eben genannten Plattform vereinbart werden können, 69 steht in Chicago für den einen (!) Schalter, wo Besatzungen die Einreiseformalitäten erledigen dürfen. Der geneigte Leser erkennt, dass für Passagiere deren 68 Linien bereitstehen, für Crews genau eine.

Die Warteschlange führt um drei Ecken in einem Gebäude, dass bereits bei der ersten Mondlandung veraltet war. Man ist konsterniert, frustriert und ein bisschen übermüdet. Die Passagierschlangen ziehen an einem vorbei und werden genau beobachtet von Uniformierten, die einen grossen Teil ihrer verfügbaren Denkkapazität darauf verwenden, grimmig auszusehen. Zu mehr reicht der es häufig nicht.
Der West Jet Capitän vor mir nimmt es gelassen. Er habe heute erst fünf Legs hinter sich und freue sich auf zu Hause, meinte er sichtlich gut gelaunt. Ob er dieses Theater jeden Tag über sich ergehen lasse?, fragte ich interessiert und er nickte. Vor der West Jet Crew die verschleierten Mädels vom Emirates. Der verschlafene Captain aus der Wüste sieht noch müder aus, als er im Anflug auf der Funkfrequenz geklungen hat. Ob bei uns „Chicago“ auch ein Schimpfwort sei?, wollte er von mit wissen. Noch nicht, meine knappe Antwort.
Nice chicks!, sagt er im schlüpfrigen Ton, drückt dabei ein Auge zu und schaut lüstern Richtung unserer Mädels. Tinder scheint in den Emiraten gesperrt zu sein.

Das Gebäude leert sich langsam. Vor den Einreiseschaltern warten nur noch die Einwohner von Schurkenstaaten, die es erfahrungsgemäss in diesem seltsamen Land etwas schwieriger haben.

Wir haben den ersten Corner erreicht und der Blick auf die nächste Etappe wird frei. Ohalätz, eine Eva Air Crew. Mindestens 20 Flight Attendants, alle mit dem gleichen Haarschmuck, der gleichen Frisur, der gleichen Grösse, der gleichen Figur und dem gleichen Lächeln sind vor der Emirates Crew aufgereiht. Man fragt sich bei diesem Bild, ob die armen Mädels bei der Selektion durch eine Schablone laufen müssen. Wer ohne Berührungen durchkommt, darf bleiben…

Betty, die erfahrene Hostess der West Jet Crew nimmt ein Sandwich aus ihrem Crewbag, das die Dimensionen ihres Unterarms übersteigt. Die abgemagerten Mitarbeiterinnen von Emirates und Eva Air schauen mit einem Mix aus Begierde und Entsetzen auf die doch etwas füllige Kollegin, die genüsslich die kleine Zwischenmahlzeit verdrückt und in regelmässigen Abständen mit dem Uniformärmel die Mundwinkel von der Sauce befreit. Immerhin ist wieder für fünf Minuten Gesprächsstoff gesorgt.

Mittlerweile stehen wir geschlagene 45 Minuten in der Reihe und noch immer fehlt eine 90 Grad Kurve um die nächste Ecke. Die Halle wird immer leerer, es scheinen nur noch die Nordkoreaner herum zu stehen. Derweil ist die Crewwartelinie noch länger geworden. Hinter uns sind die Damen der ANA in die Warteschlaufe eingebogen. Ich versuche Smalltalk zu machen. Die junge Hostess gibt mir einen Korb. „Solly Captain, no speak English…“. Das kennen wir sonst nur von Alitalia…

Nach einer Stunde und 12 Minuten stehe ich an der Ziellinie. Der Kauz hinter dem Schalter schreit mich an, was mir bei meiner Schwerhörigkeit ziemlich egal ist. Ich wurde 1986 in der Grenadierschule in Isone an zahlreichen Waffen ausgebildet, die gegen jede Genfer Konvention verstossen und ich dank des intensiven Training noch immer fehlerfrei bedienen könnte. Ich habe ein intensives Nahkampftraining genossen, bei dem wir nicht wenige Schläge beigebracht wurden, die fatale Folgen für mein Gegenüber hätten. Doch dieser Schwererziehbare in der schwarzen Uniform und der mentalen und körperlichen Konstitution von Neymar, hat nichts anderes verdient, als Ignoranz und Freundlichkeit. Ich lächle ihm ins Gesicht und ignoriere ihn danach genüsslich.
Sicher ist die mitlesende Kommunikationsabteilung (hoi zäme!! Hopp Schwiiz!!) meiner Firma froh, dass ich nach aussen ein ruhiges Gemüt habe. Nicht auszudenken, was die Praktikantinnen bei den Online Presseerzeugnissen wieder geschrieben hätten, wenn ich meine 1986 antrainierten Fähigkeiten eingesetzt hätte.

