Mittwoch, Oktober 18, 2017

Geschäftsreise

Auch Piloten gehen auf Geschäftsreise. Ganz ohne Sonderbehandlung und Y-Class pur. Ein Kurs steht an und das in Frankfurt. Statt weisse Uniformhemden finden hellblaue Leinenstoffe den Weg in meinen Koffer. Die folgenden drei Tage werden dafür sorgen, dass ich noch unersetzbarer werde in der Firma – das glaube zumindest ich…

Nach drei Tagen Bangkok wirkt die hessische Finanzmetrpole noch grauer als sonst. Klingen die Haltestellenansagen in Bangkok wie die Stimmen der Moderatorin in einer Beate Uhse Dokumentation, herrscht hier in Frankfurt preussischer Kasernenton. Erkundigt man sich nach dem Weg im Flughafen, erinnert mich der Tonfall der Antwort stark an meine Zeit in der Grenadier-Rekrutenschule während des kalten Krieges. Da wäre noch Luft nach oben…

Doch auch der Flug nach Bangkok war eine Geschäftsreise. Nicht für mich, aber für eine Kollegin und einen Kollegen aus dem P/R-Team, die zwei Journalisten auf unserem Flug begleiteten. Vom Inhalt der Story möchte ich nicht zuviel verraten, aber nach dem Erscheinen des Artikels werde ich an dieser Stelle sicherlich etwas Werbung machen.

Solche «P/R-Flüge» sind immer ein Erlebnis. Wenn die Gäste über das Crewleben berichten wollen, dann werden wir ihnen das Crewleben auch entsprechend zeigen. Eine Show ist da nicht notwendig, schliesslich haben wir es (fast) immer lustig, aber etwas andere Wege gehen wir schon. Gemeinsames Nachtessen, gemeinsamer Ausgang, gemeinsame Aktivitäten und gemeinsame Ausflüge – das alles ist nicht obligatorisch, aber durchaus spassig!

Was während der feuchten Anfahrt zum Hotel bei einigen noch Sorgenfalten auf die Stirne zauberte, rückte der Sonnenschein am nächsten Tag ins rechte Licht. Ein Fahrradausflug stand auf dem Programm und das mitten in Bangkok bei 35°C und fast 100% Luftfeuchtigkeit.
Ein Longboat brachte uns über den Fluss nach Thonburi, wo die Ausfahrt trockenen Fusses begann. Single Trail Erfahrung aus den Alpen war durchaus hilfreich auf den engen Wegen mitten im Dschungel. Links und rechts von Weg ging es jeweils rund einen Meter in die Tiefe, wo den Stürzenden eine feuchte Mischung aus Schlamm, dunkelbraunem Wasser und leider auch Abfall erwartete. Welche netten Tierchen da unter wohnen, musste ich Gott sei Dank nicht erfahren.

Zum Glück ging alles gut, zum Glück wurden alle vom Schlammbad verschont. Mit Text kann ich die Leserinnen und Leser nicht mehr fesseln, darum folgen ein paar Bilder.

Ich muss jetzt zum Kurs! Geschäftsreise halt….



Samstag, Oktober 14, 2017

"Wie kann so einer Kapitän sein?"

Ein von mir sehr geschätzter Ausbilder und späterer Vorgesetzter hat mir einmal gesagt, dass ich nicht nur während dem Flug die Rolle eines Kapitäns einnehme, sondern 24 Stunden am Tag. Alle meine Handlungen in der Freizeit werden in irgend einer Form mit dem Beruf in Verbindung gebracht.
In der gemütlichen Runde wird beobachtet, was der Herr der Lüfte an Bier konsumiert; auf der Strasse sollte man die gleiche Gelassenheit an den Tag legen, wie im Flugzeug, und emotionale Ausbrüche sind sowieso zu vermeiden. Latent liegt die Frage: «Wie kann so einer Kapitän sein?», immer in der Luft.

Ich versuche danach zu leben, immer gelingt mir das nicht.

