Mittwoch, November 15, 2017

Von Höhlen

Attestiert mir ein Arzt ein Problem mit den Nebenhöhlen, müsste ich eigentlich beleidigt sein. Denn Nebenhöhlen liegen bekanntlich neben der Haupthöhle und dass kann im Kopf nur eine Stelle sein. Doch wenn die Zähne, Ohren und die Strin gleichzeitig schmerzen, ist einem nicht nach Rache und Vergeltung zu Mute. Dankbar nahm ich den Berg Medikamente an und verzog mich vor rund zehn Tagen in meine eigene Höhle zurück. «COG» – Captain on GND – Flugverbot.

Der versprochene Bericht aus Hongkong fiel ins Wasser, die Höhlen mussten mit Pillen und anderen Wässerchen freigeschossen werden.
Mittlerweile sind meine Nebenhöhlen wieder frei wie der Gotthardtunnel um 3 Uhr in der Früh und in diesem Zustand rate ich keinem zu behaupten, dass sich in meinem Kopf ob der Nebenhöhle eine Haupthöhle befindet.

Mittlerweile bin ich wieder «on tour» und neuerlich beschäftigt mich das Thema «Höhlen». Ich bin in Bangkok. Hier gibt es Massagehöhlen, Rattenhöhlen, Opiumhöhlen, einen «Höhlen-Verkehr» und es ist drückend heiss wie in einer Höhle nahe der Hölle.
Seit gestern weiss ich auch, dass es in der Stadt der Engel auch «Raucherhöhlen» gibt. Die Crew, unter Führung eines befreundeten Kapitäns, steuerte nach dem Essen zielgerichtet ein subversives Lokal an, das man nur betreten darf, wenn man den Geheimcode korrekt in ein Telefon eingeben kann. Es sei an dieser Stelle verraten, dass der Code 1940 gefolgt von einer Raute lautet. Da ich bekanntlich Nebenhöhlen habe, die auf eine grosse Haupthöhle schliessen lassen, konnte ich die Zahl 1940 nicht einer wichtigen Jahreszahl zuordnen. Wikipedia half mir und so durfte ich ein kleines Wissenspaket in meiner Haupthöhle ablegen, die so leer danach nicht mehr war. Scheinbar hat die Haupthassfigur von Castro’s Mannen, Senator Fulgencio Batista, 1940 die Verfassung ausser Kraft gesetzt und damit den Zorn von Castro und seinen bärtigen Kollegen auf sich gezogen. Man lernt nie aus!

Doch nun zurück in die Raucherhöhle. Im ersten Stock des Lokals bevölkerten lebenslustige, weibliche Expads, die elegant die Hüften zu karibischer Musik schwangen, die Bühne und machten das Lokal zu einem ziemlich gefährlichen Pflaster für Männer in ihren 50ern. Darum verstand ich zu keinem Zeitpunkt, dass wir diese durchaus erotische Tanzhöhle verliessen und im Obergeschoss die Raucherhöhle betraten.
Männer, diese seltsamen Wesen, scheinen sich mit einer Zigarre in der einen und einem Schnaps in der anderen Hand unverletzlich zu fühlen. Ich werde wohl nie verstehen, wie man diese nach getrockneter Kuhscheisse riechende Röhre anzünden und auch noch inhalieren kann. So schnell wie ich die Raucherhöhle betrat, verliess ich sie auch wieder. Natürlich nahm ich noch ein Auge voll Tanzimpressionen mit auf den Weg und machte mich auf in meine unterkühlte Nachthöhle.

Müde legte ich mich ins Bett und schaute zufrieden auf mein erreichtes Tagesziel zurück: Einmal einen Text zu schreiben, wo das Wort «Höhle» 25 Mal vorkommt….

Freitag, Oktober 27, 2017

Useless things

Es gibt Orte auf dieser Welt, die lassen einen erschaudern. Nicht immer ist das für das Gegenüber verständlich, oft sind die Ansichten verschieden. «Super Hotel», «5-Sterne», «bekannte Hotelkette», «schöne Zimmer» – das einige der Attribute, die ich über unsere Unterkunft in San Francisco gehört habe. Ich wohne im Turm 3, im 19. Stockwerk, Zimmer 1965. Genauso nüchtern wie diese Beschreibung klingt, fühlt es sich auch an. Wie kann man sich da nur wohl fühlen?

