Donnerstag, Oktober 18, 2018

Alpines Simulatorzentrum Samedan

Wenn die Pilotenausbildung am Anschlag läuft, dass sind die Instruktoren selten im Flugzeug anzutreffen. Wo Lizenzen erworben und Kompetenzen erarbeitet werden, sind Prüfer und Lehrer nicht weit. Das heisst für die betroffene Berufsgruppe Automatenkaffee statt Espresso, pampige Sandwiches statt Baliklachs, Motorenausfälle statt ruhiger Dauerbetrieb, harte Landungen statt weiches Aufsetzen und Nebel –  sehr viel Nebel.

Im Simulator ist der Nebel mit einem Knopfdruck weg, ausserhalb des Schulungszentrums bleibt dieser hartnäckig stehen. Die Wolkenuntergrenze kommt den Bäumen im Hardwald bei Opfikon bedrohlich nahe und die morgentliche Joggingrunde im Wald wird ohne Nebelhorn zum gefährlichen Spiessrutenlauf.

Dabei gäbe es einen einfachen Ausweg aus dem Nebeldesaster! Erstaunlich, dass noch niemand auf die brilliante Idee gekommen ist! Lasst uns im Engadin ein alpines Simulatorzentrum erstellen. Über 340 Tage im Jahr Sonnenschein; eine Bergwelt, die einem den Atem verschlägt; ein Flugplatz, der gerne ein neues Gebäude erstellen würde, aber noch nicht weiss, wie er es füllen soll; eine bestens ausgestattete Hotelinfrastruktur; Sportmöglichkeiten in Hülle und Fülle und vieles mehr. Im Engadin gibt es Brauereien und Kaffeeröster, im Engadin gibt es auch Zuckerbäcker, die ihr Handwerk verstehen und lieben. Die vielsprachigen Engadiner empfangen die lernwilligen Piloten aus aller Herren Länder mit offenen Armen. Selbst der Frust nach einem misslungenen Check könnte mit dem fast einheimischen Braulio oder dem einheimischen Iva, gepanscht mit Reinalkohol aus Livigno, problemlos gestillt werden.

Die Flugmusik – in der Umgangssprache auch Fluglärm genannt (was nachweislich falsch ist), würden wir im Unterland lassen. Die Kandidaten sollen sich im Zug ins Engadin auf die anspruchsvollen Lektionen vorbereiten. Seit die RhB die Patschifig-Abteile eingeführt hat, reduzierte sich die Anzahl stinkender Wandersocken in den Zugsabteilen signifikant.

Auch das Nachtleben würde profitieren. Fliegerbars würden entstehen, in denen auf Grossleinwänden im Dauerbetrieb Filme von missratenen Flugzeugträgerlandungen gezeigt würden und für die harten Jungs der Branche gäbe es hinter der Theke im Engadin hergestellten Schnupftabak. Ob die heiklen Tabakpflanzen im Engadin gedeien weiss ich nicht, im Notfall könnte man Steinbockscheisse trocknen, mit etwas Arvenöl vermischen und den Mix in edlen Blechdosen an die zahlungskräftigen Flieger verkaufen. Die ziehen alles in die Nase, Hauptsache der Tränenkanal bleibt dabei feucht.

Da im Engadin der Frauenanteil im Ausgang nur während der Hochjagd den Ansprüchen der jungen Pilotenschaft entspricht, wäre eine Verlagerung des Flight-Attendant-Trainings ins Hochtal wünschenswert. Man könnte das Notwassern im Hallenbad St. Moritz üben, den anspruchsvollen First-Class-Service in einem der grossen Häuser perfektionieren und im einmaligen Licht des Engadins den richtigen Sitz des Lidschattens ergründen. Damit die Instagram Accounts auch im Millisekundentakt gefüllt werden können, werden da und dort im Engadin bereits Glasfaserkabel verlegt. Bedarf sehe ich noch beim Angebot an veganen Speisen. Vielleicht aber stirbt diese Modeerscheinung bald aus und die Damen der Lüfte dürfen wieder Währschaftes verspeisen, ohne viral geköpft zu werden.

Neben den optimalen Rahmenbedingungen wäre der Fachnutzen für die Ausbildung der Flugbesatzungen gross. Nehmen wir das Beispiel Druckabfall. Ein lebensgefährliches Szenario, das in Kloten auf 400 Meter über Meereshöhe geübt wird. Die Probanden ziehen Sauerstoffmasken an, während der sich Instruktor aus Langeweile einen Schnupf genehmigt.
Dabei ist es eminent wichtig, dass Piloten und Flight-Attendants die Wirkung von Sauerstoffmangel am eigenen Körper spüren. Druckkammern sind ein Ansatz, die Fahrt auf den Corvatsch die Lösung!
Während der Gondelfahrt kann der Druck auf die Ohren durch Gähnen oder das Malträtieren eines Kaugummis vertieft und auf 3303 Meter über Meer, die körperliche Anstrengung auf dieser Höhe eingeübt werden. Dazu stehen diverse Skilifte und andere Infrastrukturen zur Verfügung.

Fazit: Das Engadin und die Fluggesellschaften der Star Alliance würden profitieren, das Gewerbe würde belebt und die Gasthäuser hätten 365 Tage im Jahr ein volles Haus.

Natürlich stellt sich die Frage nach der Finanzierung des ganzen Projektes. Doch auch da habe ich eine geniale Lösung zur Hand. Neben dem neuen Simulatorgebäude müsste man ein klitzekleines Zollfreilager erstellen und zwar für ein paar Bilder von Herrn Schwarzenbach. Lagert dieser bekennende Fan vom Flughafen Samedan nämlich seine Kunstwerke in eben diesem Lager, spart er Steuern und kann das gesparte Geld in das alpine Simulatorzentrum Samedan investieren, was sich wiederum an den Steuern abziehen lässt.

Ich schicke meinen Vorschlag an den neuen Gemeindepräsidenten von St. Moritz. Er ist zwar nicht die richtige Ansprechperson, aber das weiss er zum Glück nicht.

Freitag, Oktober 12, 2018

Fluchende Piloten und die Presse

Ich bin auf einem Presseflug nach Hongkong. Das ist eine gute Gelegenheit, einem geschätzten Presserzeugnis, unsere Firma und unseren Job näher zu bringen.
Die Crew ist speziell zusammengestellt und wird begleitet von einer vierköpfigen Delegation. Der Photograf hält alles mit seinem professionellen Gerät fest und der schreibende Teil der Delegation bringt das Erlebte zu Papier. Die verantwortliche P/R Frau (a natural beauty!) sorgt für einen geordneten Ablauf und der Pressesprecher (Mister Speaker) dreht die Worte der Crew in die richtige Richtung.
Bei so einem Ausflug müssen Posen stimmen, die Natürlichkeit darf nicht abhanden kommen und es muss peinlich genau darauf geachtet werden, dass der Hosenstall wegen der zahlreich geschossenen Bildern stets geschlossen bleibt. Worte sollen überlegt sein und die Contenance darf nie verloren gehen.

Die Reise ging nach Hongkong und wer diese Stadt kennt, der weiss wie gross die Angebote von Sehenswürdigkeiten und Ablenkungen in diesem Teil der Welt sind.
Planung heisst der Ausweg aus diesem Dilema und Planung braucht es auch darum, weil wir uns mit einer 20-köpfigen Gruppe auf Terrain bewegen, das im Normalfall nur im Einzelsprung erobert werden kann.

Bewegt sich der Tross endlich einmal langsam Richtung Zielort, muss garantiert noch jemand auf die Toilette oder hat im Zimmer etwas vergessen. Reserven sind in diesem Umfeld überlebenswichtig, Slots werden in Gottesnamen verpasst.
Auch andere menschliche Bedürnisse sind in dieser Konstellation schwer zu befriedigen. Während das Bestellen von Getränken für so eine grosse Gruppe keinerlei Schwierigkeiten bereitet, ist die Nahrungsaufnahme etwas komplizierter.
Kleine Garküchen sind mit fast zwei Dutzend hungriger Mäuler überfordert und auch andere Esslokale geben bei der Reservation Forfait. Exotisch soll das Gebotene sein und wenn möglich regional. Nicht die Gäste haben diese Forderungen gestellt, es waren eher unsere eigenen Ansprüche. Man will ja etwas bieten!

Die erste Anlaufstelle, - ein den Airline Crews nicht abgeneigter Zeitgenosse, verwöhnte uns in Kowloon nach allen Regeln der Kochkunst. Als Dank für die Berücksichtigung seines Lokals offerierte er kostenlos eine gegarte Lammkeule und lächelte dabei in die grosse Linse des Fotografen. Wir dankten es ihm mit Worten und zahlreichen Nachbestellungen von Getränken. Die offerierten Häppchen waren so lecker auch wieder nicht und mussten mit desinfizierenden Flüssigkeiten heruntergespühlt werden.
Es ging weiter, allerdings erst, nachdem ein paar Gruppenmitglieder eine Pinkelpause eingelegt haben und eine weitere Gruppe im Seven Eleven noch etwas Flasche Wasser erstanden. Wieder ein Slot verpasst!

Unter dem grossem Druck, stets ein gutes Bild abzugeben, wurden die zahlreichen Eskalationsstufen des Hongkonger Nachtlebens gemeinsam entdeckt und durchlebt. Wenn die Kamera in Sichtweite war etwas gesitteter, sonst im normalen Masse...
Der Abend wurde an einem Morgen in einem Tanzlokal mit hohem Männeranteil beendet. Day one mission accomplished!

