Donnerstag, Mai 17, 2018

Zeitdruck

Druck ist gut, Druck fordert und fördert. In genau 18 Minuten muss ich beim Apéro erscheinen. Das bedeutet 10 Minuten für diesen Text, drei Minuten um ihn bei diesem langsamen Netz hochzuladen, eine Minute zum Wasserlösen, 20 Sekunden zum Händewaschen und drei Minuten 40 Sekunden zum Liftfahren. Habe ich richtig gerechnet? Egal. Die Buchstaben müssen auf das Papier bzw. den Bildschirm.

Draussen auf den Strassen in Sao Paulo das übliche Chaos. Stau wo man hinsieht und Smog in allen Ecken. Die Leute sind genervt und gestresst – wo bleibt da die Brasilianische Leichtigkeit?

Nein, das ist nicht meine Lieblingsdestination. Der Flug ist lang, die Nacht tiefschwarz und das Wetter über Afrika und dem Südatlantik unruhig und gefährlich. Geschlagene zwei Stunden dauert die Busfahrt vom Flughafen zum Hotel und das Wetter will auch hier nicht ganz mitspielen.

Schneckentempo in Brasilien. Das will zu diesem Text nicht so recht passen, wo jeder Fehlgriff auf der Tastatur Zeitverslust bedeutet. In der Regel habe ich vor dem Schreiben einer Geschichte zumindest im Ansatz eine Idee, um was es sich in der Story handeln soll. Nicht selten verlasse ich meinen ursprünglichen Plot und lande ganz wo anders.

Zum Glück fliege ich nicht so.

Noch zehn Minuten.

In genau zehn Minuten erwartet mich die Crew. Hungrig sind sie alle, durstig auch, müde sowieso. Trotz Zeitverschiebung werden wir unseren Mägen ein halbes Rind zumuten und die Verdauung mit etwas Caipirinha anregen. Es wird gelacht, geredet, da und dort geflirtet und ich bin bei meiner pilotisch und altersbedingten Schwerhörigkeit froh, wenn ich die Hälfte aller Gespräche mitbekomme.

Noch acht Minuten; hoffentlich habe ich nicht zuviele Tippfehler gemacht. Zur Korrektur reicht es nicht mehr.

Noch drei Sätze mehr? Noch eine unerwartete Pointe, ein schlüpfriges Geständnis? Sorry, das passt nicht mehr in das enge Zeitkorsett. Ich muss -, ich muss wasserlösen, Händewaschen, auf den Lift warten, Apéro geniessen, Fleisch essen und vielleicht etwas flirten.

Gute Nacht zusammen. Noch 10, 9, 8, 7, 6 …

Freitag, Mai 11, 2018

Achtung Werbung - die ersten Schritte als Influenzer


Pilot sein heisst nicht zwingend, dass man die ganze Zeit in Flugzeugen oder Hotels herumlungert, man ist auch zwischendurch einmal zu Hause.

Wobei «zu Hause» für mich seit einem Jahr eine ganz neue Bedeutung hat. Als Neo-Engadiner mit Arbeitsort 8058 Zürich-Flughafen liegt der Konflikt auf der Hand. Selbst mit der pfeilschnellen und überpünktlichen RhB schaffe ich es nicht zeitig an jeden Event, den mir meine Firma geplant hat. Ein Zweitwohnsitz musste her, ich wurde Wochenaufenthalter.

So hat mich der Zufall und viel Glück nach Opfikon verschlagen, wo ich die feine Steuerführung meiner Kollegen ganz bequem aus dem Liegestuhl beobachten kann. Die fliegen so tief über meine Birne, dass ich die Flugzeugtypen nur an der Anzahl Nieten unterscheiden kann. Ein Paradies für Flugzeugfans!

So ein Mietshaus hat grosse Vorteile gegenüber einem Eigenheim: Man ist nie alleine. Als wir neulich zusammengesessen sind (kommt sehr selten vor), kamen wir zum Schluss, dass es im Haus von Genies nur so wimmelt und wir eigentlich ein Startup gründen sollten. Wir haben Finanzexperten (Hallo Mathias, gugguseli Ale), eine Innenarchitektin mit einer gewissen Nähe zu den Beatles (gäll Domi), IT-Genies (Simon und der Kollege aus der Attika), den Multi-Media-Mann mit dem grössten Fernseher aber ohne Team an der Fussball-WM (Ciao Sergio) und die Social Media Frau schlechthin (Ljubi sei gegrüsst). Als unschlagbares Security-Duo amten Coco und Jack und als Chauffeur stelle ich mich zur Verfügung. Fast hätte ich unser Catering-Team Nici und Raphi vom Frohsinn vergessen, doch zu ihnen später.

An einem dieser Abenden lernte ich, was ein Influenzer ist. Dass da auf meinem aviatischen Blog Potential für Ruhm und Reichtum schlummert, merkte ich sofort. Das Social Media Genie (Ljubi!!!) brachte mich schnell auf den Boden der Realität zurück, doch sie unterschätzte meinen Willen und meine Ausdauer. So versuche ich in diesem Beitrag, ohne dass die Leserinnen und Leser es merken, etwas Werbung zu verstecken. Damit bin ich jetzt auch ein Influenzer!

Ich möchte ihnen an dieser Stelle mein Zweitwohnort Opfikon ein bisschen vorstellen und beginne gleich mit dem Restaurant Frohsinn bei mir um die Ecke. Ein Gasthof, den es leider in dieser Form immer weniger gibt. Wenn sich Beizer wegen fehlenden Gästen beklagen, dann müssen sie nicht den Bumann um Hilfe bitten, sondern einmal ganz entspannt im Frohsinn vorbeischauen. Was hier an Freundlichkeit und Qualität geboten wird, sucht seinesgleichen. Die Besitzer sind keine Gastronomen, sondern Gastgeber. Das Personal arbeitet nicht einfach im Frohsinn, sie fühlen sich wohl und die Köche beherrschen das Handwerk der Frischzubereitung aus dem Effeff. Die Portionen sind gross, die Preise nicht, die Küche ist einheimisch und international zugleich, die Gäste auch.

Wer auf der Terrasse oder dem Gastraum keinen Platz findet, der ist in der Lounge-Bar willkommen. Liebe Leserinnen und Leser, mit dem Bus 759 erreichen Sie den Frohsinn in sechs Minuten, das ist genau so lange, wie sie im Mc-Donalds auf ihr Happy Meal warten. Sechs Minuten ihres Lebens, die sie nicht bereuen werden. Wenn die Franzosen oder Tifosi wieder einmal streiken und ihr Flug nach irgendwo verspätet ist, geniessen sie vor ihrem Abflug eine Köstlichkeit aus dem Hause Frohsinn. Wenn sie Freunde und Bekannte an den Flughafen chauffieren, bedanken sie sich bei ihren Liebsten mit einem Gaumenschmaus aus dem Hause Grimm. Die Ferien beginnen nicht am Flughafen, sie beginnen in Opfikon kurz vor dem Kreisel!

