Dienstag, Januar 22, 2019

VIP, VUP und VPP

Das WEF in Davos ist im Gange. Da hat der Ausdruck VIP Hochkonjunktur. Very important Person – was für ein ehrenvolle Bezeichnung, - was für eine Bürde. Da heute aber jedes Dorffest einen VIP Bereich hat, haftet an dem Kürzel aber auch etwas biederes an.
Darum wurde das Superlativ VVIP erfunden. Eine very, very important Person. Ein VVIP ist wirklich an der Spitze angekommen und ist nur noch einen Schritt vom VUP entfernt. Sie kennen den VUP nicht?
Aber sicher! Ein VUP ist eine very unimportant Person, also sie und ich liebe Leserinnen und Leser. Wer sich als VIP sieht, aber ein VUP ist, endet als VPP – very poor Person. Während der VIP sich selbstsicher gibt und die Ruhe liebt, ist der VUP in der Regel tief zufrieden und sich und der Welt im Reinen.
Der Mühsame der Gesellen ist der VPP. Er strapaziert das System und nervt das Umfeld und letzendlich die ganze Welt.

Also liebe VUPs, wir sind die Beliebtesten und die Glücklichsten. Wir können die VIPs bewundern und die VPPs bedauern. Mit etwas Kohle werden wir am nächsten Dorffest VIP und nach ein paar Drinks VPP. Das Leben als VUP ist so einfach. Das Leben als VUP ist das einzig erstrebenswerte.

Das heisst aber nicht, dass VIPs und VPPs unzufrieden oder gar unglücklich sind. So lange sie sich in ihren Peergroups bewegen, sind sie harmlos. Die VIPs drinken zusammen auf der Ehrentribühne Cüpli, während die VPPs in der Jägermeister-Bar zu Schlager die Bänke zum Brechen bringen.

Problematisch ist es, wenn man die VIPs, VUPs und VPP mischt. Das ist bekanntlich in einem Flugzeug der Fall – und genau das kann zu Dramen führen. Landläufig herrscht die Meinung vor, dass VIP in der ersten Klasse sitzen, während sich die VUP und VPP die hinteren Plätze streitig machen. Das kann so stattfinden, muss aber nicht. Die offensichtlich am grösste Durchmischung findet in der Business-Klasse statt. Bedingt durch Upgradings, günstige Sonderangebote und übermässigen Konsum während der Vorweihnachtszeit mit den damit verbundenen Meilengutschriften, führt in der Businessklasse zu einer unterhaltsamen und manchmal auch explosiven Mischung. Dann zeigen sich die wahren VIPs an Bord, nämlich unsere Kolleginnen und Kollegen der Cabin Crew.

Mit viel Menschenkenntnis, einer Portion Lebenserfahrung und einem gefüllten Rucksack mit Wissen, können sie dieses explosive Gemisch entschärfen. Sie wissen genau, wer Streicheleinheiten benötigt und wer mit einem treffenden Spruch ruhig gestellt werden kann. Doch manchmal kommen auch sie an ihre Grenzen und müssen die Flügel strecken. Das ist dann der Fall, wenn sich VIP, VUP und VPP in der kleinst und intimst möglichen Gruppe kreuzen, nämlich in der Kleinfamilie.
Sich kreuzen, kann da durchaus wörtlich genommen werden. Wenn sich zwei VUP zum Beischlaf treffen, kann daraus ein VIP (Kleinkind), eine VUP (Mutter) und ein VPP (Mann: ich wollte nie ein Kind) entstehen. Fliegen die Drei dann noch 10 Stunden an die Wärme, ist das Chaos perfekt.
Der VIP, erst fünf Monate zuvor der VUP entschloffen, wird in eine unterkühlte Flugzeugkabine geschleppt und dann durch die kürzeste Nacht seines noch jungen Lebens nach Bangkok geflogen. Der VPP würde sich gerne mit Gleichgesinnten KO-saufen, während die VUP sich total dem Wohl des VIP unterstellt. Das mit dem Kommasaufen geht für den VPP leider nicht, da der VIP alle paar Minuten lauthals neue Begehrlichkeiten anmeldet.