Ich mag Passagierkontakte und ich mag Diskussionen über Gott und die Welt. Leider muss ich solche philosophischen Ausflüchte im Flugzeug auf ein Minimum beschränken. Die meisten Passagiere hören mich nur während meinen Ansagen und bilden sich in diesen wenigen Sekunden ein Bild von mir. Es muss ein Ziel jedes Skippers sein, dass sich nach «dem Wort zum Sonntag» möglichst wenige Passagiere die Frage aller Fragen stellen: «Wie kann so einer Kapitän sein?»

Darum braucht es zwei Sachen: Ehrlichkeit und eine ruhige Stimme. Inhalt fehlt in dieser Aufstellung bewusst – sind wir ehrlich, wer hört schon auf den Inhalt?

Das ändert sich schlagartig, wenn gewisse Personen an Bord sind – Kommunikationsprofis zum Beispiel, PR Koriphäen. Da lohnt sich der Versuch, die Ansage den speziellen Umständen und Gästen anzupassen. Ein Blick Richtung Politik dränkt sich auf. Die Damen und Herren der Parlamente sind «parlare» gewohnt und auf «parlare» geschult. Ganze 17 Sekunden hat man vor laufenden Kameras Zeit, seine Message rüber zu bringen. Siebzehn Sekunden sind keine schlechte Länge für eine Passagieransage. Ich mag es kurz.

Nach intensiver Analyse vieler Fernsehinterviews auf dem Kanal des Schweizer Farbfernsehens habe ich erkannt, dass folgende Wörter in jede Ansprache, in jedes Interview gehören: «Dualstrategie», «Konkordanz», «Inländervorrang light», «Verhüllungsverbot», «Innovation», «Willkommenskultur» – wie soll ich daraus blos eine vernünftige Ansage zimmern?
Damit die PR Profis und ihre mitreisenden Gäste nicht denken: «Wie kann so einer Kapitän sein?», bleibe ich beim Wetter und der verbleibenden Flugzeit. Das ist einigermassen ehrlich und es fliesst ruhig über die Lippen. Meine Ziele wären damit erreicht, wenn auch nicht mit Höchstnoten.

Wir sind in Bangkok sanft gelandet, artig gerollt und haben korrekt parkiert. Nur die Fahrt ins Hotel war etwas gewöhnungsbedürftig. Der Fahrer wollte unbedingt etwas bieten und zeigte uns unaufgefordert die «Floating Markets» von Bangkok. Ganze drei Stunden dauerte die Fahrt und Herr Flugkapitän nutzte die Zeit, und schlief gemütlich auf seinem Sitz ein. Der Kopf fiel nach links und aus dem Mundwinkel rann langsam Gaumenflüssigkeit über die Wange und danach fadengerade auf das weisse Hemd. Sie können sich denken, liebe Leserinnen und Leser, was die PR-Profis in diesem Moment dachten: «Wie kann so einer Kapitän sein?»

Hatte mein ehemaliger Chef recht: Kapitän ist man 24 Stunden am Tag…

Die Floating Markets von Bangkok





Dienstag, Oktober 03, 2017

Nobelpreis!


Das Trio Hall, Rosbash und Young hat das Rätsel der inneren Uhr entschlüsselt, Dafür gibt es Applaus meinerseits und den Nobelpreis des gleichnamigen Komitees. Ein Gen, beziehungsweise gleich deren drei, sollen für das Schlafpuff auf den Rotationen verantwortlich sein.

Dass eben diese Gene zuerst bei den Fliegen entdeckt wurde ist kein Zufall. Statt Fliegen zu zerlegen hätten die drei Herren die Flieger fragen können. Wir sind zwar akademisch weit von dem Niveau der drei Wissenschaftler entfernt, dafür haben wir praktischer Erfahrung mit eben diesem Gen. Dieses «geneticus aviaticus» bringt uns rund um den Erdball um den Schlaf und verlangt alles von uns Fliegern ab.

Darum liebe Neo-Nobelpreisträger, ihr braucht keine weiteren Fliegen zu erlegen. Klopft ungeniert bei uns Fliegern an, falls es um die praktische Umsetzung der neuen Theorien geht. Wir haben Strategien, Erfahrungen und durchaus auch kreative Ideen, wie man im Bett auch einmal ein paar Stunden schlafen kann.

