Montag, März 25, 2013

Soll ich noch Pilot werden?



In regelmässigen Abständen erhalte ich Mails von potentiellen Pilotenschülern mit der Frage, ob sie den Beruf des Linienpiloten noch ergreifen sollen? So zum Beispiel diese Anfrage letzter Woche:

Zur Zeit beschäftige ich mich viel damit ob ich mich bei der SWISS als Linienpilot bewerben soll. Bei all den negativen Schlagzeilen rund um den Lininenpiloten-Beruf habe ich aber gemischte Gefühle. Darum darf ich dich direkt fragen: Was sind denn für dich die Sonnenseiten des Berufes?Was muss man sich bewusst sein wenn man sich auf diesen Beruf einlässt?Bei all den Schattenseiten des Linienpiloten-Lebens, von welchen auch in deinen Blogeintragungen zu lesen sind (ich denke da an Jetlag, lange Abwesenheit von zu Hause, etc.), würdest du heute wieder Linienpilot werden?

Das sind wichtige Fragen, die zurecht nach einer Antwort verlangen. Gründe genug, diese in einem kurzen Blogeintrag zu beantworten.

Negative Schlagzeilen um den Pilotenberuf
Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass sich unser Beruf in den letzten 20 Jahren, indem ich ihn ausübe, grundlegend verändert hat. Schon 1992 haben mir die alten Piloten gesagt, dass nichts mehr wie früher sei und die guten alten Zeiten nicht wiederkommen. Was lernen wir daraus? Wir leben aktuell in den guten alten Zeiten der Zukunft! Darum kann ich mit guten Gewissen behaupten, dass es noch so einen besseren, aber auch schlechteren Zeitpunkt gegeben hat als heute, sich für den Pilotenberuf zu entscheiden.
Man kann tagelang gute und schlechte Argumente gegeneinander auswiegen und so in einer Entscheidungsmatrix bestimmen, ob man die Aufgabe in Angriff nehmen will. Letztendlich muss aber der Bauch, die Begeisterung den Ausschlag geben. Nur bei denen, wo das innere Feuer brennt, wo die Neugierde und die Begeisterung als Treiber dienen, reicht die Kraft, die vielen fachlichen und finanziellen Klippen während der Ausbildung zu umschiffen. Das gilt übrigens auch bei vielen anderen Berufen!

Was sind die Sonnenseiten des Berufs?
Schaue ich jetzt aus dem Fenster, sehe ich Schneeflocken, die um die Wette tanzen. Ich sass gestern zwar 10 Stunden im Cockpit, hatte davon aber 9.5 Stunden die Sonnenbrille auf. Als Kapitän habe ich die Chance, jeden Tag ein anderes Team zu führen und bis zu 800 Passagiere zu begrüssen. Ich sehe Angst, Dankbarkeit, lächelnde Lippen, Tränen, schöne Menschen, wichtige Menschen und spannende Menschen. Man muss Menschen mögen, dann ist dieser Job jeden Tag ein Traum.
Dadurch, dass Deine Aufgabe als Pilot mit dem Abstellen der Motoren beendet ist, nimmst Du in der Regel keine Aufgaben mit in den Feierabend. Der Feierabend ist aber auch dementsprechend kurz: Die meisten Kollegen fallen nach einer 11 Stundenschicht ins Bett... Natürlich musst Du Dich zuhause auf verschiedenste Prüfungen vorbereiten und Revisionen und neue Verfahren einstudieren, aber grundsätzlich hast Du in der Freizeit frei. Auch Teilzeitmodelle sind populär unter der Pilotenschaft. Einerseits weil die Arbeitspläne mit 100 Prozent (fast) nicht machbar sind und andererseits so eine planbare Freizeit entsteht.

Was muss man sich bewusst sein, wenn man sich auf diesen Beruf einlässt?
Wer kann im Leben schon genau sagen, auf was er sich in Zukunft einlässt? Das schöne am Leben und am Beruf sind die vielen Unbekannten. Der Mensch wächst an den Aufgaben und gerade die unerwarteten sind die spannendsten. Explizit muss darauf hingewiesen, dass Scheitern im Leben dazugehört und auch sehr wertvoll ist. 