Nach zehn Stunden schütteln, rütteln, wiegen, füttern, wickeln, trösten und streicheln, schläft der VIP endlich ein. Kein Wunder, ist es in Bangkok doch so heiss und schwül, wie fünf Monate zuvor im Mutterleib der VUP. Der Duft – so vermute ich – wird sich vom Innern der Gebärmutter leicht von dem in Bangkok unterscheiden. Der VPP hält das schlafende VIP im Arm und schaut mich im Jetty wütend an. Ich ignoriere seine Blicke und spreche mit der VUP. Der Kleine sei erst fünf Monate alt, so die VUP, und es seinen seine ersten Ferien. Es sei so schön Mutter zu sein und der VPP und sie seien sehr glücklich. Während der VPP die Augen verdreht und vom Kinderwagen und Happy End träumt, erzählt mir die VUP von der bevorstehenden dreistündigen Busfahrt mit dem VIP, dem VPP und dem Berg Gepäck an einen Badeort am Meer. Na dann viel Spass.
In der Zwischenzeit trägt der Herr der Bodenmannschaft schweissüberströhmt den Kinderwagen die Enge Treppe herauf. Wobei Kinderwagen leicht untertrieben ist. Es handelt sich vielmehr um einen High Mobility Multipurpose Wheeled Vehicle, kurz HMMWV, der Einfachheit halber meist Humvee genannt. Für einen VIP ist nichts zu gross.

Der VPP ist so am Ende, dass er sich ein Besäufnis mit Kollegen an einer Fullmoon-Party wünscht, der VIP schreit und die VUP dirigiert herumstehendes Personal von einer Ecke zur anderen. Die Traumferien können beginnen. Im Engadin wäre es übrigens auch schön gewesen, aber das ist eine andere Geschichte.

Dankbar nichts besonderes zu sein, laufe ich entspannt durch die Hallen und frage mich an der Gepäckaufgabe, wie die junge Familie gedenkt, all das Gepäck in einen Bus zu packen.

Very poor Persons indeed!


Montag, Januar 07, 2019

I have a dream

Wer die totale Müdigkeit noch nie erlebt hat, der weiss nicht, wie sehr sie schmerzt. Jede einzelne Zelle des Körpers schreit nach Schlaf und man sehnt sich nach einem Bett, nach Ruhe, nach Dunkelheit. Der Kopf kippt immer wieder in alle Richtungen, die Beine fühlen sich an, als wären sie in Beton eingegossen, die Augen sind rot, die Haut weiss und die Arme liegen schlaff auf den Armlehnen. Der Magen, übersäurt vom vielen Koffein, verweigert jegliche Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme.

Am Funk schreit ein Inder in sein Mikrofon. Er redet so schnell, dass die Satzzeichen die Wörter überholen und umgekehrt. Trotz technischen Hilfsmitteln in und auf den Ohren ergibt das Wortgewurstel keinen Sinn und ich antworte mit einem Satz, den ich an dieser Position für sinnvoll erachte. Der Inder scheint zufrieden.

Die Sonne scheint waagrecht und trifft genau in einem rechten Winkel auf meiner Netzhaut auf. Trotz montierter Sonnenblende und Sonnenbrille werden die Augen noch müder, die Glieder noch schwerer, der Kopf kippt noch weiter zur Seite und die Haut sieht aus wie Pergamentpapier. Und die Arme? Habe ich überhaupt noch Arme?

Ich stehe auf, ich strecke mich, ich verlasse das Cockpit. Die Küche der ersten Klasse sieht aus wie ein Darkroom. Nicht so erotisch, aber so geheimnissvoll und dunkel. Die Dunkelheit trägt nicht dazu bei, meine Lebensgeister wenigstens ein bisschen zu kitzeln. Ich lehne meinen Kopf an der Küchenwand an. „In diesen Stunden hasse ich meinen Job“, meint die Kollegin zusammengekauert auf ihrem Notsitz. „Ich auch, und wie!“

„Willst Du einen Kaffee oder etwas zu essen?“
„Nein danke.“
„Aber Du hast seit Zürich noch nichts gegessen.“
„Es ist auch erst 5 Uhr in der Früh!“

Drei Stunden später, mit nur einem Joghurt im Bauch, landen wir das Flugzeug weich in Singapur. Das Adrenalin hat uns geholfen, in der anspruchsvollen Phase des Landeanflugs das Flugzeug konzentriert zwischen den Gewitterwolken auf die Landebahn zu führen. Nach dem Abarbeiten der Checklisten fällt die Spannung ab wie die Blätter im Herbst und sie ist wieder da, die schmerzhafte Müdigkeit. Wie ferngesteuert laufe ich durch die Terminals, warte geduldig auf die Koffer, noch geduldiger auf die Einreisebewilligung und mache das, was meine Chefs von mir verlangen: Ich trete professionell auf. Auch wenn kein Pilot auf der Welt weiss, wo der verlorene Koffer geblieben ist, werden Piloten in den Warteschlangen regelmässig nach dem Verbleib genau dieser Koffer gefragt. Ich gebe geduldig Auskunft und vermeide, dem Gegenüber mitten ins Gesicht zu gähnen.
Die gefühlte Betonschicht um die Füsse scheint dicker geworden zu sein und die Körperhaltung gleicht der eines Teenagers, der gebeugt wie ein Neandertaler auf sein Handy schaut. Ich will nur ins Bett!