Tag zwei begann wieder mit einem Ausflug, der dem eines Schuelerreislis nicht unähnlich war. Fünf Minuten nach dem verabredeten Zeitpunkt erschien das letzte Mitglied der Gruppe. Zehn Minuten nach geplanter Abreise musste noch jemand aufs Klo und drei Minuten später bemerkte ein Weiterer, dass ein wichtiges Accessoire im Hotelzimmer vergessen ging. Kurz nachdem sich ein weiterer Steward Richtung Zimmer aufmachte, verspührte ein F/A grosse Lust auf einen Kaffee. Genau dieser Kaffee drückte einer Anderen auf die Blase, was die Gruppe um ein Mitglied mehr verkleinerte. Ein am gestrigen Tag viel zitierter Berufsgenosse hätte das mit dem Satz „what the hell is happening here“ kommentiert, ich verhielt mich ruhig und nahm das Verpassen eines weiteren Slots in meiner Karriere gelassen und professionell hin.

Eine Stunde später erheiterte das Lachen des grossen Buddas unsere Seele. Er hielt seine grosse Hand über uns und steckte die Gruppe mit seiner Ruhe an. Einige wurden so ruhig und entspannt, dass die Blase drückte – Pinkelpause! Es wurden Bilder geschossen, posiert, gelacht, gefroren, wieder gelacht, gegessen, getrunken, pünktlich zum vereinbarten Abreisetermin gepinkelt und wieder posiert.

Die Sonne verschwand hinter dem Horizont und unsere Mägen meldeten eine dramatische Unterzuckerung an. An einem Presseflug bringt das die Führung nicht aus der Ruhe, denn die Führung hat ja recherchiert und organisiert. Auf das Anraten meiner Wenigkeit hin haben wir am Abend nicht reserviert und uns spontan – also spontan heisst nach einer weiteren Pinkelpause eines Gruppenmitglieds – auf den Weg Richtung Discovery Bay gemacht.
„Da hat es immer Platz“, so der Herr Kapitän, „da hat es diverse Kneipen, die direkt am Meer feinstes BBQ anbieten“. Der Kapitän hatte Recht, zumindest in Bezug auf die freien Plätze. Schnell bezogen wir einen Tisch für die grosse Gruppe mit Sicht aufs Meer. Der Kellner brachte die Speisekarte, während einige Richtung Pinkelstation verabschiedeten.

Beim Blick auf die Speisekarte sind mir die Worte eines in diesen Tagen viel zitierten Zeitgenossen leise über die Lippen gekommen: „Es isch eifach wieder emal zum Chotze. Echt! Ich han d Schnauze voll vo dem huere Dräcksplatz.“ Mein Gegenüber bemerkte meine Unaufgeräumtheit und ermahnte mich zur Professionalität.
Was war passiert? Wir sassen in einem veganen Restaurant. VEGAN! Meine geliebten Hamburger sind vom Speiseplan verschwunden und mit veganen Fleischbällchen auf Pflanzenbasis ersetzt worden. „Es isch eifach wieder emal zum Chotze. Echt! Ich han d Schnauze voll vo dem huere Dräcksplatz.“
Es brauchte ein paar tröstende Worte von meinen Kollegen, bis ich endlich mein Menü bestellte.
Ich muss gestehen, das Essen war lecker und schmackhaft. Zugegeben habe ich das jedoch erst nach der dritten Eskalationsstufe des Hongkonger Nachtlebens. Der Abend hat übrigens wieder am Morgen geendet und das in der gleichen Gay-Bar wie am Vortag.

Was habe ich an diesen Tagen gelernt?
1. Einer muss immer pinkeln!
2. Mit dem Essen ist es wie mit dem Ausgang. Das verlassen des eigenen Rayons erweitert nicht nur den Horizont, sondern es macht auch grossen Spass!

Den Bericht der mitreisenden Journalisten könnt Ihr übrigens in der Dezemberausgabe des Magazins Display lesen. Es lohnt sich!



Dienstag, Oktober 02, 2018

Leserschwund

Ich verliere Leser! Was für Printzeitungen normal ist, macht einem Blogschreiber Sorgen. Die Gründe sind schnell gefunden. An zweideutigen Geschichten liegt es nicht, von denen wimmelt es in diesem Blog nur so. Zu teuer ist der Lesespass auch nicht, billiger als gratis geht fast nicht. Es muss an den Themen liegen!
Man braucht kein Raketenphysiker zu sein, um zu merken, dass Leser eines Pilotenblogs Pilotengeschichten lesen wollen. Leser wollen mitfliegen, Leser möchten Kerosinluft schnuppern, Leser wollen Geschichten lesen, die sonst verborgen bleiben.

Grundvoraussetzung dafür ist, dass der schreibende Pilot auch fliegt. Leider kommt das im Moment bei mir etwas zu kurz. Die Ausbildung neuer Kolleginnen und Kollegen fordert uns Instruktoren zur Zeit ziemlich und so verbringen wir viel Zeit im Simulator, genannt Geisterbahn. Letzten Monat musste ich nie meine Koffer packen, eine ungewohnte Situation für Langstreckenpiloten. Damit ich aus pilotischer Sicht in Übung blieb, flog ich vier mal nach Tel Aviv und zurück. Nicht schlecht für die Pilotenseele, katastrophal für einen Schreiberling.

Doch bald zeigt sich die Sonne am Firmament. Ein Flug nach Hongkong steht an und dieser ist ein besonderer. Ein Journalisten-Team eines bekannten Lifestyle Magazins begleitet uns nach Hongkong und zusammen wird die Stadt im Mündungsgebiet des Perlflusses entdeckt. Ich freue mich auf die Abwechslung. 

Nun folgt aus Eigeninteresse etwas Pilotengarn, um die Leser bei Laune zu halten. Die Geschichte wurde vor Jahren geschrieben. Habt Ausdauer!

Flug 69 nach JFK
... oder es geht schief, was schief gehen kann.

Epilog

Für einen Blogeintrag braucht es eine Geschichte, Hauptdarsteller und ein paar Pointen. Im Flugzeug gibt es das alles auf engstem Raum. Ein Flugzeug ist ein Theater mit vielen Bühnen, wo jeder – und auch wirklich jeder – meint, er spiele die Hauptrolle. Die engen Gänge sind ein Laufsteg der Eitelkeiten; die Galleys gleichzeitig Hochleistungsküchen, als auch Klatschzentren und die Cockpits das, was sie in der englischen Übersetzung auch bedeuten: eine Bühne für Gockelkämpfe. Besatzungen sind auch nur Menschen, wollen aber auch als solche behandelt werden.

Begleiten sie die Besatzung von Flug SCREW 69 nach New York. Der Flugzeugtyp ist ein Airbus 330, die Crew besteht aus zwölf mehr oder weniger motivierten Leuten. Da sich kein Mensch zwölf Namen merken kann, beschränken wir uns auf fünf Personen. Die Geschichte ist lang, fast so lange wie ein Langstreckenflug. Schnallen sie sich an, es könnte turbulent werden.


Preflight Duty

Jaques Gonfler war wütend. Er knallte den Telefonhörer auf die Gabel und fluchte in seiner Muttersprache Französisch vor sich hin. Im Mehrfamilienhaus hörte ihn keiner. Seit seiner Scheidung wohnte er in der Anflugsschneise in einer Dreizimmerwohnung. Über dem Hausdach tauchte ein vierstrahliger Jet auf, der verzweifelt gegen die Schwerkraft kämpfte. Unüberhörbar wurden die letzten Schubreserven mobilisiert. Man verstand in der Wohnung das eigene Wort nicht mehr, nicht einmal die eigenen Flüche.
«New York statt Bangkok – Merde!»
Zum Weiterfluchen blieb keine Zeit. Die Einsatzleitstelle musste einen kranken Flugkapitän ersetzen und zwar schnell. Flug 69 sollte Zürich in 90 Minuten verlassen und Jaques Gonfler war der einzig verfügbare Ersatz, der in so kurzer Zeit aufgeboten werden konnte.
Er tauschte die Badehosen mit der Winterjacke und die kurzen Shorts mit den langen Unterhosen. Auch die Präservative warf er wütend in die Ecke. Im prüden New York würde er die Zwölferpackung nicht brauchen.
Die Wohnungstür knallte ins Schloss, als er energiegeladen ins Treppenhaus stürzte. In der linken Hand den Koffer und in der rechten den Crew-Bag, rannte er die drei Stockwerke in die Garage hinunter. Der Aufzug war wieder einmal defekt. Mit quietschenden Reifen schoss er aus der Tiefgarage, ohne auch nur einmal in den Rückspiegel zu blicken. Eigentlich schade, denn vielleicht hätte er bemerkt, dass seine Brieftasche mit Reisepass und Kreditkarte in diesem Moment vom Autodach rutschte.

Mit 130 Sachen flog JoBo über den Nordring Richtung Flughafen. JoBo hiess eigentlich Johannes Bohnenblust, aber das klang einfach nicht cool genug für einen frischgebackenen Langstrecken-Copiloten. Das Auto war sein ganzer Stolz. Etwas zu teuer für sein Einkommen, aber standesgemäss, wie er fand. Er freute sich auf den Flug zum Big Apple. Den Kapitän kannte er aus der Umschulung auf die A330. Er war jung, aufgestellt und kompetent, wie es sich für einen Piloten der Luftwaffe gehörte. Dank seinem Können überstanden sie während des Kurses auch den berüchtigten Fluglehrer, der arrogant und aufgeblasen war, wie ein Luftballon an einem Kindergeburtstag. Nein, mit diesem alten Sack wollte er keine acht Stunden im Cockpit verbringen – lieber nicht. Die Raststätte Katzensee war schon vorbei, als sein Handy klingelte. Automatisch reduzierte sich die Lautstärke der Musik und der Bluetooth-Ohrstöpsel begann zu blinken. Ein teures Accessoire, aber in der heutigen Zeit unumgänglich. Es war sein Lieblingskapitän am Ende der Leitung. «Hallo JoBo, ich musste den Flug absagen. Meine Tochter hatte einen Unfall.» Automatisch reduzierte JoBo das Tempo, was auch prompt von einem Mercedes mit Basler Kennzeichen mit Lichthupesignalen quittiert wurde. Am Steuer sass eine ältere Dame mit Föhnfrisur, die zu JoBo’s Belustigung in einer Uniform seiner Fluggesellschaft steckte. «Alte Schachtel», dachte er und konzentrierte sich wieder auf das Gespräch und den Verkehr. «Dann wünsche ich gute Besserung. Schade, dass du nicht mitkommen kannst. Hoffentlich hast du für gleichwertigen Ersatz gesorgt.» «Da muss ich dich leider enttäuschen Jobo, geplant ist das Arschloch aus der Umschulung.»

