Samstag, September 09, 2017

Speeddating



Ich gebe es ja zu, mit zweideutigen Titeln holt man am meisten Klicks. Dass «happy ending in Bangkok» jeden Tag die höchste Trefferquote in den Google Dschungeln erzielt, stellt die männliche Internetgemeinde zugegebenermassen in ein schlechtes Licht.

Meine Taktik ist so neu auch wieder nicht. Den «Japanischen Freudenhäusern» und dem «Viagra für Piloten» ist es einst ähnlich ergangen. Diese beiden Geschichten bringen mir noch wöchentlich hunderte von Besuchern auf die Seite.

Der aktuelle Titel «Speeddating» ist aber eher trauriger, als reisserischer Natur. Es befasst sich mit einem Schicksal, das Menschen bewegt und Künstler beflügelt. Grosse Werke wurden geschrieben, die sich mit dem Trennen von Unzertrennlichem befassten. Kinosäle voller schluchzender Zuschauer verliessen den Saal, haderten mit dem Schicksal von Getrennten (Titanic - Leonardo und Kate!) und füllten die grossen Abfalleimer vor dem Ausgang mit Tempotüchern statt mit Popcorn Tüten.

Auch in der Fliegerei wird täglich Unzertrennliches getrennt und das nicht nur bei den Passagieren. Auch die Crew wird wiederholt mit dem stärksten aller Gefühle konfrontiert und das einem festen Flugplan folgend. Dieser Flugplan, entworfen von Netzwerk-Profis, überprüft von Arbeitsmedizinern, angepasst an operationelle Befindlichkeiten, codiert von indischen Programmierern und verhandelt von Berufsverbänden und Vorgesetzten. Dieser Flugplan bestimmt das Leben aller jener, die Tage und Nächte in der Luft verbringen und dafür sorgen, dass die vielen Kates und Leonardos dieser Welt wieder vereint werden.

Es liegt auf der Hand, dass Angestellte wie wir Fliegenden, die täglich emotionale Menschen transportieren und verwöhnen, auch Emotionen haben. Es liegt auf der Hand, dass Angestellte wie wir Fliegenden zusammengehören und während der ganzen Rotation eine Gemeinschaft bilden, die nie und nimmer getrennt werden darf. Leider hat irgendein Glied in der Kette der Netzwerk-Profis, Arbeitsmedizinern, indischen Programmierern oder Gewerkschaftlern die seltsame Idee gehabt, das was zusammengehört ausgerechnet an der abgelegensten aller Destination auf dem Streckennetz zu trennen. Was anderen Ort für die Aufbietung eines Care-Teams sorgen würde, müssen wir Fliegenden ohne seelische Hilfeleistung verarbeiten. Die Kabinenbesatzung jettet bereits nach einer Nacht wieder nach Hause und wir Flösser bleiben deren zwei. Piloten verlieren «ihre» Kabinenbesatzung, die Kabinenbesatzung «ihre» Piloten.

Bereits nach 24 Stunden sind die Früchte des nächtlichen Speeddatings wertlos. An einem Abend werden wir Piloten von gleichzeitig 14 Frauen verlassen. Klar wartet eine neue Crew auf uns, aber bis wir emotionalen Männer über den Trennungsschmerz hinweg sind, berührt das Flugzeug bereits wieder heimischen Boden. Die neue Crew behandelt die dazugestossenen Piloten mit Distanz, denn «ihre» Piloten sind immer noch in Singapur, von «ihren» Piloten wissen sie genau, wie der Nespresso geliebt wird und «ihre» Piloten waren ja so süss und nett. Das macht den Heimflug hart und lang, das kostet Energie und Kraft!

Jetzt bin ich wieder am Ende meines Textes und frage mich ernsthaft, was ich eigentlich mit dem Text bewirken wollte? Ach ja, jetzt fällt es mir wieder ein: Klicks!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen