Freitag, Juli 28, 2017

Menschen

In einem Berufsleben gibt es oft Momente, in denen die aktuelle Anstellung hinterfragt wird. Das ist in der Fliegerei nicht anders als in anderen Berufen. Selbst in unserer Traumwelt der Piloten gibt es nur wenige Kolleginnen und Kollegen, die vom ersten bis zum letzten Arbeitstag ihrer Karriere kritiklos das eigene Tun verteidigen.
Ich persönlich mag Leute, die mit einem kritischen Blick und einer gewissen Distanz auf sich selber herunterschauen. Neue Perspektiven öffnen sich auf diese Weise und manch eine Türe geht auf, von deren Existenz man gar nichts wusste.

Auch ich hatte Momente in meinem Berufsleben, wo der Sprung in eine neue Aufgabe näher war als der verbleib in der alten. Warum ich geblieben bin? Warum ich mittlerweile sein über 25 Jahren in der Welt herumfliege? Es sind die Menschen.

Menschen, mit denen ich jeden Tag zu tun habe; Menschen, die ich zu hunderten jeden Tag in einen fernen Kontinent fliegen darf; Menschen, denen ich beibringen darf, wie man eine 330 Millionen teure Kiste in einem Sturm landet; Menschen, die mir ihre Flugangst vertrauensvoll anvertrauen; Freunde, Kollegen, Gäste!

Ganze 23 Stunden vor jedem Flug kann ich die Passagierdaten herunterladen. Über 340 Namen stehen hinter Sitznummern und haben eine Geschichte, die ich trotz zwölfstündiger Reise nicht erfahren werde. Ich weiss wohin sie fliegen und woher sie kommen, ich weiss neben wem sie sitzen und in welcher Klasse, ich vermute, ob sie mit der Frau reisen oder alleine. Reisen sie tatsächlich alleine oder bilden sie mit dem Sitznachbarn eine Reisegruppe? 

Die Crew besteht aus bis zu 19 Personen. Eine dieser Apps macht es möglich, dass ich die Gesichter aller Kolleginnen und Kollegen im Vorfeld betrachten kann. Bin ich mit der schon geflogen? Waren wir nicht neulich zusammen in Bangkok? Schaut die auch in Wirklichkeit so grimmig aus der Wäsche? 

Wie man sieht, beschäftigen mich die Menschen bereits während der Flugvorbereitung zu Hause. Am eigentlichen Arbeitstag geht es dann nahtlos weiter. Im Operation Center kommt man vor lauter Begrüssungen kaum zum Planen. Ein Küssen da, ein Schwatz dort. Kommst Du? Gehst Du? Wohin des Weges? Wie geht es Dir?

Gepäckscreening, Zöllner, Crewbusfahrer, Tanker, Lademeister – es wimmelt am Flughafen von bekannten Gesichtern und man grüsst sich herzlich trotz Zeitdruck an allen Ecken. Dann endlich die Passagiere. Vom Gros der Gäste bekomme ich im Cockpit wenig mit. Ich wäre während dem Boarding in den engen Gängen des B777 nur im Weg. Doch dort wo der Platz keine Mangelware und der Dichtestress am geringsten ist, lasse ich es mir nicht nehmen, die Passagiere persönlich zu begrüssen. Ein Händedruck kann Wunder wirken, ein kurzer Schwatz Vertrauen schaffen. Ein  Update über die erwartete Ankunftszeit und die Flugbedingungen unterwegs wird meistens geschätzt. Oft sind es bekannte Leute, die dem Kapitän mangels Klatschblätter-Studium unbekannt sind. Wen stört’s? Schliesslich interessieren mich Menschen und nicht Titel oder die Präsenz in den Illustrierten.

Ist der Service vorüber und versinken die Passagiere in ihren Filmen oder den mitgebrachten Büchern, besuchen uns im Cockpit oft Kolleginnen und Kollegen aus der Kabine. Endlich Zeit, einen kleinen Schwatz zu machen und etwas mehr über einander zu erfahren.
Ist unser Stübchen mit guter Aussicht einmal leer, bleibt Zeit, mit dem Copiloten über Gott und die Welt zu reden. Mein Kollege von gestern befindet sich in der gleichen Situation wie ich vor mehr als 15 Jahren. Er studiert neben dem Fliegen an einer Fernuniversität und sieht unzählige Türen vor sich, durch die er dank des in Aussicht stehenden Titels einfach treten könnte. Der Job im Cockpit wäre dann weg, aber es gibt ja auch ein Leben neben der Fliegerei.


Dennoch zögert er. „Die Menschen würde ich vermissen“, beichtet er. In diesem Moment läutet es an der Cockpittüre und zwei Kolleginnen aus der Economy erbitten Einlass. Man muss Menschen mögen in diesem Beruf, dann ist er der schönste der Welt!

1 Kommentar:

  1. Eine tiefe Verbeugung meinerseits für dieses Bekenntnis zur Fehlkonstruktion "Homo Sapiens".
    Es ist wahr, man will oft nicht mit-, aber kann auf keinen Fall ohne seine Mitmenschen sein.

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