Donnerstag, März 23, 2017

Gopfridstutz

Gopfridstutz! Genau 17 Jahre ist es her, dass ich das letzte Mal in diesem Singapur ausgestiegen bin. Die Firma hiess anders, das Flugzeug hatte einen Motor mehr (als Geschwür am Schwanz) und die Welt war dankbar, dass der Millenium-Bug keinen Schaden angerichtet hat. Junge Leserinnen und Leser mögen sich vermutlich nicht mehr an diesen Bug erinnern – das macht aber auch nichts. Was geblieben ist in Singapur ist das Wetter. Heiss und schwül begrüsst mich die Stadt und sie hält auch an der Tradition vom täglichen Gewitter stur fest.

Diese Gewitter begleiteten mich selbstverständlich auch im Anflug. Dank des hypermodernen Wetterradars konnten wir den Gefahren ausweichen, sogar den fast unsichtbaren. Gopfridstutz bin ich den Damen und Herren von Rockwell Collins dankbar! Die rote Fläche auf dem Wetterradarbild sieht man eher selten. „Predictive Over Flight Alert“ nennt sich die Funktion und warnt Piloten von starken Turbulenzen, ausgelöst von einer sehr schnell wachsenden Gewitterzelle, deren höchste Wolkenränder noch einige tausend Fuss unter der momentanen Flughöhe liegen. Passagiere an Bord und Mechaniker am Boden waren uns für dieses Ausweichmanöver dankbar.
Lustig war der Anflug dennoch. „Sorry Swiss 178, we changed the landing direction due to the thunderstorm activity in the vicinity of the aerodrome.“ Diesen Satz hörten wir genau drei Mal. Das heisst drei Mal den Computer umprogrammieren und drei Mal ein Approach Briefing machen. Gopfridstutz!



Teuer ist sie geworden diese Perle knapp am Äquator gelegen. Für ein Essen bezahlt man mehr als man sich von Asien gewohnt ist und das Bier kostet fast soviel, wie in einem Londonner Nachtlokal. Gopfridstutz! Schliesslich ist das Bier nach einem 12-Stundenflug quasi eine Medizin für die geplagte und verstubte Niere.

Trotzdem bezeichne ich den Trip nach Singapur als gelungenen Einstieg ins Arbeitsleben nach vielen wundervollen Tagen im winterlichen Engadin. Selbst der Temperaturunterschied ist so brutal nicht. Die Loipen und die Minusgrade vermissend, werde ich heute Nachmittag Snow City besuchen. Gopfridstutz freue ich mich auf den Schnee!



Samstag, März 11, 2017

Ein halbes Leben

Neulich klopfte mir der junge Copilot auf die Schulter und nickte anerkennend. Was denn los sei, wollte ich von ihm wissen. «Gratuliere zum Dienstjubiläum!», schrie er für die Umgebung gut hörbar heraus.
«Dienstjubiläum?»
«Ja, laut Firmenhomepage bist Du 25 Jahre in der Firma.»
«Das kann nicht sein, meinen Arbeitgeber gibt es ja erst seit 15 Jahren!», meine leise Antwort. Apropos 15 Jahre, warum feiert das niemand in unserer Firma?

Nachdem ich meinen Kopf etwas zur Seite neigte, lüftete sich der Schleier. Tatsächlich habe ich am 3. Februar 1992 die Ausbildung zum Piloten begonnen. Scheisse, das ist genau ein halbes Leben her!

Ich verschone die Leser an dieser Stelle und verzichte auf einen Rückblick auf meine Karriere und ihre Höhepunkte. Peinlichkeiten gäbe es viele zu erzählen und Heldentaten sowieso. Ich erinnere mich nicht mehr an die Namen aller Damen, die ich während meiner wilden Copi-Zeit in mein Herz geschlossen habe und auch schwierige Persönlichkeiten zu meiner Linken habe ich für immer aus dem Speicher gelöscht.


Doch eines bleibt mir immer in Erinnerung, das ist der Bananen-Mantel meiner ersten Uniform. Weltklasse – oder?

die "Colani -Uniform" der 90er Jahre


NZZ vom 6. Februar 1992 
als Vergleich: Swiss Zahlen von 2015

Samstag, März 04, 2017

124 Schritte bis Bangkok

Auch ich nenne eine dieser denkenden Uhren mein Eigen und lasse zahlreiche Parameter aufzeichnen, auswerten und darstellen. Dank dem Wunderding an meinem Handgelenk weiss ich, dass ich für die rund 9000 km nach BKK ganze 124 Schritte brauche. Die Thrombose lässt grüssen!

