Mittwoch, Juni 21, 2017

Mein Freund Siri

Es wird viel über die kleinen Dinger gelästert, die wir alle ununterbrochen mit uns herumtragen. Ich meine das Handy, das Mobile oder auch gut schweizerisch das Natel. Fluch oder Segen?,  diese Diskussion möchte ich an dieser Stelle gar nicht führen.
Auch ich laufe mit einer verbeulten Hose in Städten der ganzen Welt herum. Oberdoof sieht das rechteckige Ding in der rechten Hosentasche aus. Es steht ab und das an Stellen, wo eigentlich nicht abstehen sollte. Doch wo soll ich sonst hin mit dem Teil? Im Hotel lassen? Geht nicht. Mit diesem Teufelsding bezahle ich fast alles, ich lasse mir den Weg zur nächsten Sushibar zeigen, Frage Fahrpläne ab und bestelle bei Bedarf den Uber, der mich bei Sturm und Regen zurück ins Hotel bringt, wenn alle öffentlichen Taxis belegt sind. Was ich nie mache sind Selfies und Fotos vom im Restaurant servierten Essen. Das finde ich peinlich.
Was ich auch nie benutze ist Whats Up und die Nervensäge mit dem Namen Siri.

Doch wie ich gestern Abend in Singapore gemerkt habe, bin ich damit ein ziemlicher Exot. Meine 30 Jahre jüngeren Kolleginnen und Kollegen schwören auf die verbale Eingabe von Befehlen, weil das erstens schneller geht, und zweitens irgendwie cool ist. Für diese Generation scheint es nichts Schöneres zu geben, persönliche Fragen aller Art mit der Umgebung zu teilen.

Diesen Trend verpasse ich und hoffe innigst, dass mir das in naher Zukunft nicht zum Verhängnis wird. Wie ich neulich von einem dieser Trendforscher gelesen habe, werden in Zukunft elektronische Geräte und Roboter fast ausschliesslich über die menschliche Stimme gesteuert. Ohalätz, da drohe ich einen wichtigen Zug zu verpassen. Denn auch wenn die Flugzeugelektronik den neusten Trends stets etwas hinterherhinkt, wird sie sich in Zukunft anpassen müssen. Das muss nicht per se schlecht sein, schliesslich schafft das Platz für andere wichtige Dinge wie zum Beispiel eine cockpiteigene Nespresso-Maschine.

Einige Hürden gilt es trotzdem noch zu überwinden. Stellen Sie sich folgende Situation vor:

Irgendwo in der Kontrollzone von Kolkatta in Indien.
Der Pilot spricht langsam und deutlich zu Siri: «Climb and maintain Flightlevel three-three-zero»
Siri: «climbing Flightlevel three-three-zero»
Es klingelt an der Cockpittüre und Annegret, die charmante Hostess aus der ersten Klasse, bringt den bestellten Espresso.
Hostess: «Gömmer hüt nach de Landig in Singapore diräkt is Level33(*)?»
Siri: «Direct Singapore, descending Flightlevel 33»
Pilot: «Stop Siri, turn back to BBN Beacon and climb back to Flightlevel 330»
Siri: «Tut mir leid Peter, ich verstehe Dich nicht…»
Hostess: «S’ Beacon(*) isch au guet. Ohalätz simmer scho am Sinkä, chöntsch no s’Seatbelt innetue?»
Siri: «Seatbelt on»
Pilot: «Gopferdelli…»
Siri: «Logon to Delhi Control»
Pilot: «Turn back to SB Beacon and climb back to Flightlevel 330»
Siri: «Ich verstehe Dich nicht Peter, Du wirkst gestresst. Soll ich vorsorglich den dritten Mann im Crewbunk wecken?»
ATC: «Swiss 178. Climb back immediatly to Flight Level 330 and turn back to BBN»
Pilot: «Roger»
Siri: «Weckruf bestätigt. Der dritte Mann wird in fünf Minuten im Cockpit sein»
Pilot: «NEIN, den dritten Mann nicht wecken. Das Roger war für die ATC»
Siri: «Zu spät Peter»
ATC: «We lost datalink. Please re-logon to Kolkatta Control»
Pilot: «Logon to Kolkatta»
Siri: «Peter, Du weisst heute auch nicht was Du willst…»
Pilot: «Dammisiech, chömmer jetzt Gopferdelli emol stige und zrug uf FL three three zero.»
Siri: «Logon to Delhi, Speed three-three-zero»
… das ging so weiter, bis der junge und technikaffine Copilot das Steuer übernahm. Leider reichte der Fuel nicht mehr nach Singapore und der Flug LX178 musste Zwischenlanden.

