Samstag, März 11, 2017

Ein halbes Leben

Neulich klopfte mir der junge Copilot auf die Schulter und nickte anerkennend. Was denn los sei, wollte ich von ihm wissen. «Gratuliere zum Dienstjubiläum!», schrie er für die Umgebung gut hörbar heraus.
«Dienstjubiläum?»
«Ja, laut Firmenhomepage bist Du 25 Jahre in der Firma.»
«Das kann nicht sein, meinen Arbeitgeber gibt es ja erst seit 15 Jahren!», meine leise Antwort. Apropos 15 Jahre, warum feiert das niemand in unserer Firma?

Nachdem ich meinen Kopf etwas zur Seite neigte, lüftete sich der Schleier. Tatsächlich habe ich am 3. Februar 1992 die Ausbildung zum Piloten begonnen. Scheisse, das ist genau ein halbes Leben her!

Ich verschone die Leser an dieser Stelle und verzichte auf einen Rückblick auf meine Karriere und ihre Höhepunkte. Peinlichkeiten gäbe es viele zu erzählen und Heldentaten sowieso. Ich erinnere mich nicht mehr an die Namen aller Damen, die ich während meiner wilden Copi-Zeit in mein Herz geschlossen habe und auch schwierige Persönlichkeiten zu meiner Linken habe ich für immer aus dem Speicher gelöscht.


Doch eines bleibt mir immer in Erinnerung, das ist der Bananen-Mantel meiner ersten Uniform. Weltklasse – oder?

die "Colani -Uniform" der 90er Jahre


NZZ vom 6. Februar 1992 
als Vergleich: Swiss Zahlen von 2015

Samstag, März 04, 2017

124 Schritte bis Bangkok

Auch ich nenne eine dieser denkenden Uhren mein Eigen und lasse zahlreiche Parameter aufzeichnen, auswerten und darstellen. Dank dem Wunderding an meinem Handgelenk weiss ich, dass ich für die rund 9000 km nach BKK ganze 124 Schritte brauche. Die Thrombose lässt grüssen!

Sieben Schritte sind es vom Pilotensitz bis in die Toilette, deren 12 bis zur Kaffeemaschine. Erklimme ich den Crewbunk, schlägt sich das in der Statistik mit 20 Schritten nieder. Ein Gang ins Gerüchtehauptquartier der F/A’s, der Businessküche, würde mit sagenhaften 25 Schritten zu Buche schlagen. Der Konjunktiv ist bewusst gewählt. Erstens unterbricht des Kapitäns Anwesenheit die Nonstop Sendung von Rumor-Radio unnötig und zweitens lasse ich mit meinem zentnerschweren Gewicht die Bodenplatten dermassen erzittern, dass sich die Top Passagiere in ihrem Schlaf gestört fühlen. Die Businessküche ist für mich tabu.

So lassen sich meine 124 Schritte gut erklären. Vier Mal Schiffen: 56 Schritte. Einmal Crewbunk und zurück: 40 Schritte. Ein Kaffee selber herauslassen: 24 Schritte. Uniformhose im Bunk ausziehen: 4 Schritte. Et Voilà, so einfach ist das.

Aus medizinischen Gründen wäre es wünschenswert, wenn ich mich auf 10000 Metern mehr bewegen würde. Doch Vernunft und Fliegerei lassen sich bei weitem nicht immer unter einen Hut bringen. Ein einziger und tragischer Zwischenfall hat dazu geführt, dass die Thrombosegefahr unter den Piloten sprunghaft angestiegen ist.
Von oberster Stelle wurde verfügt, dass immer vier Augen im Cockpit offen sein sollten, was diese allerdings zu fokussieren haben, regelt das Gesetz nicht. Öfters, als dies den Sicherheitsverantwortlichen lieb ist, tasten sich diese vier Augen gegenseitig die Iris ab. Lassen sie mich das an einem Beispiel erklären.

Ein junger Copilot in Ausbildung, nennen wir ihn Kevin, hat von einem Kollegen die Freigabe zur „2-Men-OPS“ bekommen. Das heisst nichts Anderes, als dass er ab subito mit seinem Ausbilder alleine unterwegs sein darf, ohne dass ihm ein Ausbildungs-F/O vom dritten Sitz nonstop über die Schulter schaut. Kevin hat eine zweistellige Anzahl Flugstunden auf dem Flugzeugtyp im Logbook vermerkt und kämpft noch mit diesem und jenem.
Der Fluglehrer, erfahren und grau, muss mal pinkeln. Gesetzeskonform wird ein F/A ins Cockpit zitiert, die ihre zwei himmelblauen Augen der Flugsicherheit zur Verfügung stellt. Das F/A, nennen wir sie Lara, ist jung, attraktiv und mit einem Körperbau gesegnet, der aus Männerträumen gemeisselt sein könnte. Lara setzt sich auf dem dritten Sitz und schnallt sich an. Laut Wikipedia geschieht in Kevins Körper interessantes: Verschiedene Botenstoffe sorgen für Euphorie (Dopamin), Aufregung (Adrenalin), rauschartige Glücksgefühle und tiefes Wohlbefinden (Endorphin und Cortisol) sowie erhöhte sexuelle Lust (Testosteron sinkt bei Männern, steigt bei Frauen).