Fliegt man gegen Osten, wie ich das im Moment gerade zelebriere, kann man den Schlaf mit einer Passfahrt in einem untermotorisierten Gefährt vergleichen. Es braucht Anlauf und etwas aufgestaute Energie, damit man den Kulminationspunkt vom Tief- in den Halbschlaf überschreiten kann. Wer nämlich im Fernen Osten zu früh zu Bett geht, der kommt nie über diesen kritischen Punkt hinaus und steht mitten in der Nacht senkrecht im Bett. Die Lust, um Mitternacht die Lichter zu löschen, wenn es im Heimathafen erst früher Abend ist, muss um jeden Preis unterdrückt werden. Sonst geht es wieder Rückwärts den Berg hinunter und dann steht man nach ein paar Stunden wieder hellwach am gleichen Ort. Klar hat die erfolglose Bezwingung des Passes Energie gekostet und das äussert sich in Form von Appetit, der leider nicht gestillt werden kann. Alles ist zu, keine Küche hat offen. Die drei Stunden, die man in der Regel wach ist, können mit Netflix oder Podcasts überwunden werden. Wenn es draussen endlich hell wird kommt die Müdigkeit zurück und die Passfahrt kann neuerlich in Angriff genommen werden. Die Qualität des Schlafs folgt auch der Logik einer Pässefahrt. Man quält sich von Spitzkehre zu Spitzkehre und bezwingt die Serpentine mit stotterndem Motor. Flieger sprechen darum auch vom sogenannten «Stotterschlaf».

Fliegt man gegen Westen, befindet man sich bildlich gesehen auf der Passhöhe. Die Lust die Abfahrt (also den Schlaf) sofort anzutreten ist kaum zu bremsen. Je länger man wartet, desto schneller und intensiver muss die Abfahrt bezwungen werden. Denn eines ist im Westen klar, Zielschluss ist für alle um die gleiche Zeit. Man hat also die Wahl zwischen einer gemütlichen Talfahrt, die etwas länger dauert und darum auch erholsamer ist, oder dem rasanten, aber kurzem Downhill-Race. Leider geht die gemütliche Talfahrt auf Kosten des Soziallebens und hält den Anwender vom fleischlastigen Nachtessen mit den Kolleginnen und Kollegen ab. Darum wählen viele die risikoreiche Variante, die nicht selten im Unglück endet. Unglück darum, weil man früher oder später die eine Kurve nicht kriegt und geradeaus in eine Felswand rast. Es fühlt sich nicht nur so an, es klingt sehr oft auch so. Auslöser ist im Westen nicht selten eine zugeknallte Hoteltüre, die den schlafgeplagten Aviatiker im Bett zusammenzucken und das Adrenalin in die Höhe schiessen lässt. Man füllt sich dann genau so, als ob man in eine Felswand gefahren ist. An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Das belämmerte Gefühl hält den ganzen Tag und den ganzen Heimflug an.

Nach soviel Theorie, für die ich vermutlich keinen Nobelpreis bekomme, verrate ich jetzt noch das Geheimrezept aller Aviatiker in der ganzen Welt. Wir nehmen kein Melatolin und kein Dormikum. Baldrian bringt nichts und auch von Meditation halten wir nichts. Alkohol ist das dümmste Mittel gegen Schlaflosigkeit und Sport würde zwar helfen, aber leider sind die Fitnesszentren zu den kritischen Zeiten stets geschlossen. Hanfprodukte sind verboten und von getrockneten chinesischen Tiergenitalien lassen wir gerne die Finger. Die Lösung liegt viel näher und ist so einfach wie genial. Sobald Crewmitglieder ihre Uniform anziehen, fallen sie in einen kollektiven Dämmerschlaf. Die Körperfunktionen nehmen ab - einmal abgesehen vom Gähnmuskel und die Bewegungen werden langsamer. Man könnte fast glauben, dass die Wäschereien rund um den Erdball die Uniformen mit THC imprägnieren. Ist man zuhause und hängt das Teil wieder in den Schrank, ist die Müdigkeit wie weggezaubert.

Darum liebe Leserinnen und Leser dürfen sie nicht erstaunt sein, wenn in Zukunft gewisse Fruchtfliegen in blauen Uniformen mit goldenen Streifen herumfliegen. Es handelt sich dabei nicht um Tierquälerei, sondern um ernsthafte Forschung, die vielleicht zu einem weiteren Nobelpreis führen könnte.

Freitag, September 22, 2017

Adieu


Vermutlich war ich 1996 zu ersten Mal in Chicago. Damals mit einem Flugzeug, das vier laute Triebwerke hatte, die von einem Flight-Engineer bedient und überprüft wurden. Chicago war sowohl fliegerisch und als Stadt immer für eine Überraschung gut. Es ist nicht, dass ich diesen Flecken hasse, aber über die Jahre wurde sie nie zu meiner besten Freundin.

Man isst hier gut, kann ausgezeichneten Blues geniessen, spürt den Winter intensiver als im Engadin, lernt sich gegen den Wind zu schützen, schätzt die Michigan Avenue als Flaniermeile und wundert sich über die unglaubliche Mengen an Autos, die Tag und Nacht die Strassen verstopfen.

Aber eben, der Funken springt bei mir nicht über und ich bin froh, dass ich zumindest bis zum Sommerflugplan 2018 das letzte Mal in der Stadt Al Capones war.

Natürlich gibt es Ausnahmen, natürlich hat es auch in dieser Stadt Plätze und Orte, an denen ich mich sehr gerne aufhalte.

So zum Beispiel das Lawry’s. Ein Restaurant, das es eigentlich gar nicht mehr geben dürfte. Ohne Reservation geht gar nichts und man betritt die heilige Halle mit Vorteil in anständigen Kleidern. Das Lawry’s gibt es schon seit einer Ewigkeit und seit einer Ewigkeit serviert man in diesem Haus die gleiche Spezialität: Prime Rib. Tradition wird in diesem Haus gelebt und das spürt der Gast bereits nach der Drehtüre. Eine adrett gekleidete Schönheit empfängt die Gäste und führt diese an den weiss gedeckten Tisch, der mit verschiedenen Weingläsern gut bestückt ist.

Bedient wird der Gast von einer … – ich suche nach dem richtigen Wort, denn «Serviertochter» passt an dieser Stelle in keinem Fall – … Hausdame, die ein Häubchen trägt und sich sofort mit «Miss Sowieso» vorstellt. Würde sie, wie sonst üblich in Amerika, ihren Vornamen nennen, könnte das unpassender nicht sein.
Die Dame hat Style und Zack. Frisches Brot kommt mit der Speisekarte, obwohl man diese in Lawry’s getrost weglassen könnte. Hier stellt sich lediglich die Frage, in welcher Grösse man das Prime Rib bestellen will.

Nach der kunstvollen Salatzubereitung am Tisch, untermalt mit Geschichten der Hausdame, bringt ein stolzer Koch eine grosse Metalhaube auf Rädern an den Tisch. Unter der Haube schmort das butterzarte Fleisch seit Stunden und wartet auf die hungrigen Mäuler aus der Schweiz. Der Koch, bestückt mit einem imposanten Bauch und behangen von einer Goldmedaille, die ihn als Prime Rib Spezialisten auszeichnet, trennt ein grosses Stück vom Knochen und serviert die Köstlichkeit elegant am Tisch. Meerrettichschaum, Kartoffelstock und Yorkshire Pudding ergänzen das rosa Stück Fleisch auf dem Teller.
Ich werde das Lawry’s vermissen!

Wer so üppig isst, der sollte sich bewegen. Joggen entlang der Beach und dabei den Sonnenaufgang geniessen, gehört zumindest im Sommer zu den schönsten Momenten in dieser Stadt. Selbst wenn man verbotenerweise – die Beach ist typisch amerikanisch bei Dunkelheit geschlossen – in der Dunkelheit losrennt, ist man umzingelt von sportbegeisterten Amerikanern, die wie ich am Vorabend aus kulinarischer Sicht über den Strang geschlagen haben.