Eine Stunde nach der Landung habe ich die gleiche Stellung eingenommen wie lange Stunden zuvor. Entspannung? Fehlanzeige! Statt nach Osten zu fliegen, fahren wir jetzt nach Westen. Im Westen geht ja bekanntlich die Sonne unter und so scheint mir diese neuerlich in einem senkrechten Winkel auf die Netzhaut. Die Arme liegen wieder schlaff auf den Lehnen und wie mein Teint aussieht, möchte ich gar nicht wissen. Dass ich Beine habe, spüre ich schon gar nicht mehr, dafür meldet sich die Blase.

Das Einchecken im Hotel dauert ewig, der Lift in den 31. Stock will einfach nicht kommen. Der Schlüssel passt, das Kingsize Bett ist frisch bezogen. Die Uniform landet in einer Ecke, der Blaseninhalt wird in der dafür vorgesehenen Vorrichtung entsorgt.
Endlich liegen die Beine ausgestreckt unter der Daunendecke, es pulsiert in den Waden, in den Kniekehlen und sogar in den Zehen. Im Schritt pulsiert gar nichts, dafür bin ich wirklich zu müde. Die Arme liegen sowieso zu schlaff auf dem Bettlaken ausgebreitet, das wäre hoffnungslos. Der Schmerz der Müdigkeit wird langsam weniger und macht der totalen Entspannung Platz.

Ganze 14 Stunden später wache ich auf und denke an meinen Traum. Er war nicht erotischer, sondern praktischer Natur. Ich träumte, dass meine Firma das ordentliche Rentenalter bis zu meiner Pensionierung nicht erhöht. Das wäre wirklich ein Traum!

Mittwoch, Dezember 26, 2018

Himmel und Hölle

Vor nicht einmal 36 Stunden stand ich knöcheltief im Neuschnee und betrachtete den Piz Corvatsch in der Abendsonne. Am Himmel gab es keine Wolke zu sehen und der Schnee unter den Schuhen knirschte bei jedem Schritt. Der Körper freute sich über die diversen Schichten Funktionswäsche und der Hund über die vielen Artgenossen, die aus einer Sicht nur wegen ihm über die Festtage angereist sind. Das winterliche Sils-Maria, mein ganz persönlicher Himmel auf Erden!

Eine Stimmung, die man nicht in Worte fassen kann. Ein Bild wäre hilfreicher und ein solches hätte ich auch zur Hand, aber leider lässt das WLAN die Bytes nur tröpchenweise durch. Ich bin in Bangkok und habe mit über 30° C Aussentemperatur und einer Feuchtigkeit zu kämpfen, die es in dieser Form nur in unserem heimischen Waschraum gibt, wenn alle Parteien zusammen ihre sämtlichen Textilien nass aufhängen.
Es hupt, quietscht, bremst, stinkt und wem das Leben lieb ist, läuft näher an den Ratten als am Strassenrand. Und da hat es ja auch noch dieses Zika*! Wenn all die Passagiere wüssten , dass es ganz Nähe vom Flughafen Zürich auch ein Zika Nest gibt und dieses viel lustiger und ungefährlicher ist, als jenes in Bangkok, wären vermutlich einige unserer Passagiere in der Schweiz geblieben. Bangkok, das ist der Himmel der anderen!

Ich will diese Stadt der Engel nicht gerade Hölle nennen, aber vom meinem persönlichen Himmel ist sie etwa so weit entfernt, wie die Engadiner Sonne vom Zürcher Hochnebel. Unsere Kiste war am Weihnachtsabend bis auf den letzten Platz besetzt und mein firmeninterner Beliebtheitsgrad stieg ins Unermessliche. „Ich bin seit drei Monaten Flight-Attendant und Du fliegst mit mir (Du mit mir – gaht’s no!!!!) heute nach Bangkok. Gerne reserviere ich auf diesem Weg den Jumpseat im Cockpit für meinen Freund.“ Das nur eine von vielen Anfragen, die in meinem elektronischen Postfach landete. Ihr Freund sass übrigens nicht im Cockpit, das nur so am Rande.
Wie die alle an meine Mailadresse kamen, bleibt mit mit den neuen und ziemlich verschärften Datenschutzrichtlinien ein Rätsel. Ich kenne diese Datenschutzrichtlinien sehr genau, - das können sie mir glauben, habe ich doch vor Monatsfrist einen 20-minütigen Schulungsvideo über mich ergehen lassen und die darauf folgende Prüfung nach vier Anläufen mit 80% Trefferquote bestanden.