Der Pilot wurde nach der unplanmässigen Landung in Kalkutta frühpensioniert und Siri erhielt einen neuen Software-Update.
Nach erfolgreicher psychiatrischer Behandlung fröhnte der Pilot seinem liebsten Hobby Fischen und sehnte sich zurück ins Jahr 2017, wo Siri nur zur Unterhaltung diente und die jungen Hostessen jeden Teller Essen ablichteten, der ihnen vorgesetzt wurde. «Weisch na?»

(*) Die Kneipe gibt’s wirklich in Singapore

Dienstag, Juni 13, 2017

Ein Morgenkaffee im Sprüngli

Fluglose Zeiten gibt es als Instruktor viele. Piloten wollen ausgebildet, gecheckt und weitergebracht werden.  Dafür braucht es nicht nur Personal, sondern auch Konzepte und Programme. Wo besteht Trainingsbedarf? Was schreiben die nationalen, was die internationalen Regulatoren vor? Was sind die Erfahrungen aus dem laufenden Trainingszyklus? Wo wollen wir hin? Alles wichtige Fragen, die ein kleines Grüppchen in dieser Woche zusammentragen muss und daraus ein Trainings- und Checkprogramm für das Jahr 2018 entwirft. Das hat weniger mit Sadismus zu tun, sondern mehr mit Kreativität und Vorstellungsvermögen.

Eine spannende Aufgabe, ein grosser Berg Arbeit. So sitze ich diese Woche jeden Morgen im Sprünglikaffee am Hauptbahnhof, statt in irgend einem Coffee-Shop in fernen Ländern. Nächste Woche draf auch ich wieder einmal am Steuer sitzen, vorausgesetzt es fehlt nicht irgend ein Instruktor in einem der zahlreichen Gefässe, die wir instruieren …

Ohalätz, die S7 fährt bald ein. Bis bald.

Donnerstag, Juni 01, 2017

Wildwasser III-IV in Bangkok

Es ist wie in jeder Sportart, wer reüssiern will, muss üben! Am Wochenende sind im Muotatal (eine Pilgerstätte für Kanufahrer) Wildwasser Weltcup Rennen, die wiederum als Hauptprobe für die nächstes Jahr stattfindenden Weltmeisterschaften gelten. Da ich mich am Wochenende entschieden habe eben an dieser WM teilzunehmen (… als Zuschauer), steht mir ein anstrengendes Trainingsprogramm bevor. Nicht dass Erfahrung nichts zählt, schliesslich war ich an der WM 1983 in Meran (als Zuschauer), an der Junioren WM 1984 in Spittal (als Teilnehmer) und an der WM 1985 in Garmisch (als Zuschauer) mit dabei, doch in meinem Alterbereich zählt seriöses Training mehr als Erfahrung.

Von dem ist auch die Crewdispo überzeugt, die mich kurzerhand statt nach San Francisco (habe ich mich auf die Fahrradtour gefreut - grrrr) nach Bangkok schickte. Bangkok – eine weitere Pilgerstätte für Freunde allerlei Freuden, nicht für Bewegungsliebhaber – gehört nicht zu meinen Lieblingsdestinationen. «Am Donnerstag bin ich wieder zu Hause», rief ich meiner Frau zu. Diese konterte für mich unerwartet: «Im Einsatz steht aber Freitag…». Ach Scheisse auch das noch. Drei statt zwei Nächte – der Flugplan ist im Mai ausgedünnt. Mit meiner «Nicht Bangkok Liebe» bin ich in unserer Firma so ziemlich alleine und so machte ich mich schweigend und mit wenig Erwartung in der Tasche auf nach Osten.