Die nächste Etappe der Odyssee steht an.
Als die Koffer im Bus verladen waren, fuhr die Klapperkiste genau 10 Meter staufrei. Für die nächsten 75 Minuten sollte es das letzte Mal sein. Gut gibt es Podcasts, gut habe ich mein iPad dementsprechen mit Sendungen beladen. Die junge Dame, die sich aus Platzgründen neben mich gesetzt hat, durfte mit mir den Kopfhörer teilen und so wanderten wir zusammen mit Nik Hartmann durch das Gasterntal. Nach der Heimatsendung folgte eine Episode Kassensturz. Es wurden Bakterien auf Sushi gezählt. Zugegeben, nicht unbedingt die beste Sendungswahl, wenn man eine hübsche Dame Anfangs 20 beeindrucken will. Mir war das egal, besser zusammen mit Kassensturz Durchfallbakterien zählen, als im Bus einnicken und die Schulter der jungen Dame mit Speichel beschmutzen.

Geschlagene 3 Stunden und 45 Minuten nach der Landung endlich im Hotel. Weder ein kaltes Bier, noch die 14 Kolleginnen hatten mehr Anziehungkraft als das weiche Kissen im Zimmer 709. Ich fiel ins Koma.

Nach einer langen Nacht und einer Joggingrunde am See sitze ich nun im Kaffee und schaue nach draussen wie es pisst (bewusste Wortwahl, dem Lokalsitten angepasst). Mit fehlt es an „dobbel iu“. Und zwar nicht das klassische „dobbel iu“ das den Buchstaben W beschreibt, es ist vielmehr ein doppeltes U. Uber und Umbrella – beides nicht zur Hand. Das ist schlecht wenn man bedenkt, wie es in Chicago im Moment gerade pisst!

Donnerstag, Mai 17, 2018

Zeitdruck

Druck ist gut, Druck fordert und fördert. In genau 18 Minuten muss ich beim Apéro erscheinen. Das bedeutet 10 Minuten für diesen Text, drei Minuten um ihn bei diesem langsamen Netz hochzuladen, eine Minute zum Wasserlösen, 20 Sekunden zum Händewaschen und drei Minuten 40 Sekunden zum Liftfahren. Habe ich richtig gerechnet? Egal. Die Buchstaben müssen auf das Papier bzw. den Bildschirm.

Draussen auf den Strassen in Sao Paulo das übliche Chaos. Stau wo man hinsieht und Smog in allen Ecken. Die Leute sind genervt und gestresst – wo bleibt da die Brasilianische Leichtigkeit?

Nein, das ist nicht meine Lieblingsdestination. Der Flug ist lang, die Nacht tiefschwarz und das Wetter über Afrika und dem Südatlantik unruhig und gefährlich. Geschlagene zwei Stunden dauert die Busfahrt vom Flughafen zum Hotel und das Wetter will auch hier nicht ganz mitspielen.

Schneckentempo in Brasilien. Das will zu diesem Text nicht so recht passen, wo jeder Fehlgriff auf der Tastatur Zeitverslust bedeutet. In der Regel habe ich vor dem Schreiben einer Geschichte zumindest im Ansatz eine Idee, um was es sich in der Story handeln soll. Nicht selten verlasse ich meinen ursprünglichen Plot und lande ganz wo anders.

Zum Glück fliege ich nicht so.

Noch zehn Minuten.

In genau zehn Minuten erwartet mich die Crew. Hungrig sind sie alle, durstig auch, müde sowieso. Trotz Zeitverschiebung werden wir unseren Mägen ein halbes Rind zumuten und die Verdauung mit etwas Caipirinha anregen. Es wird gelacht, geredet, da und dort geflirtet und ich bin bei meiner pilotisch und altersbedingten Schwerhörigkeit froh, wenn ich die Hälfte aller Gespräche mitbekomme.

Noch acht Minuten; hoffentlich habe ich nicht zuviele Tippfehler gemacht. Zur Korrektur reicht es nicht mehr.