Zu den Schattenseiten des Pilotenberufs:
Natürlich gibt es diese und man darf sie auch nicht unter den Tisch kehren. Finanziell bist Du nicht mehr so auf Rosen gebetet, wie man das in der Öffentlichkeit denkt. Kommst Du in einer grossen Airline unter, dann sieht es etwas besser aus. Leider macht in der Industrie im Moment ein Modell die Runde, wo sich frisch ausgebildete Copiloten in einer Airline einkaufen können und für horrend hohe Beträge Arbeitsstunden kaufen. Ein Beispiel dafür siehst Du HIER. Das ist eine Schweinerei und gehört verboten. 
Ein Thema, das leider von gewissen Arbeitgebern nicht ernst genommen wird, ist die Gesundheit der Besatzungen. Wir arbeiten leider mehr als es die Mediziner für gut halten. Erschöpfungsdepressionen und andere Gesundheitsprobleme häufen sich. Doch leider ist das nicht nur ein Problem der Piloten, sondern macht in der gesamten Arbeitswelt Schule.

So, nun zum Schlusssatz:
Ich kann und will niemandem die Entscheidung abnehmen. Doch einen Rat kann ich Euch geben: Hört auf Eure Leidenschaft, folgt dem inneren Feuer – aber vergesst dabei nicht, ab und zu Eure finanziellen Möglichkeiten zu überprüfen.

Bis bald beim Deicing-Pad Charlie!


Kommentare:

  1. Eine Frage blieb unbeantwortet.

    "würdest du heute wieder Linienpilot werden?"

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  2. Toller Beitrag! Aus Sicht eines Paxes mit einem nicht-flieger Beruf erlaube ich mir zu ergänzen, was du bereits angetönt hast:

    Jeder noch so interessant klingende Beruf kann dramatisch langweilig werden, wenn die Einarbeitungsphase vorbei ist! Alle Jobs bestehen aus sehr viel Routine. Die Abwechslung sind die Rosinen.....Aber eben es besteht nicht aus Rosinen.

    Wie nff bereits schreibt, die Freude an der Tätigkeit ist das wichtige, man muss die Routine gerne machen. Sonst wird das aufstehen am morgen uhuäre schwierig. Egal wieviel oder wiewenig man verdient.

    übrigens: Meine Job-Rosinen sind die Auslandreisen, die ich meistens per Flieger antreten darf:)

    Philippe

    PS an nff: Ich liebe deinen Blog, Aber ich muss dein captcha x-mal reloaden bis ich etwas finde, das ich entziffern kann. Gibts da nix leserlicheres?

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  3. Grundsätzlich leben wir immer in der "Guten Alten Zeit" von morgen.

    Was aber weiter Sorge bereitet ist die Tatsache, dass die "Großen Controller" in den großen Türmen (die, die in den Wirtschaftsmetropolen stehen, nicht am Airport) zunehmend und mit immer weniger Verantwortungsgefühl Vectoren ausgeben, die unweigerlich in einen CFIT führen.
    Alte erfahrene Captains mögen da noch intervenieren können, inwieweit die heutige Generation angehender Jungpiloten noch in den Genuß kommen, sich ihrer Haut erwehren zu können ist offen. Dieser Beruf wird sicher nicht mehr leichter werden.

    Ohne Frage ist das auch dem Wirken von uns Passagieren geschuldet, welche natürlich immer auf den Preis schielen. Für mich selbst gilt zwar, meine Füße werden weder die berüchtigte Irische Airline noch die "leichte" Englische betreten, aber auch in der 2. und 3. Reihe hier in Deutschland sind die Arbeitsbedingungen alles andere als korrekt.

    Zusammenfassend kann man aber wohl sagen, Berufsfliegerei ist am Monatssende auch nicht anderes als der Job, den ich verrichte. Manchmal nervt er, manchmal macht er glücklich, Lebensgefahr besteht, sobald man das Heim verlässt, unterbezahlt ist er immer :-), aber man kommt zurecht!

    Also träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum!

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  4. Tja, nicht nur frisch ausgebildete Copis müssen auf PTF ausweichen, die mit mehreren 1000 Stunden will auch keiner haben - vermutlich weil sie alle die frischen wollen, um sie eben mit miesem oder gar keinem Lohn abzuspeisen. Da empfiehlt es sich nur, für den Fall der Fälle noch eine zweite Ausbildung in petto zu haben. Selbst eine ATPL ist im Endeffekt auch nur ein Blatt Papier und keine Garantie auf einen Arbeitsplatz... Traurig, aber wahr. Hoffentlich ändert sich das bald wieder... Ich vermisse den Jumpseat nämlich sehr schmerzlich...

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  5. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  6. Es hat mir sehr Geholfen

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