Zurück zur Villa P, wo ich Zweitheimischer bin. An so einem Zweitwohnsitz spielt der Briefkasten eine untergeordnete Rolle. Rechnungen und Mahnungen landen am Erstwohnsitz und persönliche Briefe auch. Zweitwohnsitzbriefkästen sind nur für Werbung da – und zwar ausschliesslich.

Interessiert durchforstete ich heute Morgen die vielfarbigen Prospekte. Ein Getränkehändler warb für seine Dienstleistungen und erinnerte mich daran, dass mein Vorrat an hopfenhaltigen Getränken eine beängstigende Grösse angenommen hat. So machte ich mich auf ins Nachbardorf und lud einen Kasten Chopfab Pale Ale Bleifrei auf den Einkaufskarren. Der Kassierer, freundlich und gepflegt, frage mich folgenden Satz: «Hast du Nuss Leder?»

Ja, ich gebe es ja zu, meine Nüsse sind etwas ledrig aber ich denke das ist in meinem Alter normal. Trotzdem muss ich ihm das nicht auf die Augen binden.

Er wieder: «Hast du Nuss Leder?»

«Entschuldigen sie, ich verstehe die Frage nicht.» Die Frau hinter mir in der Kolonne greift zu einem Nastuch und tupft sich die Tränen ab.

«Ich weiss nicht was sie meinen…»

Er greift unter den Tresen und reicht mit eben diese Werbung, wegen der ich das Verkaufslokal betreten habe. «Das ist unser Nuss-Leder mit einem Coupon für ein Viererpack Tonicwasser.»

Ich werde in Zukunft die Newsletter genauer lesen.

Nun bin ich bereits am Ende meines Berichts als Influenzer und habe tatsächlich die versteckte Werbung vergessen. Nun ja, wenn ich sie schon angekündigt habe, kann ich sie ja nicht mehr gut verstecken. Darum Achtung: Es folgt jetzt Werbung:

Morgen ist in Wallisellen Chasperli-Theater. Kommt Ihr auch?


Sonntag, April 29, 2018

Groudhog Day – und täglich grüsst das Murmeltier

Manchmal komme ich mir wirklich vor, wie Bill Murray im Klassiker von 1993. Es ist wieder einmal Sonntag, ich sitze wieder einmal in einem Starbucks, der Schweiss läuft immer noch und ich bin einmal mehr in Bangkok.

Es könnte schlimmer sein. Ich mag den Starbuckskaffee, es gibt gähnenderes als die südostasiatische Metropole und manchmal habe ich echt das Gefühl, dass Bill Murray mein eigenes Leben spielt. Erinnern Sie sich an den Film „Lost in Translation“. Vermutlich nicht, denn den Film finden nur die genial, die wie ich viele schlaflose Nächte in Japan verbrachten und während des Tages wie auf Drogen durch das irre und wirre Tokio streunten.

Doch wie sieht eingentlich so ein Groundhog Day eines 52-jährigen Flugkapitäns aus? Im Gegensatz zu der jungen Generation bevorzuge ich Tageslicht. So beginnt mein Tageswerk gegen 7:30 Uhr in der Früh. Zu Hause sind um diese Uhrzeit noch nicht einmal die Bäcker wach, aber das stört mich wenig. Nach einem kleinen Frühstück und 10km auf dem Laufband…

Sind sie noch dabei? Langweilig, oder?

Wenn sich auf dieser Seite jemand durch den Tagesablauf eines alten Kapitäns liest, dann nur in der Hoffnung, dass irgendwann die Pointe oder eine schlüpfrige Anspielung kommt. Es ist Sonntag und ich möchte der Leserschaft nicht die wertvolle Familienzeit stehlen. Also kommen wir ohne Umschweife zum Thema, mit dem ein männlicher Besucher in Bangkok zwangsläufig in Berührung kommt: Der Massage mit Happy End.

Sie wissen nicht was ich meine? Dann können Sie an dieser Stelle getrost den Artikel beenden und weiter in der Sonntagszeitung blättern.

Allen anderen Männern sage ich in aller Deutlichkeit: Schämen Sie sich! Spass bei Seite, kommen wir zum Thema.

Bangkok bedeutet für mich viel Sport. Ich laufe während meines Aufenthalts mindestens 30km auf dem Laufband, vertreibe mir so die Zeit und arbeite gleichzeitig an der Ausdauer, die ich zu Hause bei meinen zahlreichen Outdoor Abenteuern gebrauchen kann. Die Muskeln werden strapaziert, sind verhärtet und auch müde.
Wenn man dann noch zusätzlich stundenweise in der schwülen Hitze durch die Strassen schlendert, dann kann man den zahlreichen Institutionen, die Massagen in allen Formen anbieten, kaum widerstehen.

Ich bin da keine Ausnahme. So betrete ich ein schummriges Lokal, das nach asiatischem Standard heruntergekühlt und mit Bildern des verstorbenen Königs vollgehängt ist. Die Masseurin bittet mich höflich, die störende Kleidung abzulegen und Platz zu nehmen. Im Nebenraum holt sie einen Eimer mit warmem Wasser und einem nicht mehr ganz fabrikneuen Waschlappen. Wie sie die Seife im Waschlappen scheuert und damit einen weissen Schaum erzeugt, kommt einem Teeritual sehr nahe. Gefühlsvoll und mit wenig Druck führt sie den Waschlappen über die empfindlichen Stellen und lächelt mich an, wann immer ich zucke. Ich bin hin und her gerissen. Einerseits könnte dieser Waschvorgang ewig dauern, andererseits kann ich die Massage kaum erwarten.

Sie legt den Waschlappen weg, nimmt ein Handtuch und trocknet mich vorsichtig ab. Es kitzelt und ich bin überempfindlich. Ein süsslicher Geschmack verteilt sich im Raum, der aus einer bunten Flasche entsteigt, die das Massageöl beinhaltet. Vorsichtig wird die handwarme Flüssigkeit auf meiner Haut verteilt. Die Masseurin lächelt, schaut das zu massierende Objekt an und sagt: „Oh, so big!“
Nun beginnt die eigentliche Massage. In regelmässigen und bewusst angesetzten Bewegungen werden die empfindlichen Stellen behandelt. Ich kann ein Stöhnen nicht unterdrücken, was wiederum ein Lächeln auf die Lippen der Dame zaubert.
Schmerz und Wohllust wechseln sich ab. Ich winde mich hin und her. Die Meisterin weiss genau, wo sie drücken und wo sie streicheln muss. Sie ändert die Frequenz von schnell nach langsam und dann wieder zu schnell. Es fröstelt mich von der Air Conditioning, doch nicht mal Frostbeulen könnten mich jetzt von der Massagepritsche verjagen.
Die Zeit vergeht wie im Fluge und das Ende naht. Und es es ist kein gewöhnliches Ende, es ist ein Happy End!
Mit einem einem gekonnten Griff zieht sie am grossen Zeh und es knacks laut. Was für eine Erlösung! Was für ein Happy End!