Wenn ich heute Nacht bei 30W fast einschlafe und zum Wachbleiben einen Ländler von Carlo Brunner auf dem Kopfhörer abspiele, werde ich Chicago dankbar für ein halbes Jahr ad acta legen.
Adieu «windy city»!



Sonntag, September 17, 2017

Bitte tun sie das nicht!

Um Himmelswillen NEIN!

Es gibt einiges, was bei der Fliegerei Tabu ist. Kleiderkauf nach dem Flug gehört dazu, übertriebene Freundlichkeit zu amerikanischen Grenzbeamten auch. Man sollte in Los Angeles nicht bei Rot über die Strasse gehen und auch Kritik an den Fahrkünsten unserer Crewbusfahrer kommt schlecht an. Wer nach Bangkok will soll nie und nimmer Bangkok im Wunschsystem eingeben und am Wochenende hat man mit fast 100 prozentiger Sicherheit frei, wenn jeweils Samstags ein Hongkong gewünscht wird.

Lege Dich nie mit den First Class Galley-Engel an und unterstehe dich, die Crew bei der Ansage «landing in ten minutes» zu belügen. Beschwere dich nicht über vollgestellte Parkhäuser und reklamiere nie beim Tower, wenn es in Zürich wieder einmal eine halbe Stunde Verspätung gibt.

Auch die Sicherheitsbeamten an den Röntgenapperaten verstehen keinen Spass, wenn die Schuhe piepsen oder Handys in den Hosensäcken durch die Schleuse geschmuggelt werden. Der Zoll mag kein amerikanisches Rindsfilet im Crewgepäck und auch nicht abgeholte Pakete mit verderblichem Inhalt werden in der Crewpost wenig geschätzt. Wehe auf dem BAZL Formular wird eine Unterschrift vergessen oder man schreibt auf das Couvert nicht die neusten Postadressen, die aufgrund Restrukturierungen im Monatsrythmus ändern.

Ein falsches Wording im B777 Cockpit kommt ähnlich schlecht an, wie schmutzige Schuhe am Linecheck. Wer während des Crewbriefings das Handy benutzt bewegt sich in Augenhöhe mit denen, die nach einem 12-Stunden-Flug den iPad-Bildschirm im Cockpit nicht reinigen. "Dangerous Goods" müssen nun mal alle zwei Jahre trainiert werden, da hilft toben und stampfen bei den Lehrpersonen wenig.

Nicht grüssende Kollegen gehören genauso zu der unbeliebten Truppe wie die Spezies, die wie Mumien herumstehen, wenn die jüngste Hostess dem Fahrer hilft, die schweren Koffer zu entladen.
Ganz oben auf der Hassskala stehen jene, die um Hotelzimmer feilschen, wenn der Grossteil der Crew hinter dem Tresen für einen Zimmerschlüssel ansteht.

So, ich glaube das sind alle Do’s und Dont’s der Fliegerei. Wenn sie liebe Leserinnen und Leser bis zum Schluss mitlasen, sind sie bestens qualifiziert für eine Karriere an Bord.

Habe ich wirklich an alles gedacht?

Nein, um Himmelsgottswillen! – etwas wichtiges habe ich vergessen: Schreiben sie nie einen Text, wenn sie in Chicago im Stau stehen. Sie laufen Gefahr, den gleichen Mist zu verfassen wie ich eben.

Einen Vorteil hat die Schreiberei allerdings: Wir sind endlich beim Hotel angekommen!

Donnerstag, September 14, 2017

Aufgewärmtes – Teil 2

Ich bin noch immer im Engadin und warte sehnlichst auf den ersten Schnee. Grund genug wieder etwas aufgewärmtes zu servieren!