Glücklicherweise bietet San Francisco mehr als öde Hotelbunker.

Die morgendliche Wanderung vom Hotelbunker an den Pier gleicht einem Spiessrutenlauf. In praktisch jedem Hauseingang liegt ein zusammengeroller Menschenkörper und sucht Schutz unter einer dünnen Decke. Der Anblick so zahlreicher Randständiger hinterlässt einen verstörenden Eindruck. Langsam wird es heller und zwischen den Hochhäusern zeigt sich der pazifische Ozean.

Eine traumhafte Stadt, wenn man wie ich zwei Kreditkarten und etwas über hundert Dollar Cash auf sich trägt. Ich war zuletzt kurz nach dem Datumswechsel im Jahr 2011 in der Stadt. Einsatzumstellungen und unzählige Stunden im Simulator haben dafür gesorgt, dass ich es in den vergangegen zwei Jahren nie nach San Francisco geschafft habe. Schon gestern hat mich der wunderschöne Anflug über die Golden Gate entzückt, der Sonnenaufgang am Pier mit der Oakland Bay Brigde im Hintergrund macht das Glück perfekt.

Das Boot nach Sausolito verlässt Pier C erst in 30 Minuten, Zeit genug ein Ticket zu kaufen und einen Kaffee zu geniessen. Der Ticketautomat ist nicht leicht zu finden, scheint aber umso leichter zu bedienen sein. «Insert Credit Card» – gesagt, getan. «We do not accept AMERICAN EXPRESS». Ok, mit dem kann ich leben. «You want to pay with another Credit Card?». Yes! «We do not accept foreign Credit Cards». Und das in der Stadt von Apple und Google! Apple! Vielleicht akzeptiert die Kiste APPLE PAY? Gute Idee, aber leider auch eine Sackgasse. Ein schlecht angebrachtes Schild mit der Aufschrift «No Cash» bringt mich auch um meine letzte Option. Auch wenn mein letzter Besuch über sechs Jahre her ist, weiss ich, dass sich im Gebäude hinter mir ein Schalter des Fährenbetreibers befindet. Tatsächlich! Eine rundliche, aber durchaus charmente Dame erkundigt sich nach meinen Wünschen. Sorgenfallten bildeten sich auf Ihrer Stirn, als ich ein Ticket ergattern wollte. Das ginge leider nicht, weil Sie keine Tickets verkaufen dürfe, mir aber eine Wertkarte geladen mit dem Betrag eines Tickets überlassen könne. Was ich denn mit der Wertkarte tun müsse?, fragte ich die geduldige Verkäuferin. Ich könne am Ticketautomaten von eben, mit der Wertkarte einen Fahrschein lösen… Ich akzeptierte das Angebot und überreichte ihr meine Kreditkarte. «Sorry Sir, we do not accept AMERICAN EXPRESS». Cash – ok. Mit der Wertkarte im Hosensack ging ich schnurstracks zum Ticketautomaten und von dort zum Pier C. Für einen Kaffee blieb keine Zeit mehr.




Nach einer wunderschönen Überfahrt nach Sausolito steuerte ich den ersten Coffeeshop an. Egg Benedict und ein grosser Cappuccino stopften mein grosses Loch im Magen. Am Tisch nebenan sass ein uniformierter Motorradpolizist und genoss sein Frühstück. «You ride a German Bike in the country of Harley Davidson?», frage ich den sympathischen Ordnungshüter. «Yeah, listen – my last Police bike was an Harley, but like other things in the States it looked good, made a hell of a noise, but was absolutly useless…»