Diese Fussmassagen in Bangkok sind einfach unglaublich!

Sonntag, April 22, 2018

Den ganzen Tag rammeln

Entlarven Sie sich auch regelmässig dabei, dass Sie Wörter aus anderen Sprachregionen gebrauchen, deren Bedeutung Sie in ihrer Muttersprache gar nie hinterfragt haben?
So trinke ich wie so oft auf Reisen, meinen Kaffee im Sternenrammler –  im welturbanen Sprachschatz auch Starbucks genannt. Buck heisst laut meinem Sprachführer „Rammler“ und das nehme ich hier in der Hauptstadt der Rammler mit einen Lächeln auf den Lippen zur Kenntnis.

Richtig, ich bin in Bangkok. Läuft Ihnen beim Namen Bangkok ein Kopfkino ab? Logisch, man denkt an Klongs, Tuk-Tuk, scharfe Curries, noch schärfere Männer, grosse Bierbäuche und Sandalen aus dem Hause Adidas. Mit läuft nicht etwa ein Kopfkino ab, mir läuft der Schweiss aus allen Poren. Stolze 35° C zeigt das Thermometer an und der Wert der Luftfeuchtigkeit wird nur vom Feinstaubindex übertroffen. Bummel durch die Strassen oder Fahrt auf einem Flussboot? Auf so bekloppte Ideen kommen nur Touristen. Besuch eines Tempels oder des Wochenendmarktes? Sicher nicht!

Da tue ich es lieber den Rammlern mit den grossen Bierbäuchen gleich und vergnüge mich mit einer kaffeebraunen Schönheit – mit den Unterschied, dass sich meine kaffeebraune Schönheit in einer Keramiktasse befindet und auf den Namen Venti hört. Was heisst eigentlich Venti? Ich google und schäme mich. Logisch, dass heisst ja Zwanzig auf Italienisch. Ich trinke also zwanzig Cappuccinos…

Das Einkaufszentrum füllt sich gerade. Einheimische bevorzugen es, den Sonntag in diesen Konsumpalästen zu verbringen. Gekauft wird wenig, geschaut umso mehr. Eine Frau Namens Victoria verkauft ihre Geheimnisse und Paul der Bäcker süsse Sachen. Bei Victoria bin ich unerwünscht (sorry Sir – no Rammler allowed), dafür mag mich Paul umso mehr. So schlank, dass ich in Victorias Secrets passe, werde ich wohl erst nach dem Tod.

Im Erdgeschoss hat sich eine Spielwarenkette breit gemacht, die um die Gunst der Kleinen buhlt. Die reichen Kinder in Bangkok (sehr wenige in der Zahl) sind nicht anders als die reichen Kinder in der Schweiz (sehr viele an der Zahl). Sie tragen ein elektronisches Teil in der Hand, sind laut und nerven sowohl Eltern, als auch das Umfeld. Kein Wunder also, dass die Verkäuferin der Spielwaren noch lauter sein muss. Das geht bei den zarten Thai-Stimmen aber nur mit elektronischer Unterstützung. Da in diesem Land weder Höchstwerte für Temperaturen, noch Höchstwerte für Beschallung festgeschrieben sind, operiert der Lautsprecher nahe der Schmerzgrenze.

Das gibt leichte Abzüge in der Gemütlichkeit, doch wenn ich zwischen 35° C und 100dB wählen muss, entscheide ich mich für die Lautstärke.
In der Zwischenzeit füllt sich der Sternenrammler mit Gästen. Der freie Stuhl an meinem Tisch wird von einer freundlichen Engländerin in meinem Alter besetzt. Ihr Mann holt zwei Stück Cheesecake und zwei sehr süsse Getränke. Ich wage einmal zu behaupten, dass sie die Geheimnisse von Victoria auch nicht kennt. Vom Mann gar nicht zu sprechen. Wir 50+ teilen dieses Schicksal.

Mein Blick schweift von links nach rechts und ich beobachte das bummelnde Volk. Dass meine Augen trotz rigidem Eintrittsverbot immer wieder an den Auslagen von Victoria’s Geheimnissen hängen bleiben, hat vermutlich mit meiner Chromosomenkombination zu tun. So tue ich, was man in der vernetzten Welt so tut: ich recherchiere im Internet. „Victoria’s Secrets“ gebe ich in der Suchmaschine ein und drücke erwartungsvoll auf ENTER.
In Sekundenbruchteilen erscheint ein bedrohliches Symbol auf meinem Bildschirm, das einen amtlichen und dadurch hochoffiziellen Charakter hat. Irgend ein Ministerium wirft mir vor, dass ich das staatliche Internet dazu benutzen wollte, schlüpfrige Inhalte zu konsumieren. Die ersten vorwurfsvollen Blicke fallen mir zu und ich wähle die „Zurück“-Taste. Dass ich vorher im Hotel den Blick gelesen habe, auf dessen Homepage ein leicht bekleidetes Mädchen das Titelbild ausfüllt, hebt die Stimmung bei meinen Nachbarn auch nicht unbedingt. Ich bin abgestempelt und da bleibt nur die Flucht. Die Engländerin reisst ihren Ehemann vom Tisch weg und der versucht während der Flucht noch einen Blick von der Bademoden-Schönheit auf meinem Bildschirm zu erhaschen. Auch ich packe zusammen.

Gegenüber auf der anderen Strassenseite hat es ein anderes Einkaufszentrum. Auch da gibt es einen Sternenrammler und das ist gut so. Wenn ich die Kolleginnen und Kollegen heute Abend dann fragen, was ich den ganzen Tag gemacht habe, fällt mir die Antwort leicht: Den ganzen Tag gerammelt, was denn sonst?



