Dienstag, August 29, 2017

Fuck the Fucker


Schadenfreude ist angebracht, diesmal trifft es den Richtigen! Auch Instruktoren erhalten jeweils nur für sechs Monate eine Flugbewilligung, auch Instruktoren haben sich halbjährlich im Simulator zu beweisen.

«Fuck the Fucker» nennt sich das im Pilotenjargon und wie gesagt, Schadenfreude ist angebracht. Als Instruktor hat man den Ruf, dass man alles weiss. Das ist natürlich kompletter Blödsinn, hat aber schon seine Vorteile. «Selbstsicheres Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit», das haben uns Führungspersönlichkeiten aus allen Branchen längst abgeschaut. Trotzdem funktioniert es immer noch, darum gehört das Pockerface auch im Boeing Simulator zu den wichtigsten Instrumenten.

Anlässlich meines letzten Checks auf der A32X-Flotte stellte mir ein jungdynamischer Instruktor eine Frage, die ich als hochdekorierter Fluglehrer eigentlich hätte wissen müssen. Ich wusste die Antwort nicht. Doch statt mit roten Ohren die Unwissenheit zuzugeben, habe ich selbstsicher und etwas arrogant geantwortet: «Blöde Frage, das weiss ich schon lange. Frag doch den Copiloten!» Gemein, ich weiss, aber der Copi wusste die Antwort und konnte sich als Dank am Abend in einer Wanne Bier tummeln.

Tja, wie sie liebe Leserinnen und Leser unschwer erkennen können, liegt mir das Ganze schon ein bisschen auf dem Magen. Nicht so schwer wie ein Prime Rib vom Lowry’s in Chicago, aber etwa so wie ein veganer Hotdog von einem hippen Streetfood-Shop irgendwo in Berlin.

Damit ich nicht Gefahr laufe, zuviel vorzubereiten, schickt mich die Firma noch in ein paar Weiterbildungskurse für Instruktoren. Ich sage ja: «Fuck the Fucker»!

Berichte vom Fliegen gibt es wieder Anfangs September, vorausgesetzt ich bestehe den Check. Falls nicht, haben wir ein Problem. Der Simulator in Kloten wird aufgerüstet und das dauert seine Zeit. Drückt mir die Daumen liebe Leserinnen und Leser! Ich danke es Euch mit weiteren Geschichten.

Dienstag, August 22, 2017

Happy Ending in Bangkok


Zu einem guten Happy End gehört auch immer ein guter Anfang. In der Fliegerei sind die Briefings die ersten Berührungspunkte mit der Crew und bekanntlich bekommt man keine zweite Chance für den ersten Eindruck.

Wenn die Türe zum Briefingraum aufgeht, bekommen die Namen auf der Crewliste schlagartig ein Gesicht:

«Ach das ist die Andrea»

«Der Peter sieht aber dicker aus als auf dem Photo…»

«Die Hannelore könnte auch mal lachen…»

«Älter als ich dachte…»

«Ist die noch Single…?»

«Scheisse, der Drachen von vorigem Jahr…»

Leifäden, wie man gute Briefings gestaltet, gibt es firmenintern unzählige. Vor ein paar Jahren durften wir Briefings sogar unter therapeutischer Betreuung einüben und einander Feedbacks geben, bis wir fluchtartig die Arbeitsstätte verliessen. Doch eigentlich ist das Fundamentale der Briefings von Flugbesatzungen allen klar: Es zählt nur das Äusserliche! Schon lange interessiert niemanden mehr, wie lange die Blechröhre von A nach B fliegt: das merkt man früh genug! Man will unterhalten werden und zwar optisch und nicht verbal!

Also auf den Punkt gebracht: Wer während dem Flug im Cockpit Besuch haben und anständig verpflegt werden will, der soll vor dem Betreten des Briefingraums bitteschön den Hosenstall schliessen, die Nase putzen, Haare von den Brillengläsern entfernen und die Frisur notdürftig richten. Fusel auf der Uniform sind zu entfernen und Schuhe sollten gepflegt sein. Auf Grimassen ist zu verzichten und man soll nicht so dastehen, als ob man dies ohne Rollator nicht mehr könnte. Brust raus und mit einer Mischung aus Stolz und Hundeblick den Raum betreten! Das Feedback in Form von interessierten Blicken folgt unmittelbar.

Schauen die Kolleginnen und Kollegen desinteressiert auf ihre eigenen Fingernägel oder schreiben seltsame Serviceabkürzungen auf das Notizblatt, dann hat der Herr Kapitän ein ernsthaftes Problem - oder mit anderen Worten: der erste Eindruck wurde gründlich versaut.