Mit dieser Weisheit, der ich nichts anzufügen habe, beschliesse ich meinen wöchentlichen Bericht aus der Welt der Fliegerei. Nächste Woche werde ich aus Hongkong berichten. Den Flug an die chinesische Metropole werde ich wie immer mit einem Crewbriefing beginnen. Wissen sie geschätzte Leserinnen und Leser, was die Kolleginnen und Kollegen während meinem überaus wichtigen Vortrags machen? Nein? Die folgende Grafik gibt Auskunft:





Sonntag, Oktober 22, 2017

Aufgewärmtes – Teil 3

Scored People

Every morning around five, when I attempt to check in on the computers, in the OPS Centre, a red message alerts me, to the fact that I have to pass an English Language Test by the end of this year. Holy Crap!
As a person, who is fearful before taking tests of any kind, I prepare myself as carefully as possible. For this reason I have chosen to write this column in English.

Two months ago, as luck would have it, I was rostered with an English Language Proficiency Checker (ELPC) on a very long flight leg… yeah right… a 45 minute sector. A great opportunity to pass the check between «silent cockpit phase after take-off», «public address», «requesting the flight connections at operation control», «flight planning for the next leg», «approach briefing», «public address» and «silent cockpit phase before landing». The day before I sent an email to the ELPC, to ask him to bring the forms and test questions along.
Fortunately, a very good friend of mine, flying for Qantas out of Sydney, was staying with me in Zurich, and he read my email and added to my well prepared English sentences. «I hereby confirm, that Mr. Peter Tilly speaks the best English I’ve ever heard», and believe it or not, the Checker didn’t show up the next day… So I still haven’t been tested, and I still have to be a little nervous, and yes, I still have to practice my English skills.

But even on short haul operation there are other opportunities to speak the aviation language.
Not long ago, a severe storm hit Europe with winds up to 70 knots. Most of the civilized airports were closed. I sat with an Austrian and a Lufthansa Skipper at a bar in a half star hotel near a runway somewhere in Europe and we discussed the rough and tough pilot’s life. Despite that we all called German our mother tongue, a conversation in German was impossible. The Austrian «Kapitän» had an accent, which was more painful to the ear, than the brake fans during the walk around. The Lufthansa «Flugzeugführer» came from a small village in the north of Germany, spoke Low German and sounded like a drunken Dutch sailor in a French «house of hill repute» in the middle of the night. In other words, communication in German was hopeless. So we switched to English.

We did what Captains do, when we are at a bar. We drank a few beers, told each other dirty jokes and spoke about the terrible weather outside. We all were happy, that the beer was cold and most of the airports around where closed.
«Are you scared?», the German asked me. «No, I’m scored, that’s even worse!»
SCORE – A word I better not use! The discussion became louder and louder and I learned a lot of new English words, most of them I best not use during the scary English Language Proficiency Check. This conversation ended, when the Lufthansa «Flugzeugführer» went to the toilet.

«Peter, what are you thinking about?”, the Austrian «Kapitän» asked me. «I’m pretty nervous about the English exam I have to pass within the next few months», I replied. He laughed out loud and changed to his brake-fan-like-accent: «Wer long sudert wird net pudert». I didn’t understand the meaning of the Austrian-brake-fan-sentence and asked for translation. «The more you whinge, the less you shag!», was his short answer.

Three young and pretty ladies from another crew joined our party and we stopped the pilot’s talk and switched to a gentlemen discussion. We listened carefully to the galley-gossip and paid for drinks after drinks to impress the female part of the world. The night was dark, the storm was still over Europe and our flights the next day were cancelled. My two colleagues got a day off away from home base, and I received standby duty from five a.m. till five p.m. from the Swiss dispatch…
I fell asleep and dreamt about things I can’t write in this column. The German «Flugzeugführer» scored that night and I hope that I will score at the English Language Proficiency Check very soon.

Question: So is my English enough for a level four mark?