Mittwoch, April 11, 2018

B777 – die Leichtigkeit des Seins

Über seine Boeing zu schreiben, ist als ob man über seine Frau schreibt. Man liebt sie, kennt ihre Macken, ihre Vorteile, weiss zu welcher Zeit sie unausstehlich ist, wann wundervoll. Man weiss genau wo man streicheln darf, wo auf keinen Fall, kennt die Augenblicke der totalen Glückseligkeit und durchaus auch Momente der Verzweiflung, in denen man an seine Ex zurückdenkt. Kurz, ein Leben ohne sie wäre farblos, emotionslos, fade und unvollstellbar. Ein Redaktor einer Aviatikzeitschrift verlangte von mir nichts Geringeres, als meine aktuelle Liebe mit meiner Ex zu vergleichen. Glatteis pur! Trotzdem wage ich einen Versuch.
Als ich die Umschulung auf die B777 begann, hatte ich einen klitzekleinen Vorsprung gegenüber meinen Mitstreitern. Ich kannte die Familie meiner neuen Zugetrauten bereits von der B747 her und wusste, wie die so ungefähr ticken. „Keep it simple“ war das Motto bei der B747 Classic und so falsch konnte das bei der neuen Partnerin auch nicht sein. Ein Vorteil, wenn man bedenkt, dass eine Umschulung auf einen neuen Flugzeugtypen mit einem dreimonatigen Speeddating verglichen werden kann. Anstrengend, spannend, prickelnd und nie langweilig.
Meine Ex, also die A320, unterschied sich wenig von ihren grösseren Schwestern A340 und A330 (ja, ich gebe es ja zu, innerhalb der Airbusfamilie hatte ich sie fast alle). Die Airbusschwestern waren alle gleich gestrickt: Bevor es losging musste alles genau passen – die Atmosphäre, das Karma, die Bücher in der Bibliothek – ja sogar die richtigen Worte konnten über Höhenflug oder AOG entscheiden. Die A320 verlangte einen strikten Ablauf – man kann fast von Ritual sprechen. Das dämpfte zuweilen die Lust und bremste die Spontanität. Wenn es wie in jungen Jahren so üblich bis viel Mal am Tag zur Sache ging, eine etwas farblose Angelegenheit.
Die B777 ist da anders. Kaum wird das Cockpit betreten, meint man eine zärtliche Stimme zu hören, die einem lustvoll den Satz „ready for a ride?“ ins Ohr flüstert. Es wurde weder ein Feng Shui-Meister beim Cockpitdesign zu Rate gezogen, noch sind die korrekten Sitzpositionen ausgependelt. Es hat Platz für einen grossen Kaffeebecher, zwei grosse Hebel sorgen für Schub und ein Steuerhorn bestimmt die Richtung. Was braucht man mehr, um pure Emotionen zu erleben?
Zwei Mal im Jahr zeigen sich unsere Partnerinnen von der schlechtesten Seite. So schlecht, dass wir sie nicht in der Öffentlichkeit zeigen dürfen. Eingesperrt in einem Simulatorgebäude können sie ihre Launen ausleben und wir werden dabei beobachtet. Ein Paartherapeut vom Bundesamt delegiert, analysiert unser Verhalten und stellt uns danach ein Attest aus das besagt, ob eine Weiterführung der Beziehung überhaupt Sinn macht. So ein Frauending, dass uns Männern Mühe bereitet!
Auch in diesen Krisensituationen komme ich mit der jetzigen Partnerin viel besser zurecht als mit der Ex. Diese war mir bei Krisensituationen etwas zu weiblich. Die A320 kommunizierte über das ECAM wacker mit mir, meinte in Tat und Wahrheit aber etwas ganz anderes. Anstrengend! Damit man die richtigen Aktionen auch ausführen konnte gabe es ein Mann-Frau Interface in Buchform genannt QRH. Um die Komplexität noch zu erhöhen, entschloss sich die Familie meiner Ex, eben dieses Mann-Frau-Interface im regelmässigen Rythmus umzuschreiben. Was nützt einem in solchen Situationen das Feng-Shui Cockpit, die ausgependelten Instrumente?
Die B777 ist da ganz anders. Sie lässt mich stets im Glauben, dass ich der Kopf des Ganzen bin. Sie spielt dabei den Hals der dafür sorgt, dass mein Kopf stets in die richtige Richtung schaut. Wir mögen uns, auch in schwierigen Situationen.
Der intimste Moment in der Beziehung ist die Landung, man könnte auch vom Höhepunkt reden. Das ganze Vorspiel der Planung, der wilde Ritt über den Wolken, der energiegeladene Sinkflug – das alles gipfelt in diesem erlösenden Moment, wenn die Räder den Boden berühren. Wir reden vom 1.0 G-Punkt. Schön, wenn wir diesen magischen Moment gleichzeitig und in ähnlicher Intensität erleben. Beim Piloten verpufft die angestaute Energie in Sekundenbruchteilen und die B777 sinkt erleichtert und müde in die Stossdämpfer. 
Man weiss von zwischenmenschlichen Beziehungen, das dieser Moment nach dem Höhepunkt der wichtigste ist. Ein Kuss, ein verliebter Blick, eine Streicheleinheit – das alles ist wichtiger, als alle Paartherapien das ganze Jahr hindurch. Bei der B777 greife ich nach dem Akt zärtlich nach dem Speedbrake-Lever und bringe ihn vorsichtig auf die richtige Position zurück. Das ist mein Dank, Worte braucht es keine, den Moment der totalen Entspannung schöpfen wir beide maximal aus.
Meine Ex verlangte in diesen Momenten das richtige Wording, die immer gleichen Abläufe. Rituale, Rituale, Rituale… Liebe Frauen und Flugzeuge, wir Männer lieben es unkompliziert. Wir vermeiden unnötige Vorspiele wenn immer möglich und finden in Gottesnamen nicht immer die richtigen Worte. Sture Abläufe sind uns ein Graus und Rituale gehören aus unserer Sicht in Trinkhallen. Lasst uns Raum und wird werden es Euch mit Höchstleistungen danken. Gebt uns Freiheiten und erfreut Euch an den dadurch entspannten Männern. Nehmt Euch ein Beispiel an der B777.

Liebe B777, ich bleibe Dir treu auf immer und ewig!

Freitag, Februar 23, 2018

Ein Himmel voller Schmetterlinge

Das grösste Privileg des Langstreckenkapitäns sind weder die tollen Destinationen, noch die nicht mehr gar so tollen Hotels. Das grösste Privileg ist die Zeit, die einem der Arbeitgeber schenkt. Ein Aufenthalt in einer Stadt ist bei meinem Job mindestens 26 Stunden lang. Im Falle von Hongkong sind das gar 55 Stunden.
Zeit, die man tanzend, essend, laufend, rennend oder kaffetrinkend verbringen kann. Zeit, die man ganz ohne Zwänge selber ausfüllen kann. Zeit, die kaum fremdbestimmt ist.
Wer etwas MUSS, ist selber schuld. Man DARF und das jede Minute des Layovers.

Es gibt in der Tat einige, die mehr MÜSSEN als die anderen, das sind aber in der Regel die Jüngeren - die Küken in der Besatzung. Sie sind etwas mehr fremdbestimmt, manchmal von den eigenen Hormonen, manchmal auch von fremden.

Zeit haben und nicht MÜSSEN, das ist ein Zustand, der die meisten nicht mehr kennen. Ich versuche diesen einmal zu beschreiben:
Eine sehr gute Ausgangslage setzt man sich, wenn man die dicken Vorhänge im Hotel ganz fest zu zieht und das DO NOT DISTURB Zeichen gut sichtbar vor die Türefalle hängt.
Dann unbedingt den zimmereigenen Wecker vom Stromnetz trennen, denn es gibt immer wieder Spassvögel, die beim Verlassen des Hotelzimmers einen Wecker stellen. Zwölf Stunden Tiefschlaf sind einem nach einem Nachflug sicher. Zwölf Stunden!
Während die Küken bereits durch die Märkte rennen, stehe ich langsam auf und mache mich mit dem iPad unter den Armen auf in ein gemütliches Kaffee, dass guten Milchkaffee serviert und frische Backwaren anbietet. Mindestens zwei Stunden widme ich mich den Tages- und Wochenzeitungen, die aktuell auf dem iPad heruntergeladen auf das studieren und durchlesen warten. Im späteren Nachmittag erhebe ich mich von meinem Stuhl im Kaffee und begleiche die Rechnung, die so hoch ist, wie der Einkauf der Küken im Ladiesmarket.