Heute war so ein Tag. Irgendwie habe ich es vergeigt. Niemand schien mir zuzuhören ausser das FCG, mit der ich vor 17 Jahren auf dem Fahrrad den Osten Japans unsicher machte. Ich hätte eine Flugzeit von drei ganzen Tagen verkünden können, es hätte niemand reagiert. Selbst doppelte Spesen hätten das Denkzentrum nicht erreicht. Hätte ich verkündet, dass der Flug abgesagt wäre, die Crew wäre trotzdem in einer stoischen Ruhe zum Standplatz gefahren. Das Team hat entschieden, der Kapitän genügte einem der unzähligen Kriterien nicht, die es zu beachten gilt. Zu meiner Erleichterung war es nicht ein offener Hosenstall - auch die Brille war nicht mit Schuppen übersät. Die Schuhe waren beim Schuhmacher in den Ferien und glänzten dementsprechend. Mein Hemd war weiss wie in einer Kochwäsche-Werbung und Bügelfalten hatte die Hose auch. Frisurentechnisch bin ich im Moment eh auf der Höhe, weil meine hübsche Frau eine hübsche Friseurin für mich ganz in der Nähe unseres Wohnortes fand.

Was war es dann? Was drohte meine Glaubwürdigkeit und Autorität zu untergraben? Ein Blick auf die Uhr brachte schlagartig Klarheit. Ein giftgelbes Sportarmband schmückte mein Handgelenk und fiel zwischen dezentem Sakko, dezenter Hose und dezenter Krawatte auf, wie der Twitter-Präsident bei einer Tagung intellektueller Grössen. Wenn Herr Kapitän schon eine Uhr tragen muss, bei der man das Armband blitzartig wechseln kann, so soll der Herr Kapitän dies auch machen. Dezent schwarz oder elegantes Leder – ABER SICHER NICHT GIFTGELB! Zugegeben, es sah wirklich doof aus!


Gut bin ich vor über 17 Jahren in Japan kräftig in die Pedalen getreten - und noch besser, haben wir damals kurz vor dem Grounding mit der Radlergruppe viel Spass gehabt. Trotz giftgelbem Armband wurde ich bestens verpflegt und die Besuche in der Pilotenkanzel waren zahlreich. Die sehr sehr sehr sehr sehr sehr berühmte Persönlichkeit ganz vorne in der Kabine habe ich mit giftgelbem Armband persönlich begrüsst. Unsere Blicke trafen sich, Worte wurden ausgewechselt, das Armband blieb unentdeckt. Männer untereinander werten Äusserlichkeiten weniger oder heben ganz einfach mehr gegenseitiges Verständnis für geile Gadgets.

Ist doch ein schönes Happy End – oder?

Sonntag, August 13, 2017

Die Verführungskunst junger Frauen


Bevor ich auf das eigentiliche Thema eingehen kann, gilt es die Schönheiten der Natur zu würdigen. So eine Joggingrunde bei Sonnenaufgang am Lake Michigan weckt müde Geister und steife Glieder. Und steife Glieder gab es gestern beim Flug nach Chicago zur Genüge! Nein, liebe Leserinnen und Leser, wir sind noch nicht beim Titelthema, sondern immer noch bei der Würdigung des heutigen Morgens.
Als Kapitän eines Flugzeugs, das fast ausschliesslich sehr lange geradeaus fliegt, bin ich es gewohnt, dass ich mich nach ausgedehntem Mittagessen ein paar Stunden aufs Ohr legen kann. Werden nur zwei Piloten geplant, fällt die Ruhepause in der Waagerechten aus offensichtlichen Gründen ins Wasser. Darum die müden Geister und die steifen Glieder, darum die Stretchingübungen und der Dauerlauf zum Tagesanbruch.



Danke für das Dabeibleiben. 

Nun zum eigentlichen Thema, zur Verführungskunst junger Frauen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass ich die grosse Verantwortung trage, für gut ein Duzend attraktive Damen verantwortlich zu sein, und diese sicher durch die Lüfte und die zahlreichen Fallen an den Destinationen zu führen.
Wenn Männer in meinem Alter sich mit so jungen Frauen abgeben, geraten sie nicht selten ins Fadenkreuz der Kritik. Von Berufswegen kann ich diesen Herausforderungen und Reizen nicht aus dem Weg gehen und muss mich den damit verbundenen Gefahren und Versuchungen stellen. Ob ich den Verführungen junger Frauen auch schon erlegen bin? Leider ja, meine lieben Leserinnen und Leser. Das letzte Mal am gestrigen Tag. Lassen sie mich das erklären.

Mit ihren kastanienbrauen Augen sah sie mich an. Ich wurde unruhig. Ihre Lippen waren neckisch gespitzt und ihre Gestik verwirrte mich. Mit den Fingern der rechten Hand fuhr sie sich über die Nase. Keine Ahnung was sie mit dieser Aktion bezweckte, aber sie hatte bei mir vollen Erfolg. Endlich brach sie das Schweigen und fragte unverblümt:
«Hast Du Lust?» 
«Ich darf nicht!»
«Ach komm, kleine Sünden zwischendurch versüssen das Alltagsleben!»
«Lieber nicht, das schlechte Gewissen plagt mich schon jetzt!»
«Ich sag es niemandem!»
«Das mindert mein schlechtes Gewissen in keiner Weise!»