Junge Männer sind trotz zur Schau gestelltem Selbstbewusstsein in solchen Situationen erstaunlich oft Scheu. Rote Wangen sind nur eines von vielen Zeichen dafür. Kevin zieht die Kopfhörer nach unten und fokussiert die Instrumente. Er hofft dadurch zu imponieren. 

In der Toilette sieht der Kapitän auf seinen tropfenden Hahn und ahnt nicht, welche hormonelle Katastrophe sich ein paar Meter weiter vorne abspielt.

Das F/A geniesst die Pause, hält die jugendliche Haut an die Sonne und stellt mit ihrem schwäbischen Akzent die Frage, die beim Copiloten alle Dämme zum Brechen bringt: „Kommsch heud Abend au a Bierle drinka?“

Das Fliegen geht vergessen, der Funk wird ignoriert und die Memory Items haben sich aus dem Memory verabschiedet. Der Stier in Kevin ist erwacht und er tut das, worauf ihn die Natur vorbereitet hat: Er denkt mit jeder Körperfaser an die Fortpflanzung.

Wer jetzt noch glaubt, dass das Vier-Augen-Prinzip die Flugsicherheit erhöht, glaubt auch an den Storch.
Liebe EASA, liebe Verantwortliche bei den Airlines: Zeigt Eier und kippt diese unnötige Vorschrift. Denn eines ist sicher: Unsere Copiloten haben Cojones!

Dienstag, September 13, 2016

warum der B777 keinen Pilotentisch hat

Gerne wird von Airbus-Fahrern behauptet, dass B777-Piloten verwahrloste und stillose Wesen seien. Ursache für diese Behauptungen und Unterstellungen sind zum einen die fehlenden Pilotentische und zum anderen der akute Mangel an Abfalleimern im braun gehaltenen Cockpit aus amerikanischer Manufaktur.

In ausgesuchten IKEA-Filialen kann der Airbus-Tisch unter dem Produktnamen „Fällbord“ (schwedisch für Klappertisch) erworben werden. Man findet Ihn in der Kinderabteilung zwischen der Hüpfburg und dem Krämerladen mit Produktimitationen aus dem IKEA-Knäckebrot-Shop. Der Tisch eignet sich ausgezeichnet dafür, die speziell für den Kinderkrämershop konzipierten Tabletts abzustellen. Tabletts aus handelsüblicher Herstellung – zum Beispiel die aus dem Flugzeug, sind leider in ihren Abmessungen zu breit. Zwingend müssen diese der Länge nach auf die Abstellfläche gestellt werden. Wegen des leichten Nose-Up Pitch des Tisches, rutschen die Tabletts gerne nach hinten. Um Unfälle und schmutzige Uniformhemden zu vermeiden, muss das Tablar zwingen mit dem Bauch fixiert werden. Übergewichtige Piloten sind da im Vorteil. Schlankere Piloten müssen den elektrisch betriebenen Pilotensitz bis zum Anschlag der Kniescheiben nach vorne fahren, damit die essbare Ware auch bei leichten Turbulenzen im Porzelan bleibt.

Bei Boeing wurde das Problem – wie so oft bei diesem Flugzeug, pragmatisch gelöst. Der Tisch wurde einfach weggelassen. Die Vorteile liegen auf der Hand, beziehungsweise nicht auf dem weissen Uniformhemd. Selbst bei dem von der EASA gefordertem Upset-Recovery-Training (UPRT) kann der Pilot Monitoring (PM) problemlos weiter dinieren. Zweckmässiges und dosiertes Anheben des entsprechenden Beins belässt das Tablett selbst bei abenteuerlichen Rollwerten in der Waagrechten. Die Suppe schwappt nicht über und so quasi als kostenloser Nebeneffekt wird durch das Bewegen der Beine die Trombosegefahr signifikant gesenkt.