Mittwoch, Oktober 18, 2017

Geschäftsreise

Auch Piloten gehen auf Geschäftsreise. Ganz ohne Sonderbehandlung und Y-Class pur. Ein Kurs steht an und das in Frankfurt. Statt weisse Uniformhemden finden hellblaue Leinenstoffe den Weg in meinen Koffer. Die folgenden drei Tage werden dafür sorgen, dass ich noch unersetzbarer werde in der Firma – das glaube zumindest ich…

Nach drei Tagen Bangkok wirkt die hessische Finanzmetrpole noch grauer als sonst. Klingen die Haltestellenansagen in Bangkok wie die Stimmen der Moderatorin in einer Beate Uhse Dokumentation, herrscht hier in Frankfurt preussischer Kasernenton. Erkundigt man sich nach dem Weg im Flughafen, erinnert mich der Tonfall der Antwort stark an meine Zeit in der Grenadier-Rekrutenschule während des kalten Krieges. Da wäre noch Luft nach oben…

Doch auch der Flug nach Bangkok war eine Geschäftsreise. Nicht für mich, aber für eine Kollegin und einen Kollegen aus dem P/R-Team, die zwei Journalisten auf unserem Flug begleiteten. Vom Inhalt der Story möchte ich nicht zuviel verraten, aber nach dem Erscheinen des Artikels werde ich an dieser Stelle sicherlich etwas Werbung machen.

Solche «P/R-Flüge» sind immer ein Erlebnis. Wenn die Gäste über das Crewleben berichten wollen, dann werden wir ihnen das Crewleben auch entsprechend zeigen. Eine Show ist da nicht notwendig, schliesslich haben wir es (fast) immer lustig, aber etwas andere Wege gehen wir schon. Gemeinsames Nachtessen, gemeinsamer Ausgang, gemeinsame Aktivitäten und gemeinsame Ausflüge – das alles ist nicht obligatorisch, aber durchaus spassig!

Was während der feuchten Anfahrt zum Hotel bei einigen noch Sorgenfalten auf die Stirne zauberte, rückte der Sonnenschein am nächsten Tag ins rechte Licht. Ein Fahrradausflug stand auf dem Programm und das mitten in Bangkok bei 35°C und fast 100% Luftfeuchtigkeit.
Ein Longboat brachte uns über den Fluss nach Thonburi, wo die Ausfahrt trockenen Fusses begann. Single Trail Erfahrung aus den Alpen war durchaus hilfreich auf den engen Wegen mitten im Dschungel. Links und rechts von Weg ging es jeweils rund einen Meter in die Tiefe, wo den Stürzenden eine feuchte Mischung aus Schlamm, dunkelbraunem Wasser und leider auch Abfall erwartete. Welche netten Tierchen da unter wohnen, musste ich Gott sei Dank nicht erfahren.

Zum Glück ging alles gut, zum Glück wurden alle vom Schlammbad verschont. Mit Text kann ich die Leserinnen und Leser nicht mehr fesseln, darum folgen ein paar Bilder.

Ich muss jetzt zum Kurs! Geschäftsreise halt….



Samstag, Oktober 14, 2017

"Wie kann so einer Kapitän sein?"

Ein von mir sehr geschätzter Ausbilder und späterer Vorgesetzter hat mir einmal gesagt, dass ich nicht nur während dem Flug die Rolle eines Kapitäns einnehme, sondern 24 Stunden am Tag. Alle meine Handlungen in der Freizeit werden in irgend einer Form mit dem Beruf in Verbindung gebracht.
In der gemütlichen Runde wird beobachtet, was der Herr der Lüfte an Bier konsumiert; auf der Strasse sollte man die gleiche Gelassenheit an den Tag legen, wie im Flugzeug, und emotionale Ausbrüche sind sowieso zu vermeiden. Latent liegt die Frage: «Wie kann so einer Kapitän sein?», immer in der Luft.

Ich versuche danach zu leben, immer gelingt mir das nicht.

Ich mag Passagierkontakte und ich mag Diskussionen über Gott und die Welt. Leider muss ich solche philosophischen Ausflüchte im Flugzeug auf ein Minimum beschränken. Die meisten Passagiere hören mich nur während meinen Ansagen und bilden sich in diesen wenigen Sekunden ein Bild von mir. Es muss ein Ziel jedes Skippers sein, dass sich nach «dem Wort zum Sonntag» möglichst wenige Passagiere die Frage aller Fragen stellen: «Wie kann so einer Kapitän sein?»

