Samstag, April 05, 2014

Der Griff in die Mottenkiste (1)

Auszug aus dem Swissair Flugplan des Jahres 1952

Der Griff in die Mottenkiste ist immer wieder für ein paar heitere, aber auch tragische Anekdoten gut. Nur muss man diese Mottenkiste zuerst finden. Durch Zufall kam ich in den Besitz von vergilbten Dokumenten der Luftfahrt, deren Inhalte es zu erzählen sich lohnt.
Beginnen wir mit einer tragischen Episode aus den 50-er Jahren des letzten Jahrhunderts. Flugkapitän H.* schrieb 1950 einen Rapport und schilderte einen ziemlich ungewöhnlichen Zwischenfall.

die Checkliste der DC-4 Familie

Er übernahm am damaligen Flugplatz Northolt in London die HB-ILA für den Rückflug nach Zürich unter der Flugnummer SR111 (…). Mit an Bord 28 Passagiere, wovon einer davon M.*, der wegen ungültigen Papieren via Schweiz in sein Ursprungsland zurückgeschafft wurde.

Laut Aussagen der Kabinenbesatzung passierte über dem Kanal folgendes:

«M. sass ruhig an seinem Platz und blätterte abwesend in einer Zeitung. Über dem Kanal wurde den 28 Passagieren ein kleiner Lunch serviert und es fiel nicht weiter auf, dass M. seinen Platz verlassen und etwas weiter hinten neben einem anderen Passagier Platz genommen hatte. Nachdem er seine Mahlzeit beendigt hatte, stand er auf und brachte der Stewardess das Tablett mit dem Geschirr nach hinten. Diese nahm das Gebrachte in Empfang und schickte sich an, es zu versorgen. Dabei kehrte sie M. für eine kurze Zeit den Rücken zu. Was weiter folgte, liess sich nicht mehr eindeutig feststellen, auf alle Fälle ging alles blitzschnell. Plötzlich ging die Türe auf und M. war verschwunden. Den ganzen Vorfall hatten nur einige der Passagiere bemerkt, so auch Herr N.* von der Swissair. Mit einiger Mühe konnte die Türe wieder geschlossen werden, doch wurden durch den Luftzug einige Gegenstände, z.B. der Bodenteppich, hinausgezogen. Es sei hier noch erwähnt, dass, wenn sich die Türe öffnet, ein Spalt von ca. 20 cm offen steht. Es ist also gut möglich, dass sich ein Mensch ohne Mühe durchzwängen kann. Das Flugzeug befand sich über einer geschlossenen Wolkendecken in 2250 M.ü.M., ungefähr 10 Kilometer NE St. Quentin. Sofort wurde die Kontrollzone Paris mit folgendem Telegramm informiert:
TO HXM Qth 5 NLM NE FNK 1044 QBN 2250 MTR = 1 PAX SUICIDE = LEAPED OVERBOARD NAMED M. = CPT HB-ILA (QSL 1055Z)»
* Die Namen und die genauen Daten sind bekannt

durch die Türe 6 hat der Passagier das Flugzeug verlassen

 


Ein tragischer Zwischenfall, der heute so nicht mehr passieren kann. Was aber damals wie heute leider gleich geblieben ist sind Schicksale und Ängste, die Menschen zu unfassbaren Taten treiben.

1 Kommentar:

  1. Drangvolle Enge in einer Flugzeugkabine! Verzweiflung! Momentane Ausweglosigkeit!
    Trotzdem: Diesen Ausweg hätte M. sich verbieten müssen!
    Solche Abgänge, sei's gestern, heute, oder morgen, sind KEINE LOESUNG!
    Richi

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