Der Abfalleimer

Links und rechts des Pilotensitzes finden Airbus-Fahrer jeweils ein blaues Blechgefäss, das in etwa zehn auf zehn Zentimeter misst und deren 40 cm tief ist. Gut gestopft reicht das Volumen ungefähr einen ganzen Langstreckenflug weit. Ähnlich wie bei einem normalen Haushalt, wandern allerlei verschiedene Sachen in den Eimer. Kaffeebecher mit Restmengen, verschnupfte Papierttaschentücher, Deckel von Fertigmahlzeiten an denen undefinierte Speisereste hängen, wieder Kaffeebecher mit Restmengen, Werbebeilagen der Regenbogenpresse, bedrucktes ACARS Papier, Reste von Obst, Joghurtbecher, wieder Kaffeebecher mit Restmenge, und vieles andere findet den Weg in den Blechzylinder. Geleert wird der Eimer in der Regeln nach dem Flug vom dienstjüngsten Copiloten, der angewiedert versucht, das verkeilte Allerlei voneinander zu lösen und zu entsorgen. Ungewaschen landet der Blechkübel wieder am vorgesehenen Ort und wartet auf die nächsten Kaffeebecher. Derweil gedeit unweit der Piloten ein Kosmos von unappetitlich kleinen und kleinsten Lebewesen, die man an dieser Stelle nicht detailliert beschreiben möchte.
Einmal mehr hat Boeing dieses nicht zu unterschätzende Hygieneproblem durch weglassen der entsprechenden Entsorgungsvorrichtungen gelöst. Kleine Wegwerftüten, fantasievoll verteilt, dienen den Boeingpiloten ihre Abfälle zu entsorgen.

Wie der Leser unschwer erkennt, sind Boeing Piloten in keinster Weise verwahrlost oder gar stillos. Sie kultivieren im Gegenteil die Einfachheit und fördern dadurch sowohl die Flugsicherheit, als auch die persönliche Gesundheit.

Wünsche allzeit gute Flüge.

Dienstag, Juli 26, 2016

Der Hub-rist ist überall

Für Normalsterbliche unleserlich, verkündet mit eine Tafel auf der Flughafenautobahn, dass mein bevorzugtes Parkhaus 6 heute für das Personal gesperrt ist. Ferienanfang – Freude für die Einen, Umwege für die Anderen... Ein kleiner Fussmarsch vor dem Flug hat noch niemandem geschadet. So laufe ich halt in Vollmontur durch die Flughafenhallen und beteuere jeden zweiten Meter, dass ich keine Ahnung hätte, ob dieser oder jener Ferienflug pünktlich abheben werde.

«Euer SLOT ist im Moment noch grauenhaft, wir versuchen alles!», begrüsste uns der Dispatcher in Zürich, als wir die Planungsunterlagen abholen wollten. Über Frankreich ist das Flugaufkommen gross und die Ferien haben begonnen. Für einmal haben wir Verständnis, das Land ist im Moment genug geprüft.

Mit einem kleinen Umweg über die Kaffeemaschine suchen wir den Briefingraum der Kabinenbesatzung. Auch wenn schon fast alle Sitze besetzt sind, scheinen noch zwei Kolleginnen zu fehlen. Unfall am Gubrist, die Kolleginnen kommen etwas später, dafür mit erhöhtem Puls. 

Mittlerweile hat sich die SLOT-Situation noch immer nicht geklärt und der Dispatcher erklärt uns, dass wir im schlimmsten Fall über Deutschland Richtung Montreal fliegen könnten. Es bräuchte allerdings etwa drei Tonnen extra Fuel, die wir bitte für den Fall der Fälle mitnehmen sollen. Knapp reicht es dank zusätzlichen Fuel und dem obligaten Rückenwind auf unserer Homebase nicht für einen Start auf der 28. Das bedeutet, dass wir uns später im Stau vor der 16 wiederfinden werden.

Es sind alle Besatzungsmitglieder eingetroffen, die Passagiere angeschnallt, die SLOT-Probleme fast gelöst (40 Minuten Verspätung) und die Freigabe für den Motorenstart eingeholt. Um 13:46 Uhr heben wir auf der 16 ab und die Tennisspieler in Opfikon freuen sich wenige Augenblicke später über das wunderschöne Langstreckenflugzeug, das so elegant die Linkskurve beginnt.

Mit M 0.85 und Heading West geht es der Destination entgegen. Um 19:05 Uhr Lokalzeit befiehlt mein Kollege mir, dass ich das Fahrwerk ausfahren solle. Wenige Minuten später landet er zum ersten Mal eine B777 mit Passagieren an Bord. Eine ganz edle Landung – Kompliment!