Die Internetverbindung ist immerhin so schnell, dass ich nach einem Blick auf die Swiss Meteo App festelle, dass ich einen traumhaften Engadiner Skitag verpasse. Nicht auf den Alpinskis - dafür hat es über die Festtage zuviele Leute, sondern auf den schmalen Langlauf-Latten. Ich muss Kilometer fressen und das nicht zu knapp. Es sind noch 73 Tage und 22 Stunden bis zum Start des Engadin Ski Marathons. Im Firmenteam meines Arbeitgebers möchte etwas zum guten Teamergebnis beitragen und den voraussichtlich letzten Platz in der Wertung des schnellsten Hausbewohners zumindest ehrenvoll besetzen. Dafür braucht es Training, Kilometer und Härte. Härte? Ja Härte!

Neben schnellen Beinen und starken Armen, benötigt der Athlet am Marathon spitze Ellenbogen und einen bösen Blick, mit dessen Hilfe er sich einen Weg durch den Pulk pflügt, wie einst Moses durch das Rote Meer. Für einen friedliebenden Menschen wie mich eine harte Prüfung. Wer vom Himmel kommt, der trainiert Härte am besten in der Hölle.
So mache ich mich auf zur Sukhumvit, wo sich die noch bleichen Touristen auf den engen Gehwegen mit gefälschten Textilien für den Strandurlaub im Süden eindecken.

Praktisch kein Durchkommen! Ausweichen unmöglich!

Denn rechts stehen die Autos Stoosstange an Stoosstange und hupen vom Dieselruss umgeben um die Wette und auf der linken Seite plätschert der Abwasserkanal, dem man ohne präventiv eingenommenes Antibiotika am besten nicht zu nahe kommt. Ein ideales Trainingsgebiet für einen Langläufer in der Tropenhölle, denn man fühlt sich wie ein Hauptklasse A - Läufer im Stazerwald.

Ich gehe in mich, brülle einen Schlachtruf der Maori-Krieger, lasse mein Lächeln verschwinden und ziehe eine grimmiges Fratze auf. Der Rücken gerade, die Augen zu einem Schlitz geformt, den Blick leicht nach unten und die Ellenbogen genau 67.5° von Rumpf abgewinkelt, beschleunige ich wie im Eins-Eins Langlaufschritt. Die ersten Flüche von Touristen fallen und machen wenig später der nackten Angst Platz. Vor mir teilt sich das Menschenmeer und hinter mir bilden die Betroffenen eine Rettungsgasse. Ich mache Tempo wie nie zuvor und hänge sogar die sonst so flinken Tuk-Tuk ab.

Der Trainingseffekt ist unbezahlbar und dennoch bevorzuge ich Kilometer auf dem Schnee. Ich habe nur noch 73 Tage und 21 Stunden und 23 Minuten. Die Ellenbogen sind fit, die Beine und die Pumpe noch nicht. Doch wer sich einen Weg durch die Sukhumvit-Hölle bahnen kann, der muss im Stazerwald-Himmel keine Angst haben. Heja, Heja!

* DISCLAIMER:
Die schwere Krankheit, die durch den Zika-Virus ausgelöst wird, soll an dieser Stelle nicht ins Lächerliche gezogen werden. Es war vielmehr ein kleines Wortspiel, das leider nur ein kleiner Teil meiner Leserschaft versteht. E guets Nöis öi alle. Bun an.


Montag, Dezember 17, 2018

V-Mann

Ich habe noch nie in meinem Leben einen Intelligenztest gemacht. Keine Ahnung, ob das gut oder schlecht ist.
Mein Arbeitgeber scheint dies auch nicht zu stören. Es macht den Anschein, dass er mir vertraut. So hat er mich zum Beispiel zum Piloten ausgebildet, während Jahren in die weite Welt hinaus geschickt, einmal sogar die ganze Olypiamannschaft anvertraut und auch mal auf eine Dienstreise mit Pressebegleitung abdetachiert. Ich wurde auch ein paar Mal befördert.
Leserinnen und Leser mögen jetzt einwenden, dass man dafür keinen grossen Intelligenzquotienten braucht. Sie mögen Recht haben. Doch was kümmert das den Beförderten?

Beförderungen, Ernennungen und Ritterschläge haben aber nicht nur Vorteile. Sie bringen in der Regel auch mehr Verantwortung und Arbeit mit sich. Die Freizeit wird spärlicher und offizielle Termine zahlreicher.
Wer an diesen offiziellen Terminen, bei denen man gerade in der Vorweihnachtszeit öfters ein Glas alkoholisches in der rechten Hand hält, mit einem neuen Titel oder Funktion prahlen kann, wird für den Aufwand mit anerkennenden Blicken belohnt.

In meiner CV haben sich im Laufe der Jahre jene Linien vervielfacht, auf denen meine speziellen Aufgaben und Qualifikationen aufgeführt sind. Eine fehlt aber und dies aus offensichtlichen Gründen. Ich oute mich und lüfte an dieser Stelle ein streng gehütetes Geheimnis: Ich bin auch ein V-Mann!