Schon der Hinflug hatte etwas von einer Wildwasserfahrt. Ein einfacher Fluss zwar, ich würde sagen leichtes Wildwasser der Stufe II-III, aber trotzdem unangenehm. Wie früher auf der Simme bei Niedrigwasser mussten wir Hindernissen in Form von Gewitterwolken ausweichen, die ebenso schüttelten und schlugen wie die unregelmässigen Wellen beim Heidenweidli nahe Oberwil im Simmental. Den besten Weg suchen und dabei so wenig wie möglich Zeit verlieren – genau wie in alten Zeiten. Die Autofahrt im Stau von Bangkok (was lieben die Leute an dieser Stadt eigentlich?) vom Flughafen ins Hotel war eher wie eine gemütlich Sonntagsausfahrt auf einem Schweizer See. Zu heiss, zu langweilig, zu langsam!

Endlich im Hotel angekommen schrien alle durcheinander: «Shopping!», hörte ich aus der Ferne; «Massage» schrien andere; «ab an den Pool!» dritte. Ich erfreute mich an der schweizerdeutschen Begrüssung des Hoteldirektors und zottelte danach gemütlich ins Fitness-Center. Man erinnere sich: 2018 ist die Kanu WM im Muotatal und ich wollte unbedingt bereit sein.

Drei Thai-Curries und ein paar Stunden Schlaf später die nächste Trainingseinheit. Mit dem Longboat ging es auf dem hotelnahen Klong Richtung Innenstadt. Die schnellste, billigste und mit Abstand spassigste Variante um in das Herz von Bangkok zu reisen. Unverhoft kam ich zu einer weiteren Trainingseinheit. Gutes, saftiges Wildwasser III-IV stellte sich uns in den Weg. Mit geschultem Auge überprüfte ich die Taktik des Kapitäns. Mit einer Geschicklichkeit, die auf einer Muota mit Hochwasser von Nöten ist, umschiffte dieser alle Hindernisse berührungsfrei und stellte mit grosser Wahrscheinlichkeit eine neue Bestzeit auf. Was für ein Spass! Ich bin nach diesem Bangkok Abenteuer bereit für die Teilnahme an der Kanu WM 2018 – vielleicht sogar als …. Zuschauer!






Donnerstag, Mai 18, 2017

Skybars, schnelle Beine und lange Nächte

«Politics is show business for the ugly people» – das habe ich neulich irgendwo gelesen. Politiker scheint es in dieser Skybar keine bis gar keine zu haben, von Politikerinnen ganz zu schweigen. Schöne Leute beherrschen die Szenerie und schöne Leute sind so schlecht ja nicht. Der jüngere Teil der weiblichen Crew wollte den Abend unbedingt in eben dieser Skybar beginnen und der alte Kapitän soll gefälligst auch mitkommen. Nicht dass ich ein hübscheres Gesicht hätte, als all die Hibster mit ihren Bärten, aber der Geldbeutel des Vierstreifers hat bei diesen Preisen eine gewisse Anziehungskraft.



Während die Jüngeren Selfies aus allen möglichen Positionen mit möglichst jedem beleuchteten Hochhaus im Hintergrund aufnehmen, betrachten wir Älteren die Frauen als Ganzes und fragen uns ernsthaft, warum diese stets ihr Gesicht ablichten, wenn der Rest doch genau so schön ist. Die Drinks sind weg, die jungen Damen bedanken sich höflich beim Herrn Kapitän und verschwinden so schnell wie der Schnee an der Engadiner Frühlinssonne. Man sieht sich.