Frisch gestärkt auf in Fitnessstudio. Auf dem Laufband ein paar Podcasts geniessen und den Mitsportlern zuschauen, wie sie unter Stöhnen Eisen in die Höhe heben. Die Zeit vergeht schnell und es stört mich in keiner Weise.
Um vor lauter Genuss nicht sämtliche sozialen Kontakte zu vernachlässigen, treffe ich mich am Abend zum Essen mit den Älteren. Die Küken wollen nicht mit uns Zeit verbringen und das ist auch gut so.

Essen, ein paar Drinks, etwas Livemusik und der Himmel hängt voller Schmetterlinge.




Während die dunkelhäutige Sängerin Lieder von Amy Winehouse zu Besten gibt, stupft mich jemand von hinten an. „Hoi Chef, Du auch hier?“ 
Ü50 Chefs werden von ihren Mitarbeiterinnen nicht gerne im Ausgang gesehen...

„Hattest Du einen guten Tag?“, fragt mich das Küken fast schreiend.

„Perfekt, ich habe jede Minute genossen!“

„Und was machst Du morgen?“

„Exakt das Gleiche!“

Montag, Februar 19, 2018

Woche im Unterland

Bereits erreichen mich Mails mit der Bitte, doch endlich wieder einmal etwas zu publizieren. Der Vorwurf ist nicht unberechtigt, habe ich doch nach meinem Abstecher nach Seattle keine Zeile mehr verfasst.

Warum eigentlich? Ach ja, das war ja die Grippe... Taugt das als Entschuldigung? Schliesslich erlebt man im Bett ja so allerlej interessantes, das jüngere Mitbürgerinnen und Mitbürger so gerne öffentlich breitschlagen. Da wir aber hier in einem Blog sind (altertümlich) und nicht auf Instagramm (hipp), verzichte ich an dieser Stelle auf Nacktselfies (dieses Wort bringt wieder Klicks!) aus dem Schlafzimmer.

Nach der Wiederaustehung von den Kranken und Halbtoten fasste ich von der Crewplanung einen interessanten Einsatz über den es zu berichten gibt. Ein Simulatortraining für Instruktoren, bei dem wir durchaus auch mal die Welt (beziehungsweise die im Simulator dargestellte Welt) auf dem Rücken sahen (UPSET Rcovery). Am Tag darauf einen Flug nach London, wo ein Kollege das erste Mal einen B777 steuern durfte, danach wieder Kurzstrecke nach Hannover und übermorgen als Instruktor auf dem rechten Sitz nach Hongkong.

Spannender geht es fast nicht!

Als Neu-Engadiner mit einer über dreistündigen Anreise zum Flugplatz ist so ein Einsatz aus reisetechnischen Gründen nicht ganz ideal. So fragte ich bei einem Kollegen aus der Studienzeit um Asyl an, was subito bewilligt wurde. Da seine Partnerin unter der Woche in München lebt, war die Männer-WG perfekt.
Fernsehschauen während den Mahlzeiten, ungesundes Essen, ab und zu ein Bier - so wenig brauchte es, und die Studienzeit lebte wieder auf.
Doch ehrlicherweise muss ich gestehen, dass ich nach drei Monaten Engadin die Sonne im Unterland ziemlich vermisste...

Damit stehen endlich wieder einmal ein paar Buchstaben in einem neuen Blogeitrag. Ich verspreche mehr Text, wenn ich in Hongkong wieder etwas mehr Zeit habe. Danke für das Mitlesen! Ich muss nach Hannover ....

Sonntag, Februar 04, 2018

Gesetzliche Meldepflicht

Die Luftfahrt gilt als Hochrisikogeschäft. Kein Wunder wenn man bedenkt, dass jede Airline täglich mehrere tausend Flugzeuge in alle Himmelsrichtungen schickt – über Krisengebiete und Unruheherde, über Sturmgebiete und in Erdbebenzonen. Zumindest die Maschinen einer grossen helvetischen Airline sind darum für eine zehnstellige Summe versichert, was im englischen Sprachgebrauch Billionen entspricht. 

Nicht zu beneiden sind darum die Manager. Dass diese Helden noch ruhig schlafen können grenzt an ein Wunder. Die Verantwortung ist immens, der drohende Schaden existenzbedrohend.

Damit die Arbeitsbienen keine unnötigen Risiken eingehen, beziehungsweise diese frühzeitig erkennen, wirken hunderte von Unterstützern im Hintergrund. Das beginnt bei der Ausbildung, der Planung, der Analyse, der Strategieentwicklung, bei der internen und externen Kommunikation und geht weiter über das Rapportwesen und die Administration. 

Dies alles im Dienste der Besatzungen, die im Notfall damit Werkzeuge zur Verfügung haben, um das grosse Unheil abzuwenden. Struktur ist bei der Entscheidungsfindung wichtig, Überblick auch. Doch was für eine Rolle spielt dabei der Bauch? Hätte ich hier an der South Beach in Miami guten Internetempfang, könnte ich auf die schnelle unzählige Studien verlinken, die auf die Güte des Bauchentscheides hinweisen.
Einen noch besseren Beweis für die Qualität des Bauchentscheides finde ich vor meiner Nase. Das Egg Benedict schmeckt fabelhaft. Vor meinem Tisch joggen attraktive Menschen über den Sand und folgen ihrem Trainingsprogramm. Doch wie hat das ein unbekannter Fachmann kürzlich am TV so treffend formuliert: Wer ständig vorbeugt kann nie zurücklehnen... Der Bauch gewinnt...

Zurück zur Fliegerei und den Gefahren. Wenn ein aviatischer Fachmann eine potentielle Gefahr erkennt, dann ist er per Bundesgesetz verpflichtet, diese unverzüglich zu melden. Ich tue das an dieser Stelle und warne vor folgender Gefahr:

MBPV

Klingt gefährlich – oder? Ein Virus? Ein Name für eine neue Pandemie? Nein, MBPV ist viel subtiler als ein Virus und viel verführerischer als jede Venusfalle. MBPV ist ein Flughafen. Auf unserem gestrigen Flug nach Miami wurde der mir bis anhin gänzlich unbekannte Airport als Ausweichmöglichkeit im Falle grösserer Probleme zwischen dem Bermuda-Dreieck und den Bahamas geplant. MBPV steht für Providenciales International. Da ich mit diesem Namen nichts mir bekanntes verband, fragte ich Tante Google an. MBPV ist der Hauptflughafen der Turks- und Caicos Inseln. Immer noch Bahnhof! Wenn der Text nicht hilft müssen Bilder her und falls sie ein stabileres Netz haben und die Bilder in Ruhe geniessen können, verstehen sie vielleicht, warum MBPV als Synonym für eine neue Gefahr in der helvetischen Aviatik steht.

