Donnerstag, September 14, 2017

Aufgewärmtes – Teil 2

Ich bin noch immer im Engadin und warte sehnlichst auf den ersten Schnee. Grund genug wieder etwas aufgewärmtes zu servieren!

Max Havelaar Flüge

Fluggesellschaften können von Krankenkassen viel lernen. Die Gesundheitsinstitute haben es dank geschicktem Lobbying und Marketing soweit gebracht, dass ein Jubelschrei durch den Blätterwald geht, wenn die Prämien für einmal nur im einstelligen Bereich steigen. Farbige Prospekte werden versandt, und frohlockend wird verkündet, dass der Prämienanstieg um einige Promille tiefer ausfallen könnte, wenn der Versicherte sich für ein Jahr verpflichten würde, bis und mit Herzimplantation alles selber zu berappen.
Das ist ein Geschäftsmodell, das so gut floriert, dass den Verantwortlichen ein gewisser Hang zum Übermut nicht abgesprochen werden kann. Das führte 2011 dazu, dass einige Räte der Verwaltung einer Krankenkasse die Aktien so «boschig» bewertet haben, damit es ihnen und ihrem Portfolio zugute kam. Dies führte für die Betroffenen zu einem Berufsverbot und ermöglicht mir einen wunderschönen Übergang zur Fliegerei.

Was, wenn wir als Airline so funktionierten wie eine Krankenkasse? Wir bräuchten einen eigenen Bundesrat, der Jahr für Jahr den Schwarzen Peter spielt, und zahlreiche Lobbyisten, die Erste-Klasse-Tickets in der Wandelhalle verteilen. Wir könnten jedes Jahr die Preise erhöhen und kundenfreundliche Franchisen anbieten, bei denen der Passagier ein paar Prozente Ermässigung erhält, wenn er das Kerosin selber mitnimmt oder ein paar halbe Prozente Reduktion, wenn er beim «Local Frost Removal» Hand anlegt. Passagiere ohne Zusatzversicherung (Economy) müssten beim Push-back helfen und würden damit beitragen, dass die CO2-Bilanz und die Kosten signifikant gesenkt würden. Sobald eine «Winter-OPS» am freigelegten Flügel durchgeführt würde, käme der Taxpunkte-Zähler ins Rotieren, und bei mehr als 20 Knoten Seitenwind müsste zwingend der Oberarztzuschlag abgerechnet werden. Pro umflogene Gewitterzelle landet eine definierte Taxpunktmenge auf der Guthabenseite, und bei Rückenwindlandungen gäbe es noch ein paar extra dazu. Passagieren, die zum ersten Mal fliegen, wird die Erstkonsultation in Rechnung gestellt, und die konsumierten Champagner der Vielflieger könnten unter Medikamentenkosten abgerechnet werden. Sind mehr als 50 Prozent der Passagiere zusatzversichert, müsste zwingend der Kapitän landen. Das führt in der Regel nicht zu besseren Ergebnissen, was die Gemeinsamkeiten zur Medizin noch einmal deutlich aufzeigt. Doch damit wir soweit kommen, brauchen wir ganz hurtig ein paar Hurtis mehr in Bern, und das scheint mir auf die Schnelle so nicht durchführbar.

Darum braucht es noch andere Ansätze, und zwar gute. Mehr Erfahrung mit tiefen Margen und Ausbeutung hat das Bananengewerbe. Damit ich als Konsument ohne schlechtes Gewissen Gallonen von Kaffee trinken und reife Bananen zwischen Pilotensitz und meinen Hintern legen kann, haben 1992 ein paar Basler die «Max Havelaar»-Stiftung für fairen Handel gegründet. Diese ist benannt nach einem niederländischen Roman aus dem Jahr 1860. Fairer Handel ist wichtig für Produkte, die selbstverständlich konsumiert werden, fern ab vom wahren Preis über den Ladentisch gehen und bei denen niemand bereit ist, die Produzenten marktgerecht zu entschädigen. Mit anderen Worten: Es braucht «Max Havelaar»-Flüge! Fluggesellschaften sind die Kleinbauern der Dienstleistungsgesellschaft, die die Wirtschaft am Leben erhalten und dafür sorgen, dass Mensch und Maschine pünktlich, sicher und so politisch fluglärmkorrekt wie möglich ans Ziel kommen. Fluggesellschaften sind den Regulatoren, Gebühreneintreibern und dem OPEC-Bazar schutzlos ausgeliefert und produzieren dennoch sicherheitsbewusst, freundlich und zuverlässig. Deutlicher kann man es nicht sagen: Fluggesellschaften brauchen den Schutz, den andere schon haben.

Etwas ähnliches wie ein «Max Havelaar»-Label würde vielleicht etwas helfen, doch nach über 20 Jahren in diesem Geschäft glaube ich ehrlich gesagt nicht daran, dass irgend ein Passagier einen Extra-Rappen für fairen Flugverkehr aufwirft. Darum scheint mir die andere Variante durchführbarer: Wir brauchen superhurtig mehr Super-Hurtis in Bern!


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