Darum braucht es zwei Sachen: Ehrlichkeit und eine ruhige Stimme. Inhalt fehlt in dieser Aufstellung bewusst – sind wir ehrlich, wer hört schon auf den Inhalt?

Das ändert sich schlagartig, wenn gewisse Personen an Bord sind – Kommunikationsprofis zum Beispiel, PR Koriphäen. Da lohnt sich der Versuch, die Ansage den speziellen Umständen und Gästen anzupassen. Ein Blick Richtung Politik dränkt sich auf. Die Damen und Herren der Parlamente sind «parlare» gewohnt und auf «parlare» geschult. Ganze 17 Sekunden hat man vor laufenden Kameras Zeit, seine Message rüber zu bringen. Siebzehn Sekunden sind keine schlechte Länge für eine Passagieransage. Ich mag es kurz.

Nach intensiver Analyse vieler Fernsehinterviews auf dem Kanal des Schweizer Farbfernsehens habe ich erkannt, dass folgende Wörter in jede Ansprache, in jedes Interview gehören: «Dualstrategie», «Konkordanz», «Inländervorrang light», «Verhüllungsverbot», «Innovation», «Willkommenskultur» – wie soll ich daraus blos eine vernünftige Ansage zimmern?
Damit die PR Profis und ihre mitreisenden Gäste nicht denken: «Wie kann so einer Kapitän sein?», bleibe ich beim Wetter und der verbleibenden Flugzeit. Das ist einigermassen ehrlich und es fliesst ruhig über die Lippen. Meine Ziele wären damit erreicht, wenn auch nicht mit Höchstnoten.

Wir sind in Bangkok sanft gelandet, artig gerollt und haben korrekt parkiert. Nur die Fahrt ins Hotel war etwas gewöhnungsbedürftig. Der Fahrer wollte unbedingt etwas bieten und zeigte uns unaufgefordert die «Floating Markets» von Bangkok. Ganze drei Stunden dauerte die Fahrt und Herr Flugkapitän nutzte die Zeit, und schlief gemütlich auf seinem Sitz ein. Der Kopf fiel nach links und aus dem Mundwinkel rann langsam Gaumenflüssigkeit über die Wange und danach fadengerade auf das weisse Hemd. Sie können sich denken, liebe Leserinnen und Leser, was die PR-Profis in diesem Moment dachten: «Wie kann so einer Kapitän sein?»

Hatte mein ehemaliger Chef recht: Kapitän ist man 24 Stunden am Tag…

Die Floating Markets von Bangkok





Dienstag, Oktober 03, 2017

Nobelpreis!


Das Trio Hall, Rosbash und Young hat das Rätsel der inneren Uhr entschlüsselt, Dafür gibt es Applaus meinerseits und den Nobelpreis des gleichnamigen Komitees. Ein Gen, beziehungsweise gleich deren drei, sollen für das Schlafpuff auf den Rotationen verantwortlich sein.

Dass eben diese Gene zuerst bei den Fliegen entdeckt wurde ist kein Zufall. Statt Fliegen zu zerlegen hätten die drei Herren die Flieger fragen können. Wir sind zwar akademisch weit von dem Niveau der drei Wissenschaftler entfernt, dafür haben wir praktischer Erfahrung mit eben diesem Gen. Dieses «geneticus aviaticus» bringt uns rund um den Erdball um den Schlaf und verlangt alles von uns Fliegern ab.

Darum liebe Neo-Nobelpreisträger, ihr braucht keine weiteren Fliegen zu erlegen. Klopft ungeniert bei uns Fliegern an, falls es um die praktische Umsetzung der neuen Theorien geht. Wir haben Strategien, Erfahrungen und durchaus auch kreative Ideen, wie man im Bett auch einmal ein paar Stunden schlafen kann.