Beim kleinsten Fehler, sei es eine gepoppte Sicherung oder ein defekter Ofen - die Versuchung wäre unendlich gross gewesen, unverzüglich und mit einer Geschwindigkeit nahe dem Schall Richtung MBPV zu düsen. Der Bauch hätte über den Verstand gesiegt, Miami hätte den kürzeren gezogen. Darum diese Selbstanzeige, darum die Meldung.


Bitte führet uns nicht in Versuchung...

Montag, Januar 29, 2018

Tag 3: AWESOME Seattle

AWESOME - ohne dieses Wort scheint in Amerika kein Satz mehr möglich zu sein. Auch wenn wir „Nicht-Amerikaner“ jedes Mal schmunzeln müssen, wenn dieser Superlativ über die Lippen des Gesprächspartners kommt, muss man den Kollegen in Everett Recht geben, es ist wirklich sehr viel AWESOME rund um diese Delivery-Geschichte.

HB-JNJ (Nummer 10 der Swiss) von der offiziellen Besucherterrasse aus abgelichtet


Nach einem freien Tag, den wir in und rund um Seattle verbrachten, wurden wir am Abend in ein wirklich exklusives Lokal eingeladen. Edle Tropfen, edle Speisen, edle Stoffe an den da und dort beleibten Körpern in edler Umgebung – awesome! Geschenke wurden überreicht, interessante Tischgespräche geführt, Businesskarten ausgetausch und viel gelacht und gelobt.

Während wir uns die Bäuche vollschlugen, wartete unser neues Baby in Everett bereits voll getankt und frisch herausgeputzt vor dem speziellen Deliveryterminal auf unsere Ankunft am nächsten Tag. Der Heimflug wird nicht nur aus emotionalen Gründen ein spezieller sein, die ganzen Umstände an Bord verlangen von der Crew eine spezielle Flexibilität.

Gut zwei Dutzend Personen werden wir an Bord sein. Gegessen wird aus Mangel an Geschirr aus Aluminium Tellern, getrunken aus Aludosen oder Plastikbechern. Grundsätzlich kein Problem, man kennt das ja von anderen Gelegenheiten. Was nicht geht ist der amerikanische Filterkaffee. Doch da haben wir vorgesorgt und unsere Koffer in Zürich mit Nespresso-Pads gefüllt. Unter-koffeinisiert werden wir in der Heimat auf keinen Fall ankommen. AWESOME!

Genug der Worte, das Briefing und ein paar Ansprachen warten. Wir sehen uns in Zürich!
AWESOME!




Sonntag, Januar 28, 2018

Tag 2: Everett

Nach einer kurzen Nacht, bedingt durch die Zeitverschiebung und die späte Ankunft im Hotel, trafen wir uns im Frühstücksraum des Hotels. Man fand dort viele Kalorien, aber leider nichts viel geniessbares – Amerika halt...

Ehe wir uns versahen, standen wir in Everett mit druckfrischen Boeing Batches ausgetattet im Arbeitsraum des Delivery-Teams. Für die Vorstellung der Beteiligten blieb am Abend noch Zeit. Man werde später bei Fisch & Bier noch genügend Zeit dafür haben, wurde uns versichert.
Die einzig entspannten Personen im Raum waren der technische Pilot, dessen Test-Missions beendet waren und Felix, der Boeing Vertreter, zuständig für unser neues Baby und unser persönlicher Guide am heutigen Tag.

Dass wir mit Felix eine grosse Nummer bei Boeing erwischten, merkten wir während unserer Führung in den Produktionshallen sehr bald. Fast jede Türe gind für uns auf, Absperrbänder verloren ihre abschreckende Wirkung und sowohl Produktionsmaschinen, als auch ganze Einzelteile wie Flügel wurden uns aus nächster Nähe gezeigt. Wir liefen durch Flugzeuge, an denen noch ganze Einrichtungen fehlten, zogen und Pantoffeln über, um die neuen Teppiche nicht zu beschmutzen und nahmen auf Pilotensitzen Platz, die erst in ein paar Wochen im Einsatz sind.

Die ersten Leserinnen und Leser schreien jetzt völlig berechtigt nach Fotos und das kann ich versichern, die gibt es auch in rauhen Mengen. Verständlicherweise herrschte in den Boeing Hallen absolutes Fotografierverbot. Mit einer Ausnahme und die betraf das eigene Flugzeug, falls gerade eines in der Produktionslinie in Arbeit war. Zu unserem Glück stand die vorerst letzte Maschine, die in gut einem Monat in Zürich eintreffen wird, in der Produktionsstrasse. So erkundeten wir die JNJ so intensiv wie nur möglich. Wir werden dieses Flugzeug nie wieder so zu Gesicht bekommen, die vielen versteckten Kammern und Apparaturen werden zukünftig vor unserern Augen verborgen ihren Dienst verrichten. Trotzdem werde ich an dieser Stelle keine Bilder publizieren, es ist schlichtwegs zu heikel.

Nach 4.5 Kilometer Marsch durch die Produktionshallen gab es an diesem unvergesslichen Morgen den ersten vernünftigen Kaffee zu unvernünftigen Preisen. Wir standen im offiziellen Besucherzentrum in Everett, deckten uns mit allerlei logobedruckten Artikeln ein und versuchten die Erlebnisse zu verarbeiten. Wir sind uns des Privilegs sehr wohl bewusst, dass wir an so einem Anlass dabei sein dürfen.

Am Abend dann der Dinner mit den Kollegen des Delivery-Teams. Für das rund 20 köpfige Team ist es das neunte und zweitletzte Flugzeug, das sie hier in Everett abholen. Sie erzählen von Testflügen, Wetterkapriolen, grauenhaftem Kaffee, unkomplizierten Kollegen auf Boeing Seite. Mit viel Bewunderung nehme ich zur Kenntnis, was dieses Team vor jeder Übergabe leistet. Jedes kleinste Detail – und glauben sie mir, davon gibt es unendlich viele – muss überprüft werden. Alle Funktionen von technischen Geräten werden gechecked und akribisch darauf geachtet, dass der hohe Qualitätsstandard auch eingehalten wird. Wir werden uns morgen so gut wie möglich bei ihnen mit einem angenehmen Flug revanchieren.

Die Zeit drängt schon wieder. Frühstück und ein kleiner Ausflug wartet auf mich. Am Abend steht noch ein offizieller Anlass bei Boeing auf dem Programm. Danach finde ich hoffentlich ein paar Stunden Schlaf, bevor wir am Dienstagmorgen das neue Baby nach Zürich bringen.

