Mittwoch, Juni 21, 2017

Mein Freund Siri

Es wird viel über die kleinen Dinger gelästert, die wir alle ununterbrochen mit uns herumtragen. Ich meine das Handy, das Mobile oder auch gut schweizerisch das Natel. Fluch oder Segen?,  diese Diskussion möchte ich an dieser Stelle gar nicht führen.
Auch ich laufe mit einer verbeulten Hose in Städten der ganzen Welt herum. Oberdoof sieht das rechteckige Ding in der rechten Hosentasche aus. Es steht ab und das an Stellen, wo eigentlich nicht abstehen sollte. Doch wo soll ich sonst hin mit dem Teil? Im Hotel lassen? Geht nicht. Mit diesem Teufelsding bezahle ich fast alles, ich lasse mir den Weg zur nächsten Sushibar zeigen, Frage Fahrpläne ab und bestelle bei Bedarf den Uber, der mich bei Sturm und Regen zurück ins Hotel bringt, wenn alle öffentlichen Taxis belegt sind. Was ich nie mache sind Selfies und Fotos vom im Restaurant servierten Essen. Das finde ich peinlich.
Was ich auch nie benutze ist Whats Up und die Nervensäge mit dem Namen Siri.

Doch wie ich gestern Abend in Singapore gemerkt habe, bin ich damit ein ziemlicher Exot. Meine 30 Jahre jüngeren Kolleginnen und Kollegen schwören auf die verbale Eingabe von Befehlen, weil das erstens schneller geht, und zweitens irgendwie cool ist. Für diese Generation scheint es nichts Schöneres zu geben, persönliche Fragen aller Art mit der Umgebung zu teilen.

Diesen Trend verpasse ich und hoffe innigst, dass mir das in naher Zukunft nicht zum Verhängnis wird. Wie ich neulich von einem dieser Trendforscher gelesen habe, werden in Zukunft elektronische Geräte und Roboter fast ausschliesslich über die menschliche Stimme gesteuert. Ohalätz, da drohe ich einen wichtigen Zug zu verpassen. Denn auch wenn die Flugzeugelektronik den neusten Trends stets etwas hinterherhinkt, wird sie sich in Zukunft anpassen müssen. Das muss nicht per se schlecht sein, schliesslich schafft das Platz für andere wichtige Dinge wie zum Beispiel eine cockpiteigene Nespresso-Maschine.

Einige Hürden gilt es trotzdem noch zu überwinden. Stellen Sie sich folgende Situation vor:

Irgendwo in der Kontrollzone von Kolkatta in Indien.
Der Pilot spricht langsam und deutlich zu Siri: «Climb and maintain Flightlevel three-three-zero»
Siri: «climbing Flightlevel three-three-zero»
Es klingelt an der Cockpittüre und Annegret, die charmante Hostess aus der ersten Klasse, bringt den bestellten Espresso.
Hostess: «Gömmer hüt nach de Landig in Singapore diräkt is Level33(*)?»
Siri: «Direct Singapore, descending Flightlevel 33»
Pilot: «Stop Siri, turn back to BBN Beacon and climb back to Flightlevel 330»
Siri: «Tut mir leid Peter, ich verstehe Dich nicht…»
Hostess: «S’ Beacon(*) isch au guet. Ohalätz simmer scho am Sinkä, chöntsch no s’Seatbelt innetue?»
Siri: «Seatbelt on»
Pilot: «Gopferdelli…»
Siri: «Logon to Delhi Control»
Pilot: «Turn back to SB Beacon and climb back to Flightlevel 330»
Siri: «Ich verstehe Dich nicht Peter, Du wirkst gestresst. Soll ich vorsorglich den dritten Mann im Crewbunk wecken?»
ATC: «Swiss 178. Climb back immediatly to Flight Level 330 and turn back to BBN»
Pilot: «Roger»
Siri: «Weckruf bestätigt. Der dritte Mann wird in fünf Minuten im Cockpit sein»
Pilot: «NEIN, den dritten Mann nicht wecken. Das Roger war für die ATC»
Siri: «Zu spät Peter»
ATC: «We lost datalink. Please re-logon to Kolkatta Control»
Pilot: «Logon to Kolkatta»
Siri: «Peter, Du weisst heute auch nicht was Du willst…»
Pilot: «Dammisiech, chömmer jetzt Gopferdelli emol stige und zrug uf FL three three zero.»
Siri: «Logon to Delhi, Speed three-three-zero»
… das ging so weiter, bis der junge und technikaffine Copilot das Steuer übernahm. Leider reichte der Fuel nicht mehr nach Singapore und der Flug LX178 musste Zwischenlanden.

Der Pilot wurde nach der unplanmässigen Landung in Kalkutta frühpensioniert und Siri erhielt einen neuen Software-Update.
Nach erfolgreicher psychiatrischer Behandlung fröhnte der Pilot seinem liebsten Hobby Fischen und sehnte sich zurück ins Jahr 2017, wo Siri nur zur Unterhaltung diente und die jungen Hostessen jeden Teller Essen ablichteten, der ihnen vorgesetzt wurde. «Weisch na?»

(*) Die Kneipe gibt’s wirklich in Singapore

Kommentare:

  1. Alles nicht unrealistisch.
    Wenn ich bedenke, wie ich jetzt schon mit der Spracherkennung im Auto hadere, die partout mein Reiseziel missverstehen will, dann weiß ich nicht was schlimmer wäre, Siri oder französische Airbusjockeys...

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  2. Selten so gelacht! :-) Ich freue mich jedes Mal auf die Erfrischende Beiträge von Dir.. Wie wäre es mit einem zweiten Buch! Das erste war schon toll!

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  3. Herliche Vorstellung, die hoffentlich nicht realität wird.

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  4. Klasse geschrieben!

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