Vor der Immigration ein Riesenstau. Leider nicht nur bei den Passagieren, sondern auch beim Crewschalter. Als Letzter passiere ich die Schranke und werde freundlich in Kanada willkommen geheissen. Die Crew wartet derweil schon sehnlichst auf unser Gepäck. Was normalerweise blitzschnell geht, scheint heute eine Ewigkeit zu dauern. Nach einer Wartezeit von 20 Minuten greife ich zum Telefon und versuche die Verantwortlichen zu erreichen. Keine Antwort, das Warten geht weiter. 

Endlich die Koffer! Im Stechschritt Richtung Ausgang an der letzten Einwanderungshürde vorbei. Eine Kollegin scheint dem Beamten, der die Einreiseformulare einsammelt, so zu gefallen, dass er einen Spotcheck anordnet. Die nicht zu beneidende Kollegin verschwindet in einem dunklen Raum und wartet, bis ein weiterer Beamter die Zeit findet, sich ihrer anzunehmen. Es dauert 30 Minuten...

Es ist tatsächlich noch hell, als der Bus die Fahrt Richtung Stadtzentrum in Angriff nimmt. Bis zu ersten Rotlicht läuft es flüssig wie am Gubrist um 3 Uhr in der Früh. Nach dem besagten Rotlicht finden wir uns in der Realität wieder: Gubrist um 17 Uhr. Der Bus wird vom Stau geschluckt. Dieser sollte uns die nächsten 75 Minuten nicht mehr freigeben.

Selbst im Hotel scheint einiges los zu sein. Ein Bus voller fülliger Amerikaner ist wenige Minuten vor uns angekommen und nun warten die Schwergewichte auf einem Haufen vor den drei Liften. Don't worry - be happy!

Irgendwann sitzt der grösste Teil der Crew gemütlich in einem Pub, geniesst das kalte Getränk und die ausgezeichneten Bisonburger. Die Stimmung ist ausgelassen und der erfolgreiche Flugtag wird gefeiert. 

Kein Gubrist auf dieser Welt kann uns das vermiesen.

Donnerstag, Juli 07, 2016

Gumpisitz

deutsch: Springsitz; 
englisch: Jumpseat

«Hoi Peter, Ich heisse Melanie, bin FA und arbeite bereits 5 Monate bei Swiss. Du fliegst Morgen mit mir nach XY... » – vielleicht fliegt die Melanie morgen ja mit mir nach XY?!!?!?  – «... und ich nehme meinen Freund mit auf die Rotation... » – schön für Dich Melanie. «...da das Flugzeug ziemlich überbucht ist möchte ich dich fragen, ob mein Freund nicht auf dem Jumpseat mitfliegen könnte?»

Ein alltägliches Mail, das ältere Semester wie ich es bin, regelmässig von jungen, attraktiven Frauen erhalten. Gut sieht meine Gattin nicht, wie oft mir knapp heiratsfähige Weibsbilder in der Transformation vom Mädchen zum Fräulein bauchkraulende Nachrichten senden.

Gerade junge Kolleginnen und Kollegen nutzen die STBY Tickets gerne, um den erweiterten Freundeskreis in die Welt der Aviatik einzuführen. «Wenn Du einmal spontan nach New York reisen möchtest, musst Du mich nur anrufen...» ist ein viel besserer Flirtspruch, als das in den 70er Jahren populäre «häsch mer au e Zigi?».

Dass unsere Kisten in der Regel zu 100 Prozent ausgebucht sind, wird beim nächtlichen Aufreissen gerne verschwiegen. Ausbaden muss das Ganze dann der alte Kapitän, der vor einer Gruppe bärtiger Hipster steht, die mit Nachdruck behaupten, dass sie dank Melanie, – die ja immerhin schon 5 Monate um die Welt jettet, Anrecht hätten auf einen Sitz mindestens in der Business Klasse.

So läuft das natürlich nicht. Der Gumpisitz wird nicht einfach so vergeben. Wir haben auf der B777 übrigens deren zwei zu vergeben. Einen im Cockpit und den anderen in einer der zahlreichen Küchen. «Dear Captain, a Swiss Employee asks for a jumpseat at the gate. He’s a Cabin Crew Member and ... ». Ich schaue mir den angeblichen Kollegen persönlich an und sofort duzt er mich am Gate. Cabin Crew ist er nicht – das stellt sich augenblicklich heraus, aber er hat vor ein paar Wochen in einer Bar .... «Meine Kollegin ist FA und ich würde gerne in der Business oder im Cockpit mitfliegen...».