Noch drei Sätze mehr? Noch eine unerwartete Pointe, ein schlüpfriges Geständnis? Sorry, das passt nicht mehr in das enge Zeitkorsett. Ich muss -, ich muss wasserlösen, Händewaschen, auf den Lift warten, Apéro geniessen, Fleisch essen und vielleicht etwas flirten.

Gute Nacht zusammen. Noch 10, 9, 8, 7, 6 …

Freitag, Mai 11, 2018

Achtung Werbung - die ersten Schritte als Influenzer


Pilot sein heisst nicht zwingend, dass man die ganze Zeit in Flugzeugen oder Hotels herumlungert, man ist auch zwischendurch einmal zu Hause.

Wobei «zu Hause» für mich seit einem Jahr eine ganz neue Bedeutung hat. Als Neo-Engadiner mit Arbeitsort 8058 Zürich-Flughafen liegt der Konflikt auf der Hand. Selbst mit der pfeilschnellen und überpünktlichen RhB schaffe ich es nicht zeitig an jeden Event, den mir meine Firma geplant hat. Ein Zweitwohnsitz musste her, ich wurde Wochenaufenthalter.

So hat mich der Zufall und viel Glück nach Opfikon verschlagen, wo ich die feine Steuerführung meiner Kollegen ganz bequem aus dem Liegestuhl beobachten kann. Die fliegen so tief über meine Birne, dass ich die Flugzeugtypen nur an der Anzahl Nieten unterscheiden kann. Ein Paradies für Flugzeugfans!

So ein Mietshaus hat grosse Vorteile gegenüber einem Eigenheim: Man ist nie alleine. Als wir neulich zusammengesessen sind (kommt sehr selten vor), kamen wir zum Schluss, dass es im Haus von Genies nur so wimmelt und wir eigentlich ein Startup gründen sollten. Wir haben Finanzexperten (Hallo Mathias, gugguseli Ale), eine Innenarchitektin mit einer gewissen Nähe zu den Beatles (gäll Domi), IT-Genies (Simon und der Kollege aus der Attika), den Multi-Media-Mann mit dem grössten Fernseher aber ohne Team an der Fussball-WM (Ciao Sergio) und die Social Media Frau schlechthin (Ljubi sei gegrüsst). Als unschlagbares Security-Duo amten Coco und Jack und als Chauffeur stelle ich mich zur Verfügung. Fast hätte ich unser Catering-Team Nici und Raphi vom Frohsinn vergessen, doch zu ihnen später.

An einem dieser Abenden lernte ich, was ein Influenzer ist. Dass da auf meinem aviatischen Blog Potential für Ruhm und Reichtum schlummert, merkte ich sofort. Das Social Media Genie (Ljubi!!!) brachte mich schnell auf den Boden der Realität zurück, doch sie unterschätzte meinen Willen und meine Ausdauer. So versuche ich in diesem Beitrag, ohne dass die Leserinnen und Leser es merken, etwas Werbung zu verstecken. Damit bin ich jetzt auch ein Influenzer!

Ich möchte ihnen an dieser Stelle mein Zweitwohnort Opfikon ein bisschen vorstellen und beginne gleich mit dem Restaurant Frohsinn bei mir um die Ecke. Ein Gasthof, den es leider in dieser Form immer weniger gibt. Wenn sich Beizer wegen fehlenden Gästen beklagen, dann müssen sie nicht den Bumann um Hilfe bitten, sondern einmal ganz entspannt im Frohsinn vorbeischauen. Was hier an Freundlichkeit und Qualität geboten wird, sucht seinesgleichen. Die Besitzer sind keine Gastronomen, sondern Gastgeber. Das Personal arbeitet nicht einfach im Frohsinn, sie fühlen sich wohl und die Köche beherrschen das Handwerk der Frischzubereitung aus dem Effeff. Die Portionen sind gross, die Preise nicht, die Küche ist einheimisch und international zugleich, die Gäste auch.

Wer auf der Terrasse oder dem Gastraum keinen Platz findet, der ist in der Lounge-Bar willkommen. Liebe Leserinnen und Leser, mit dem Bus 759 erreichen Sie den Frohsinn in sechs Minuten, das ist genau so lange, wie sie im Mc-Donalds auf ihr Happy Meal warten. Sechs Minuten ihres Lebens, die sie nicht bereuen werden. Wenn die Franzosen oder Tifosi wieder einmal streiken und ihr Flug nach irgendwo verspätet ist, geniessen sie vor ihrem Abflug eine Köstlichkeit aus dem Hause Frohsinn. Wenn sie Freunde und Bekannte an den Flughafen chauffieren, bedanken sie sich bei ihren Liebsten mit einem Gaumenschmaus aus dem Hause Grimm. Die Ferien beginnen nicht am Flughafen, sie beginnen in Opfikon kurz vor dem Kreisel!