Die Herren Piloten haben Blut geleckt und können von schönen Beinen nicht genug kriegen. Es ist Mittwochabend und im «Happy Valley» sind Pferderennen. Nicht so wie in Ascot mit Hüten und teuren Roben, nein eher wie in einem deutschen Fussballstadion. Biertheken gibt es zahlreiche und diese bieten Bölkstoff aus allen Kontinenten an. Wurststände verkaufen peinliche Kopien von Bratwürsten und Marktschreier versuchen in den Rennpausen allerlei Unnützes an Mann und Frau zu bringen. Das alles unter freiem Himmel bei Temperaturen um die 28°C. Mit einem Auge verfolgt der Mann die Pferde, die mit 60 Stundenkilometern über den Rasen laufen und das andere Auge versucht keine der weiblichen Kopien von «Penelope Cruz» zu verpassen.



Das macht Appetit und die Herren Piloten verschieben langsam nach «Lan Kwai Fong». Scharfes Curry und noch schärfere Vorspeisen bringen Unruhe in den Magen und die ersten Zeichen von Müdigkeit schleichen die Beine hoch. Zu Hause ist es erst 17 Uhr und wer jetzt schlafen geht, begeht einen grossen Fehler. Denn nach ein paar Stunden ist man automatisch wieder wach und das wäre suboptimal für das Schlafmanagement des ganzen Aufenthalts und des Heimflugs.
Gut, dann halt weiter an die «Staunton Street» im Soho. Nicht angeschrieben und hinter dicken Plüschvorhängen versteckt liegt unser nächstes Ziel. Wer es zum ersten Mal von aussen betrachtet ist sich sicher, dass sich hinter den rustikalen Vorhänden entweder eine Opiumhöhle oder ein Bordell versteckt. Weder noch! Dieser kleine und feine Club ist eine Cocktailbar, in der sich die Crewmitglieder der «Star Alliance» vor dem Gang in den Tanzclub gerne treffen. Mit zwei Crews aus der Schweiz und zwei Crews aus München ist das Lokal genau richtig ausgelastet und das Verhältnis alte Männer zu jungen Damen in einem aus meiner Sicht ausgewogenen Verhältnis. Als mich meine Damen erkennen, ertönt ein lautes Hallo und wird auch gleich wieder vom dicken Vorhang geschluckt. Man erinnere sich, nicht mein hübsches Gesicht lässt die Frauenherzen höher schlagen, sondern mein Geldbeutel.

Der Lufthansakapitän gesellt sich zu mir an die Bar, tut es mir gleich und bestellt für seine Mädels Gläser gefüllt mit farbigen, süssen und leicht alkoholisieren Getränken. Es wird mit den Damen geschäkert, mit dem Käpitän über die Unterschiede von A340 und B777 geredet und wieder geschäkert. Schweizerzeit 20 Uhr ist Zeit, dass die älteren Herren die Bühne verlassen und ins Hotelbett schlüpfen – alleine wohlverstanden. Die Star-Alliance-Damen wollen auf den Tanz und das ohne zitrigen Anhang.
Eine Stunde später döse ich ein und frage mich, was eigentlich alle so gut finden an Hong-Kong…

Freitag, Mai 05, 2017

Brotkrümel in Hong-Kong

Es ist gut, dass sich nicht alles im Schnellzugtempo ändert. Ein gewagter Satz, wenn man bedenkt, dass ich im Moment in einem belgischen Kaffee mitten in Hong-Kong sitze und dem energiegeladenen Treiben auf der Strasse zusehe.

Die computerisierte Einsatzplanung hat mich nach siebenjähriger Abwesenheit endlich wieder einmal nach Hong-Kong geplant – und das gleich zwei Mal hintereinander. Ich kenne diese Stadt sehr gut, vielleicht sogar besser als die kleinste Grossstadt der Welt, die nur zwölf S-Bahnminuten von meinem Wohnort in eben dieser Agglomeration liegt.