Trix Sarasin drückte auf die Tube. Die Zürcher konnten einfach nicht Autofahren! Wertvolle Minuten verflogen, in denen sie lieber in der Garderobe noch einmal ihren Lidschatten nachgezogen hätte. Jetzt reduzierte dieser Depp im Audi auch noch das Tempo. «Bleeder Ziiiiircher, mach mal Platz da!» Sie betätigte mehrmals die Lichthupe und hoffte die Schnecke so von der Überholspur zu schiessen. Ihre potenten Halogenscheinwerfer verrichteten im Seriefeuermodus ihren Dienst zur vollen Befriedigung von Madame Sarasin. Der junge Schnösel machte Platz. Während dem Überholen erkannte sie die drei goldenen Streifen auf seiner Schulter. «Ein Copilötli!», lachte sie. «Geh mal schön Kurzstrecke fliegen mein Kleiner und lass brav die jungen Dinger in Ruhe. Mama Sarasin jettet heute nach New York.» Sie drückte aufs Gas und die dreihundert Pferde unter dem Stern galoppierten Richtung nächstes Opfer.

Ein leerer Koffer ist nicht kleiner als ein voller. Die Gepäckablagen der Bundesbahnen waren einfach zu klein für den Überseekoffer. Zara hätte auch den Kleinen mitnehmen können. Doch in New York wusste man nie, ob gerade irgendwo Ausverkauf war. Sie platzierte den Koffer im Abteil so, dass jedermann ihre Gepäcketikette mit der Aufschrift «Crew» lesen konnte. Das wäre unnötig gewesen. Zara reiste in Vollmontur. Die Uniform perfekt gebügelt, den Rock ein Spürchen zu kurz und die Strümpfe frisch aus dem Discounter, präsentierte sie sich stolz in ihren neuen Stöckelschuhen. Geschminkt war sie auf der grosszügigen Seite. Die Lippen in sattes Rot getaucht und die Lidschatten so schwarz, als käme sie direkt von einem Nachtflug. Auch Parfüm hatte sie üppig aufgetragen, was den Sitznachbarn zur Rechten dazu bewog, den Platz zu wechseln. Doch von diesen kleinen Makeln abgesehen, repräsentierte sie sich als Vorzeige-Flugbegleiterin. Ihre sportliche Figur passte perfekt in die dunkelblaue Uniform und die Frisur war nicht nur vorschriftskonform, sondern auch der letzte Schrei. Wie unschwer zu erkennen, war sich Zara nicht gewohnt, Röcke zu tragen. Eine ältere Dame im Abteil gegenüber machte sie mit Handzeichen diskret darauf aufmerksam, dass Frau in Rock die Beine nicht so spreizen sollte. Verlegen bedankte sich Zara Kaufleuten, verliess die S-Bahn am Flughafen und reihte sich vor der Schlange an der Rolltreppe ein, die Passagiere und Angestellte in die Flughafenhalle brachte.

«Reibst du mir den Rücken mit Body Lotion ein?», rief Roman Richtung Schlafzimmer. Sein Freund machte unter der Decke keinen Wank. «Ach komm, ich verbringe den ganzen Tag in dieser furztrockenen Röhre und du weiss, wie empfindlich meine Haut ist.» Keine Reaktion aus dem Schlafzimmer. «Selber schuld. Wenn der Ausschlag in New York wieder da ist, dann muss ich bei Glen vorbei und der wird mir mehr als den Rücken einsalben.» Immerhin ein «mmmhhh» klang unter der Decke hervor. Roman gab auf und zog sich an. Er bereitete sich auf der Parravicini einen Espresso zu und blickte aus dem Fenster über den Zürichsee. Die neu bezogene Wohnung im Seefeld war einfach paradiesisch. Extrem teuer, aber paradiesisch. Roman hätte die Arbeit als Flight Attendant aus finanzieller Sicht nicht nötig. Sein verstorbener Vater vererbte ihm ein Vermögen, das er selbst bei seinem verschwenderischen Lebenswandel bis zum Tod nie und nimmer hätte durchbringen können. Sein Lover arbeitete als Private Banker und hatte haufenweise schwule Multimillionäre in seinem Portfolio. Da kam einiges an Geld zusammen im Monat. Genug um das Leben würdevoll zu geniessen. «So steh endlich auf, wir müssen bald los.» Es war Wochenende und sein Partner wollte mit nach New York. Allerdings würde er länger bleiben. Man konnte als Banker privates gut mit geschäftlichem verbinden. Die Zeit wurde knapp, Roman musste gehen. Er bestellte ein Taxi auf den Namen Barfüssler und verliess die gemeinsame Wohnung. Sein Partner hatte noch Zeit. Als First-Class Passagier konnte er bis eine Viertelstunde vor Abflug einchecken.


Briefing

Mit JoBo im Schlepptau betrat Jaques Gonfler den Briefingraum. Die Kabinenbesatzung besprach gerade ein Notfallszenario, doch das störte den Herrn Kapitän nicht im Geringsten. «Guten Morgen!» Die Gespräche verklangen, die Blicke senkten sich Richtung Boden. «Flug nach New York, acht Stunden zwanzig Flugzeit, Turbulenzen wie immer. Johannes das Greenhorn fliegt uns nach Amerika. Er wird euch über das Wetter informieren.» Die Blicke waren noch immer gesenkt, die Flugzeit notiert. Mehr interessierte die Flight Attendants nicht.

Trix Sarasin studierte die Passagierliste der ersten Klasse. Fünf Leute waren geplant, zwei davon sogenannte VON, das sind besonders wichtige und gute Kunden, die verwöhnt und gehätschelt werden müssen. Sie freute sich auf die VON’s. Als Tochter aus gutem Hause war sie es gewohnt, einflussreiche Persönlichkeiten zu betreuen. Das Cockpit würde sie auf diesem Flug vernachlässigen. Ein bornierter Kapitän und ein Copilot, der ihr Sohn sein könnte – nicht ihre Welt. Ihre Welt war die erste Klasse, wo sich Filmstars und Politiker die Sitze teilten, wo es früher Kaviar gab und Zigarren. Ja früher, da war alles besser!

Roman betrachtete den jungen Copiloten. Den süssen Vornamen Johannes hat er durch das coole JoBo getauscht, was ihn keineswegs maskuliner machte. Roman scannte JoBo’s Body und gab ihm gute Noten. Sein knabenhaftes Aussehen gefiel Roman. Er käme nicht als Partner in Frage, aber wäre ein veritabler Seitensprung. Tja, dieses Mal nicht, aber wer weiss.

Zara pflegte ihre Fingernägel gut versteckt hinter der Handtasche. Der Copilot wollte mit seinen Wettermeldungen einfach nicht aufhören. Was meinte der Idiot eigentlich. Dank iPhone waren alle bestens über den Sturm in New York informiert. Trix vielleicht nicht, aber die hatte soviel Haarspray auf ihrem Kopf, dass es einen Hurrikan brauchte, um die Konstruktion in Schieflage zu bringen. Anfänger! Gut, so lange war sie auch noch nicht dabei, aber immerhin flog sie schon zum zweiten Mal nach New York. Ein altes Flughuhn quasi.

Gonfler wurde es zu bunt, er unterbrach JoBo mitten im Satz. «Um es kurz zu machen. Es herrscht Scheisswetter in New York. Wenn’s knallt bei der Landung, war der Kleine Schuld.» Er hatte bereits die Türfalle in der Hand, als er sich noch einmal umdrehte. «Haben alle den Reisepass? Bei dieser unerfahrenen Crew würde mich nichts verwundern! Hat noch jemand etwas anzufügen?» Roman hob die Hand und informierte, dass er seinen Freund dabei hatte. «Keinen Platz!», knurrte der Kapitän. «Ich nehme grundsätzlich niemanden auf dem Notsitz mit, Schwuchteln sowieso nicht!» Die Tür knallte zu, die Kabinenbesatzung war wieder allein.

«Sympathische Erscheinung», kommentierte die Kabinenchefin und fuhr mit den Notfallinstruktionen fort.

JoBo lief wie ein gewaschener Pudel Richtung Planungsraum. Das war ein Scheissauftritt. Ausgerechnet heute, wo diese Zara in der Besatzung war. Im Cockpit würde sie ihn auch nicht besuchen. Wen wundert’s, bei so einem Büffel als Chef. Scheisse, warum musste die Tochter des Lieblingskapitäns nur einen Unfall bauen.
Der Chef sass vorwurfsvoll am Planungstisch und wartete auf JoBo. «Wo sind die Planungsunterlagen?», fluchte der Kapitän. «Oben im Dispatch, wie immer.» An den umliegenden Tischen gingen die Augenbrauen hoch. «Einmal Arschloch, immer Arschloch», flüsterte ein Kapitänskollege zu seinem Copiloten, studierte die Wetterkarte und schüttelte den Kopf. Gonfler lief militärischen Schrittes zum Flugplaner.
«New York – toute suite s.v.p.!»
«Einen Moment bitte, ich bin noch mit der Tokio Crew beschäftigt.»
«Tokio startet zehn Minuten nach uns.»
«Ja, aber sie waren zuerst.»
«Ca m’intresse pas!»
Wieder verdrehten Kollegen die Augen. Der miserable Ruf Gonflers hatte sich einmal mehr bestätigt. Der Planer schob wortlos einen Stapel Papiere zum verhassten Kapitän und beschäftigte sich weiter mir der Tokio-Crew. Fluchend packte Gonfler die Flugunterlagen und verliess das Büro des Flugplaners. Eigentlich hätte er als verantwortlicher Kapitän noch über eine Pistensperrung an seiner Destination informiert werden sollen, aber das hatte sich damit erledigt.