Zurück zur Villa P, wo ich Zweitheimischer bin. An so einem Zweitwohnsitz spielt der Briefkasten eine untergeordnete Rolle. Rechnungen und Mahnungen landen am Erstwohnsitz und persönliche Briefe auch. Zweitwohnsitzbriefkästen sind nur für Werbung da – und zwar ausschliesslich.

Interessiert durchforstete ich heute Morgen die vielfarbigen Prospekte. Ein Getränkehändler warb für seine Dienstleistungen und erinnerte mich daran, dass mein Vorrat an hopfenhaltigen Getränken eine beängstigende Grösse angenommen hat. So machte ich mich auf ins Nachbardorf und lud einen Kasten Chopfab Pale Ale Bleifrei auf den Einkaufskarren. Der Kassierer, freundlich und gepflegt, frage mich folgenden Satz: «Hast du Nuss Leder?»

Ja, ich gebe es ja zu, meine Nüsse sind etwas ledrig aber ich denke das ist in meinem Alter normal. Trotzdem muss ich ihm das nicht auf die Augen binden.

Er wieder: «Hast du Nuss Leder?»

«Entschuldigen sie, ich verstehe die Frage nicht.» Die Frau hinter mir in der Kolonne greift zu einem Nastuch und tupft sich die Tränen ab.

«Ich weiss nicht was sie meinen…»

Er greift unter den Tresen und reicht mit eben diese Werbung, wegen der ich das Verkaufslokal betreten habe. «Das ist unser Nuss-Leder mit einem Coupon für ein Viererpack Tonicwasser.»

Ich werde in Zukunft die Newsletter genauer lesen.

Nun bin ich bereits am Ende meines Berichts als Influenzer und habe tatsächlich die versteckte Werbung vergessen. Nun ja, wenn ich sie schon angekündigt habe, kann ich sie ja nicht mehr gut verstecken. Darum Achtung: Es folgt jetzt Werbung:

Morgen ist in Wallisellen Chasperli-Theater. Kommt Ihr auch?


Sonntag, April 29, 2018

Groudhog Day – und täglich grüsst das Murmeltier

Manchmal komme ich mir wirklich vor, wie Bill Murray im Klassiker von 1993. Es ist wieder einmal Sonntag, ich sitze wieder einmal in einem Starbucks, der Schweiss läuft immer noch und ich bin einmal mehr in Bangkok.

Es könnte schlimmer sein. Ich mag den Starbuckskaffee, es gibt gähnenderes als die südostasiatische Metropole und manchmal habe ich echt das Gefühl, dass Bill Murray mein eigenes Leben spielt. Erinnern Sie sich an den Film „Lost in Translation“. Vermutlich nicht, denn den Film finden nur die genial, die wie ich viele schlaflose Nächte in Japan verbrachten und während des Tages wie auf Drogen durch das irre und wirre Tokio streunten.

Doch wie sieht eingentlich so ein Groundhog Day eines 52-jährigen Flugkapitäns aus? Im Gegensatz zu der jungen Generation bevorzuge ich Tageslicht. So beginnt mein Tageswerk gegen 7:30 Uhr in der Früh. Zu Hause sind um diese Uhrzeit noch nicht einmal die Bäcker wach, aber das stört mich wenig. Nach einem kleinen Frühstück und 10km auf dem Laufband…

Sind sie noch dabei? Langweilig, oder?

Wenn sich auf dieser Seite jemand durch den Tagesablauf eines alten Kapitäns liest, dann nur in der Hoffnung, dass irgendwann die Pointe oder eine schlüpfrige Anspielung kommt. Es ist Sonntag und ich möchte der Leserschaft nicht die wertvolle Familienzeit stehlen. Also kommen wir ohne Umschweife zum Thema, mit dem ein männlicher Besucher in Bangkok zwangsläufig in Berührung kommt: Der Massage mit Happy End.

Sie wissen nicht was ich meine? Dann können Sie an dieser Stelle getrost den Artikel beenden und weiter in der Sonntagszeitung blättern.

