Samstag, Januar 27, 2018

Tag 1 in Mukilteo

Wer glaubt, dass Piloten mit über 14‘000 Flugstunden routinierte Reisende seien, täuscht sich gewaltig. Was es bedeutet, von Zürich nach Los Angeles zu fliegen, kenne ich von gefühlten 1000 Flügen an diese Destination. Wie man sich sinnvoll auf so einem Flug verpflegt, muss einem nach 26 Jahren nicht gesagt werden.
Ich kenne das Fliegen aber primär aus der Sicht der Crew. Ach was heisst da primär, ausschliesslich ist das richtige Wort.
Fliegen als Crew heisst Aufgaben zu haben; zu kommunizieren; zu agieren; zu Essen, was übrig bleibt; Smalltalk mit der Crew; Smalltalk mit anderen Piloten in uns ausserhalb des Flugzeugs betreiben; Wetter studieren; Ausweichflughäfen memorisieren; die wunderbare Natur  geniessen – mit anderen Worten stilvoll und bewusst reisen.

Fliegen als Passagier gleicht einem Gang ins Krematorium. Auch wenn ich im grössten aller Särge gelegen habe, hat die Reise als Passagier etwas morbides an sich. Die Fluggesellschaft – und da bin ich auf meine eigene Firma besonders stolz, unternimmt alles, dass sich die Passagiere wie zu Hause fühlen. Es wird versucht eine Atmosphäre zu schaffen, die angeregte Diskussionen wie in einem Kaffeehaus ermöglichen. Die Möbel stimmen, die Produkte stimmen, die Leute sind mehr oder weniger zufällig angeordnet und Zeit haben alle. Da stünde einem Speeddating nichts im Wege!

Leider machen die Gäste die Atmosphäre zu dem, was ich als Stimmung wie im Krematorium bezeichnete. Stumm und – so scheint es zumindest – leicht bekifft betreten sie die Gaststuben und folgen stur ihrem Ritual. Kurz nach dem Anschnallen wird der Computer gestartet, gleichzeitig das Unterhaltungssystem gebootet, die Menuekarte überflogen und der Blick stets nach vorne gerichtet. Man hat nicht Angst vor dem Passagier neben einem, man hat Angst vor einem Gespräch mit dem Nachbarn.
Wehe man schaut über Grönland nach draussen! Der Hass ist einem sicher. Wehe man kommuniziert zwei Sätze mit dem Personal, das sich ununterbrochen um das Wohl der Gäste kümmert. Man könnte den Nachbarn schliesslich beim Massenmord oder der Autoverfolgung im neusten Hollywoodstreifen stören.

Reisen ist zum seltsamen Ritual geworden. Eine Art Ersatzreligion, wo jeder dem fröhnt, was er als absolut notwendig betrachtet. Dabei wäre Kommunikation, Small Talk oder gar ein Flirt viel interessanter und würde dem Weltfrieden mehr dienen, als der jährliche Ausflug im Januar ans WEF nach Davos.

Aber das ist ein anderes Thema.

An jetzt bin ich wieder Crew. Ich freue mich auf die stilvolle Reise, auf die anregenden Gespräche, auf die Blicke auf die immer wieder faszinierende Natur. Kurz: Reisen wie früher im Flugzeug und noch heute in der RhB.

So ich muss - Nein ich darf! – gleich los Richtung Everett. Akreditierung bei Boeing, danach eine spezielle Führung durch die heiligen Produktionshallen. Ich freue mich auf die Gespräche, die Diskussionen und die Interaktionen mit den Kollegen.

Zum Überfliegen des Textes vor der Publikation habe ich keine Zeit mehr. Doch genau das ist Kommunikation: Fehler machen, unperfekt sein, Spass haben ohne stete Angst vor einer Blamage. Leben halt!

Kommentare:

  1. Viel Spass auf dem Ferryflug mit dem jüngsten Flottenzuwachs, gehe davon aus du sitzt vorne links ?

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  2. ... wo ich sitze haben wir noch nicht ausgejasst (sind 2 CMD und 1 F/O)

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