Samstag, Oktober 14, 2017

"Wie kann so einer Kapitän sein?"

Ein von mir sehr geschätzter Ausbilder und späterer Vorgesetzter hat mir einmal gesagt, dass ich nicht nur während dem Flug die Rolle eines Kapitäns einnehme, sondern 24 Stunden am Tag. Alle meine Handlungen in der Freizeit werden in irgend einer Form mit dem Beruf in Verbindung gebracht.
In der gemütlichen Runde wird beobachtet, was der Herr der Lüfte an Bier konsumiert; auf der Strasse sollte man die gleiche Gelassenheit an den Tag legen, wie im Flugzeug, und emotionale Ausbrüche sind sowieso zu vermeiden. Latent liegt die Frage: «Wie kann so einer Kapitän sein?», immer in der Luft.

Ich versuche danach zu leben, immer gelingt mir das nicht.

Ich mag Passagierkontakte und ich mag Diskussionen über Gott und die Welt. Leider muss ich solche philosophischen Ausflüchte im Flugzeug auf ein Minimum beschränken. Die meisten Passagiere hören mich nur während meinen Ansagen und bilden sich in diesen wenigen Sekunden ein Bild von mir. Es muss ein Ziel jedes Skippers sein, dass sich nach «dem Wort zum Sonntag» möglichst wenige Passagiere die Frage aller Fragen stellen: «Wie kann so einer Kapitän sein?»

Darum braucht es zwei Sachen: Ehrlichkeit und eine ruhige Stimme. Inhalt fehlt in dieser Aufstellung bewusst – sind wir ehrlich, wer hört schon auf den Inhalt?

Das ändert sich schlagartig, wenn gewisse Personen an Bord sind – Kommunikationsprofis zum Beispiel, PR Koriphäen. Da lohnt sich der Versuch, die Ansage den speziellen Umständen und Gästen anzupassen. Ein Blick Richtung Politik dränkt sich auf. Die Damen und Herren der Parlamente sind «parlare» gewohnt und auf «parlare» geschult. Ganze 17 Sekunden hat man vor laufenden Kameras Zeit, seine Message rüber zu bringen. Siebzehn Sekunden sind keine schlechte Länge für eine Passagieransage. Ich mag es kurz.

Nach intensiver Analyse vieler Fernsehinterviews auf dem Kanal des Schweizer Farbfernsehens habe ich erkannt, dass folgende Wörter in jede Ansprache, in jedes Interview gehören: «Dualstrategie», «Konkordanz», «Inländervorrang light», «Verhüllungsverbot», «Innovation», «Willkommenskultur» – wie soll ich daraus blos eine vernünftige Ansage zimmern?
Damit die PR Profis und ihre mitreisenden Gäste nicht denken: «Wie kann so einer Kapitän sein?», bleibe ich beim Wetter und der verbleibenden Flugzeit. Das ist einigermassen ehrlich und es fliesst ruhig über die Lippen. Meine Ziele wären damit erreicht, wenn auch nicht mit Höchstnoten.

Wir sind in Bangkok sanft gelandet, artig gerollt und haben korrekt parkiert. Nur die Fahrt ins Hotel war etwas gewöhnungsbedürftig. Der Fahrer wollte unbedingt etwas bieten und zeigte uns unaufgefordert die «Floating Markets» von Bangkok. Ganze drei Stunden dauerte die Fahrt und Herr Flugkapitän nutzte die Zeit, und schlief gemütlich auf seinem Sitz ein. Der Kopf fiel nach links und aus dem Mundwinkel rann langsam Gaumenflüssigkeit über die Wange und danach fadengerade auf das weisse Hemd. Sie können sich denken, liebe Leserinnen und Leser, was die PR-Profis in diesem Moment dachten: «Wie kann so einer Kapitän sein?»

Hatte mein ehemaliger Chef recht: Kapitän ist man 24 Stunden am Tag…

Die Floating Markets von Bangkok





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