Samstag, August 25, 2012

Schlafmodelle

 

Frührotationen – man mag sie oder man hasst sie. Um 04:00 Uhr aufzustehen ist nicht jedermanns Sache und um 05:00 Uhr so auszusehen, wie sich der gemeine Flugpassagier es sich wünscht, auch nicht.
Ein Wunder, das es trotzdem jeden Morgen klappt. Keine Haar schaut in die falsche Richtung, kein Lidschatten ist zu dunkel. Die Lippen sind sauber nachgezogen und die Wangen dezent parfümiert. Die Crew sieht wach, motiviert und tatbereit aus, und das zu so früher Morgenzeit am Tag nach Freitagabend.

Da mekt man, dass man von Profis umgeben ist. Denn auf den Punkt wach zu werden ist gar nicht so einfach, da braucht es Routine, Vorbereitung und Disziplin. Oft wird behauptet, dass der Schlaf individuell sei und mit unendlich vielen Faktoren zusammenhänge, die bis zur Kindheit zurückgehen. Als Kapitän weiss ich natürlich, dass dies absoluter Mumpitz ist. Die Wissenschaftler irren einmal mehr, als Praktiker kann ich weiterhelfen.

Schlaf ist einzig und alleine eine Frage der Rangordnung, der Hierarchie! Wir leben glücklicherweise nicht mehr in einer Zeit, wo Hierarchie die Antwort auf alle Fragen gibt, aber ab und zu ist sie richtig, so auch in der Schlaffrage.

Am schwierigsten ist es wie immer für die unteren Chargen. Sie sind neu und wollen alles richtig machen. Sie dürfen um keinen Preis verschlafen und haben auch Respekt davor. Aufstehen vor 04:00 Uhr ist für die meisten Neuland, vor allem für Studentinnen und Studenten, die trotz Bologna-Punkten kaum je vor 09:00 Uhr Tageslicht sehen – an Wochenenden manchmal gar nie. Dementsprechend nervös sind sie, dementsprechend unruhig ist der Schlaf. Wenn alle drei Wecker und das iPhone gestellt sind, legen sich die jüngsten Flight-Attendants zur frühen Abendstunde ins Bett und hören das eigenen Herz schlagen. Mit Recht fragt man sich, warum man bereits in den Federn liegt, wenn die WG-Kollegen doch erst beim Warm-up sind. Uniform und Crew-Bag liegen bereit, die Ersatzstrümpfe auch. "Habe ich das Verkaufsportemonnaie eingepackt?", "Sind die Ersatzstrümpfe wirklich da?", "Ist das Ladekabel des iPhones auch dabei?", "Habe ich den Wecker richtig gestellt?" – Fragen wie diese lassen an Schlaf nicht denken. Fallen die Lider dann nach ein paar Stunden endlich zu, handelt der erste Traum mit Sicherheit vom Verschlafen, vom Einchecken ohne Rock, vom vergessenen Verkaufsportemonnaie. Das mit dem Ergebnis, dass tiefe Chargen in der Regel drei bis viermal pro Nacht schweissgebadet aufwachen. Wir von den höheren Chargen haben Verständnis dafür, denn wir haben das vor uhuren langer Zeit auch einmal durchgemacht.

Der Copilot, das unbekannte Wesen, folgt hierarchisch vor dem Kapitän. Mit Schlaf assoziert er ganz andere Tätigkeiten, als flach im Bett zu liegen. Neben der Aufgabe des Arbeitgeber – und zwar ausgeruht am Arbeitsplatz zu erscheinen, hat er von Mutter Natur noch viel wichtigere Pflichten gefasst, nämlich sich fortzupflanzen. Auch dies führt zu Träumen, auch diese enden oft vollgeschwitzt (bitte diese Wort richtig lesen!). Mit dem Unterschied allerdings, dass Mann nach dem Traum nicht mit rasendem Puls erwacht, sondern in einen tiefen und zufriedenen Schlaf fällt, bis die nächste Traumfrau in den Gedanken ins Bett hüpft. Darum kann man nicht generell sagen, dass Copiloten schlecht schlafen. Viel wichtiger ist der Zeitpunkt des Weckergangs. Fällt dieser nämlich kurz vor den träumerischen Höhepunkt, brauchen Copiloten in den ersten Stunden des noch jungen Tags in der Regel spezielle Zuwendung von anderen Schlafopfern tieferer Chargen. An solchen Tagen fliegen sie nie das erste Teilstück.

