Dienstag, August 19, 2014

Nackt-Selfies im Cockpit

Im Alter gehört es einfach dazu, dass man gewisse Körperpartien nur noch mit technischen Hilfsmitteln zu Gesicht bekommt. Das ist insofern wichtig, weil eine regelmässige visuelle Überprüfung delikater Regionen von gesundheitlichem Weltinteresse ist! Man denke nur an die planetenweite Verbreitung von Epidemien und Käfern unappetitlicher Herkunft.
Mussten früher sperrige Spiegelreflexkameras zur Hilfe genommen werden, bieten sich heute sogenannte Smart-Phones an. Ein zugegeben seltsamer Name, denn er beschreibt nicht die Eigenschaften des Geräts, sondern definiert den Anspruch an die Intelligenz des Benutzers.

Im Gegensatz von Spiegelreflexkameras älteren Datums, wo das Ergebnis der Yoga-Übung «nackter Krieger» erst nach tagelangem Warten auf die Post aus dem Entwicklungslabor vorlag, liegt in der technikverrückten Gegenwart das Bild verborgener Körperteile sofort auf dem Bildschirm bereit.
Einmal Fingerspreizen genügt, und Mann ist von den Dimensionen angewachsener Haut- und Fleischfetzen tief beeindruckt. Dass dies ausschliesslich der gesundheitlichen Vorbeugung dient, sei an dieser Stelle noch einmal deutlich gesagt!

Nicht dass wir in den 60er Jahren geborene Babyboomer Hypochonder wären, aber es kann durchaus vorkommen, dass urplötzlich und unter Einfluss einer leichten Panikattacke Bedenken am eigenen Gesundheitszustand aufkommen. Dies wiederum führt bei einer so pflichtbewussten Generation, wie wir in den 60er geborenen halt sind, zu einem Aktionismus, der nach sofortiger Lösung des Problems schreit. Juckt und zwickt es an heikler Stelle, ist der Gurt der Hose hurtig geöffnet und das Smart-Phone für den Schnappschuss allzeit bereit. Selbst am Arbeitsplatz duldet die Überprüfung der juckenden Stelle an heikler Lage keinen Aufschub. Dies kann, – das sei hier in aller Deutlichkeit gesagt –, peinliche Folgen haben.

Mann sollte davon absehen, Bilder mit medizinischen Objekten über Kanäle mit seltsamen Namen an junge, weibliche Laien zu senden, denn die könnten den medizinischen Hintergrund der Anfrage missverstehen.

Trotz aller bereitliegenden Fettnäpfchen ist das Thema ernst zu nehmen! Darum sind auch wir älteren Piloten nicht vor dem erstellen von «Nackt-Selfies» befreit. Millionen Leser und wenige Leserinnen fragen sich jetzt sicherlich, wie das am Arbeitsplatz des Piloten vor sich gehen soll. Das ist in Tat und Wahrheit gar nicht so einfach. Ein Platz um delikate Bilder zu erstellen wäre zum Beispiel die Bordtoilette. Doch leider ist diese so eng, dass man nicht gleichzeitig die Hosen runder lassen und das Smart-Phone bedienen kann. Auch das Cockpit bietet sich als Photostudio kaum an. Spreizt ein Kapitän die Beine nur leicht, schaltet er mit dem linken Knie den Autopiloten aus und das rechte befiehlt «volle Kraft voraus». Auch die Bordküche fällt aus dem Rennen. Die jungen Kolleginnen zeigen kaum Verständnis für die Gebrechen von graumelierten Piloten, obwohl nicht wenige von uns reifen Männern dies allen Ernstes glauben.

Wenn die Verzweiflung am Grössten ist, ist der Staat schnell zur Stelle. Glücklicherweise arbeite ich in der Aviatik und glücklicherweise schaut Väterchen Staat viel zu gut zu mir. Ich gelte je nach Leseart, als gesundheitlich oder kriminelles Risiko und darum haben sich die Regulatoren entschlossen, mein altersbedingtes Problem mit hohem technischen und finanziellem Aufwand zu lösen:


Ich darf täglich durch einen Nackt-Scanner...