Dienstag, April 01, 2014

Das komplizierte Leben der Geradeausflieger

Ab und zu will es der Zufall, dass man im Planungsraum im Operationcenter den Geradeausfliegern begegnet. Geradeausflieger sind die Spezies der Aviatiker, die vom langen Sitzen leichte Rückenschmerzen haben, Bewegungen zögerlich ausführen, Dinge länger fokussieren müssen, bis sie sie scharf sehen und meist so verträumt dreischauen, als ob sie in einer illegalen Hanfplantage übernachtet hätten.
Geradeausflieger treffen sich im Planungsraum, um Flüge in andere Kontinente zu planen, die unendlich lange dauern – konkret etwa so lange, wie unser Kurzstreckenarbeitstag auch. Geradeausflieger sind aber auch ganz entspannte Wesen, mit denen man noch vor ein paar Jahren allerlei Lustiges in der weiten Welt erlebt hat.

Wen wundert es da, dass man im Planungsraum weniger über die Planung redet, sondern um wahre, nicht so wahre und erfundene Geschichten rund um das lustige Pilotenleben.
Wo sich drei Cockpit-Geradeausflieger treffen, sind die zehn Kabinen-Geradeausfliegerinnen auch nicht weit. Diese unterscheiden sich von den Kolleginnen, die zusammen mit mir Europa entdecken, schon auf den ersten Blick. Sie sind nämlich leicht älter, was ich in diesem Zusammenhang ganz und gar nicht despektierlich meine. Im Gegenteil, mit Menschen im gleichen Alter verbindet einem viel mehr, als mit den selbstsicheren 20-Jährigen, die mir laufend versuchen ihre Welt zu erklären.
Ein freundliches Wort hier, ein Lächeln da.

«Wo gehst Du hin?»
«Wo kommst Du her?»
«Wann wechselst Du wieder zu den Geradeausfliegern?»
«Was, Dir gefällt es auf der Kurzstrecke?!!?»
«Vermisst Du Tokio nicht?»
«Und Boston?»
«Doppel-Rom, ach Du armer...»

So schön diese Gespräche auch sind, sie lenken vom Wesentlichen ab. Genau da, wo sich alle Kabinen-Geradeausfliegerinnen treffen, steht die Kaffeemaschine, die uns Kurzstreckenflieger mit dem Koffein-Elixier versorgt, das so einen Doppel-Rom erst möglich macht.
Die Münze verschwindet im Schlitz, die Bohnen werden gemahlen. Da hinten ein bekanntes Gesicht. Gepflegte Haut, tolle Figur, Augen, die mir bekannt vorkommen.
War es in Los Angeles oder in Tokio, als wir vor gefühlten hundert Jahren einmal zusammen Pilot und Hostess gespielt haben? Oder Boston? Ich weiss es nicht mehr, aber Andrea – so heisst die Holde – und ich hatten vor gefühlten hundert Jahren eine gute Zeit in dieser fernen Stadt, wo immer sie auch liegen mag.

Fast 90° C heisses Wasser wird mit einigen Bar durch die kolumbianische Kaffeemischung gepresst und hinterläst in dem Pappbecher einen Espresso mit cremiger Schaumkrone. Die Lebensgeister werden geweckt und der Puls steigt leicht an. Andrea kommt in unsere Nähe, schreibt sich für den Boston Flug ein und begrüsst mich freundlich. Selbstverständlich zeige auch mich von der besten Seite.
«Hallo Andrea, wie geht’s?»
«Ich heisse Rosmarie, macht nichts. Du konntest Dir meinen Namen schon vor zwanzig Jahren nicht merken.»

Mein Copi grinst und ich verlasse die Welt der Geradeausflieger eiligen Schrittes mit leicht rötlichem Teint im Gesicht.


Doppel-Rom ist weniger kompliziert...


Kommentare:

  1. Ich hege auch schon lange den Gedanken, meine Mitmenschen gut sichtbar mit einem Wasserfesten Edding auf der Stirn zu beschriften...

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  2. Ich freue mich tierisch, dass du momentan wieder Lust am Blogschreiben verspürst :) Hast mich mit der Geschichte bestens unterhalten!

    Was hältst du eigentlich von einem instagram-Account ? Wahllose Bilder aus deinem Pilotenalltag posten, die sicherlich viele deiner Leser interessant angucken würden.

    Beste Grüße

    Do

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  3. Instagramm, Twitter, Facebook, WhatsAPP, .... – alles viel zu stressig für mich. Muss noch das Leben geniessen!

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  4. Wer will sie alle auseinander halten? Andrea, Rosamunde, Rosy & Rosmarie?
    Panta rhei. Alles fliesst....Da ist es leichter, zu berechnen, mit wie viel Bar annähernd 90Grad heisses Wasser etwelche kolumbianische Mischungen in Kaffeemaschinen passiert:

    Zürich-Rom zwei mal hin und zurück an einem Tag? Uff!
    Darauf einen Doppelten bitte...
    Richi

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