V-Männer prahlen nicht mit ihrer Funktion, die Dunkelheit und die Anonymität sind ihr Schutz. V-Männer sind nicht unbedingt beliebt, in Leib und Leben aber stets gefährdet. V-Mann sein ist kein Schleck. V-Mann sein ist eine Aufgabe, die nur spezielle Persönlichkeiten mit einer starken Konstitution erledigen können. V-Mann sein ist ein Scheissjob, der leider Einer erledigen muss. V-Männer schweigen oder kommunizieren spärlich. V-Männer werden gehasst. V-Männer beobachten nächtelang dunkle Ecken und trinken dazu kannenweise schwarzen Kaffee. V-Männer leiden unter Schlafmangel. V-Männer gehen fahrlässig mit ihrer Gesundheit um. V-Männer werden auch in Kriegsgebieten wie Pakistan und Afghanistan eingesetzt. Ich bin so ein V-Mann.

An dieser Stelle taucht die berechtigte Frage auf, wozu eine Fluggesellschaft einen V-Mann braucht. Selbstverständlich ist auch diese Information geheim und höchst sensibel. Stellen sie sich nur vor, wenn ein junger Parktikant einer Gratiszeitschrift nach dem Lesen dieses Artikel einen Text mit der Aufschrift „V-Männer in grösster Schweizer Airline tätig.“ verfasst und dieser die Runde macht. Unsere Kommunikationsabteilung (hoi Stef) hätte alle Hände voll zu tun und müsste die Wellen in den (a-)sozialen Medien glätten.

Aufgrund der Tatsache, dass fast niemand diese Zeilen liest, kann ich das Risiko eingehen und die Frage nach der Aufgabe und dem Sinn eines V-Manns in einer Fluggesellschaft lüften:
Der V-Mann hat in einer 3-Personen-Cockpitcrew die undankbare Aufgabe, die ersten zwei Drittel des Flugs im Cockpit zu sitzen und endlos lange acht Stunden in die Nacht zu schauen, während Kriegsgebiete wie Pakistan und Afghanistan unter dem Flügel durchziehen. Glauben sie mir liebe Leserinnen und Leser, das ist wirklich kein Schleck. Darum macht das in der Regel auch ein subalterner Offizier.
Nur wenn ich als V-Mann des Trainings unterwegs bin (Check), arbeite ich als V-Mann im Cockpit. Warum die V-Männer im Kapitänsrang so unbeliebt sind, zeigt die Beschreibung des V-Mann in Wikipedia deutlich auf: Durch Ausnutzung von Vertrauen kann eine V-Person die Möglichkeit erlangen, Informationen in privaten Gesprächen und Situationen zu erhalten und von diesen ggf. Wort- und Bildaufzeichnungen zu fertigen. Tja, es handelt sich nunmal um einen Check!

Nur noch von Singapur nach Hause fliegen, und dann bin ich meinen Job als V-Mann wieder los. Ich werde in der Beliebtheitsskala nach oben schnellen und darf mich fortan wieder zu der Gruppe der X-Men zählen. X-Men sind laut Wikipedia eine Gruppe von Superhelden und das beschreibt uns Langstreckenkapitäne recht gut wie ich finde. Warum eigentlich X-Men? Der Buchstaben X beschreibt die Schicht des Kapitäns im 3-Personen-Cockpit.

Hier endet meine Geschichte aus Singapur und nach dem Durchlesen des Textes frage ich mich ersthaft, ob nicht doch einmal einen Intelligenztest machen sollte?

Ich wünsche der Leserschaft schöne Festtage.

Dienstag, Dezember 04, 2018

Wetter 2018 - eine wissenschaftliche Erklärung

Herr Petrus und Frau Holle,
kriegen sich regelmässig in die Wolle.
Sie streiten mit Mordio und Zeter,
man ahnt es -, es geht ums Wetter.

Doch wenn das Wetter spinnt wie heuer,
muss der Segen schief sein im Gemäuer.
Wenn die Sonne brennt so ungesund,
lohnt sich die Frage nach dem wahren Grund.

Schuld ist das Internet - einmal mehr,
es frisst die Zeit aller allzu sehr.
Betroffen ist nicht nur der normale Pimmel,
es trifft auch das Kader oben im Himmel.

Frau Holle hat entdeckt das weite Netz,
gezeigt hat es ihr eine böse Hex.
Bildschirmzeit statt Schmusestunden,
Petrus’ Sexleben ganz verschwunden!

Dem Petrus stinkts -, das ist wohl klar,
er macht sich himmelweit zum grossen Narr.
Frau Gemahlin tummelt sich auf Instagram,
während Petrus’ Willi vergebens steht stramm.