Nach sieben Jahren hat sich aus meiner Sicht nicht viel geändert. Das gleiche Hotel, das gleiche Design der Octopus-Karte, die gleichen U-Bahn Tarife, die gleichen Ausgehmeilen und die gleiche und damit unerträgliche Musik-Lautstärke in Lokalen wie das «dust till dawn» und anderen.
Ok, natürlich ist meine Meinung nach nur einem Tag Aufenthalt alles andere als aussagekräftig, aber wenn man etwas mit (sieben Jahren) Distanz betrachtet, ist das Bild nicht selten objektiver. Eine Kleinigkeit, die es in dieser Form vor sieben Jahren so nicht gegeben hat, ist diese europäische Oase zwischen der Hennessy und der Johnson Road, nahe unseres Hotels. Kopfsteinpflaster, schattenspendende Bäume, Kaffees mit Tischen unter dem in die Höhe gewachsenen Grünzeug und jede Menge Bäckereien aus aller Welt. Diese Bäckereien sind sehr gut und teuer – sauteuer. Aber die angebotenen Frischwaren inklusive Brot sind einzigartig. Neben einer belgischen, in der ich gerade kaffeeschlürfend unter Bäumen sitze, gibt es noch Teig- und Zuckermanufakturen aus Korea (ausgezeichnet), Japan (mmmmhhhhh) und – hört, hört – aus der Schweiz.

Dieser Schweizer Patisserie-Magier hat genau das im Angebot, was meinen Gaumen hibbelig macht. Schon beim ersten Bissen merkt man, dass kaum eine Beilage mit einer E-Nummer abgekürzt werden muss. Frisch, gut, unwiderstehlich! Auch Brot hat der Herr Dubois im Angebot. Das Kilo zu 150 HK$, was ungefähr 20 Schweizerfränkli entspricht. Wer bezahlt denn diese Preis für einen alltäglichen Artikel? Die Antwort it so einfach wie logisch: Brotliebhaber wie ich, die fest davon überzeugt sind, dass Anbieter von Fertigbackwaren, die sich Bäcker nennen, wegen Betrug ins Gefängnis gehören.
Vermutlich interessieren die Leser meine Vorlieben für Sauerteigbrot wenig, darum lasse ich das Thema ruhen. Auf geht’s in neue Abenteuer. Hongkong ruft und ich bin unternehmenslustig genug, mich mit allen anderen Unterhaltungshungrigen ins freitagabendliche Getümmel zu stürzen. Das geht in diesem Teil der Erde für einen wie mich, der in der Regel um 22 Uhr bereits tief schläft, wegen der Zeitverschiebung problemlos.
Bis zum nächsten Eintrag in ein paar Tage. Dann voraussichtlich wieder aus Hongkong, sofern sich der Einsatzcomputer nicht umbesinnt.

Donnerstag, März 23, 2017

Gopfridstutz

Gopfridstutz! Genau 17 Jahre ist es her, dass ich das letzte Mal in diesem Singapur ausgestiegen bin. Die Firma hiess anders, das Flugzeug hatte einen Motor mehr (als Geschwür am Schwanz) und die Welt war dankbar, dass der Millenium-Bug keinen Schaden angerichtet hat. Junge Leserinnen und Leser mögen sich vermutlich nicht mehr an diesen Bug erinnern – das macht aber auch nichts. Was geblieben ist in Singapur ist das Wetter. Heiss und schwül begrüsst mich die Stadt und sie hält auch an der Tradition vom täglichen Gewitter stur fest.

Diese Gewitter begleiteten mich selbstverständlich auch im Anflug. Dank des hypermodernen Wetterradars konnten wir den Gefahren ausweichen, sogar den fast unsichtbaren. Gopfridstutz bin ich den Damen und Herren von Rockwell Collins dankbar! Die rote Fläche auf dem Wetterradarbild sieht man eher selten. „Predictive Over Flight Alert“ nennt sich die Funktion und warnt Piloten von starken Turbulenzen, ausgelöst von einer sehr schnell wachsenden Gewitterzelle, deren höchste Wolkenränder noch einige tausend Fuss unter der momentanen Flughöhe liegen. Passagiere an Bord und Mechaniker am Boden waren uns für dieses Ausweichmanöver dankbar.
Lustig war der Anflug dennoch. „Sorry Swiss 178, we changed the landing direction due to the thunderstorm activity in the vicinity of the aerodrome.“ Diesen Satz hörten wir genau drei Mal. Das heisst drei Mal den Computer umprogrammieren und drei Mal ein Approach Briefing machen. Gopfridstutz!