Allen anderen Männern sage ich in aller Deutlichkeit: Schämen Sie sich! Spass bei Seite, kommen wir zum Thema.

Bangkok bedeutet für mich viel Sport. Ich laufe während meines Aufenthalts mindestens 30km auf dem Laufband, vertreibe mir so die Zeit und arbeite gleichzeitig an der Ausdauer, die ich zu Hause bei meinen zahlreichen Outdoor Abenteuern gebrauchen kann. Die Muskeln werden strapaziert, sind verhärtet und auch müde.
Wenn man dann noch zusätzlich stundenweise in der schwülen Hitze durch die Strassen schlendert, dann kann man den zahlreichen Institutionen, die Massagen in allen Formen anbieten, kaum widerstehen.

Ich bin da keine Ausnahme. So betrete ich ein schummriges Lokal, das nach asiatischem Standard heruntergekühlt und mit Bildern des verstorbenen Königs vollgehängt ist. Die Masseurin bittet mich höflich, die störende Kleidung abzulegen und Platz zu nehmen. Im Nebenraum holt sie einen Eimer mit warmem Wasser und einem nicht mehr ganz fabrikneuen Waschlappen. Wie sie die Seife im Waschlappen scheuert und damit einen weissen Schaum erzeugt, kommt einem Teeritual sehr nahe. Gefühlsvoll und mit wenig Druck führt sie den Waschlappen über die empfindlichen Stellen und lächelt mich an, wann immer ich zucke. Ich bin hin und her gerissen. Einerseits könnte dieser Waschvorgang ewig dauern, andererseits kann ich die Massage kaum erwarten.

Sie legt den Waschlappen weg, nimmt ein Handtuch und trocknet mich vorsichtig ab. Es kitzelt und ich bin überempfindlich. Ein süsslicher Geschmack verteilt sich im Raum, der aus einer bunten Flasche entsteigt, die das Massageöl beinhaltet. Vorsichtig wird die handwarme Flüssigkeit auf meiner Haut verteilt. Die Masseurin lächelt, schaut das zu massierende Objekt an und sagt: „Oh, so big!“
Nun beginnt die eigentliche Massage. In regelmässigen und bewusst angesetzten Bewegungen werden die empfindlichen Stellen behandelt. Ich kann ein Stöhnen nicht unterdrücken, was wiederum ein Lächeln auf die Lippen der Dame zaubert.
Schmerz und Wohllust wechseln sich ab. Ich winde mich hin und her. Die Meisterin weiss genau, wo sie drücken und wo sie streicheln muss. Sie ändert die Frequenz von schnell nach langsam und dann wieder zu schnell. Es fröstelt mich von der Air Conditioning, doch nicht mal Frostbeulen könnten mich jetzt von der Massagepritsche verjagen.
Die Zeit vergeht wie im Fluge und das Ende naht. Und es es ist kein gewöhnliches Ende, es ist ein Happy End!
Mit einem einem gekonnten Griff zieht sie am grossen Zeh und es knacks laut. Was für eine Erlösung! Was für ein Happy End!

Diese Fussmassagen in Bangkok sind einfach unglaublich!

Sonntag, April 22, 2018

Den ganzen Tag rammeln

Entlarven Sie sich auch regelmässig dabei, dass Sie Wörter aus anderen Sprachregionen gebrauchen, deren Bedeutung Sie in ihrer Muttersprache gar nie hinterfragt haben?
So trinke ich wie so oft auf Reisen, meinen Kaffee im Sternenrammler –  im welturbanen Sprachschatz auch Starbucks genannt. Buck heisst laut meinem Sprachführer „Rammler“ und das nehme ich hier in der Hauptstadt der Rammler mit einen Lächeln auf den Lippen zur Kenntnis.

Richtig, ich bin in Bangkok. Läuft Ihnen beim Namen Bangkok ein Kopfkino ab? Logisch, man denkt an Klongs, Tuk-Tuk, scharfe Curries, noch schärfere Männer, grosse Bierbäuche und Sandalen aus dem Hause Adidas. Mit läuft nicht etwa ein Kopfkino ab, mir läuft der Schweiss aus allen Poren. Stolze 35° C zeigt das Thermometer an und der Wert der Luftfeuchtigkeit wird nur vom Feinstaubindex übertroffen. Bummel durch die Strassen oder Fahrt auf einem Flussboot? Auf so bekloppte Ideen kommen nur Touristen. Besuch eines Tempels oder des Wochenendmarktes? Sicher nicht!