«Roman mach dir keine Sorgen, ich bringe deinen Freund schon irgendwo unter», flüsterte ihm die Kabinenchefin im Crew-Bus in die Ohren. «Ich mache mir keine Sorgen, falls die Schlafmütze es noch aus dem Bett geschafft hat, ist er bestimmt an Bord. Fest gebucht, erste Klasse.» «Hoppla», antwortete die Kabinenchefin, «das ist aber eine Überraschung.» «Er ist einer der gelisteten VON’s. Sitz 1A. Danke für dein Engagement.» Roman wollte die erste Klasse Hostessen auch über seinen Freund informieren, liess das aber sein. Trix mit ihrer Föhnfrisur, die aussah wie der Haaraufsatz eines Playmobilmännchens, schien komplizierter als erwartet. Besser man lies die alte Madame in Ruhe arbeiten.

Die beiden Piloten redeten kein persönliches Wort miteinander. Gonfler studierte die Flugunterlagen, JoBo das Wetter. Als fliegenden Piloten wäre es eigentlich JoBo zugestanden, die erforderliche Treibstoffmenge zu bestimmen. Doch er machte sich keine Illusionen. Wie erwartet, hat Gonfler den von ihm gewünschten Wert auf das offizielle Formular gesetzt und mit seinem Kurzzeichen unterschrieben. JoBo hätte mehr genommen, traute sich aber nicht zu intervenieren.

Eine Viertelstunde später sass JoBo auf seinem Sitz und stellte die Schalter dorthin, wo sie gemäss Airbus Checkliste stehen sollten. Sein Kapitän schwirrte wie ein Eichhörnchen auf Speed durch die Gänge und trieb ausnahmslos jeden zur Weissglut, der ihm über den Weg lief. Zum ersten Mal hasste JoBo seinen Job.

Pünktlich wurde der Flug nach New York abgedockt und auf den Vorplatz geschoben. Die Triebwerke liefen ordnungsgemäss an und fünf Minuten später schaute die Flugzeugnase Richtung Himmel. Der ganze Flughafen Zürich war erleichtert, als die Maschine den Boden verliess. Für die Besatzung des Fluges 69 begann eine mehrstündige Odyssee. Einer gegen alle, alle gegen einen.


Steigflug

Zara schwitzte in der hintersten Küche. Nicht wegen der Temperatur, sondern wegen den vierzig koscheren Essen. Ausgerechnet heute! Auf alles hatte sie sich vorbereitet, wirklich auf alles. Jüdische Passagiere erwartete sie nicht auf dem Flug nach Amerika. Schlechte Vorbereitung Zara, beheimatete New York doch die grösste jüdische Exilgemeinde der Welt. Das hiess Stress am Boden. Vierzig koschere Mahlzeiten, davon drei vegetarische, fünf Kinder und sieben «non-gluten». Zuerst mussten die Spezialessen am Boden gefunden, dann geprüft, dann bezeichnet und dann auf die Öfen verteilt werden. Zara war schon vor dem Erlöschen des «fasten seat belt» total erschöpft.

Trix konnte es kaum erwarten, den Filmstar auf Sitz 1A zu bedienen. Vermutlich reiste er unter einem Synonym. Der Name auf der Passagierliste klang zu gewöhnlich, zu unbekannt. Während der kleine Copilot versuchte, die Flugzeugnase Richtung Westen zu drehen, schaute Trix in den kleinen Spiegel im Puderdöschen. Die Frisur sass, das Make-up auch. Die ersten zehn Minuten wollten nicht verstreichen. Das «fasten seat belt» nicht verschwinden. Endlich das langersehnte «Ping», endlich durfte sie aufstehen. Während die Kabinenchefin in drei Sprachen allerlei Informationen herunterlas, die keine Seele an Bord interessierte, öffnete Trix die Champagnerflasche aus edler Domäne. Handgriffe, die ihr in den vergangenen Jahren in Fleisch und Blut übergingen. Die bauchigen Flaschen benahmen manchmal wie wildgewordene Teenager. Kein Wunder, wurden sie doch gerüttelt und geschüttelt, verladen und wieder entladen. Doch Trix war ihnen gewachsen, sie hätte das noch bei Stromausfall beherrscht. Sanft schälte sie das Aluminium vom Flaschenhals, drehte das Drahtnetz langsam im Gegenuhrzeigersinn und warf den Abfall mit einer Hand elegant in den Eimer, während sie den Champagner mit der anderen auf der schmalen Ablage fixierte. Genau in diesem Moment zwängte sich die dicke Deutsche von 1K hinter ihr durch und das Unglück nahm ihren Lauf. Die kleine Ruckbewegung genügte, um dem Zapfen Auftrieb zu geben und dem Überdruck in der Flasche freien Lauf zu lassen. Begleitet vom einem lauten «Plopf» schoss das Stück Kork durch die Luft und traf Trix so unglücklich am Hals, dass eine blaue Stelle blieb, die einem Knutschfleck nicht unähnlich sah. Kaum spürte die Arme den Aufprall des Zapfens, wurde der Kopf mit kühlem Krug Selectionée 1992 gekühlt. Die Passagierin konnte sich in die Toilette flüchten, die Kabinenchefin und Trix standen nass in der Küche und rochen wie Boxenluder an der Preisverteilung vom grossen Preis von Monaco. Beide brachen in Tränen auch.

In diesem Moment öffnete sich die Cockpittür und Gonfler stand vor den beiden Damen. Er schien von der Katastrophe keine Notiz zu nehmen und bestellte einen doppelten Espresso mit geschäumter Milch und zwar SUBITO!

Die beiden Damen brauchten jetzt dringend eine Toilette. Die der ersten Klasse war besetzt mit der Dicken von 1K. Das konnte eine Ewigkeit dauern! In der Businessklasse hatte es drei der rettenden Tolietten. Zwei waren bereits besetzt, eine zeigte auf Grün. Doch der Weg zur rettenden Insel führte durch die erste Klasse. Beide zögerten. Trix gab eine erbärmliche Figur ab. Die Schminke verteilte sich grosszügig um die Augen und in der Puderschicht bildeten sich tiefe Canyons, in denen eine Mischung von Schweiss, Tränen und Krug Selectionée 1992 hinunterlief. Die Bluse war nass und an zwei Stellen war der Büstenhalter deutlich zu erkennen.

Wieder öffnete sich die Cockpittür und JoBo stand in der Küche. Eigentlich wollte er nur helfen, den Kaffee für den Chef zubereiten. Als er die verzweifelten Damen im Galley erblickte, versuchte er diese etwas aufzuheitern. Aufzuheitern, mit einem Spruch, der zwar zu seinem Alter passte, die reife Trix und ihre Kollegin nicht wirklich trösten konnte: «Na, veranstaltet ihr einen wet T-Shirt contest?»

Hinten im Flugzeug nahmen weder Gäste, noch Besatzungsmitglieder Notiz vom Champagnerunfall im vorderen Galley. Roman verwöhnte die Gäste in der Business-Class, Zara versuchte die Küche in der Economy zu managen. Niemand realisierte, dass die Ansage der Kabinenchefin mitten im Satz abrupt stoppte. Nach etwa einer Stunde –, die heissen Essen waren gerade zum Verteilen bereit, erschien Romans Freund in der mittleren Küche. «Nicht jetzt Schatz, ich hab jetzt wirklich keine Zeit! Vergnüge dich vorne bei Lachs und Champagner, ich besuche dich, wenn ich hier fertig bin.» Roman spitzte die Lippen wie es nur Schwule können und wollte seinem Partner links und rechts ein Abschiedsküsschen auf die Wange geben. «Roman, es ist was passiert. Vorne herrscht Chaos!» Romans Mine verfinsterte sich. Rauch, Motorenprobleme oder ein Feuer? Müssen wir Notlanden, den Service abbrechen, Schwimmwesten anziehen? Sein Partner beruhigte ihn. «Im Gegenteil, ihr müsst nicht den Service abbrechen, sondern ihn endlich beginnen. Ich sterbe vor Hunger und Durst habe ich auch.» Wortlos verstaute Roman seinen Schubkarren und lief schnurstracks in die vordere Küche. Das Bild, das ihm geboten wurde beelendete ihn. Trix, die hochnäsige Hostess aus alten Zeiten versuchte verzweifelt einen Knutschfleck mit rosa Puder zu überdecken und die Kabinenchefin reinigte mit Feuchttüchern das Bedienpanel des Bordunterhaltungssystems. Etwas Krug Selectionée 1992 hat sich zwischen die Leiterplatten geschlichen und das ganze System lahmgelegt. Als er in die Gesichter der beiden schaute, sah er nackte Panik.