Teuer ist sie geworden diese Perle knapp am Äquator gelegen. Für ein Essen bezahlt man mehr als man sich von Asien gewohnt ist und das Bier kostet fast soviel, wie in einem Londonner Nachtlokal. Gopfridstutz! Schliesslich ist das Bier nach einem 12-Stundenflug quasi eine Medizin für die geplagte und verstubte Niere.

Trotzdem bezeichne ich den Trip nach Singapur als gelungenen Einstieg ins Arbeitsleben nach vielen wundervollen Tagen im winterlichen Engadin. Selbst der Temperaturunterschied ist so brutal nicht. Die Loipen und die Minusgrade vermissend, werde ich heute Nachmittag Snow City besuchen. Gopfridstutz freue ich mich auf den Schnee!



Samstag, März 11, 2017

Ein halbes Leben

Neulich klopfte mir der junge Copilot auf die Schulter und nickte anerkennend. Was denn los sei, wollte ich von ihm wissen. «Gratuliere zum Dienstjubiläum!», schrie er für die Umgebung gut hörbar heraus.
«Dienstjubiläum?»
«Ja, laut Firmenhomepage bist Du 25 Jahre in der Firma.»
«Das kann nicht sein, meinen Arbeitgeber gibt es ja erst seit 15 Jahren!», meine leise Antwort. Apropos 15 Jahre, warum feiert das niemand in unserer Firma?

Nachdem ich meinen Kopf etwas zur Seite neigte, lüftete sich der Schleier. Tatsächlich habe ich am 3. Februar 1992 die Ausbildung zum Piloten begonnen. Scheisse, das ist genau ein halbes Leben her!

Ich verschone die Leser an dieser Stelle und verzichte auf einen Rückblick auf meine Karriere und ihre Höhepunkte. Peinlichkeiten gäbe es viele zu erzählen und Heldentaten sowieso. Ich erinnere mich nicht mehr an die Namen aller Damen, die ich während meiner wilden Copi-Zeit in mein Herz geschlossen habe und auch schwierige Persönlichkeiten zu meiner Linken habe ich für immer aus dem Speicher gelöscht.


Doch eines bleibt mir immer in Erinnerung, das ist der Bananen-Mantel meiner ersten Uniform. Weltklasse – oder?

die "Colani -Uniform" der 90er Jahre


NZZ vom 6. Februar 1992 
als Vergleich: Swiss Zahlen von 2015

Samstag, März 04, 2017

124 Schritte bis Bangkok

Auch ich nenne eine dieser denkenden Uhren mein Eigen und lasse zahlreiche Parameter aufzeichnen, auswerten und darstellen. Dank dem Wunderding an meinem Handgelenk weiss ich, dass ich für die rund 9000 km nach BKK ganze 124 Schritte brauche. Die Thrombose lässt grüssen!

Sieben Schritte sind es vom Pilotensitz bis in die Toilette, deren 12 bis zur Kaffeemaschine. Erklimme ich den Crewbunk, schlägt sich das in der Statistik mit 20 Schritten nieder. Ein Gang ins Gerüchtehauptquartier der F/A’s, der Businessküche, würde mit sagenhaften 25 Schritten zu Buche schlagen. Der Konjunktiv ist bewusst gewählt. Erstens unterbricht des Kapitäns Anwesenheit die Nonstop Sendung von Rumor-Radio unnötig und zweitens lasse ich mit meinem zentnerschweren Gewicht die Bodenplatten dermassen erzittern, dass sich die Top Passagiere in ihrem Schlaf gestört fühlen. Die Businessküche ist für mich tabu.

