Sonntag, September 16, 2012

Fragen und Antworten


«Grossonkel?»
«Ja?»
«Wie alt bist Du eigentlich?»
«Ach, genügt Dir sehr alt?»
«Was ist ein Blog?»
«Ach herje, dieses Wort habe ich schon lange nicht mehr gehört. Das ist ein Begriff aus der Zeit des Internets. Wir formulierten damals unsere Gedanken in Worte und publizierten sie im World Wide Web.»
«Was ist ein Internet?»
«Es war ein Versuch die Welt jedermann zu erklären, Wissen allen zugänglich zu machen und Distanzen zwischen Völkern zu verringern.»
«Und, hat es geklappt?»
«Es war ein Versuch wert. Das Internet hatte viel Gutes, aber auch einige Nachteile.»
«Und die waren?»
«Wir haben schnell gemerkt, dass Geheimnisse auch ihre Vorteile haben. Unbekanntes regt die Phantasie an, kreiert Bilder im Kopf und schafft bei jedem Individuum eine andere Welt, die es zu beschreiben Worte und Kreativität braucht. Dass diese Gedankenwelt bei jeder Person anders aussieht hat unglaubliche Vorteile. Man geht nicht von einer gegoogelten Tatsache aus, sondern schafft sich in Diskussionen sein eigenes Bild.»
«Lustige Wörter brauchst Du! Was heisst gegoogelt?»
«Ach, das ist ein Wort, das in den 20ern verboten wurde. Ich möchte das nicht weiter erklären, sonst kriege ich auf meine alten Tage noch Ärger.»
«Warum gibt es das Internet nicht mehr?»
«Irgendwann Ende 20er brach es zusammen. Niemand weiss genau warum, aber plötzlich fiel der erste Dominostein um und riss alle anderen mit. Es gab Unruhen, Selbstmorde, Chaos. Doch nach einigen Monaten beruhigte sich die Lage und die Leute hörten wieder auf ihre eigenen Bedürfnisse. Der Gruppendruck war wie weggeblasen und es loderte eine kleine Flamme der Revolution auf.»
«Wie meinst Du das?»
«Ach, es waren kleine Sachen, die Dir vielleicht lächerlich vorkommen. Wir fuhren plötzlich wieder ohne Helm Fahrrad... »
«Ihr hattet Helme auf zum Fahrradfahren?»
«Ja stell Dir vor. Damals Anfangs 2000 hatten sogenannte Kampagnen Hochkonjunktur. Diese basierten in der Regel auf «Angst» und hatten zum Ziel, neue Gesellschaftsnormen einzuführen. Es ging um Rauchverbote, Kohlenhydratverbote, Einwanderungsverbote, SUV-Verbote, Humorverbote bei Passagieransagen, das Fahrradhelmobligatorium, Übergewichtsverbote und Einschränkungen da und dort.»
«Eine triste und dunkle Zeit... »
«Nein, so schlimm war das auch wieder nicht, es gab ja das Internet. Alles Nonkonforme, Illegale und Versteckte lagerte sich ins Internet aus. Es gab Seiten für Seitensprünge, Seiten für Pornografie, Seiten für humorvolle Passagieransagen und eine Seite genannt YouTube, wo man schauen konnte, wie Verwegene ohne Kopfschutz Fahrrad gefahren sind. Bereits 10-jährige wussten was die 69-er Stellung ist, ihnen wurde aber verboten, zu Fuss in die Schule zu laufen.»
«Was ist nun ein Blog?»
«Als das Internet so richtig schnell und einfach wurde, haben unzählige Leute Geschichten, Gedanken und vieles andere publiziert. Das war richtig populär und für gewisse Leute auch gefährlich. Kein Wunder folgten wieder Verbote. Betriebe verboten den Mitarbeitern zu bloggen, zu twittern, zu was auch immer. Der Grund für diese Verbote war immer der gleiche:  Die Mitarbeiter waren weit bessere Kommunikatoren als die Publizistikabgänger und die Vorgesetzten.»
«Was ist Publizistik?»
«Ach so ein Studiengang für ... Ach lassen wir das.»
«Hast Du auch gebloggt?»
«Ja klar, über acht Jahre lang.»
«Und warum hast Du aufgehört?»
«Aus der gleichen Laune heraus wie ich angefangen habe.»
«Wann hast Du aufgehört?»
«Ach, das weiss ich noch genau. Es war ein schöner September Sonntag im Jahr 2012 – der 16. glaube ich –, also vor gut 50 Jahren. Es war Hochjagd im Engadin und wir machten eine lange Wanderung.»
«Was ist Hochjagd Grossonkel?»
«Ich bin jetzt müde und brauche eine Pause. Lass uns das später diskutieren!»