So schlich er sich einst vor den Rechner,
ausgerüstet mit Rebensaft im Becher.
Er verdrängte den Gedanken an die Kinder
und eröffnete ein Konto bei der Plattform Tinder

So nahm der Ärger seinen Lauf.
Die Sonne ging im Frühling auf,
nur unter gehen wollte sie nimmer mehr,
Europa schwitzte in der Folge sehr.

Die Wettermaschine ging total vergessen,
Petrus versäumte die Natur zu nässen.
Stattdessen vergnügte er sich mit den Feen,
der Wasserstand sank bedrohlich in den Seen.

Frau Holle im Sog vom Internet,
verlies in der Zwischenzeit das Ehebett.
Sie warf sich an die Brust eines gewissen Torsten,
ein bärtiger Follower aus dem deutschen Osten.

Der nervige Hipster aus Berlin Marzahn,
ernährte sich ausschliesslich lakto-vegan.
Frau Holle blind vor grosser Liebe,
folgte kopflos diesem seltsamen Triebe.

Gemüse, Tofu und rohes Gemüse,
kamen fortan aus Holles kleiner Kombüse.
Petrus ging das alles gegen die Natur,
als Vergeltung erhöhte er noch zusätzlich die Temperatur.

Statt Grillsaison und Bier zum Frühstück,
wurde Grünzeug serviert von diesem Miststück.
Der Magen rebellierte, der Darm sowieso,
Petrus rannte fast stündlich aufs heimische Klo.

Er litt unter dem Konsum von roher Rinde,
aus dem Arsch entwichen unappetitliche Winde.
Seine Feen fanden das gar nicht glatt,
der Tinderscreen blieb in der Folge matt.

Satt kuscheln und erotische Massagen,
blieb Petrus nur das Trübsal blasen.
Er furzte laut und das nicht zu knapp,
und löschte im Frust seine Tinder App.

Die starken Winde aus Petrus’ Hintern,
vermögten den Temperaturanstieg nicht mindern.
Im Gegenteil und das ist bewiesen,
es wurden braun die einst grünen Wiesen.

Das Gemüse verdorrte auf Bauerns Feldern,
Grünkohl wurde knapp auf den veganen Tellern.
Der bärtige Hipster Torsten verfiel in Panik,
es drohte für die Veganer eine zweite Titanic.


x
Torsten flüchtete ins heimische Marzahn,
auf Suche nach Grünzeug in seinem Wahn.
Zurück blieb Frau Holle hungrig und hässig,
plötzlich fand sie Instagram nicht mehr so lässig.

Das schlechte Gewisse plagte sie mehr,
den Herrn Gemahl vermisste sie sehr.
Sein Willi war so schlecht auch wieder nicht,
der Bart nicht gepflegt, dafür wild und dicht.

Frau Holle sanft und plötzlich nett,
hüpfte zurück ins Ehebett.
Petrus überdrüssig von den jungen Dingern,
erforschte Gemahlins Höhlen mit den Fingern.

Sie jauchzte, lachte und bekam Schluckauf,
es zogen auf der Erde dicke Wolken auf.
Endlich fiel der grosse Regen,
für alle Lebewesen ein wahrer Segen.

Die Moral der Geschichte ist schnell erzählt,
wenn wir nicht aufpassen sind unsere Tage gezählt.
Tinder, Instagram und Vegan sind gugus,
esst genügend Fleisch, statt ausschliesslich Humus.

Das globale Wetter wird’s Euch danken,
wir können nicht nur Sonne tanken.
Doch das Gemüse sollten wir verteufeln nicht,
Hopfen und Malz sind schliesslich ein Gedicht!

Prosit!

Samstag, Dezember 01, 2018

Vom Vögeln und anderem „auf und ab“

Drei Wochen Flugabstinenz hat durchaus seine Vorteile. Nicht dass ich nicht arbeiten würde, aber die nachtflugfreie Phase kommt einem zwischendurch vor wie Ferien.
Dieses dämmrige Gefühl, als hätte man nonstop zuviel THC geraucht, braucht der Mensch nicht wirklich. Nachflüge sind trotz Schlafgelegenheit und schönen Nordlichtern ein Graus. Der Körper wird seiner Energie beraubt – Energie, die Bergler wie ich lieber auf Skipisten oder Lopien loswerden.

Wenn ich nicht fliege, dann simuliere ich gewöhnlich. Nicht so wie Neymar, sondern richtig seriös in einem Gerät Namens Simulator. Auf Stelzen steht er und wippt bei Gebrauch hin und her wie Frauen in zu hohen Stöckelschuhen. In unserer Firma schulen wir im Moment wie wild Piloten auf die B777 um, da in Bälde zwei neue Exemplare dieses Fliegers in Zürich auf dem Tarmac stehen werden.