So lassen sich meine 124 Schritte gut erklären. Vier Mal Schiffen: 56 Schritte. Einmal Crewbunk und zurück: 40 Schritte. Ein Kaffee selber herauslassen: 24 Schritte. Uniformhose im Bunk ausziehen: 4 Schritte. Et Voilà, so einfach ist das.

Aus medizinischen Gründen wäre es wünschenswert, wenn ich mich auf 10000 Metern mehr bewegen würde. Doch Vernunft und Fliegerei lassen sich bei weitem nicht immer unter einen Hut bringen. Ein einziger und tragischer Zwischenfall hat dazu geführt, dass die Thrombosegefahr unter den Piloten sprunghaft angestiegen ist.
Von oberster Stelle wurde verfügt, dass immer vier Augen im Cockpit offen sein sollten, was diese allerdings zu fokussieren haben, regelt das Gesetz nicht. Öfters, als dies den Sicherheitsverantwortlichen lieb ist, tasten sich diese vier Augen gegenseitig die Iris ab. Lassen sie mich das an einem Beispiel erklären.

Ein junger Copilot in Ausbildung, nennen wir ihn Kevin, hat von einem Kollegen die Freigabe zur „2-Men-OPS“ bekommen. Das heisst nichts Anderes, als dass er ab subito mit seinem Ausbilder alleine unterwegs sein darf, ohne dass ihm ein Ausbildungs-F/O vom dritten Sitz nonstop über die Schulter schaut. Kevin hat eine zweistellige Anzahl Flugstunden auf dem Flugzeugtyp im Logbook vermerkt und kämpft noch mit diesem und jenem.
Der Fluglehrer, erfahren und grau, muss mal pinkeln. Gesetzeskonform wird ein F/A ins Cockpit zitiert, die ihre zwei himmelblauen Augen der Flugsicherheit zur Verfügung stellt. Das F/A, nennen wir sie Lara, ist jung, attraktiv und mit einem Körperbau gesegnet, der aus Männerträumen gemeisselt sein könnte. Lara setzt sich auf dem dritten Sitz und schnallt sich an. Laut Wikipedia geschieht in Kevins Körper interessantes: Verschiedene Botenstoffe sorgen für Euphorie (Dopamin), Aufregung (Adrenalin), rauschartige Glücksgefühle und tiefes Wohlbefinden (Endorphin und Cortisol) sowie erhöhte sexuelle Lust (Testosteron sinkt bei Männern, steigt bei Frauen).

Junge Männer sind trotz zur Schau gestelltem Selbstbewusstsein in solchen Situationen erstaunlich oft Scheu. Rote Wangen sind nur eines von vielen Zeichen dafür. Kevin zieht die Kopfhörer nach unten und fokussiert die Instrumente. Er hofft dadurch zu imponieren. 

In der Toilette sieht der Kapitän auf seinen tropfenden Hahn und ahnt nicht, welche hormonelle Katastrophe sich ein paar Meter weiter vorne abspielt.

Das F/A geniesst die Pause, hält die jugendliche Haut an die Sonne und stellt mit ihrem schwäbischen Akzent die Frage, die beim Copiloten alle Dämme zum Brechen bringt: „Kommsch heud Abend au a Bierle drinka?“

Das Fliegen geht vergessen, der Funk wird ignoriert und die Memory Items haben sich aus dem Memory verabschiedet. Der Stier in Kevin ist erwacht und er tut das, worauf ihn die Natur vorbereitet hat: Er denkt mit jeder Körperfaser an die Fortpflanzung.

Wer jetzt noch glaubt, dass das Vier-Augen-Prinzip die Flugsicherheit erhöht, glaubt auch an den Storch.
Liebe EASA, liebe Verantwortliche bei den Airlines: Zeigt Eier und kippt diese unnötige Vorschrift. Denn eines ist sicher: Unsere Copiloten haben Cojones!