Freitag, September 22, 2017

Adieu


Vermutlich war ich 1996 zu ersten Mal in Chicago. Damals mit einem Flugzeug, das vier laute Triebwerke hatte, die von einem Flight-Engineer bedient und überprüft wurden. Chicago war sowohl fliegerisch und als Stadt immer für eine Überraschung gut. Es ist nicht, dass ich diesen Flecken hasse, aber über die Jahre wurde sie nie zu meiner besten Freundin.

Man isst hier gut, kann ausgezeichneten Blues geniessen, spürt den Winter intensiver als im Engadin, lernt sich gegen den Wind zu schützen, schätzt die Michigan Avenue als Flaniermeile und wundert sich über die unglaubliche Mengen an Autos, die Tag und Nacht die Strassen verstopfen.

Aber eben, der Funken springt bei mir nicht über und ich bin froh, dass ich zumindest bis zum Sommerflugplan 2018 das letzte Mal in der Stadt Al Capones war.

Natürlich gibt es Ausnahmen, natürlich hat es auch in dieser Stadt Plätze und Orte, an denen ich mich sehr gerne aufhalte.

So zum Beispiel das Lawry’s. Ein Restaurant, das es eigentlich gar nicht mehr geben dürfte. Ohne Reservation geht gar nichts und man betritt die heilige Halle mit Vorteil in anständigen Kleidern. Das Lawry’s gibt es schon seit einer Ewigkeit und seit einer Ewigkeit serviert man in diesem Haus die gleiche Spezialität: Prime Rib. Tradition wird in diesem Haus gelebt und das spürt der Gast bereits nach der Drehtüre. Eine adrett gekleidete Schönheit empfängt die Gäste und führt diese an den weiss gedeckten Tisch, der mit verschiedenen Weingläsern gut bestückt ist.

Bedient wird der Gast von einer … – ich suche nach dem richtigen Wort, denn «Serviertochter» passt an dieser Stelle in keinem Fall – … Hausdame, die ein Häubchen trägt und sich sofort mit «Miss Sowieso» vorstellt. Würde sie, wie sonst üblich in Amerika, ihren Vornamen nennen, könnte das unpassender nicht sein.
Die Dame hat Style und Zack. Frisches Brot kommt mit der Speisekarte, obwohl man diese in Lawry’s getrost weglassen könnte. Hier stellt sich lediglich die Frage, in welcher Grösse man das Prime Rib bestellen will.

Nach der kunstvollen Salatzubereitung am Tisch, untermalt mit Geschichten der Hausdame, bringt ein stolzer Koch eine grosse Metalhaube auf Rädern an den Tisch. Unter der Haube schmort das butterzarte Fleisch seit Stunden und wartet auf die hungrigen Mäuler aus der Schweiz. Der Koch, bestückt mit einem imposanten Bauch und behangen von einer Goldmedaille, die ihn als Prime Rib Spezialisten auszeichnet, trennt ein grosses Stück vom Knochen und serviert die Köstlichkeit elegant am Tisch. Meerrettichschaum, Kartoffelstock und Yorkshire Pudding ergänzen das rosa Stück Fleisch auf dem Teller.
Ich werde das Lawry’s vermissen!

Wer so üppig isst, der sollte sich bewegen. Joggen entlang der Beach und dabei den Sonnenaufgang geniessen, gehört zumindest im Sommer zu den schönsten Momenten in dieser Stadt. Selbst wenn man verbotenerweise – die Beach ist typisch amerikanisch bei Dunkelheit geschlossen – in der Dunkelheit losrennt, ist man umzingelt von sportbegeisterten Amerikanern, die wie ich am Vorabend aus kulinarischer Sicht über den Strang geschlagen haben.

Wenn ich heute Nacht bei 30W fast einschlafe und zum Wachbleiben einen Ländler von Carlo Brunner auf dem Kopfhörer abspiele, werde ich Chicago dankbar für ein halbes Jahr ad acta legen.
Adieu «windy city»!



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