«Grossonkel?»
«Ja?»
«Wie alt bist Du
eigentlich?»
«Ach, genügt Dir sehr alt?»
«Was ist ein Blog?»
«Ach herje, dieses Wort habe ich schon lange nicht mehr
gehört. Das ist ein Begriff aus der Zeit des Internets. Wir formulierten damals
unsere Gedanken in Worte und publizierten sie im World Wide Web.»
«Was ist ein
Internet?»
«Es war ein Versuch die Welt jedermann zu erklären, Wissen
allen zugänglich zu machen und Distanzen zwischen Völkern zu verringern.»
«Und, hat es
geklappt?»
«Es war ein Versuch wert. Das Internet hatte viel Gutes,
aber auch einige Nachteile.»
«Und die waren?»
«Wir haben schnell gemerkt, dass Geheimnisse auch ihre
Vorteile haben. Unbekanntes regt die Phantasie an, kreiert Bilder im Kopf und
schafft bei jedem Individuum eine andere Welt, die es zu beschreiben Worte und
Kreativität braucht. Dass diese Gedankenwelt bei jeder Person anders aussieht
hat unglaubliche Vorteile. Man geht nicht von einer gegoogelten Tatsache aus,
sondern schafft sich in Diskussionen sein eigenes Bild.»
«Lustige Wörter brauchst
Du! Was heisst gegoogelt?»
«Ach, das ist ein Wort, das in den 20ern verboten wurde. Ich
möchte das nicht weiter erklären, sonst kriege ich auf meine alten Tage noch
Ärger.»
«Warum gibt es das
Internet nicht mehr?»
«Irgendwann Ende 20er brach es zusammen. Niemand weiss genau
warum, aber plötzlich fiel der erste Dominostein um und riss alle anderen mit.
Es gab Unruhen, Selbstmorde, Chaos. Doch nach einigen Monaten beruhigte sich
die Lage und die Leute hörten wieder auf ihre eigenen Bedürfnisse. Der
Gruppendruck war wie weggeblasen und es loderte eine kleine Flamme der
Revolution auf.»
«Wie meinst Du das?»
«Ach, es waren kleine Sachen, die Dir vielleicht lächerlich
vorkommen. Wir fuhren plötzlich wieder ohne Helm Fahrrad... »
«Ihr hattet Helme auf
zum Fahrradfahren?»
«Ja stell Dir vor. Damals Anfangs 2000 hatten sogenannte
Kampagnen Hochkonjunktur. Diese basierten in der Regel auf «Angst» und hatten
zum Ziel, neue Gesellschaftsnormen einzuführen. Es ging um Rauchverbote,
Kohlenhydratverbote, Einwanderungsverbote, SUV-Verbote, Humorverbote bei
Passagieransagen, das Fahrradhelmobligatorium, Übergewichtsverbote und
Einschränkungen da und dort.»
«Eine triste und
dunkle Zeit... »
«Nein, so schlimm war das auch wieder nicht, es gab ja das
Internet. Alles Nonkonforme, Illegale und Versteckte lagerte sich ins Internet
aus. Es gab Seiten für Seitensprünge, Seiten für Pornografie, Seiten für humorvolle
Passagieransagen und eine Seite genannt YouTube, wo man schauen konnte, wie Verwegene
ohne Kopfschutz Fahrrad gefahren sind. Bereits 10-jährige wussten was die 69-er
Stellung ist, ihnen wurde aber verboten, zu Fuss in die Schule zu laufen.»
«Was ist nun ein
Blog?»
«Als das Internet so richtig schnell und einfach wurde,
haben unzählige Leute Geschichten, Gedanken und vieles andere publiziert. Das
war richtig populär und für gewisse Leute auch gefährlich. Kein Wunder folgten
wieder Verbote. Betriebe verboten den Mitarbeitern zu bloggen, zu twittern, zu
was auch immer. Der Grund für diese Verbote war immer der gleiche: Die Mitarbeiter waren weit bessere
Kommunikatoren als die Publizistikabgänger und die Vorgesetzten.»
«Was ist Publizistik?»
«Ach so ein Studiengang für ... Ach lassen wir das.»
«Hast Du auch
gebloggt?»
«Ja klar, über acht Jahre lang.»
«Und warum hast Du
aufgehört?»
«Aus der gleichen Laune heraus wie ich angefangen habe.»
«Wann hast Du
aufgehört?»
«Ach, das weiss ich noch genau. Es war ein schöner September
Sonntag im Jahr 2012 – der 16. glaube ich –, also vor gut 50 Jahren. Es war
Hochjagd im Engadin und wir machten eine lange Wanderung.»
«Was ist Hochjagd
Grossonkel?»
«Ich bin jetzt müde und brauche eine Pause. Lass uns das später
diskutieren!»