Max Havelaar Flüge

Fluggesellschaften können von Krankenkassen viel lernen. Die Gesundheitsinstitute haben es dank geschicktem Lobbying und Marketing soweit gebracht, dass ein Jubelschrei durch den Blätterwald geht, wenn die Prämien für einmal nur im einstelligen Bereich steigen. Farbige Prospekte werden versandt, und frohlockend wird verkündet, dass der Prämienanstieg um einige Promille tiefer ausfallen könnte, wenn der Versicherte sich für ein Jahr verpflichten würde, bis und mit Herzimplantation alles selber zu berappen.
Das ist ein Geschäftsmodell, das so gut floriert, dass den Verantwortlichen ein gewisser Hang zum Übermut nicht abgesprochen werden kann. Das führte 2011 dazu, dass einige Räte der Verwaltung einer Krankenkasse die Aktien so «boschig» bewertet haben, damit es ihnen und ihrem Portfolio zugute kam. Dies führte für die Betroffenen zu einem Berufsverbot und ermöglicht mir einen wunderschönen Übergang zur Fliegerei.

Was, wenn wir als Airline so funktionierten wie eine Krankenkasse? Wir bräuchten einen eigenen Bundesrat, der Jahr für Jahr den Schwarzen Peter spielt, und zahlreiche Lobbyisten, die Erste-Klasse-Tickets in der Wandelhalle verteilen. Wir könnten jedes Jahr die Preise erhöhen und kundenfreundliche Franchisen anbieten, bei denen der Passagier ein paar Prozente Ermässigung erhält, wenn er das Kerosin selber mitnimmt oder ein paar halbe Prozente Reduktion, wenn er beim «Local Frost Removal» Hand anlegt. Passagiere ohne Zusatzversicherung (Economy) müssten beim Push-back helfen und würden damit beitragen, dass die CO2-Bilanz und die Kosten signifikant gesenkt würden. Sobald eine «Winter-OPS» am freigelegten Flügel durchgeführt würde, käme der Taxpunkte-Zähler ins Rotieren, und bei mehr als 20 Knoten Seitenwind müsste zwingend der Oberarztzuschlag abgerechnet werden. Pro umflogene Gewitterzelle landet eine definierte Taxpunktmenge auf der Guthabenseite, und bei Rückenwindlandungen gäbe es noch ein paar extra dazu. Passagieren, die zum ersten Mal fliegen, wird die Erstkonsultation in Rechnung gestellt, und die konsumierten Champagner der Vielflieger könnten unter Medikamentenkosten abgerechnet werden. Sind mehr als 50 Prozent der Passagiere zusatzversichert, müsste zwingend der Kapitän landen. Das führt in der Regel nicht zu besseren Ergebnissen, was die Gemeinsamkeiten zur Medizin noch einmal deutlich aufzeigt. Doch damit wir soweit kommen, brauchen wir ganz hurtig ein paar Hurtis mehr in Bern, und das scheint mir auf die Schnelle so nicht durchführbar.

Darum braucht es noch andere Ansätze, und zwar gute. Mehr Erfahrung mit tiefen Margen und Ausbeutung hat das Bananengewerbe. Damit ich als Konsument ohne schlechtes Gewissen Gallonen von Kaffee trinken und reife Bananen zwischen Pilotensitz und meinen Hintern legen kann, haben 1992 ein paar Basler die «Max Havelaar»-Stiftung für fairen Handel gegründet. Diese ist benannt nach einem niederländischen Roman aus dem Jahr 1860. Fairer Handel ist wichtig für Produkte, die selbstverständlich konsumiert werden, fern ab vom wahren Preis über den Ladentisch gehen und bei denen niemand bereit ist, die Produzenten marktgerecht zu entschädigen. Mit anderen Worten: Es braucht «Max Havelaar»-Flüge! Fluggesellschaften sind die Kleinbauern der Dienstleistungsgesellschaft, die die Wirtschaft am Leben erhalten und dafür sorgen, dass Mensch und Maschine pünktlich, sicher und so politisch fluglärmkorrekt wie möglich ans Ziel kommen. Fluggesellschaften sind den Regulatoren, Gebühreneintreibern und dem OPEC-Bazar schutzlos ausgeliefert und produzieren dennoch sicherheitsbewusst, freundlich und zuverlässig. Deutlicher kann man es nicht sagen: Fluggesellschaften brauchen den Schutz, den andere schon haben.