Simulator ist für den Instruktor eine äusserst gute Sache. Er sitzt enspannter im Gerät als seine Mitstreiter und profitiert unglaublich von den Fragen und den Fehlern seiner Schüler. Zusammen werden Verfahren eingeübt und die Stoplpersteine identifiziert. Ich darf in diesen Wochen nicht nur neue Piloten ausbilden, sondern auch einen neuen Instruktionskollegen in die Geheimnisse der B777 Schulung einführen. „Fuck the Fucker“ heisst das im Jargon, wird aber selbstverständlich nicht so krass gehandhabt. In dieser Konstellation sind statt zwei einfach drei Personen im Simulator unter Strom. Ich laufe während den vier Stunden im gleichen Meditationsmodus.

Nun bin ich nicht nur Instruktor, sondern auch noch Examiner. Das heisst, ich nehme den Kollegen den halbjährlichen Check ab und verlängere so die Lizenz für ein weiteres Semester. Das geschieht im Namen des Bundesamtes und so bin ich an diesen Tagen auch Bundesangestellter. Es liegt in der Natur der Sache, dass die beiden Geprüften mit höherem Puls in das Gerät einsteigen, als bei einem regulären Flug. Ich versuche, die Kollegen mit einer guten Atmosphäre zu Höchstleistungen anzustacheln.

Bei all diesen Schilderungen fragt man sich berechtigterweise, ob der Schreiberling auch selber mal angespannt oder gar gestresst ist? Ich kann das nur bejahen und blicke nervös auf meinen persönlichen Einsatzplan. Nächste Woche muss ich zum Fliegerarzt und das kommt mit 50+ dem Russisch Roulett ganz nahe.
Ein 50+ Mann ist wie eine 50+ Immobilie. Da und dort quietscht es und manchmal tropft auch ein Hahn. Auch wenn Komplettrenovationen nicht anstehen, sind kleinere Arbeiten immer notwendig. Die Fachärzte – durchwegs jung, motiviert und engagiert – kennen die Leiden eines 50+ Mannes nur aus Lehrbüchern. Dementsprechend kritisch stehen sie den aus meiner Sicht ganz normalen Leiden gegenüber und konsultieren bei jedem kleinen Knacksen ihr Nachschlagewerk, wo genaustens geschrieben steht, ob der Bald-Rentner zum Voll-Rentner wird. Sie selber stehen noch gut im Saft, können noch Sündigen ohne danach drei Tage flach zu liegen und laufen trotz Nikotinsucht noch jeden Tag ein paar Kilometer im Wald. Generationenkonflikt nennt man das und leider sitzen die Jüngeren bei diesem Spiel auf den besseren Plätzen.
Auch diesen Tag werde ich trotz Becherpinkeln und Lizenzdruck irgendwie überstehen.

Danach geht es weiter und das leider auch nicht ganz nach meinem Gusto. Drei Buchstaben stehen auf dem Plan und die drei Buchstaben heissen RGC – „Reccurrent Ground Course“.
Sicherheitstraining heisst das auf Deutsch und es deckt ziemlich genau die Bereiche ab, die mich am wenigsten interessieren. So zum Beispiel der Umgang mit „Dangerous Goods“. Leider haben wir viel zu viel von diesem Gefahrengut an Bord und ich habe leider Gottes auch regelmässig damit zu tun.

Die aus meiner Sicht gefährlichsten Stoffe im Flugzeug sind die Hormone – Hormone der Crew.
Da hat es zum Beispiel charmante Damen im vorderen Teil des Flugzeugs, die mit diesem Gefahrengut unterversorgt sind. Solche Mangelerscheinungen führen in der Regel zu Stimmungsschwankungen, die in Aggressionen ausarten können, wenn die Unterversorgten auf Überversorgte treffen. Solche Überversorgten haben wir ab Mitte des Flugzeugs in rauen Mengen, wobei es in der hintersten Küche von solchen nur wimmelt. Die Überversorgten sind im Gegensatz zu den Unterversorgten überdurchschnittlich stark an sexueller Aktivität interessiert. Es geht ums Vögeln und dabei spielt es kaum eine Rolle, ob gleichgeschlechtlich oder traditionell.
Viel sexuelle Energie konzentriert auf kleinstem Raum gibt im besten Fall Spannungen und im schlechtesten Nachwuchs.
Damit ist bewiesen, dass der Umgang mit eben diesem Gefahrengut genannt Hormone nicht genug trainiert werden kann.
Bei der Vorbereitung auf eben diesen RGC habe ich leider Gottes bemerkt, dass mein Arbeitgeber beim Begriff „Dangerous Goods“ an etwas ganz anders denkt. Schade eigentlich. Eine Schulung zum Umgang mit Unter- und Überversorgen beiden Geschlechts hätte mir als 50+ gut getan.