Da tue ich es lieber den Rammlern mit den grossen Bierbäuchen gleich und vergnüge mich mit einer kaffeebraunen Schönheit – mit den Unterschied, dass sich meine kaffeebraune Schönheit in einer Keramiktasse befindet und auf den Namen Venti hört. Was heisst eigentlich Venti? Ich google und schäme mich. Logisch, dass heisst ja Zwanzig auf Italienisch. Ich trinke also zwanzig Cappuccinos…

Das Einkaufszentrum füllt sich gerade. Einheimische bevorzugen es, den Sonntag in diesen Konsumpalästen zu verbringen. Gekauft wird wenig, geschaut umso mehr. Eine Frau Namens Victoria verkauft ihre Geheimnisse und Paul der Bäcker süsse Sachen. Bei Victoria bin ich unerwünscht (sorry Sir – no Rammler allowed), dafür mag mich Paul umso mehr. So schlank, dass ich in Victorias Secrets passe, werde ich wohl erst nach dem Tod.

Im Erdgeschoss hat sich eine Spielwarenkette breit gemacht, die um die Gunst der Kleinen buhlt. Die reichen Kinder in Bangkok (sehr wenige in der Zahl) sind nicht anders als die reichen Kinder in der Schweiz (sehr viele an der Zahl). Sie tragen ein elektronisches Teil in der Hand, sind laut und nerven sowohl Eltern, als auch das Umfeld. Kein Wunder also, dass die Verkäuferin der Spielwaren noch lauter sein muss. Das geht bei den zarten Thai-Stimmen aber nur mit elektronischer Unterstützung. Da in diesem Land weder Höchstwerte für Temperaturen, noch Höchstwerte für Beschallung festgeschrieben sind, operiert der Lautsprecher nahe der Schmerzgrenze.

Das gibt leichte Abzüge in der Gemütlichkeit, doch wenn ich zwischen 35° C und 100dB wählen muss, entscheide ich mich für die Lautstärke.
In der Zwischenzeit füllt sich der Sternenrammler mit Gästen. Der freie Stuhl an meinem Tisch wird von einer freundlichen Engländerin in meinem Alter besetzt. Ihr Mann holt zwei Stück Cheesecake und zwei sehr süsse Getränke. Ich wage einmal zu behaupten, dass sie die Geheimnisse von Victoria auch nicht kennt. Vom Mann gar nicht zu sprechen. Wir 50+ teilen dieses Schicksal.

Mein Blick schweift von links nach rechts und ich beobachte das bummelnde Volk. Dass meine Augen trotz rigidem Eintrittsverbot immer wieder an den Auslagen von Victoria’s Geheimnissen hängen bleiben, hat vermutlich mit meiner Chromosomenkombination zu tun. So tue ich, was man in der vernetzten Welt so tut: ich recherchiere im Internet. „Victoria’s Secrets“ gebe ich in der Suchmaschine ein und drücke erwartungsvoll auf ENTER.
In Sekundenbruchteilen erscheint ein bedrohliches Symbol auf meinem Bildschirm, das einen amtlichen und dadurch hochoffiziellen Charakter hat. Irgend ein Ministerium wirft mir vor, dass ich das staatliche Internet dazu benutzen wollte, schlüpfrige Inhalte zu konsumieren. Die ersten vorwurfsvollen Blicke fallen mir zu und ich wähle die „Zurück“-Taste. Dass ich vorher im Hotel den Blick gelesen habe, auf dessen Homepage ein leicht bekleidetes Mädchen das Titelbild ausfüllt, hebt die Stimmung bei meinen Nachbarn auch nicht unbedingt. Ich bin abgestempelt und da bleibt nur die Flucht. Die Engländerin reisst ihren Ehemann vom Tisch weg und der versucht während der Flucht noch einen Blick von der Bademoden-Schönheit auf meinem Bildschirm zu erhaschen. Auch ich packe zusammen.

Gegenüber auf der anderen Strassenseite hat es ein anderes Einkaufszentrum. Auch da gibt es einen Sternenrammler und das ist gut so. Wenn ich die Kolleginnen und Kollegen heute Abend dann fragen, was ich den ganzen Tag gemacht habe, fällt mir die Antwort leicht: Den ganzen Tag gerammelt, was denn sonst?