Fliegt man gegen Osten, wie ich das im Moment gerade zelebriere, kann man den Schlaf mit einer Passfahrt in einem untermotorisierten Gefährt vergleichen. Es braucht Anlauf und etwas aufgestaute Energie, damit man den Kulminationspunkt vom Tief- in den Halbschlaf überschreiten kann. Wer nämlich im Fernen Osten zu früh zu Bett geht, der kommt nie über diesen kritischen Punkt hinaus und steht mitten in der Nacht senkrecht im Bett. Die Lust, um Mitternacht die Lichter zu löschen, wenn es im Heimathafen erst früher Abend ist, muss um jeden Preis unterdrückt werden. Sonst geht es wieder Rückwärts den Berg hinunter und dann steht man nach ein paar Stunden wieder hellwach am gleichen Ort. Klar hat die erfolglose Bezwingung des Passes Energie gekostet und das äussert sich in Form von Appetit, der leider nicht gestillt werden kann. Alles ist zu, keine Küche hat offen. Die drei Stunden, die man in der Regel wach ist, können mit Netflix oder Podcasts überwunden werden. Wenn es draussen endlich hell wird kommt die Müdigkeit zurück und die Passfahrt kann neuerlich in Angriff genommen werden. Die Qualität des Schlafs folgt auch der Logik einer Pässefahrt. Man quält sich von Spitzkehre zu Spitzkehre und bezwingt die Serpentine mit stotterndem Motor. Flieger sprechen darum auch vom sogenannten «Stotterschlaf».

Fliegt man gegen Westen, befindet man sich bildlich gesehen auf der Passhöhe. Die Lust die Abfahrt (also den Schlaf) sofort anzutreten ist kaum zu bremsen. Je länger man wartet, desto schneller und intensiver muss die Abfahrt bezwungen werden. Denn eines ist im Westen klar, Zielschluss ist für alle um die gleiche Zeit. Man hat also die Wahl zwischen einer gemütlichen Talfahrt, die etwas länger dauert und darum auch erholsamer ist, oder dem rasanten, aber kurzem Downhill-Race. Leider geht die gemütliche Talfahrt auf Kosten des Soziallebens und hält den Anwender vom fleischlastigen Nachtessen mit den Kolleginnen und Kollegen ab. Darum wählen viele die risikoreiche Variante, die nicht selten im Unglück endet. Unglück darum, weil man früher oder später die eine Kurve nicht kriegt und geradeaus in eine Felswand rast. Es fühlt sich nicht nur so an, es klingt sehr oft auch so. Auslöser ist im Westen nicht selten eine zugeknallte Hoteltüre, die den schlafgeplagten Aviatiker im Bett zusammenzucken und das Adrenalin in die Höhe schiessen lässt. Man füllt sich dann genau so, als ob man in eine Felswand gefahren ist. An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Das belämmerte Gefühl hält den ganzen Tag und den ganzen Heimflug an.

Nach soviel Theorie, für die ich vermutlich keinen Nobelpreis bekomme, verrate ich jetzt noch das Geheimrezept aller Aviatiker in der ganzen Welt. Wir nehmen kein Melatolin und kein Dormikum. Baldrian bringt nichts und auch von Meditation halten wir nichts. Alkohol ist das dümmste Mittel gegen Schlaflosigkeit und Sport würde zwar helfen, aber leider sind die Fitnesszentren zu den kritischen Zeiten stets geschlossen. Hanfprodukte sind verboten und von getrockneten chinesischen Tiergenitalien lassen wir gerne die Finger. Die Lösung liegt viel näher und ist so einfach wie genial. Sobald Crewmitglieder ihre Uniform anziehen, fallen sie in einen kollektiven Dämmerschlaf. Die Körperfunktionen nehmen ab - einmal abgesehen vom Gähnmuskel und die Bewegungen werden langsamer. Man könnte fast glauben, dass die Wäschereien rund um den Erdball die Uniformen mit THC imprägnieren. Ist man zuhause und hängt das Teil wieder in den Schrank, ist die Müdigkeit wie weggezaubert.

Darum liebe Leserinnen und Leser dürfen sie nicht erstaunt sein, wenn in Zukunft gewisse Fruchtfliegen in blauen Uniformen mit goldenen Streifen herumfliegen. Es handelt sich dabei nicht um Tierquälerei, sondern um ernsthafte Forschung, die vielleicht zu einem weiteren Nobelpreis führen könnte.

