Freitag, März 28, 2014

Das Wort zum Sonntag

Wenn am Samstagabend vor der «Voice of Switzerland» die «Voice of Fraumünster» ausgestrahlt wird, dann verhalten sich Fernsehzuschauer ganz ähnlich wie Flugpassagiere bei der Ansage des Kapitäns. Man hat sich daran gewöhnt, es ist Tradition, doch keiner hört hin...
Der Flugpassagier hat im Gegensatz zum Fernsehzuschauer bei Unaufmerksamkeit auch keine Konsequenzen wie Fegefeuer oder Nachteile bei der nächsten Beichte zu befürchten. Das wirft natürlich die Frage auf, warum man in der Luftfahrt, die in den letzten Jahren ja soviel von der einstigen Exklusivität eingebüsst hat, noch an dieser Tradition festhält?
Und jetzt meine lieben Leserinnen und Leser, begibt sich Flugkapitän nff auf ganz dünnes Eis J
Drei Hauptdarsteller im Flugbetrieb hängen an diesen Passagieransagen und verteidigen das «Wort zum Flugtag» mit Händen und Füssen. Konkret handelt es sich um die Marketingstrategen, die Psychologen und die Kapitäne themselves.

Marketingstrategen, das sind die neuen Gottheiten der Marktwirtschaft, erblickten in ihrer Kristallkugel einen Wettbewerbsvorteil, wenn man Passagiere in ihrer Muttersprache an Bord begrüssen kann. Das ist bei einem sogenannten Hubcarrier gar nicht so einfach. Haben wir doch mehr Nationen an Bord, als in der Migros in meiner Wohngemeinde an einem stinknormalen Werktag am Frischbrot herumdrücken. So schlossen wir wie so üblich in unserem kleinen Land, einen gutschweizerischen Kompromiss. Wir begrüssen die Gäste auf Geheiss der Marketingstrategen auf Deutsch, Französisch und Englisch. Das wiederum verärgert unsere italienischsprechenden Landsleute, was aber auch wieder nicht so schlimm ist, fliegen die seit 2013 ja mit den Wüstensöhnen aus Abu Dhabi. Dass eine Ansage in so vielen Sprachen länger dauern kann als das Boarding, haben die Marketingstrategen übersehen.


Psychologen haben standesgemäss eine differenziertere Meinung zu diesem, wie auch allen anderen Themen. Passagieransagen erhöhen das Vertrauen und mindern die Flugangst, höre ich immer und immer wieder an Veranstaltungen zum Thema Sicherheit. Dieser letzte Nebensatz könnte den Eindruck erwecken, dass wir eine fundierte Ausbildung in der Disziplin Passagieransagen geniessen durften, was zumindest in meinem Fall nicht zutrifft. Doch selbstverständlich nehmen wir die Voten der Psychologen ernst und informieren ruhig, ehrlich und in langsamen Sätzen, wo es gerade klemmt im System Flug.
«Wenn ihr Idioten nicht soviel Handgepäck mitnehmen würdet, wären wir schon lange in der Luft» wäre zwar ehrlich, steht aber im Widerspruch zu den Wünschen der Marketingexperten und könnte laut Psychologen den Schluss zulassen, dass der kompetente und immer ruhige Kapitän einen «schettinischen» Anfall habe.

Die dritte Gruppe, die an den Passagieransagen festhält, sind die Kapitäne. Man hört sich in der Welt der breiten, goldenen Streifen gerne selbst reden. Das ist beim Apéro genauso, wie im Flugzeug bei den Ansagen. Wissen sie, wie man einen Kapitän an einer Party unter den 100 Gästen erkennt? Ganz einfach, er erzählt es ihnen! So kommt es schon mal vor, dass linguistisch talentierte Flugzeugführer in mehreren Sprachen verkünden, dass unter den dicken Wolken eigentlich die Stadt XY zu sehen wäre. Doch zum Glück hat sich dies in den letzten Jahren geändert. Die Pace in unserem Beruf hat sich markant erhöht und man hat neben den zu erledigenden Arbeiten keine Zeit und Lust mehr, Hörspiele über das Bordsystem zu verkünden.

Anders ist dies natürlich bei Unregelmässigkeiten. Da muss informiert werden und wenn das Flugzeug in Genf steht, in Gottesnamen auch in Französich. Während wir Deutschschweizer es sexy finden, wenn uns ein Mädel oder der Stress in «Voice of Switzerland» mit einem französischen Dialekt begrüssen, haben wir «Suisse Toto» (und die Firma) den Anspruch, dass alles Französische so über unsere Lippen kommt, als hätte es Voltaire persönlich verkündet.