Womit auch der Ausdruck Gumpisitz erklärt wurde: Mein vermeidlicher Arbeitskollege aus der Kabine flog in hohem Bogen von der Passagierliste. 

Freitag, Mai 13, 2016

Interkantonal-Piloten

Sie ist gross, elegant, schön und wohl proportioniert. Ja man darf sogar mit vorgehaltener Hand behaupten, dass sie die grössten Möpse weltweit hat. Ihr ahnt vom wem ich schreibe, nämlich von der eleganten B777.

Als interkontinaler Jet gebaut, wird er seit Februar (Weltpremiere!) auch interkantonal eingesetzt. Flüge zwischen Zürich und Genf sind zu Ausbildungszwecken an der Tagesordnung und da ich Ausbildner bin, komme ich als Interkontinental-Pilot fast nut zu Interkantonal-Flügen.

Wer meint das sei reizlos, dem muss ich subito wiedersprechen. Mit den beiden stärksten Triebwerken der Welt und einem leichten Flugzeug den helvetischen Luftraum zu erobern, gehört zu den schöneren Erlebnissen einer Pilotenlaufbahn. Selbst algediente F5-Piloten geben neidlos zu, dass die Climbperformance der B777 zwischen 5000ft und der Reiseflughöhe von 15000ft dem Tiger in nichts nachsteht.

Bereits das Rollen auf dem Apron ist ein Vergnügen. Wollen die Kleinen mit Geschwindigkeit imponieren, genügt beim B777 Schritttempo, um die Kurven mit der notwendigen Vorsicht zu erwischen. Bei dieser Länge muss der Pilot etwas überschiessen, damit die Hauptfahrwerke den Rasen nicht durchpflügen.

Selbst wenn wir die Triebwerkleistung beim Start auf der 28 in Zürich fast 50% drosseln, ist die schiere Kraft der beiden GE90 Raketen gur zu spüren. V1 - Rotate - wir fliegen.
Schneller als gewohnt kommen die 5000ft näher. Mit einer Steigrate von fast 4000ft/min geht es an die erste Höhe heran. Besser man hat diesen Level-Off - falls es einen gibt - vorher geplant. Weder die ATC, noch das TCAS des möglichen Flugzeugs über einem schätzt es sonderlich, wenn der frischgebackene B777-Skipper diesen Übergang verpasst. 135.675 - 128.900 - Bonjour - Descent Check - Approach Briefing - Approach Check - Gear Down - Flaps 30 - Landing Checklist - 40 ft - etwas ziehen - Touchdown - Speedbrakes up, Reverser Normal - das ging aber schnell....

Als Ausbildner komme ich mal auf dem linken, auf dem rechten oder auf dem hinteren Sitz regelmässig zu diesen Interkantonal-Flügen. Das macht mächtig Spass, Interkontinental kommt auch irgendwann...

Dienstag, März 15, 2016

An den Arsch gewachsen

Alles Alte, soweit es den Anspruch darauf verdient hat, sollen wir lieben; aber für das Neue sollen wir eigentlich leben.
Theodor Fontane

Zurück aus dem fernen Amerika liege ich ausgestreckt auf dem Bett im klirrend kalten Engadin und blicke auf den Winter zurück, den ich statt auf der Loipe, vorwiegend im Simulator verbracht habe. Das Kürzel B777 hat mich in Beschlag genommen und mir neben fünf Kilogramm mehr auf den Rippen, auch sehr viel Freude und Zufriedenheit gebracht.
Aussenstehende mögen sich wundern, dass sonst ein so ruhiger und besonnener Zeitgenosse, der auf ein halbes Jahrhundert Lebenserfahrung verfügt, wegen einer Aluminiumröhre so in Extase verfällt. Erklären muss ich das nicht, geniessen darf ich es!

Wähnte ich mich während der ersten Stunden auf einem Hürlimann-Tracktorsitz, ist mir die B777 in der Zwischenzeit an den Arsch gewachsen; fragte ich mich zu Beginn der Umschulung, wie ich wohl die gigantischen Ausmasse auf dem Flughafen um die Ecken bringe, fahre ich jetzt bereits Stilsicher Slalom auf den engen Kehren des John F. Kennedy Flughafens. Es ist viel passiert in den letzten Monaten. Der Weg dahin war anstrengend, jedoch zu jedem Zeitpunkt faszinierend und befriedigend.

Morgen fliege ich mit Skatingskis im Tiefflug über die Seen und sorge dafür, dass die fünf Kilogramm in den nächsten Wochen wieder von den Rippen verschwinden. Wer weiss, vielleicht fühlt sich der B777-Sitz danach wieder an wie der auf einem alten Hürlimann...