Roman drehte sich zu seinem Partner um. «Lust auf etwas Spass?» «Logo!», lautete die kurze Antwort und die Zwei legten los. Als erstes verstaute Roman die beiden Heulsusen im kleinen Schlafraum der Piloten. Dieser wurde auf diesem Flug nicht gebraucht, die Betten waren frei. Er holte aus der Bordapotheke Schlaftabletten, breitete die Duvets aus und klopfte die Kissen zurecht. «Gute Nacht die Damen. Seit beruhigt, wir schaukeln das schon.»
Problem eins gelöst.
Nach einem kurzen Telefonat ins Business-Class-Galley arrangierte Roman ein Mittagessen für die beiden Piloten, das selbst Gonfler für über eine Stunde ruhig stellen sollte. Er brachte sämtlichen Lesestoff in französischer Sprache nach vorne, wünschte einen guten Appetit und verabschiedete sich höflich.
Problem zwei gelöst.
In der Zwischenzeit machte sein Freund in der ersten Klasse die Runde. Er beschönigte nichts und informierte die Gäste über den Nervenzusammenbruch der Damen, offenbarte seinen Plan und klopfte dazwischen Sprüche, die den Gästen ein herzhaftes Lachen entlockten. Roman riss in der Küche alle Schubladen auf und stellte die Getränke, die seinem Geschmack entsprachen auf die Seite. Im Nu baute er in der ersten Klasse eine kleine Bar auf und mixte Getränke in allen Farben. «Jetzt zeigen wir denen einmal, wie wir am anderen Ufer Partys feiern!» Die Jalousien wurden heruntergelassen, das Licht gedämpft und der iPod von Roman beschallte die Kabine mit Lounge Musik.
Roman improvisierte. Er arrangierte eine Vorspeiseplatte mit Lachs, Trockenfleisch und Hartkäse, der eigentlich für den Nachtisch gedacht war. Dazu servierte er den Chablis aus der Business-Class, der ihm besser mundete, als der teure Weisswein aus dem Burgenland. Nach drei Flugstunden begann die Dicke aus 1K zu singen. Eine Viertelstunde später schnarchte sie. Die Wagen waren bald leergefressen, die Gäste glücklich.
Problem drei gelöst.
Als Zara nach vier Stunden völlig erschöpf in der vorderen Kabine erschien, wo sie sich etwas zu Essen holen wollte, blieb sie erschrocken stehen. Roman und sein Freund knutschten offensichtlich betrunken in einen Sitz herum, während sich die Dicke von 1K und ihr schmächtiger Nachbar näher kamen, als es sich auf 11000 Metern eigentlich gehörte. «Auweia, das gibt Ärger!»


Reiseflug

«Ich versuche noch einmal zu telefonieren», sagte Gonfler unfreundlich und zog die Kopfhörer an. Schon seit drei Stunden wählte das Arschloch immer wieder die gleiche Nummer – ohne Erfolg. JoBo kümmerte das wenig. Im Gegenteil, so hatte er seine Ruhe und konnte ungestört seine Zeitungen lesen. Gut versteckt vor Gonfler steckte im rechten Ohr ein iPod Ohrstöpsel und beschallte ihn mit Musik von Billy Idol. Soll doch dieser ungehobelte Bock telefonieren so lange er wollte. Flug 69 war mitten über dem Atlantik, noch vier Stunden bis New York.

«Mei Lin? It’s me sweety.»
Gonfler schien Erfolg zu haben. Er schrie mit einem Mix aus Thailändisch und Englisch ins Mikrofon. «No sweety, I’m not coming tonight. Changed plan, going to New York.»
JoBo grinste. Dieser alte Bock hatte also eine Geliebte in Bangkok. Darum war er so unausstehlich, er wollte heute Nacht nach Thailand statt nach New York.
«No sweety, no other girl in New York. You are my best, my number one.»
Dieses «number oooooaaaaaaaane» zog er so in die Länge, dass die Luft in Gonflers Lunge knapp wurde. JoBo musste sich das Lachen verkneifen. Die Szene hatte etwas Surreales. Dieser aufgeblasene Idiot, der vor Selbstvertrauen nur so strotzte, schickte dieses infantile Geblabber in den Äther hinaus und das für 10 Dollar die Minute.
«... oh, prepaid card soon empty .... yes will send you money .... no problem .... mei pen rai ... yes, will send you more money .... love you too, sweety .... you are my number oooooooooooaaaaaane ....»
JoBo hatte genug, er stand ungefragt auf und verliess das Cockpit. Hastig unterbrach Gonfler das Gespräch und konzentrierte sich auf die Instrumente. «Was fällt diesem jungen Schnösel eigentlich ein?», dachte sich der alte Kapitän und schwor sich, dem Kerl die Leviten zu lesen.

JoBo erleichterte sich in der vordersten Toilette und lief durch die erste Klasse, die sich wie ein Saustall präsentierte. Überall standen leere Gläser und Flaschen herum und die Gäste schliefen in den Betten, doch nicht alle allein. JoBo lief weiter durch die Business-Class und stattete der Küche einen Besuch ab. «Was willst du?», fragte Zara wirsch? «Euch besuchen, einen kleinen Schwatz machen oder so.» «Na hör mal du Held der Lüfte. Vier Stunden sind wir durch die Kabine gerannt, haben den Passagieren alle Wünsche von den Augen gelesen, Reklamationen angehört, Gläser aufgefüllt, wieder Reklamationen gehört, Glaser neuerlich aufgefüllt, Chicken, Chicken und nochmals Chicken aufgewärmt und viel zu heissen Kaffee serviert. Seit genau drei Minuten sitze ich zum ersten Mal auf diesem wackligen Klappstuhl und der Herr Copilot will ein Schwätzchen mit mir machen. ICH WILL NICHTS ANDERES ALS MEINE RUHE! HAU AB!»
Konsterniert zog JoBo von Dannen. Ein Besuch in der Holzklasse erübrigte sich. Vorsichtig lief er durch die dunkle First-Class Richtung Cockpit. «Lag da nicht der schwule Steward auf einem Passagier?»

Roman knurrte. Irgend ein Nilpferd trampelte so laut durch die Gänge, dass der Sitz bebte. Die zwei Bloody Mary von vorhin hämmerten an seine Schädeldecke. Er stolperte Richtung Toilette und trat in etwas Weiches, etwas Warmes. Oje, Dame 1K hat sich übergeben und mitten in den Gang gekotzt. Roman machte sich im kleinen Waschraum etwas frisch, braute eine Kanne starken Kaffee und trat mit einem warmen Tuch und drei Alka-Selzer zu 1K. Er wusch ihr vorsichtig das Gekotzte von der Wange, schob ihr die Pillen in den Mund und flösste ihr vorsichtig Wasser ein. Dankbar strich die Hand von 1K über seine Wange und verteilte damit das, was Roman eigentlich wegwischen wollte.
Nach einer Stunde präsentierte sich die Kabine wieder so wie im Prospekt. Roman streute das gebrauchte Kaffeepulver auf den Boden und neutralisierte so den scharfen Geruch aus dem Schlund von 1K. Es roch nach frisch gebrautem Arabica, was den anderen verkaterten Gästen Leben einhauchte. Langsam erwachte der Saustall wieder. 1K steckte in einem frischen Schlafanzug und verdrückte genüsslich ihr Katerfrühstück. Auch der iPod verrichtete wieder seinen Dienst. «Good Morning Amerika how are you ...», scherbelte es aus den viel zu kleinen Lautsprechern und 1K summte mit vollem Mund mit. Die Gäste waren gut gelaunt. Noch zwei Stunden bis zur Landung.

Zara verteilte Berge von Formularen, Formulare für die Einreise, Formulare für die Ausreise, Formulare für die Weiterreise und Formulare für den Zoll. Als ob das nicht schon genug Bürokram wäre, wollte das Management der SCREW von den geschätzten Gästen wissen, wie ihnen die Reise gefallen hätte. Das hiess wiederum weitere 178 Formulare zu verteilen. Die Feedbacks waren wie immer. Passagiere, die den ganzen Flug reklamierten, verteilten die besten Noten. Schweizer hauten «ihre» Airline in die Pfanne. Die schlechtesten Fünfzig wanderten in den Abfall, den Rest würde Zara brav in der Briefkasten der Zonenchefin werfen.

Die Gäste der ersten Klasse rissen Roman die Feedback-Formulare aus den Händen. Sie verteilten ausnahmslos Höchstnoten, was später mit einem vorgedruckten Brief des Zonenchefs verdankt wurde. Dame 1K war das zuwenig. Sie entnahm ihrer Louis Vuitton Tasche ein Schreibset und schrieb mit dem goldenen Mont-Blanc Füller einen vierseitigen Brief an den CEO von SCREW. In höchsten Tönen lobte sie Roman, schlug ihn für höhere Ämter vor, betitelte SCREW mehrmals als beste Airline des Planeten und schob fünf 200 Franken Scheine in das Couvert. Bevor sie dieses aber zuklebte, hielt sie kurz inne. Der CEO würde das Geld sicher für einen guten Zweck spenden – so eine Verschwendung!. Beim Kapitän wäre das Trinkgeld besser aufgehoben. Mit 1000 Franken in der Hand lief sie zur Cockpitür und klopfte heftig. Die Pforte öffnete sich und das grelle Sonnenlicht raubten ihr die Sicht. Gonfler wurde auch geblendet. Was für eine Frau! Welche Fülle! Dieser Busen, diese Hüften, dieser Charme. Die musste er haben!
«Geschätzter Herr Luftkapitän, dieser Flug ist das Beste, was ich je erlebt habe. Ich erlaube mir ihnen für die Crew ein bescheidenes Trinkgeld zu übergeben. Lassen sie es sich in New York gut gehen, geniessen sie den freien Abend in dieser wunderbaren Stadt.»
Galant nahm Gonfler das Couvert entgegen und streckte es dem Copiloten hin. «Geben wir das den Jungen, sie sollen damit Spass haben. Damit wir auch zu unserem Vergnügen kommen, möchte ich sie heute Abend zum Dinner im Ritz einladen. Hätten sie Zeit und Lust mich zu begleiten?»
JoBo flüsterte leise «you my number ooooooooaaaaaaaane» vor sich hin und verstaute das Couvert ungeöffnet in der Brusttasche. 1K wollte. Gonfler und sie verabredeten sich für 20 Uhr. Ein weiteres Satellitengespräch und 140 Dollar Gesprächsgebühren später, war der beste Tisch im Ritz reserviert.