Samstag, Januar 27, 2018

Tag 1 in Mukilteo

Wer glaubt, dass Piloten mit über 14‘000 Flugstunden routinierte Reisende seien, täuscht sich gewaltig. Was es bedeutet, von Zürich nach Los Angeles zu fliegen, kenne ich von gefühlten 1000 Flügen an diese Destination. Wie man sich sinnvoll auf so einem Flug verpflegt, muss einem nach 26 Jahren nicht gesagt werden.
Ich kenne das Fliegen aber primär aus der Sicht der Crew. Ach was heisst da primär, ausschliesslich ist das richtige Wort.
Fliegen als Crew heisst Aufgaben zu haben; zu kommunizieren; zu agieren; zu Essen, was übrig bleibt; Smalltalk mit der Crew; Smalltalk mit anderen Piloten in uns ausserhalb des Flugzeugs betreiben; Wetter studieren; Ausweichflughäfen memorisieren; die wunderbare Natur  geniessen – mit anderen Worten stilvoll und bewusst reisen.

Fliegen als Passagier gleicht einem Gang ins Krematorium. Auch wenn ich im grössten aller Särge gelegen habe, hat die Reise als Passagier etwas morbides an sich. Die Fluggesellschaft – und da bin ich auf meine eigene Firma besonders stolz, unternimmt alles, dass sich die Passagiere wie zu Hause fühlen. Es wird versucht eine Atmosphäre zu schaffen, die angeregte Diskussionen wie in einem Kaffeehaus ermöglichen. Die Möbel stimmen, die Produkte stimmen, die Leute sind mehr oder weniger zufällig angeordnet und Zeit haben alle. Da stünde einem Speeddating nichts im Wege!

Leider machen die Gäste die Atmosphäre zu dem, was ich als Stimmung wie im Krematorium bezeichnete. Stumm und – so scheint es zumindest – leicht bekifft betreten sie die Gaststuben und folgen stur ihrem Ritual. Kurz nach dem Anschnallen wird der Computer gestartet, gleichzeitig das Unterhaltungssystem gebootet, die Menuekarte überflogen und der Blick stets nach vorne gerichtet. Man hat nicht Angst vor dem Passagier neben einem, man hat Angst vor einem Gespräch mit dem Nachbarn.
Wehe man schaut über Grönland nach draussen! Der Hass ist einem sicher. Wehe man kommuniziert zwei Sätze mit dem Personal, das sich ununterbrochen um das Wohl der Gäste kümmert. Man könnte den Nachbarn schliesslich beim Massenmord oder der Autoverfolgung im neusten Hollywoodstreifen stören.

Reisen ist zum seltsamen Ritual geworden. Eine Art Ersatzreligion, wo jeder dem fröhnt, was er als absolut notwendig betrachtet. Dabei wäre Kommunikation, Small Talk oder gar ein Flirt viel interessanter und würde dem Weltfrieden mehr dienen, als der jährliche Ausflug im Januar ans WEF nach Davos.

Aber das ist ein anderes Thema.

An jetzt bin ich wieder Crew. Ich freue mich auf die stilvolle Reise, auf die anregenden Gespräche, auf die Blicke auf die immer wieder faszinierende Natur. Kurz: Reisen wie früher im Flugzeug und noch heute in der RhB.

So ich muss - Nein ich darf! – gleich los Richtung Everett. Akreditierung bei Boeing, danach eine spezielle Führung durch die heiligen Produktionshallen. Ich freue mich auf die Gespräche, die Diskussionen und die Interaktionen mit den Kollegen.

Zum Überfliegen des Textes vor der Publikation habe ich keine Zeit mehr. Doch genau das ist Kommunikation: Fehler machen, unperfekt sein, Spass haben ohne stete Angst vor einer Blamage. Leben halt!

Sonntag, Januar 21, 2018

über den eigenen Schatten springen

Ein oft gehörter und nicht sehr origineller Kalauer behauptet, dass Männer Frauen in Leder darum so mögen, weil sie nach einem neuen Auto riechen.

Wie ist das denn mit einem neuen Flugzeug? Was für Gefühle schiessen einem da durch den Körper und Geist? Ich werde es bald erfahren. Am Flughafen Paine Field in Seattle wartet eine Überraschung auf mich.

Auch wenn die prächtig präparierten Loipen im Engadin im Moment mehr Anziehungskraft als der Flughafen in der Nähe von Seattle hat, freue ich mich wie ein kleines Kind auf die Tage an der Westküste.

Ganz gratis gibt es "Sleepless in Seattle" allerdings nicht. Ich musste gegen alle meine Überzeugungen dieses Whats App auf meinem Handy installieren und das war für mich ein grosser Sprung über meinen Schatten...
Die Kommunikation mit den Leuten vor Ort geschieht leider ausschliesslich über diesen Kanal und da muss man sich fügen.

Ich halte die Leserinnen und Leser selbstverständlich auf dem Laufenden. Doch nun geht es zuerst auf die Loipe!

Sonntag, Januar 07, 2018

Aviatische Relativitätstheorie

Wenn man schneller fliegt, vergeht die Zeit langsamer, darum hat man oft Verspätung.“



Die letzten Festtagstouristen verlassen Thailand in Richtung Westen und vollziehen den brutalen Wechsel von ferienbedingten Leerrlauf zum beruflichen Vollgas während dem Flug Richtung Heimat. Man gewöhnt sich in den Ferien schnell daran, dass flinke Hände einem alles abnehmen und selbst die privatesten und intimsten Verrichtungen durch allerlei Dienstleister schnell, zuverlässig und immer mit einem Lächeln auf dem Gesicht abgearbeitet werden.

Die Transformation vom Kunden zum Dienstleister, vom Befehlserteiler zum Befehlsempfänger, vom Master zum Menschen, vom König zum Gast – das alles geschieht innerhalb gut 12 Stunden auf über 10‘000 Metern in der Luft. Unnötig zu sagen, dass dieser schwierige Prozess durch gut ausgebildete Fachkräfte mit entsprechenden Qualifikationen begleitet werden muss. Diese Fachkräfte nennen sich Flight Attendants und eben diese Flight Attendants vollbringen immer wieder Wunder.

Wenn es schüttelt erklären sie den Transformern die physikalischen Zusammenhänge der Atmosphäre; wenn etwas am Boden erkennbar ist sind sie mit dem Namen der Stadt zur Stelle; wenn jemand wissen will, wie der 1. FC Breitenmoser im Cupklassiker gegen den SC Kindelfingen abgeschnitten hat, nehmen sie über das Weltall mit der Zentrale Kontakt auf; wenn einer das letzte Singha vor dem Boarding nicht vertrug, putzen sie die Reste von der Stuhllehne weg. Dazwischen werden Essen serviert, Drinks gemixt, Cappuccino‘s zubereitet, Gespräche geführt, Leben gerettet, Geburtshilfe geleistet, Händchen gehalten, Zigaretten verkauft, Eiscreme serviert, kleine Bobos verarztet, Schoppen erwärmt, unerzogene Kinder eingesammelt, unerzogene Eltern ermahnt, renitente Passagiere gefesselt, Feuer gelöscht und die Piloten gefüttert. 