Etwas ähnliches wie ein «Max Havelaar»-Label würde vielleicht etwas helfen, doch nach über 20 Jahren in diesem Geschäft glaube ich ehrlich gesagt nicht daran, dass irgend ein Passagier einen Extra-Rappen für fairen Flugverkehr aufwirft. Darum scheint mir die andere Variante durchführbarer: Wir brauchen superhurtig mehr Super-Hurtis in Bern!


Montag, September 11, 2017

Aufgewärmtes – Teil 1

Bald ist unser 15. Hochzeitstag. Endlich wieder im Engadin, endlich wieder etwas Pause. Ich glaube es käme nicht gut an, wenn ich diese freie Zeit mit Texten verbringen würde. Darum serviere ich Aufgewärmtes, das an dieser Stelle noch nicht erschienen ist.





Herzlich willkommen an Bord!

Das Begrüssen der einsteigenden Passagiere gehört zur nobleren der Aufgaben, die ein Jungkapitän morgens um halb Sieben zu erledigen hat. Man spürt den Puls der Gäste, man kann Probleme früh erkennen und diese im Keim ersticken. Die Checklisten sind abgearbeitet, die Fracht im Bauch verstaut, und der M/C wartet auf Wasserdruck, damit die Kaffeemaschine 15 Zentimeter neben meinem Kopf in Betrieb genommen werden kann.

«Guten Morgen.»
«Bonjour!»

«Herzlich willkommen!»
«Mhhhh.»

«Grüezi!»
«Hello.»

«Good Morning!»
«You are late!»
«No, I'm not late. I'm on the plane since 6:10 a.m. You are late!»
«Mhhhh.»

«Wo kann ich mein Handgepäck verstauen?»
«Leuchtweste an, Treppe runter, ums Flugzeug rum und ab ins hintere Frachtabteil.»
«Dieses Handgepäck ist auf dem Flugzeug erlaubt!»
«Wer sagt das?»
«Die Verkäuferin bei Aldi.»
«Aha...»

«Hello.»
«Bonjour!»

«Good Morning.»
«Hello.»

«Haben Sie den ‹Schwäbischen Anzeiger›?»
«Nur wenn sie uns die Nordanflüge wiedergeben!»

«Guten Morgen.»
«Bonjour!»

«Guten Morgen.»
«Könnten Sie mir das abnehmen?»
«Nö.»
«Warum nicht?»
«Keine Zeit, keine Lust, keine Kraft.»

«Guten Morgen.»
«Bonjour!»

«Morning.»
«Mhhhh.»
«Sorry, not in this T-Shirt on a Swiss plane!»
«Why?»
«FLY EMIRATES – come on!»

«Guten Morgen.»
«Bonjour!»

«Bonjour.»
«Oje, dr Käpten isch en Wälsche!»

«Bonjour.»
«Merde, un pilot Swiss toto...»

«Guten Morgen.»
«Mhhhh.»

«Hallo.»
«Mhhhh.»

«Grüezi.»
«Könnte ich einen Fensterplatz kriegen?»
«Das Flugzeug ist voll besetzt. Das wird etwas kompliziert.»
«…aber ich möchte herausschauen.»
«Es ist dunkel.»
«…aber die Lichter sind auch schön.»
«Es hat Nebel.»

«Willkommen an Bord.»
«Wie immer zu spät!»
«Ihnen auch einen schönen Tag...»

«Morning.»
«Is my low-fat-vegetarian-gluten-and-nut-free-medium-rare-meal loaded?»
«The flight time to Geneva is only 25 Minutes. We don't serve meals.»
«But I'm hungry!»
«We serve Swiss Chocolate.»
«Organic chocolate?»

«Guten Morgen.»
«Aha der Chef persönlich. Haben Sie die Kiste auch im Griff?»

«Grüezi.»
«Bonjour!»

«Wie viele Passagiere hast Du schon?»
«109, es fehlen noch 50.»
«Sch.....»