Gonfler war das erste Mal gut gelaunt. Das Wetter schien es ihm gleich zu tun. Kein Sturm in New York, eine leichte Brise aus Nord, Landung auf der 31R, 21 Grad Celsius. JoBo ergriff das Handset und überlegte kurz, was er sagen sollte. Es waren noch 40 Minuten Zeit bis zur Landung, die Gäste wollten informiert werden.
«Ladies an Gentlemen, ........... »

Trix schoss aus ihrem Traum auf und schlug den Kopf heftig gegen das obere Bett. Dort lag die Kabinenchefin noch immer im Koma und redete unwirsches Zeugs im Schlaf. «Aufstehen, wir haben verschlafen!» Mit aller Kraft versuchte sie die Kabinenchefin zu wecken, was ihr nach einigen Minuten auch gelang. «Wir landen in 35 Minuten.» «WAS?»
Roman wusste, was die Ansage des Copiloten bei den Schlafmützen auslösen würde: nackte Panik. Er instruierte vorgängig die Gäste der ersten Klasse, dass die Toilette die letzten 40 Minuten zur Wiederherstellung von Trix und Kabinenchefin reserviert war. 1K stellte ihren Haarspray und den Louis Vuitton Schminktresor bereit, Roman benässte einige Baumwolltücher im Ofen und wärmte sie auf. Im Eilzugstempo wurden die Lidschatten nachgezogen, Blusen gereinigt, Frisuren getrimmt, Büstenhalter gerichtet, Strümpfe gestreckt und Schuhe gewechselt. Drei Minuten vor Touchdown war das Werk vollbracht. «Roman, du bist ein Schatz!»
«Cabin und Galley secured», rapportiere die Kabinenchefin einem seltsam gutgelaunten Gonfler. Zwei Minuten später waren sie am Boden. Die erste Klasse applaudierte frenetisch.

Postflight Duty

Gonfler sass immer noch im Immigrationsbüro, als die Crew an der Ecke 33rd/6th die Koffer ins Zimmer schleppten. Als der Herr Kapitän nach der Landung sein Handy einschaltete, sah er eine SMS des Hauswarts, der ihm mitteilte, dass Gonfler seine Brieftasche samt Pass und Kreditkarte bei ihm abholen könne. Merde! Kein Pass bei der Einreise nach Amerika bedeutete Ärger. Er wies JoBo an, nicht auf ihn zu warten, er hätte am Flughafen noch etwas zu erledigen. JoBo war das mehr als lieb, dem Rest der Crew auch. Bevor sich der Kapitän von seinem Copi verabschiedete, verlangte er das Couvert zurück, dass ihm 1K im Cockpit überreichte. Denn ohne eine Kreditkarte im Sack konnte man schlecht eine Dame von Welt ins Ritz einladen. JoBo tat was ihm befohlen wurde.

Die Kabinenchefin entschuldigte sich im Bus bei der Crew in aller Form. Es war ihr unendlich peinlich, dass sie den ganzen Flug verpennt hatte. Trix schwieg zur ganzen Sache. Auf Zuraten von Roman verzichtete die Kabinenchefin auf eine Selbstanklage bei höherer Stelle. Warum auch? Die Gäste waren zufrieden wie noch nie.
Zara schlief die ganze Fahrt zum Hotel. Sie war müde und ausgelaugt. Kein Wunder, wenn die Hälfte der Besatzung in der ersten Klasse pennte! Sie wollte von der ganzen Bande nichts mehr hören und verabschiedete sich nach Ankunft im Hotel ohne ein Wort zu sagen im Aufzug.
JoBo spielte bei der Ankunft den Gentleman und half den Damen bei Kofferausladen. Zaras roter Rollkoffer hob er mit leichtem Herzklopfen. Er hatte zuhause vor dem Flug einen Brief geschrieben, der er ihr jetzt unbemerkt in die offene Seitentasche des Koffers schob. «Hoffentlich sieht sie ihn noch heute Abend», träumte der junge Casanova und beobachtete enttäuscht, wie Zara wortlos im Lift verschwand.

Die Crew verteilte sich nach der Ankunft wie eine Streubombe. Jeder hatte seine Pläne, keiner hatte nach dem Flug Lust auf aviatischen Smalltalk. Roman und sein Freund verschwanden in einem angesagten Restaurant in Chelsea und lachten noch den ganzen Abend über die tolle Party an Bord. Nach einem Night-Cup in einer Bar sackten sie in einem Club im Soho ab. Es war schon Morgen, als sie im kleinen Zimmer unter der Decke verschwanden.

JoBo rannte aufs Zimmer und stand sofort unter die Dusche. Zara könnte jeden Moment an die Zimmertür klopfen und Eintritt verlangen. Er musste bereit sein, frisch geduscht! Nach diesem mehrseitigen Brief – übrigens der Erste handgeschriebene seit Jahren – müsste sie das Zimmer des Copiloten förmlich stürmen. Sie kam nicht, sie blieb verschollen. Die Jerry-Springer-Show lief noch, als JoBo auf dem Bett einschlief. Einsam und durstig. Nach drei Stunden weckte ihn ein Schrei im Flur. Er rieb sich die Augen, wusch das Gesicht und trat festentschlossen vor das Zimmer. «Jetzt, oder nie!», dachte er und klopfte an Zaras Zimmertüre.

Trix stand etwas verloren in der Hotel-Lobby und sammelte ihre Gedanken. Vergebens feilschte sie Minuten davor mit dem Concierce um ein Raucherzimmer. Das Letzte war weg – Pech gehabt. Es war nicht ihr Tag, alles schien schief zu gehen. Als sie ins Freie treten wollte, um auf Manhattans Strassen eine Zigarette zu rauchen, wurde sie fast von Zara überrannt. «Nach diesem Flug kann ich unmöglich in einem Raucherzimmer schlafen, ich brauche ein anderes!», schrie sie durch die Lobby. Trix beruhigte das junge Flughuhn, klärte sie über einen möglichen Zimmerwechsel auf und die Beiden traten zusammen an den Hoteltresen.
Fünf Minuten später rauchte Trix ihre Marlboro light auf 507 und Zara entpackte ihren Koffer im rauchfreien 409. Zwischen den Flugunterlagen und den Einkaufsnotizen steckte ein Brief, der da eigentlich nicht hingehörte. Neugierig betrachtete Zara das edle Papier und die unübliche Struktur. Sie öffnete den Umschlag vorsichtig und entnahm einen handgeschriebenen Brief. Ihr Herz hüpfte vor Freude, ein Traum wurde war. In feiner Handschrift und mit dunkler Tinte war etwas sehr persönliches geschrieben: «Danke für den ausgezeichneten und unvergesslichen Flug!» «Tausend Franken!», schrie Zara durch das Zimmer, «tausend Franken!»

Gonfler tobte im Hotelflur wie ein Verrückter. Er brauchte nicht einen Liebesbrief für eine junge Hostess, er brauchte Kohle! «Verdammte Scheisse! Wenn ich diesen JoBo zwischen die Finger kriege! Er machte Rechtsumkehrt stampfte zurück in die Lobby und verlangte eine sofortige Verbindung zum SCREW Hauptquartier. Er machte dem unerfahrenen Angestellten so lange die Hölle heiss, bis dieser die verlangten 5000 Dollar in Bar als Notüberweisung dem Kapitän zustelle «UND ZWAR SOFORT!» Mit viel Bargeld im Sack und frisch geduscht erschien Jaques Gonfler um 20:30 Uhr in der Lobby des Ritz. 1K sass schon etwas sauer am reservierten Tisch und nippte an einem Glas Dry Martini. Die herzliche Begrüssung machte alles wieder wett. Man bestellte ein üppiges Abendbrot, teuren Wein und reichlich Schnaps. Gonflers welscher Charme und das grosszügige Trinkgeld, das Madame sichtlich beeindruckte, taten ihre Wirkung. Sie verschwanden kurz vor Mitternacht in Gonflers Zimmer im Hotel an der 33rd/6th. Hätte Gonfler vor Abflug die Familienpackung Präservative nicht wutentbrannt in die Ecke geworfen, dann wäre er vielleicht neun Monate später nicht zum vierten Mal Vater geworden.

Trix lag auf dem Bett und betrachtete frustriert die Zimmerdecke. Die Schmach vom heutigen Tag war noch nicht verdaut. Sie öffnete die dritte Whisky Miniature, als es an die Zimmertüre klopfte. Müde stand sie auf, stolperte zur Türe und blickte Momente später die weit geöffneten Augen von JoBo. Eine solche Gelegenheit kriegte sie nie wieder. Sie packte den jungen Copiloten am Kragen und riss ihn ins Zimmer. Die Lichter gingen aus.


Nachspann

Eine etwas zerzauste Crew traf sich am nächsten Tag in der Hotellobby an der 33rd/6th. Trix hatte jetzt zwei Knutschflecken und JoBo einen. Gonfler noch immer keinen Pass, aber bald eine Vaterschaftsklage am Hals. Zara schleppte zwei Koffer und drei Einkaufstüten von Macys hinter sich her und Roman verabschiedete sich müde von seinem Partner.
Flug 68 nach Zürich verlief ereignislos und man verabschiedete sich Stunden später im Crewraum des Hauptsitzes voneinander mit Küsschen rechts, Küsschen links und noch einmal Küsschen rechts. Eine ganz normale Rotation ging zu Ende.