Freitag, September 22, 2017

Adieu


Vermutlich war ich 1996 zu ersten Mal in Chicago. Damals mit einem Flugzeug, das vier laute Triebwerke hatte, die von einem Flight-Engineer bedient und überprüft wurden. Chicago war sowohl fliegerisch und als Stadt immer für eine Überraschung gut. Es ist nicht, dass ich diesen Flecken hasse, aber über die Jahre wurde sie nie zu meiner besten Freundin.

Man isst hier gut, kann ausgezeichneten Blues geniessen, spürt den Winter intensiver als im Engadin, lernt sich gegen den Wind zu schützen, schätzt die Michigan Avenue als Flaniermeile und wundert sich über die unglaubliche Mengen an Autos, die Tag und Nacht die Strassen verstopfen.

Aber eben, der Funken springt bei mir nicht über und ich bin froh, dass ich zumindest bis zum Sommerflugplan 2018 das letzte Mal in der Stadt Al Capones war.

Natürlich gibt es Ausnahmen, natürlich hat es auch in dieser Stadt Plätze und Orte, an denen ich mich sehr gerne aufhalte.

So zum Beispiel das Lawry’s. Ein Restaurant, das es eigentlich gar nicht mehr geben dürfte. Ohne Reservation geht gar nichts und man betritt die heilige Halle mit Vorteil in anständigen Kleidern. Das Lawry’s gibt es schon seit einer Ewigkeit und seit einer Ewigkeit serviert man in diesem Haus die gleiche Spezialität: Prime Rib. Tradition wird in diesem Haus gelebt und das spürt der Gast bereits nach der Drehtüre. Eine adrett gekleidete Schönheit empfängt die Gäste und führt diese an den weiss gedeckten Tisch, der mit verschiedenen Weingläsern gut bestückt ist.

Bedient wird der Gast von einer … – ich suche nach dem richtigen Wort, denn «Serviertochter» passt an dieser Stelle in keinem Fall – … Hausdame, die ein Häubchen trägt und sich sofort mit «Miss Sowieso» vorstellt. Würde sie, wie sonst üblich in Amerika, ihren Vornamen nennen, könnte das unpassender nicht sein.
Die Dame hat Style und Zack. Frisches Brot kommt mit der Speisekarte, obwohl man diese in Lawry’s getrost weglassen könnte. Hier stellt sich lediglich die Frage, in welcher Grösse man das Prime Rib bestellen will.

Nach der kunstvollen Salatzubereitung am Tisch, untermalt mit Geschichten der Hausdame, bringt ein stolzer Koch eine grosse Metalhaube auf Rädern an den Tisch. Unter der Haube schmort das butterzarte Fleisch seit Stunden und wartet auf die hungrigen Mäuler aus der Schweiz. Der Koch, bestückt mit einem imposanten Bauch und behangen von einer Goldmedaille, die ihn als Prime Rib Spezialisten auszeichnet, trennt ein grosses Stück vom Knochen und serviert die Köstlichkeit elegant am Tisch. Meerrettichschaum, Kartoffelstock und Yorkshire Pudding ergänzen das rosa Stück Fleisch auf dem Teller.
Ich werde das Lawry’s vermissen!

Wer so üppig isst, der sollte sich bewegen. Joggen entlang der Beach und dabei den Sonnenaufgang geniessen, gehört zumindest im Sommer zu den schönsten Momenten in dieser Stadt. Selbst wenn man verbotenerweise – die Beach ist typisch amerikanisch bei Dunkelheit geschlossen – in der Dunkelheit losrennt, ist man umzingelt von sportbegeisterten Amerikanern, die wie ich am Vorabend aus kulinarischer Sicht über den Strang geschlagen haben.

Wenn ich heute Nacht bei 30W fast einschlafe und zum Wachbleiben einen Ländler von Carlo Brunner auf dem Kopfhörer abspiele, werde ich Chicago dankbar für ein halbes Jahr ad acta legen.
Adieu «windy city»!