Mittwoch, April 11, 2018

B777 – die Leichtigkeit des Seins

Über seine Boeing zu schreiben, ist als ob man über seine Frau schreibt. Man liebt sie, kennt ihre Macken, ihre Vorteile, weiss zu welcher Zeit sie unausstehlich ist, wann wundervoll. Man weiss genau wo man streicheln darf, wo auf keinen Fall, kennt die Augenblicke der totalen Glückseligkeit und durchaus auch Momente der Verzweiflung, in denen man an seine Ex zurückdenkt. Kurz, ein Leben ohne sie wäre farblos, emotionslos, fade und unvollstellbar. Ein Redaktor einer Aviatikzeitschrift verlangte von mir nichts Geringeres, als meine aktuelle Liebe mit meiner Ex zu vergleichen. Glatteis pur! Trotzdem wage ich einen Versuch.
Als ich die Umschulung auf die B777 begann, hatte ich einen klitzekleinen Vorsprung gegenüber meinen Mitstreitern. Ich kannte die Familie meiner neuen Zugetrauten bereits von der B747 her und wusste, wie die so ungefähr ticken. „Keep it simple“ war das Motto bei der B747 Classic und so falsch konnte das bei der neuen Partnerin auch nicht sein. Ein Vorteil, wenn man bedenkt, dass eine Umschulung auf einen neuen Flugzeugtypen mit einem dreimonatigen Speeddating verglichen werden kann. Anstrengend, spannend, prickelnd und nie langweilig.
Meine Ex, also die A320, unterschied sich wenig von ihren grösseren Schwestern A340 und A330 (ja, ich gebe es ja zu, innerhalb der Airbusfamilie hatte ich sie fast alle). Die Airbusschwestern waren alle gleich gestrickt: Bevor es losging musste alles genau passen – die Atmosphäre, das Karma, die Bücher in der Bibliothek – ja sogar die richtigen Worte konnten über Höhenflug oder AOG entscheiden. Die A320 verlangte einen strikten Ablauf – man kann fast von Ritual sprechen. Das dämpfte zuweilen die Lust und bremste die Spontanität. Wenn es wie in jungen Jahren so üblich bis viel Mal am Tag zur Sache ging, eine etwas farblose Angelegenheit.
Die B777 ist da anders. Kaum wird das Cockpit betreten, meint man eine zärtliche Stimme zu hören, die einem lustvoll den Satz „ready for a ride?“ ins Ohr flüstert. Es wurde weder ein Feng Shui-Meister beim Cockpitdesign zu Rate gezogen, noch sind die korrekten Sitzpositionen ausgependelt. Es hat Platz für einen grossen Kaffeebecher, zwei grosse Hebel sorgen für Schub und ein Steuerhorn bestimmt die Richtung. Was braucht man mehr, um pure Emotionen zu erleben?
Zwei Mal im Jahr zeigen sich unsere Partnerinnen von der schlechtesten Seite. So schlecht, dass wir sie nicht in der Öffentlichkeit zeigen dürfen. Eingesperrt in einem Simulatorgebäude können sie ihre Launen ausleben und wir werden dabei beobachtet. Ein Paartherapeut vom Bundesamt delegiert, analysiert unser Verhalten und stellt uns danach ein Attest aus das besagt, ob eine Weiterführung der Beziehung überhaupt Sinn macht. So ein Frauending, dass uns Männern Mühe bereitet!
Auch in diesen Krisensituationen komme ich mit der jetzigen Partnerin viel besser zurecht als mit der Ex. Diese war mir bei Krisensituationen etwas zu weiblich. Die A320 kommunizierte über das ECAM wacker mit mir, meinte in Tat und Wahrheit aber etwas ganz anderes. Anstrengend! Damit man die richtigen Aktionen auch ausführen konnte gabe es ein Mann-Frau Interface in Buchform genannt QRH. Um die Komplexität noch zu erhöhen, entschloss sich die Familie meiner Ex, eben dieses Mann-Frau-Interface im regelmässigen Rythmus umzuschreiben. Was nützt einem in solchen Situationen das Feng-Shui Cockpit, die ausgependelten Instrumente?
Die B777 ist da ganz anders. Sie lässt mich stets im Glauben, dass ich der Kopf des Ganzen bin. Sie spielt dabei den Hals der dafür sorgt, dass mein Kopf stets in die richtige Richtung schaut. Wir mögen uns, auch in schwierigen Situationen.
Der intimste Moment in der Beziehung ist die Landung, man könnte auch vom Höhepunkt reden. Das ganze Vorspiel der Planung, der wilde Ritt über den Wolken, der energiegeladene Sinkflug – das alles gipfelt in diesem erlösenden Moment, wenn die Räder den Boden berühren. Wir reden vom 1.0 G-Punkt. Schön, wenn wir diesen magischen Moment gleichzeitig und in ähnlicher Intensität erleben. Beim Piloten verpufft die angestaute Energie in Sekundenbruchteilen und die B777 sinkt erleichtert und müde in die Stossdämpfer. 
Man weiss von zwischenmenschlichen Beziehungen, das dieser Moment nach dem Höhepunkt der wichtigste ist. Ein Kuss, ein verliebter Blick, eine Streicheleinheit – das alles ist wichtiger, als alle Paartherapien das ganze Jahr hindurch. Bei der B777 greife ich nach dem Akt zärtlich nach dem Speedbrake-Lever und bringe ihn vorsichtig auf die richtige Position zurück. Das ist mein Dank, Worte braucht es keine, den Moment der totalen Entspannung schöpfen wir beide maximal aus.
Meine Ex verlangte in diesen Momenten das richtige Wording, die immer gleichen Abläufe. Rituale, Rituale, Rituale… Liebe Frauen und Flugzeuge, wir Männer lieben es unkompliziert. Wir vermeiden unnötige Vorspiele wenn immer möglich und finden in Gottesnamen nicht immer die richtigen Worte. Sture Abläufe sind uns ein Graus und Rituale gehören aus unserer Sicht in Trinkhallen. Lasst uns Raum und wird werden es Euch mit Höchstleistungen danken. Gebt uns Freiheiten und erfreut Euch an den dadurch entspannten Männern. Nehmt Euch ein Beispiel an der B777.

Liebe B777, ich bleibe Dir treu auf immer und ewig!

Kommentare:

  1. Ich bin nach zwei Jahren das erste mal wieder auf deiner Seite und war überrascht das es hier doch weiter geht. Bereits nach 5 Zeilen grinste ich fröhlich daher und meine Frau fragte sofort „was liest du da?“. Natürlich etwas über Luftfahrt, was auch sonst?! ;)

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  2. Danke Niko. Ich gebe mir Mühe, Deine Frau und Dich weiterhin zu unterhalten :-)

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  3. Ein wundervoller Vergleich. Da kann man nur zustimmen und schmunzeln.

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