Neulich stand Kapitän nff in Genf und viele der Abflüge erschienen auf der grossen Tafel in Rot. Die französischen Fluglotsen streikten, was übrigens ein unmissverständlicher Vorbote eines schönen Sommers ist. Obwohl dies die Passagiere bereits von Facebook, Twitter, Blick, Le Matin, 20Minutes, Le Temps, der Flughafeninformationstafel, den Leuchtschriften im Bahnhof und dem Bordingpersonal vernommen haben, wollten sie die schlechte Nachricht vom Chef noch einmal persönlich hören. Ich hatte in Jugendjahren zwei französische Freundinnen, konnte problemlos Essen und Getränke in der Sprache Jean-Paul Belmondos bestellen und verbracht jede freie Minute mit meinen welschen Kolleginnen und Kollegen der Kanunationalmannschaft. Doch weder vom passé composé, noch vom futur simple habe ich eine Ahnung. Darum gelte ich in der Deutschschweiz als Nicht-Französisch-Sprechend und gehöre damit einer stolzen Mehrheit an.

Auch wenn ich den Streik in Französisch durchaus hätte verkünden können, habe ich zu einem Trick gegriffen. Ein Klopfen an die Bürotüre der charmanten Sekretärin in Genf bescherte mir nicht nur einen leckeren Espresso, ich bekam auch eine eiligst verfasste Ansage in bestem «Française Léman». Ohne einen Blick auf das Papier zu werfen bestieg ich den Bus und liess mich zum noch leeren A319 chauffieren.
Die Leute kamen, die Türen wurden geschlossen und die Fluggemeinde wartete gespannt auf die Worte des grossen Kapitäns. Locker nahm ich das Mikrofon in die eine und das Blatt in die andere Hand. Nebenbei unterschrieb ich noch einen Flugplan und hörte mit einem Ohr den Funk mit.

«Bienvenue à bord chers passagers à destination de Nice...» rief ich aus meinem Gedächnis ab und wechselte dann gekonnt auf die Notizen der Kollegin mit der lebensrettenden Nespresso-Maschine.

«En raison de la grève des contrôleurs aérien en France, nous avon un créneau de décollage prévue  à ... »
Hätte ich auch so formuliert...

«Nous avons anticipé l’embarquement afin d’être prêt en cas d’amélioration du créneau.»
Amélioration du créneau – ja hergottsternensiech, wer hat denn so einen Zungenbrecher formuliert!
Das Flight Attendant in der Business-Class grinste, die weiteren 120 Personen im Flugzeug auch.

«Das Wort zum Flugtag» darf auch einmal humorvoll sein, wenn das auch weder Marketingstrategen, noch Psychologen sehr schätzen!



Kommentare:

  1. Schön schreibst Du wieder!

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  2. ha ha ha...und wo bleiben die Minderheiten? Ich meine, die Ansage in Rumantsch Grischun?

    Das Problem mit der "amélioration du crénau" hast Du aber elegant eingefädelt und gelöst. Kompliment an den multilingualen Multitasker.

    Ich gehöre zu denen, die es vermissen, wenn Ansagen von vorne links (oder rechts) unterbleiben. Erst recht, wenn ich am Fenster sitzen darf. Da bin ich doch letztes Jahr in München angekommen: Es war Herbst, und draussen war's schon dunkel. Aus den Lichtern der grossen Stadt funkelte mir eine hell erleuchtete Parzelle entgegen. "Hey!", dachte ich mir; "ist das nicht das Oktoberfest"?
    Sekunden später kam die Ansage aus den Lautsprechern. Die Copilotin wies uns darauf hin: "Wenn sie linkerhand aus dem Fenster schauen, haben sie einen vorzüglichen Blick auf die "Wiesn".....
    Richi

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  3. Schön bist du zurück! Und bitte a) nicht vor den Ansagen drücken und b) die Marketingstrategien vergessen....wenns um lockere Updates from the flight Deck geht dürften die fuer einmal bei den Amis und den Insulanern abschauen :-)

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  4. Ich stimme Chris zu, es gibt aber eine Unterschied. Die Amis machen die ansage nur in einer sprache, vor allem die lockeren Updates. Bei der Swiss kommt es mindestens dreisprachig daher (je nachdem noch zusätzlich in der Sprache der Destination), was die ansagedauer unendlich verlängert und so anfängt zu nerven.Immer wenn man meint man könne mit dem sitznachbar weiterreden oder den Film weitergucken kommt wieder etwas neues.....
    Aber ja, der eine Kapitän der uns unterhielt während einer Wartezeit mit angaben zum flugzeug und Anekdoten war köstlich (und interessant), aber wer nicht Deutsch verstand blieb aussen vor.
    Danke für die Ansagen, die in der tat auch für nervöse Paxe beruhigend sind (solange es klar und souverän klingt:))
    Philippe

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