Dienstag, Oktober 03, 2017

Nobelpreis!


Das Trio Hall, Rosbash und Young hat das Rätsel der inneren Uhr entschlüsselt, Dafür gibt es Applaus meinerseits und den Nobelpreis des gleichnamigen Komitees. Ein Gen, beziehungsweise gleich deren drei, sollen für das Schlafpuff auf den Rotationen verantwortlich sein.

Dass eben diese Gene zuerst bei den Fliegen entdeckt wurde ist kein Zufall. Statt Fliegen zu zerlegen hätten die drei Herren die Flieger fragen können. Wir sind zwar akademisch weit von dem Niveau der drei Wissenschaftler entfernt, dafür haben wir praktischer Erfahrung mit eben diesem Gen. Dieses «geneticus aviaticus» bringt uns rund um den Erdball um den Schlaf und verlangt alles von uns Fliegern ab.

Darum liebe Neo-Nobelpreisträger, ihr braucht keine weiteren Fliegen zu erlegen. Klopft ungeniert bei uns Fliegern an, falls es um die praktische Umsetzung der neuen Theorien geht. Wir haben Strategien, Erfahrungen und durchaus auch kreative Ideen, wie man im Bett auch einmal ein paar Stunden schlafen kann.

Fliegt man gegen Osten, wie ich das im Moment gerade zelebriere, kann man den Schlaf mit einer Passfahrt in einem untermotorisierten Gefährt vergleichen. Es braucht Anlauf und etwas aufgestaute Energie, damit man den Kulminationspunkt vom Tief- in den Halbschlaf überschreiten kann. Wer nämlich im Fernen Osten zu früh zu Bett geht, der kommt nie über diesen kritischen Punkt hinaus und steht mitten in der Nacht senkrecht im Bett. Die Lust, um Mitternacht die Lichter zu löschen, wenn es im Heimathafen erst früher Abend ist, muss um jeden Preis unterdrückt werden. Sonst geht es wieder Rückwärts den Berg hinunter und dann steht man nach ein paar Stunden wieder hellwach am gleichen Ort. Klar hat die erfolglose Bezwingung des Passes Energie gekostet und das äussert sich in Form von Appetit, der leider nicht gestillt werden kann. Alles ist zu, keine Küche hat offen. Die drei Stunden, die man in der Regel wach ist, können mit Netflix oder Podcasts überwunden werden. Wenn es draussen endlich hell wird kommt die Müdigkeit zurück und die Passfahrt kann neuerlich in Angriff genommen werden. Die Qualität des Schlafs folgt auch der Logik einer Pässefahrt. Man quält sich von Spitzkehre zu Spitzkehre und bezwingt die Serpentine mit stotterndem Motor. Flieger sprechen darum auch vom sogenannten «Stotterschlaf».

Fliegt man gegen Westen, befindet man sich bildlich gesehen auf der Passhöhe. Die Lust die Abfahrt (also den Schlaf) sofort anzutreten ist kaum zu bremsen. Je länger man wartet, desto schneller und intensiver muss die Abfahrt bezwungen werden. Denn eines ist im Westen klar, Zielschluss ist für alle um die gleiche Zeit. Man hat also die Wahl zwischen einer gemütlichen Talfahrt, die etwas länger dauert und darum auch erholsamer ist, oder dem rasanten, aber kurzem Downhill-Race. Leider geht die gemütliche Talfahrt auf Kosten des Soziallebens und hält den Anwender vom fleischlastigen Nachtessen mit den Kolleginnen und Kollegen ab. Darum wählen viele die risikoreiche Variante, die nicht selten im Unglück endet. Unglück darum, weil man früher oder später die eine Kurve nicht kriegt und geradeaus in eine Felswand rast. Es fühlt sich nicht nur so an, es klingt sehr oft auch so. Auslöser ist im Westen nicht selten eine zugeknallte Hoteltüre, die den schlafgeplagten Aviatiker im Bett zusammenzucken und das Adrenalin in die Höhe schiessen lässt. Man füllt sich dann genau so, als ob man in eine Felswand gefahren ist. An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Das belämmerte Gefühl hält den ganzen Tag und den ganzen Heimflug an.

Nach soviel Theorie, für die ich vermutlich keinen Nobelpreis bekomme, verrate ich jetzt noch das Geheimrezept aller Aviatiker in der ganzen Welt. Wir nehmen kein Melatolin und kein Dormikum. Baldrian bringt nichts und auch von Meditation halten wir nichts. Alkohol ist das dümmste Mittel gegen Schlaflosigkeit und Sport würde zwar helfen, aber leider sind die Fitnesszentren zu den kritischen Zeiten stets geschlossen. Hanfprodukte sind verboten und von getrockneten chinesischen Tiergenitalien lassen wir gerne die Finger. Die Lösung liegt viel näher und ist so einfach wie genial. Sobald Crewmitglieder ihre Uniform anziehen, fallen sie in einen kollektiven Dämmerschlaf. Die Körperfunktionen nehmen ab - einmal abgesehen vom Gähnmuskel und die Bewegungen werden langsamer. Man könnte fast glauben, dass die Wäschereien rund um den Erdball die Uniformen mit THC imprägnieren. Ist man zuhause und hängt das Teil wieder in den Schrank, ist die Müdigkeit wie weggezaubert.

Darum liebe Leserinnen und Leser dürfen sie nicht erstaunt sein, wenn in Zukunft gewisse Fruchtfliegen in blauen Uniformen mit goldenen Streifen herumfliegen. Es handelt sich dabei nicht um Tierquälerei, sondern um ernsthafte Forschung, die vielleicht zu einem weiteren Nobelpreis führen könnte.

1 Kommentar:

  1. Bis kurz vor Schluss dachte ich noch, die Lösung lag darin, dass die Kabine (oder einzelne Mitglieder) im Crewhotel die Hüllen fallen lassen, sofort ist die Müdigkeit wie weggewischt!

    Aber das war wohl früher, und früher war sowiso alles besser...

    AntwortenLöschen