Freitag, Juli 07, 2017

die vier Jahreszeiten

Seit nun mehr zwei Jahren bin ich Langstreckenkapitän. Das lässt mich über die Vergänglichkeit, das Alter und die Leichtigkeit des Seins sinnieren. Kommt man als Kapitän auf die dicken Pötte, ist der Ruhestand nicht mehr weit. In Jahreszeiten gesprochen tritt man in den pilotischen Winter ein.

Frühling
Dabei ist es noch gar nicht so lange her, als wir bestens im Saft aus dem SLS-Ei geschlüpft sind und uns mit heftigem Flügelschlag auf in den pilotischen Frühling machten. Keine weibliche Blüte liessen wir aus, kosteten lechzend jeden Nektar und landeten ab und zu auch auf einer Giftpflanze. Nicht immer ging das gut. Manch einer konnte sich nur unter Einsatz grosser finanzieller Mittel von den Kletten und Schlingpflanzen lösen. Es ging rauf und runter und das nicht nur in der MD-80 oder Fokker 100. Nichts konnte uns erschrecken, weder der Zweinächter in Helsinki, noch der brummlige Starfighter-Kapitän norddeutscher Herkunft. Ach was haben die alten Kapitäne – alle über Dreissig! – über uns geflucht. Die Jugend sei respektlos, frech und übertrieben selbstsicher, hörten wir mehr als einmal hinter vorgehaltener Hand. Früher war sowieso alles besser, die Blüten williger, der Zahltag höher, die Ferien länger und die Rotationen abenteuerlicher, wussten die Kapitäne ununterbrochen zu berichten.
Mit zwei Streifen flogen wir von Rechts, und uns gehörte die Welt. Wasserskifahren in Torremolinos, Langlaufen am Holmenkollen, dänische Geselligkeit am Nyhavn, Portwein eben dort und heisse Nächte in Helsinki – nichts war uns zu anstrengend, ausser vielleicht die unsäglichen 4-Leger. Doch glücklicherweise waren diese seltener als Arbeitseinsätze an Weihnachten oder Neujahr. Kurzstreckencopi war ein Traumjob, was wollte man mehr?

Sommer
Doch es kam noch besser. Schneller als wir dachten, kam der pilotische Sommer mit grossen Schritten näher. Aus MD-80 wurde Jumbo, aus Fokker MD-11. Die längsten Ferien unseres Lebens begannen. Wer hätte damals gedacht, dass diese mehr als 15 Jahre dauern würden. Dolce far niente! Copacabana, Joe Banana und die Soi was auch immer – überall waren wir zuhause, überall waren wir willkommen. Im Sun and Sand kannten wir den Liftboy persönlich und in Peking den Hotelmanager sowieso.

Herbst
Doch plötzlich wurden die Nächte länger und das Klima kühler. Der Herbst kündigte sich an und der eine oder andere realisierte, dass es tatsächlich auch noch Vorschriften und Verfahren gab, die man als zukünftiger Kurzstreckenkapitän wissen sollte. Der Griff zum OM A kam dem Übertritt in den pilotischen Herbst gleich – die schönste Jahreszeit überhaupt!
Nach einem ziemlich grossen Effort folgte das Erntedankfest. Interessanterweise war es in der Aviatik genau umgekehrt wie in der Natur. Wer als Copilot zuviele weibliche Blüten beglückte, konnte als Kapitän im pilotischen Herbst weniger ernten.
Und unglaublich aber wahr, die Copiloten tun es uns gleich, und trotzdem sind sie anders.
Ach fluchen wir jungen Kapitäne – alle fast Fünfzig! – über die Copiloten. Die Jugend ist respektlos, frech und übertrieben selbstsicher, wird hinter vorgehaltener Hand geflüstert. Früher war alles besser, die Blüten williger, der Zahltag höher, die Ferien länger und die Rotationen abenteuerlicher, wissen wir Kapitäne ununterbrochen zu berichten.

Winter
Für mich ist dieser schöne pilotische Herbst seit zwei Jahren Vergangenheit. Ich Trat in die vierte und letzte Phase ein. Die Nächte wurden länger, der Schlaf im komfortablen Crewbunk tiefer. Den durchsichtigen Kaffee; die fettigen E-Bomben in heissem Alu genannt Crew Meal; die roten Schokoladen mit grosser Energiedichte; den Lärm im Cockpit; das genaue Wording bei den Checklisten; vier Fuelchecks innerhalb einer Stunde; PA, PA und noch einmal PA – das alles vermisse ich nicht. Der pilotische Herbst kommt nie mehr zurück, der Arbeitstakt wurde definitiv langsamer und man darf ungeniert Winterspeck ansetzen.
Ach wie ich den Winter liebe; im richtigen Leben, als auch im pilotischen!




1 Kommentar:

  1. Wieder mal herrlich zu lesen! Ich hoffe, Sie gehen noch lange nicht in Pension! :-)

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