Sieben Schritte sind es vom Pilotensitz bis in die Toilette, deren 12 bis zur Kaffeemaschine. Erklimme ich den Crewbunk, schlägt sich das in der Statistik mit 20 Schritten nieder. Ein Gang ins Gerüchtehauptquartier der F/A’s, der Businessküche, würde mit sagenhaften 25 Schritten zu Buche schlagen. Der Konjunktiv ist bewusst gewählt. Erstens unterbricht des Kapitäns Anwesenheit die Nonstop Sendung von Rumor-Radio unnötig und zweitens lasse ich mit meinem zentnerschweren Gewicht die Bodenplatten dermassen erzittern, dass sich die Top Passagiere in ihrem Schlaf gestört fühlen. Die Businessküche ist für mich tabu.

So lassen sich meine 124 Schritte gut erklären. Vier Mal Schiffen: 56 Schritte. Einmal Crewbunk und zurück: 40 Schritte. Ein Kaffee selber herauslassen: 24 Schritte. Uniformhose im Bunk ausziehen: 4 Schritte. Et Voilà, so einfach ist das.

Aus medizinischen Gründen wäre es wünschenswert, wenn ich mich auf 10000 Metern mehr bewegen würde. Doch Vernunft und Fliegerei lassen sich bei weitem nicht immer unter einen Hut bringen. Ein einziger und tragischer Zwischenfall hat dazu geführt, dass die Thrombosegefahr unter den Piloten sprunghaft angestiegen ist.
Von oberster Stelle wurde verfügt, dass immer vier Augen im Cockpit offen sein sollten, was diese allerdings zu fokussieren haben, regelt das Gesetz nicht. Öfters, als dies den Sicherheitsverantwortlichen lieb ist, tasten sich diese vier Augen gegenseitig die Iris ab. Lassen sie mich das an einem Beispiel erklären.

Ein junger Copilot in Ausbildung, nennen wir ihn Kevin, hat von einem Kollegen die Freigabe zur „2-Men-OPS“ bekommen. Das heisst nichts Anderes, als dass er ab subito mit seinem Ausbilder alleine unterwegs sein darf, ohne dass ihm ein Ausbildungs-F/O vom dritten Sitz nonstop über die Schulter schaut. Kevin hat eine zweistellige Anzahl Flugstunden auf dem Flugzeugtyp im Logbook vermerkt und kämpft noch mit diesem und jenem.
Der Fluglehrer, erfahren und grau, muss mal pinkeln. Gesetzeskonform wird ein F/A ins Cockpit zitiert, die ihre zwei himmelblauen Augen der Flugsicherheit zur Verfügung stellt. Das F/A, nennen wir sie Lara, ist jung, attraktiv und mit einem Körperbau gesegnet, der aus Männerträumen gemeisselt sein könnte. Lara setzt sich auf dem dritten Sitz und schnallt sich an. Laut Wikipedia geschieht in Kevins Körper interessantes: Verschiedene Botenstoffe sorgen für Euphorie (Dopamin), Aufregung (Adrenalin), rauschartige Glücksgefühle und tiefes Wohlbefinden (Endorphin und Cortisol) sowie erhöhte sexuelle Lust (Testosteron sinkt bei Männern, steigt bei Frauen).

Junge Männer sind trotz zur Schau gestelltem Selbstbewusstsein in solchen Situationen erstaunlich oft Scheu. Rote Wangen sind nur eines von vielen Zeichen dafür. Kevin zieht die Kopfhörer nach unten und fokussiert die Instrumente. Er hofft dadurch zu imponieren. 

In der Toilette sieht der Kapitän auf seinen tropfenden Hahn und ahnt nicht, welche hormonelle Katastrophe sich ein paar Meter weiter vorne abspielt.

Das F/A geniesst die Pause, hält die jugendliche Haut an die Sonne und stellt mit ihrem schwäbischen Akzent die Frage, die beim Copiloten alle Dämme zum Brechen bringt: „Kommsch heud Abend au a Bierle drinka?“

Das Fliegen geht vergessen, der Funk wird ignoriert und die Memory Items haben sich aus dem Memory verabschiedet. Der Stier in Kevin ist erwacht und er tut das, worauf ihn die Natur vorbereitet hat: Er denkt mit jeder Körperfaser an die Fortpflanzung.

Wer jetzt noch glaubt, dass das Vier-Augen-Prinzip die Flugsicherheit erhöht, glaubt auch an den Storch.
Liebe EASA, liebe Verantwortliche bei den Airlines: Zeigt Eier und kippt diese unnötige Vorschrift. Denn eines ist sicher: Unsere Copiloten haben Cojones!