Die kastanienbrauen Augen wurden noch kastanienbrauner und der Herr Kapitän unruhiger und unruhiger. Es lag eine explosive Spannung in der Luft.
Mit der Spitze ihrer Zunge fuhr Sie über ihre roten Lippen und bewirkte genau das, was sie damit bezweckte: Ich wurde schwach, ich brach ein.  Sie gab mir lustvoll, was ich eigentlich gar nicht wollte.

Mit dem Überschreiten der Grenze fielen meine Hemmungen. Lüstern fiel ich über das Schokoladeneis her, das in einem kunstvoll geformten Keks serviert wurde. Meine Zunge kämpfte gegen das langsam schmelzende Eis und der Gaumen jubilierte lustvoll. Die junge Kollegin lächelte zufrieden und mein weisses Uniformhemd schaute aus, als wäre es mit Schokolade durch ein Sieb geschossen bombardiert worden.
Wieder bewarheitete sich ein Tipp eines längst pensionierten Kapitäns: «Lasse dich von den jungen Dingern nicht verführen! Es bleiben immer Spuren zurück!»


Sonntag, August 06, 2017

Das Barbie Hotel


Eine für ihre schönen Häuser bekannte Hotelkette dient uns als Quartier an der kalifornischen Küste in der Nähe von Los Angeles. Standardisierte Zimmer, ein standardisiertes Gym, eine standardisierte Lobby und ein standardisiertes und hoteleigenes Starbucks. Man soll sich als Gast in deren Etablissements auf der ganzen Welt wohlfühlen und wohlfühlen definiert diese Hotelkette mit einen standardisierten Auftritt bis ins kleinste Detail.
In besagtem Hotel an der Küste gelegen, bringen Anlässe im benachbarten Convention-Center die sonst so pedantisch vorgelebte Corperate Identity regelmässig ins Wanken. Je nach Klientel passt das Haus ihr Outfit der Kundschaft an und überrascht damit Stammgäste wie mich regelmässig aufs Neue.

Dieses Wochenende sind Tänzerinnen zu Gast und das sorgt in dem sonst so durchgestylten Hotel für ziemlich viele Änderungen. Das Wort Tänzerinnen ist in Amerika negativ behaftet. Zumindest wir Männer denken bei dieser Berufsbezeichnung an durchaus attraktive Damen, die es vorziehen, ihre Dollarnoten unter einem Gummiband nahe am Schritt zu tragen. Die Convention im benachbarten Center dreht sich eher um die sehr jungen Anhängerinnen des klasischen Ballets oder des modernen Tanzes.

Die Mädchen sind mit dem weiblichen Elternteil angereist und sorgen dafür, dass die Frauenquote in unserem Nachtlager höher ist, als sich das die linken Politikerinnen in der Schweiz in den kühnsten Träumen vorstellen können. Die durchschnittliche Belegung eines Zimmer beträgt dieses Wochenende 150kg Mutter und zwei Mal 15 kg Tochter.

Während in den Hotelgängen wacker gekreischt wird, wurde die Lobby den veränderten Bedürfnissen angepasst. Dort wo sonst ein bequemes Sofa stand, verstellt eine Selfie-Stationen für das Füttern der Instagramm Accounts meinen Trampelpfad. Vor der grossen Leinwand mit dem Logo des Hotels stehen Schminktische mit all den Accesoires, die junge Mädels heute so brauchen, um die natürliche Schönheit hinter einer dicken Schicht Farbe zu verstecken. Der hoteleigene Starbucks verkauft statt Kaffee Zuckerwasser und am Pool wurde eine Grossleinwand aufgebaut, wo nonstop Musikvideos mit Typen gezeigt werden, die Arme haben, die wegen den Tatoos aussehen wie die Vorhänge in Grossmutters Stube. Der Geräuschpegel entpricht dem eines startenden A320 und im ganzen Hotel riecht es wie im Parterre vom Globus an der Bahnhofstrasse.

Ich sitze in der Lobby auf einem freien Stuhl und warte auf meine Kumpels aus dem Cockpit. Links und rechts zischen die Mädels an mir vorbei und tragen weniger Stoff am Körper, als mein Taschentuch Fläche hat. Um den Hals baumeln die Zulassungs-Batches und an den Füssen tragen sie Socken mit rutschfester Sohle. Als alter Mann habe ich das Gefühl, dass ich mich mit jedem Blick strafbar mache.

Etwas abseits des Getümmels hat die Organisation des Anlasses einen Typen mit Gitarre in eine Ecke gestellt. Er sieht aus wie James Blunt und klingt auch so. Nur in der Liederwahl hat er sich an einem anderen Grossen der Musikbranche orientiert. «No Woman no cry», trällert er durch die Lobby und ich liebe ihn dafür.