Montag, September 24, 2018

Bettgeschichten

In der Linienfliegerei gibt es viele Geheimnisse, die Insider so gerne für sich behalten. Ich breche an dieser Stelle die Omerta und lüfte eines der bestgehüteten „Secrets“ der Pilotenschaft.
Unser Beruf ist mit vielen Vorurteilen belastet. Die meisten davon schmeicheln uns und wir geben uns nur oberflächlich Mühe, diese aus der Welt zu schaffen. Was wir Männer am meisten zu hören bekommen, ist das Thema Frauen…

Behauptung:
Piloten haben stets junge hübsche Flight-Attendants um sich und lassen es sich in fernen Ländern gut gehen.
Standardantwort der Pilotenschaft:
Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass wir mit attraktiven Menschen um die Welt jetten und einander näher kommen. Piloten - insbesonders Kapitäne, sind sich aber ihrer Verantwortung bewusst und kennen sehr wohl meistens die Grenzen.
Realität:
Langstreckenkapitäne sind alt und unattraktiv. Sie haben in der Regel Übergewicht und klagen über Rückenschmerzen. Wenn einmal ein Flight-Attendant einem Kapitän ein Lächeln oder gar einen Kussmund zuwirft, dann hat dieser mit Sicherheit den Apéro bezahlt.

Warum ich dieses Thema aufwerfe? Ganz einfach, ich mache mir Sorgen um die Jugend.
Zu meiner Zeit als Single und Hochjäger war das relativ simpel. Die Crew bestand aus zwei Piloten und vier meist weiblichen Flight-Attendants. Man düste eine Woche durch Europa und hatte dank dünnem Flugplan genügend Zeit, einander näher zu kommen. Die Rollen waren klar verteilt. Man erwartete vom jungen Copiloten ein stilvolles Balzverhalten, das in der Regel nicht zum Erfolg führte. Mit zunehmenden Flugstunden lernte der Bock seine weiblichen Gegenspielerinnen besser kennen und passte seine Strategien an. Die weiblichen Gegenspielerinnen genossen dies und spielten mit dem balzenden Bock ein Spiel, das prickelnder nicht sein konnte.
Als Mann lernte man zuhören, humorvoll zu sein, interessante Gespräche zu führen, das Gegenüber ernst zu nehmen und Sie zu faszinieren. Je besser dies gelang, desto unwichtiger wurden Äusserlichkeiten, die auf den ersten Blick unter Umständen unattraktiv wirkten.

Im Jahre 2018 ist die Flirtwelt eine andere. Gutgemeinte Richtlinien wie die über „sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz“ können derart extrem ausgelegt werden, dass bereits ein persönliches Gespräch unter vier Augen zum Problem werden kann. Die Jungen weichen aus, bedienen sich anderen Kanälen. Netzwerke, die ironischerweise als sozial angepriesen werden, dienen als Plattform, auf deren die eigene Persönlichkeit schonungs- und hemmungslos ausgebreitet wird. Noch bevor das Briefing vor einer Rotation beginnt, können die Crewmitglieder alles über einander erfahren – und zwar wirklich alles.
Auf der Strecke bleibt der prickelnde Weg, der eigentliche Flirt, das Zuhören, das Lachen, die Erotik, der Spass.

Wenn ich diese Erkenntnisse meinen jungen Copiloten mitteilen, lachen sie mich aus. „He Alter, du hast doch überhaupt keine Ahnung.“ Frage ich die Mitfünfziger der Crew, geben sie mir recht.

Doch so trist, wie ich die Situation beschreibe, ist es dennoch nicht. Neulich erlebte der schreibende Kapitän eine Gegebenheit, die ihm schmeichelte. Ein überdurchschnittliches Engagement eines Crewmitglieds veranlasste mich dazu, dieser Person als Dank für den nicht selbstverständlichen Einsatz eine Flasche Champagner zu spendieren. Der Mann wurde verlegen, bedankte sich und offenbarte mir, dass er statt der Flasche Champagner lieber ein Date mit mir hätte. Auch wenn unsere sexuellen Ausrichtungen nicht ganz kompatibel waren, freute ich mich über das Kompliment.
Ein paar ruhigere Minuten später nahm mich ein junges Flight-Attendant auf die Seite und riet mir ernsthaft, den Kollegen wegen sexueller Belästigung zu melden. Mir tut die heutige Jugend wirklich leid!

Samstag, September 01, 2018

Der Pendler

Wenn nur diese Freizeit nicht ständig von diesen Arbeitseinsätzen unterbrochen würde! Ich pendle einmal mehr zur Arbeit. Das ist an und für sich nichts aussergewöhnliches, in meinem Fall vielleicht doch ein bisschen. Die Zugsfahrt zwischen meinem Wohnort und meinem Arbeitsort dauert mehr als drei Stunden. Bezüglich Reisezeit leicht über dem Durchschnitt, bezüglich Gemütlichkeit und Schönheit kaum zu überbieten.

In St. Moritz startet die Unesco-Weltkulturerbe-Eisenbahnstrecke Richtung Thusis. Das ist etwas besonderes und hat tatsächlich auch seinen Reiz. Leicht störend sind aber die Ansagen in zwei Sprachen, die jede Brücke beschreiben und jeden Tunnelbauer loben. Man kommt sich vor wie auf einem Charterflug, wo der Pilot jeden Strandkorb von oben beschreibt.
Kopfhörer, die das Aussengeräusch mindern, sind meine Rettung und so kann ich Texte wie diese schreiben, Mails beantworten, Podcasts schauen und mich auf Flüge vorbereiten.

So verliert die Länge der Reise an Schrecken und ob sie es glauben oder nicht, manchmal ist diese sogar zu kurz. Denn auch wir Piloten ersaufen in Mails, denn auch unsere Vorgesetzten werden immer jünger und damit mitteilungsfreudiger.

Manchmal sitze ich aber auch nur in meinem Stuhl der 1. Klasse, geniesse die so selten gewordene Langeweile und beobachte die Mitreisenden. In einer Tourismusregion zu wohnen hat grosse Vorteile. Mit den Jahreszeiten ändern sich die Freizeitbeschäftigungen und damit die Gäste im Zug ins Unterland. Grosses Kino!

Der Sommer im Engadin neigt sich dem Ende zu. Pünktlich mit dem Beginn der Hochjagt hat der erste Schnee die Berggipfel mit Puderzucker überzogen. Noch vor einer Woche klagten selbst wir im Hochtal über die hohen Temperaturen. Der Zug war voller als heute. Ferienende.

Im Abteil gegenüber sass eine Frau in meinem Alter. Gekleidet wie ein Modell der Modekette „forever 21“, fühlte sie sich genauso alt wie der Firmenname. Auf ihrem Pullover genau über dem straffen Busen „Made in Klinik Park“ war ein Schriftzug angebracht, der ein Weihnachtsguetzli bezeichnete, das ich ganz persönlich sehr mag, sie aber wegen Glutenunverträglichkeit und „low carb diet“ nie im Leben anrühren würde.  Ihr Sohn, geschätzte vier Jahre alt, war von oben bis unten gestylt wie ein Filmstar. Wenn es medizinisch möglich gewesen wäre, hätte auf der Lippe des Sohnemanns ein dicker Schnauz gewuchert. Nicht praktisch für Dreikäsehochs, aber total in Mode.

Ein Abteil weiter eine erfrischend andere Wandergruppe. Die stabilen Schuhe waren staubig, die Waden dick, die Bäuche auch. Aus den farbigen Rucksäcken holten die vier Spassvögel einen ganzen Wocheneinkauf ans Tageslicht. Während der Eine einen Salsiz auf dem mitgebrachten Holzbrett portionierte, entkorkte ein Anderer die Rotweinflasche. Frisch aufgebackenes Brot wurde herumgereicht und die hart gekochten Eier dick mit Senf beschmiert. Einer Dame kam in den Sinn, dass in den tiefen des Rucksacks noch eine Packung Fleischkäse auf den Verzehr wartete und der Herr gegenüber schnitt die Rinde des Käses so knapp ab, als wären wir noch in Kriegszeiten. Es wurde gelacht, Karten gespielt, Biberli entpackt, ein Flachmann herumgereicht und das Abteil mit Speiseresten übersät. Der Junge ohne Schnauz hätte sich an der Fresssorgie gerne beteiligt, die Frau Zimtstern hat ihn davon abgehalten. Ob sie Angst hatte um die Designerkleider oder den Babyspeck des Kleinen, entzieht sich meiner Kenntniss.

Wir fahren in den Albulatunnel ein. Die Dame der RhB informiert mich zum 87. Mal dieses Jahr, dass ein neuer Tunnel gebaut wird. Der Kleine weint und es fallen Tränen auf den Tommy Hilfiker. Die erste Flasche Wein verschwindet im viel zu kleinen Abfalleimer und es wird noch ein Glas Essiggurken geöffnet.
Das Internetsignal verschwindet – wir befinden uns im Unesco Weltkulturerbe! Noch genau drei Stunden bis zu meinem Reiseziel. Ich schaue jetzt einen Film.

Mittwoch, August 15, 2018

Westcoast Depression

Man kenn sich unter den Frühaufstehern. Im Hotel ist um 3 Uhr in der Früh nicht viel los. Pablo sitz wie immer um diese Zeit auf seinem Putzgerät und kurvt elegant um die unzähligen von ihm aufgestellten Warnschilder, die vor einem rutschigen Boden warnen. Der Nachportier winkt mir anerkennend zu und schwärmt von meinem sportlichen Ehrgeiz.
So verschwinde ich nach ein paar sozialen Kontakten im leeren Fitnessraum.