Nach dem Verfassen dieser Zeilen merke ich, dass ich je mehr ich schreibe, ich die Nachtflüge umso eher vermisse. Nachtlflüge haben den Nachteil, dass man sich danach wie ferngesteuert durch die Landschaft bewegt, haben aber den Vorteil, dass man gratis zu einer Teilbetäubung kommt. Diese Mattheit hat unter anderem zur Folge, dass man stundenlang in einer „Gala“ blättern kann ohne nur einen Satz zu lesen. Diese Mattheit hat aber auch zur Folge, dass man die quietschenden Gelenke und tropfenden Hähne am eigenen Körper vergisst.

So ist die Fliegerei, ein stetes auf und ab….

Donnerstag, November 22, 2018

Buntes Allerlei

Keine zwei Meter von mir putzt eine nette chinesische Frau zwischen den Tischen eine Lache voller Kaffee auf. Verteilt auf ungefährt drei Quadratmeter, hat sich die Mischung aus Milch und brauner Flüssigkeit den Weg in jede Ritze gesucht. Der Schuldige ist schnell gefunden, es handelt sich um den Schreiberling eben dieses Textes.

Es läuft im Moment nicht so rund. Denn neben dem verschütteten Kaffee und dem damit verbundenen Koffeinsturz, habe ich auch noch eine Blase die ausserhalb der Komfortzone drückt. Jeder kennt das Problem. In der unteren Bauchgegend wird die Hose enger und die Hochwasserwarnungen im Organ nierenabwärts melden beim Hirn eine bald notwendige Erleichterung an. Derweil suchen die Augen die Umgebung ab und die Nase prüft das Gefundene auf Praxistauglichkeit. Mit dem erfolgreichen Lokalisieren eines geeigneten Ortes erhöht sich erstaundlicherweise der Druck in der Blase auf ein fast nicht mehr erträgliches Mass. Man begibt sich Richtung gelobtes Ort und während die Bauchgegend auf Druckablass besteht, meldet die Nase grosse  Bedenken an. Auch die Augen unterstützen die kritische Haltung des Riechorgans und protestieren in aller Form. Willkommen in China!
Chinesische Bedürfnisanstalten könnten abweisender nicht sein. Mit etwas mentalem Training kann ich den Blasendruck leicht vermindern und hoffe auf baldige Erlösung im eigenen Hotelzimmer.

Hongkong ist im Moment in seinem Element. Die Stadt scheint am Überlaufen zu sein und in den Strassen kommt man kaum vorwärts. Dann ist zu allem Elend auch noch dieses unsägliche Shoppingwochenende, wo am Donnerstag die Truthähne geschlachtet werden um am Freitag alles schwarz ist. Warum muss die ganze Welt bloss alles aus den USA kopieren? Ich verstehe das nicht. Statt zu motzen müsste ich einheimische Bräuche nach Fernost bringen. Wie wäre es, wenn am 1. März ganz Hongkong Chalandamarz feiern und die Knaben mit Glocken behangen die Henessy-Road auf- und abgehen würden? Mir täte es gefallen.

Heute Abend wird es in der Millionenstadt doppel schwierig. Es werden nicht nur Feiern zum Thanksgiving gestartet, es sind dafür eigens amerikanische Mitbürgerinnen und Mitbürger eingeschifft worden. Und zwar nicht die Schönen und Reichen aus Beverly Hills, sondern die Rauhen und Rohen aus den Vororten und dem mittleren Westen. Es weilen der Flugzeugträger USS Reagan und seine Begleitschiffe im Hafen von Hongkong und die fast 10‘000 Matrosinnen und Matrosen wollen in der Stadt etwas Spass haben. Thanksgiving und die Tatsache, dass die Matrosinnen und Matrosen lustvoll ihre Lust ausleben müssen/wollen/sollen, wird Hongkong heute Abend zu einem explosiven Ort machen. Ich werde auf der Hut sein.
Pech für die hormongesteuerten Seeleute, dass die Behörden neulich in der Stadt eine halbe Million Packungen der heute so wichtigen Kondome konfisziert haben. Gefälscht sollen diese gewesen sein, von Undichtigkeit war zum Glück keine Rede.

Meine Blase drückt noch immer. Dafür ist der Tisch nebenan wieder frisch gereinigt. Bei der Putzfrau habe ich mich höflichst bedankt und noch höflicher entschuldigt. Meine Augen blicken viel zu oft Richtung Toilettenschild, während meine Nase den Toilettenduft ignoriert und die Kaffeeschwaden von Tisch zu meiner Linken förmlich einsaugt. Die Blase droht zu explodieren und der Koffeinspiegel ist auf einem bedenklich tiefen Niveau. Zum Glück bin ich nicht giggerig. Denn das wäre heute Nacht in Hongkong lebensbedrohlich.

Adieu, ich muss!