Leider erkennt nicht immer jeder Tranformator, was die Heldinnen und Helden während der Transformation alles leisten. Das ist schade, kann aber nicht umgangen werden. 

Derweil nähert sich das Luftschiff der Heimat der Transformatoren und die Hektik steigt spührbar im Flugzeug. Im Sekundentakt schauen die müden und bereits wieder gestressten Ex-Feriengäste auf die Uhr und hoffen, dass sie den geplanten Zug auch erreichen. Mit sichtlichem Unmut wird registriert, dass der Flug um den halben Erdball fünf Minuten Verspätung habe. Dass die Piloten gegen einen unnüblichen Gegenwind zu kämpfen hatten, interessiert kaum einer in der Röhre. Bereits wenige Augenblicke nach der sanften Landung werden die Smartphones eingeschaltet und ein paar der Transformatoren posten auf der Wutbürgerseite einer Onlineplattform, dass sie nie wieder mit dieser Luftlinie reisen werden, da es sowieso nicht mehr das Gleiche sei, seit die Luftlinie unter fremder Herrschaft stehe...

Die Transformation vom Festtagstouristen zum Arbeiter ist erst zu Ende, wenn die Transformatoren wieder am eigenen Arbeitsplatz sitzen und sich masslos über ihre Kunden aufregen. „Warum verlangen die immer das Unmögliche? Warum ist der Ton so unfreundlich? Warum schätzen sie meinen Einsatz nicht?“ Sind diese Sätze mindestens einmal gefallen, sind die Transformatoren wieder in der Heimat angekommen.

Derweil fliegen unsere Heldinnen und Helden wieder durch die Gegend und verwöhnen weitere Transformatoren mit Herzblut.   

„Werden wir pünktlich landen? Ich habe einen wichtigen Termin.“ „Die Piloten haben mir versichert, dass sie schneller fliegen werden. Leider kann die Zeit dadurch langsamer vergehen. Eine kleine Verspätung ist darum nicht ausgeschlossen.“


Donnerstag, Januar 04, 2018

Glücksmaximierung


Nach was strebt der Mensch? Eine Frage, die man in einem Pilotenblog nicht unbedingt erwartet. Im Gespräch mit Freunden, Kollegen, Passagieren und Crewmitgliedern beobachte ich immer wieder, dass sich die Ziele erstaunlich ähnlich sind.

Sehr viel hat mit der Erwartungshaltung des Umfelds zu tun; mit Werten die bewusst gesetzt oder zufällig in der Gesellschaft entstanden sind. Ferien an einer gewissen Destination, fahren einer bestimmten Marke, Verhalten in Gesundheitsfragen. Viele solcher Werte werden durch den Zeitgeist definiert, das Nichtbefolgen dieser durchaus auch einmal getadelt. Wer sich diesen Normen nicht stellt, steht zwischendurch auch einmal im Wind. Doch dazu später.

Der Titel dieses Beitrags lautet Glücksmaximierung. Mein Weiterbildungskurs am heutigen Tag zählt nicht unbedingt zu meinen Wunschterminen. Was Frau Towermädel morgen sicherlich schätzt, nämlich dass ich heute den ganzen Tag in Notfallsituationen gedrillt wurde, zauberte mir im Vorfeld Sorgenfalten auf das Gesicht. Man muss sich vorbereiten, muss repetieren und viel lesen. Ein Aufwand, dem sich arbeitsscheue Piloten nicht gerne stellen. Nicht dass ich die Notwendigkeit nicht einsehen würde, aber Aufwand bleibt Aufwand.

Nach absolviertem Kurs bleibt meist ein positiver Eindruck haften. Die Instruktoren haben die Themen gut gewählt, den Finger da hin gehalten, wo es weh tut und uns Geforderten durchaus wertvolle Inputs auf den Weg mitgegeben. Wertvoll waren auch die Gespräche mit den Kolleginnen und Kollegen in den Pausen. Fachliche Themen, als auch privates wurden rege diskutiert.   Wie jedes Jahr kam ich wegen meines nicht eingelösten Freiflugs in der besten aller Klassen unter die Räder. Was für andere undenkbar ist, scheint mir logisch. Ich verbringe dort meine Freizeit, wo es mir am besten gefällt: im Engadin. Glücksmaximierung eben!

Weiter verstanden viele meinen Umzug ins Engadin in keiner Weise. Wer eine riesen Wohnung mit Loftcharakter und freier Sicht auf die Stadt Zürich (oder zumindest einen Teil davon) für eine dreimal kleinere Bleibe in den kalten Bergen aufgibt, provoziert scheinbar die Frage, warum man sich das antut. Meine Antwort ist so einfach wie logisch: Glücksmaximierung!

Mehr zu denken gab mir ein anderes Diskussionsthema. Bitcoins! Scheinbar gibt es bei Männern in meinem Alter kein anderes Thema mehr. Alle griffen im Sekundentakt zum Handy und prüfen den Wert ihrer Viertel, Achtel und Sechszehntel einer Währung mit abenteuerlichem Namen. Dass es hunderte dieser Kryptowährungen gibt, lernte ich heute genauso wie die Tatsache, dass jeder eine Geschichte von einem kennt, der angeblich vor ein paar Jahren eben diese Währungen kaufte und die Belege heute nicht mehr findet.

Ein Kapitänskollege erkundigte sich bei mir, in welche der neuen Währungen ich denn investiere? Meine Antwort war kurz und bündig: Mich interessieren weder Kryptowährungen, noch spekulative Aktientransaktionen, ich sei in keiner WhatsApp Gruppe für Bitcoins und bezahle meinen Kaffee weiterhin mit harter Währung. Der Kollege schüttelte den Kopf und warf mir ernsthaft unverantwortliches Handeln mit meinen privaten Vermögen vor. 

Das wurde mir Ende der 90er Jahre schon einmal im Cockpit vorgeworfen. Damals erklärte mich der Kapitän für finanztechnisch Unzurechnungsfähig, weil ich wie viele andere im Cockpit dem Basler Investor Dieter Behring nicht mein Copilotensälar hinterhergeworfen habe. Wie ich heute weiss ein weiser Entscheid.

Die Antwort heute und damals: Ich betreibe nicht Vermögens-, sondern Glücksmaximierung! Das wird auch Morgen der Fall sein. Ich darf die Frau Towermädel in die Ferne fliegen und das ist doch auch irgendwie Glücksmaximierung. Erstens werden wir bei der ATC wie VIPs behandelt, zweitens wird Frau Towermädel mit Sicherheit etwas Selbstgebackenes mitbringen (spührst Du den Druck?) und drittens - braucht es einen dritten Grund für die Glücksmaximierung?