Ein Fitnessraum ist ein trister Ort. Wenn er um 3 Uhr morgens ganz leer ist noch weniger, als wenn sich Leute auf den Geräten quälen. Meistens sitzen diese aber nur herum, schauen den anderen auf die Ärsche, nippen an ihren Zuckergetränken und checken ihre Nachrichten auf dem Handy. Irgendwie erinnert mich das an Autobahnbaustellen im Sommer. Viele Leute die herumstehen, aber kaum einer der arbeitet.
Um 3 Uhr in der Früh ist der Raum leer. Zwei grosse Fernseher streiten mit zwei Nachrichtensprechern auf zwei Sendern um die besten Meldungen. Ein unangenehmer Lärmteppich ist die Folge, wobei wir wieder bei der Autobahnbaustelle wären.
Gerne würde ich das Laufband mit der Natur tauschen. Neben dem Hotel beginnt der traumhafte Joggingtrail entlang des Pazifiks. Über 15 Km könnte ich mit den rauschen des Meers im Ohr joggen und den Sonnenaufgang betrachten. Doch leider ist dies strengstens verboten. Ich bin in Amerika und die haben Vorschriften und leider auch genug Personal, um diese durchzusetzen. Erst nach Sonnenaufgang ist der Weg geöffnet und um 3 Uhr in der Früh ist dieser noch weit entfernt. Also besser aufs Laufband als in den Knast.

So stehe ich auf dem Depressionsbeschleuniger genannt Laufband und höre dank Internet die Nachrichten aus der Heimat im Ohr. Die werden zwar nicht so insbrünstig wie die amerikanischen verlesen, dafür kann man ihnen vertrauen.
Nach Kilometer 6 eine Störung: Die Türe geht auf und mein Copilot betritt den Raum. Auch er kann nicht schlafen, auch er sucht Abwechslung im Sport. Ich fixiere mein Bild im Spiegel und finde mich ab Kilometer 8 ziemlich attraktiv. Ob es an der Erschöpfung oder am Mangel an Auswahl liegt, sei dahingestellt. Am Copiloten liegt es nicht. Er sitzt ausserhalb meines Spiegelblickfelds in der Ecke der Gewichte und checkt seine Nachrichten auf dem Handy… Die heutige Jugend…

Der Kilometer 10 - meine persönliche Ziellinie, kommt näher und unter mir hat sich ein See aus Schweiss gebildet. Die Nachrichtensendung „Rendez-vous am Mittag“ ist zu Ende und mein Magen rebelliert vor Hunger. Doch bevor ich im Zimmer unter die erlösende Dusche stehe, versuche ich noch ein paar Eisen in die Höhe zu heben. Mit viel Selbstvertrauen sitze ich auf die Maschine, die vor mir mein Copilot zwischen Tinder, WhatsUp, Facebook, Snapchat, Instagramm und „was auch immer“ Nachrichten-Check benutzt hat. Das Gewicht verstelle ich nicht, so stark sieht der Kleine auch wieder nicht aus.
Der Kopf wird rot, der Atem stockt, aber das Gewicht bewegt sich keinen Millimeter. Saukerl!, denke ich und bin fest davon überzeugt, dass er vor dem Aufstehen die Gewichte noch verstellt hat. Die heutige Jugend…

Nach einer erfrischenden Dusche stehe ich um 5:30 Uhr vor Jenifer im hoteleigenen Starbucks. „Good Morning Peter!“, begrüsst sie mich begeistert. Ohne dass ich etwas sagen muss, läuft die Kaffee-Maschine und der Bagel verschwindet im Toaster. Draussen wird es hell und die obligate „WESTCOAST-DEPRESSION“ verschwindet.

Der Tag kann beginnen.

Samstag, August 04, 2018

Sexismus, Rassismus und andere lustige Sachen

Fünf Uhr dreissig, Joana öffnet den Starbucks im Hotel und begrüsst die Wartenden herzlich. Es sind durchwegs Kolleginnen und Kollegen, die um 14:30 Uhr Schweizerzeit Lust auf einen Kaffee haben.
Man plaudert etwas, man beklagt den schlechten Schlaf und man schmiedet Pläne, wie man den langen Tag in Kalifornien verbringen soll. Die meisten mieten ein Auto und stauen dann drei Stunden bis Santa Monica und am Abend drei Stunden zurück. Keine Option für mich, für Stau muss ich nicht nach Kalifornien fliegen.

Plötzlich sind wir nur noch zu zweit. Grosse Pläne haben beide nicht, Hunger schon. Wir beschliessen zusammen zu frühstücken. Zwei Kaffees und ein paar hundert Kalorien später entschliesse ich mich, das US Surf Open in Huntington Beach mit meiner Anwesenheit zu beehren, meine temporäre Begleitung schliesst sich mir an.

Am Ort der Begierde angekommen ist schon viel los. Surfer sind Frühaufsteher. Die Sonne zeigt sich am Horizont und sofort erklimmen Temperaturen Werte, wo sich die Schweisspooren öffnen. Die Augen werden zu kleinen Schlitzen und schreien nach der Sonnenbrille. Die Haut freut sich über die morgentliche Pflege mit Faktor 50 und das Haar sucht Schutz unter einem Hut mit dem Schriftzug SILVAPLANA. Meine Begleiterin hat Sonnenbrille, Sonnenschutz und Sonnenhut vergessen.
Kein Problem an einem amerikanischen Sportanlass. Sponsoren drängen darauf, ihre Produkte gratis an die Besucher abzugeben und so steuern wir direkt das Sponsoringdorf an.

Zuerst wird die Haut verwöhnt. Stephanie, eine kalifornische Strandschönheit wie es im Buch steht, lobt das von ihr angepriesene Produkt in höchsten Tönen. Es gibt Gratismuster. Ich geniesse es, dass mir Stephanie ihre laut Werbung „gut einziehende Sonnencreme“ mit grosser Geduld im Unterarm einmassiert und fast verzweifelt, dass ihr Schutzfaktor 30 nicht durch meinen am Morgen aufgetragenen Faktor 50 dringen will. Während der Unterarmstreichelmassage betrachte ich die anderen Strandschönheiten, die mit ganz wenig Stoff am Körper und einem Brett unter dem Arm Richtung Meer laufen. Sexistisch? Vielleicht, aber ich habe es genossen.

Punkt zwei auf unserer Bucketlist ist die Sonnenbrille. Geld wollen wir dafür nicht ausgeben, schliesslich hat es Sponsoren. Harley Davidson bietet Hand. Dort gibt es kostenlos Brillen mit dem Firmenlogo an der Seite. Für die Verteilung sind anderen Kaliber Frauen zuständig. Statt Bikini tragen sie Leder, statt knackigen Hintern präsentieren sie den übergrossen Vorbau. Da und dort hat eine etwas Eisen im Gesicht und die Männer stehen um die grossen Maschinen herum. „Was ich tun müsse, um eine der Sonnenbrillen für meine Begleiterin zu erhalten?“, wollte ich von der imposanten Person hinter dem Tresen erfahren. „Fragen beantworten!“, die knappe Antwort. Na dann los!

„Fahren Sie Motorrad?“
„Na klar“, lüge ich sie faustdick an.

„Marke?“
„Puch Maxi N“

Ein grosses Fragezeichen erscheint über Ihrem Gesicht.

Sie streckt mir ein iPad vor die Nase und will von mir viele persönliche Daten haben. Falls in Münsingen ein Hans Moser an der Eigergasse 23 wohnt, möge er mir verzeihen, dass ich seinen Namen und seine Adresse benutzt habe.
Gerade als ich tief in den Auschnitt des weiblichen Gegenübers blickte (sexistisch, ich weiss), fragte sie mich nach meinem Jahreseinkommen. Wenn das Wesen schon mit ihren Titten übertrebt, dann kann ich das mit meinem Einkommen auch. Hans Moser in Münsingen verdient über eine Million Dollar im Jahr. Ich gratuliere!
Die nächste Frage betraf meine Rasse. Jawohl, meine Rasse! Zur Verfügung standen AFRO-AMERICAN, ASIAN, HISPANIC, AFRICAN, KAUKASIAN und OTHERS. Ich wählte OTHERS. Etwas beleidigt, dass ich rassenlos bin drückte, ich auf SEND. So wurde ich Opfer von Rassismus…

Der der Firma VANS hätten wir sicherlich einen Sonnenhut bekommen, doch ich fürchtete mich vor der Frage nach dem Geschlecht. Falls nur FEMALE und OTHERS zur Verfügung stünden, wäre mein Tag gelaufen gewesen. Sexismus pur!

Das Surfen war übrigens wenig spektakulär. Die Wellen waren so hoch wie jene auf dem Silvaplanersee bei Malojawind und die Badenixen von Baywatch nicht im Entferntesten so scharf wie jene in der gleichnamigen TV-Serie. Wir verliessen den Ort des Geschehens.

Am Nachmittag hörte ich auf dem Hometrainer im hoteleigenen Fitnesscenter die Aufzeichnung der heimatlichen Abendnachrichten „Echo der Zeit“.
Da wurde im bündnerischen Arosa ein Bär eingesperrt und man feierte die gute Tat und die vielen Gutmenschen, die das Einsperren einer Kreatur ermöglichten. Eine Bundesrätin reiste an und genoss die kühle Bergluft bei Betrachten des hinter Gittern weggeschlossenen Kuscheltiers.

Einige Tage zuvor beklagte sich ein Landsmann des Bärs in den Medien lauthals, dass ihm eine grosse Fluggesellschaft lebenslang von der Passagierliste gestrichen hat. Was eigentlich der totalen Freiheit gleichkommt (nie mehr in einer Sardinenbüchse eingesperrt zu sein), legte der Betroffene als Rassismus aus. Er müsste, so lässt seine Nationalität schliessen, wie ich OTHERS beim Harley Formular ausfüllen. OTHERS definiert keine Rasse, darum kann es auch nicht Rassismus sein. Ich finde das lustig.