Am Hierarchieende steht der Kapitän. Ohne ihn geht nichts, von ihm hat es immer zu wenige, vor allem an Wochenenden. Darum kann er sorgenlos zu Bett, darum reicht ein Wecker, denn die Crew Dispo würde sofort anrufen, wenn die Schlafgeister nicht vertrieben werden könnten. Alte Kapitäne erwachen sowieso mit den Hühnern, da sie nach bald 50 Jahren endlich gemerkt haben, dass Morgenstund tatsächlich Gold im Mund hat. Von Sex träumen sie auch nicht mehr und sind dankbar, wenn sie nach ein paar Stunden das Bett verlassen dürfen und den gebeutelten Rücken durchstrecken können.

So trifft sich in den frühen Morgenstunden im Operation-Center eine Schar Unausgeschlafener, die eine erstaunliche Routine darin entwickelt hat, die Müdigkeit zu verdrängen, in Koffein zu ersaufen, wegzuschminken und wegzuparfümieren. Wenn wir uns auch wie Zombies fühlen, wir sehen nicht so aus. Das überlassen wir lieber unseren Gästen, die uns beim Boarding manchmal anschauen, als ob wir Schuld seinen, dass sie um 04:00 Uhr aus den Federn mussten.

Bis Morgen liebe Kollegen, um 05:XY im Briefing!

Ach, fast vergessen, ich flog heute das erste Teilstück...




Kommentare:

  1. Der student, der um 9 uhr das erste tageslicht erblickt, wird die bologna-punkte mit einigermassen hoher und je nach studiengang unterschiedlicher wahrscheinlichkeit nie sehen. Denn weil studenten notorisch unterkapitalisiert sind, sind ihre wgs nicht allzu nahe am stadtzentrum bzw. uni situiert womit sich längere anfahrtszeiten ergeben. Wenn ein student also um 9 uhr aufsteht, wird er nicht vor 10 - 11 an der uni antraben können. Von meinen 19 wochen-vorlesungsstunden würde ich somit je nach rechnung 10 - 15 verpassen. Nicht sehr empfehlenswert, ausser man ersauft am abend die mündigkeit im koffein und legt ein paar extraschichten im selbsstudium ein... während die kollegen beim warm-up sind.

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  2. ... das war aber 1986 anders :-)

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  3. Das war auch Anfang dieses Jahrtausend noch anders. Aber die Zeiten haben sich geändert. Sehr zum Leidwesen der älteren Semester die sich auf einmal von einer Horde ECTS-Jägrn bedrängt fühlen...

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  4. Auch Nicht-Flugkapitäne erarbeiten sich Schlaf- Aufstehroutine (jeden Montag Start um 4 gen München), ganz ohne Hierarchie ;-)

    Stimmt schon anfangs braucht man 3 oder mehr Wecker, inzwischen wache ich aber von allein auf, wenn dem Weckdings die Batterien ausgegangen sind oder ich das Stellen vergessen habe (das ist auch eine nützliche Fähigkeit auf Westalpen-Hütten).

    Dass das tatsächlich klappt erstaunt mich immer wieder.

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  5. Heutiges Studienmodell eines Medizinstudenten: Vorlesungsbeginn 8:15 12h Mittagspause, danach Nachmittagsvorlesung von 14:15 - 16h manchmal aber auch 18h. 1, allenfalls 2 Freie Nachmittag fürs Selbststudium pro Woche. Kollegen die letztes Semester oft auf 10Uhr in die Vorlesung kamen büsten das mit einem massiv ungenügenden Prüfungsresultat. Schöggelen liegt also nicht mehr drin, siehe dazu ein zeitgemässer Stundenplan. http://medizinstudium.unibas.ch/fileadmin/MedFak/bachelor/2_jahr/2_BA-SJ_SW_1-5_HS_11-12_TB_Verdauungstrakt_vom_12Sep11_definitiv_01.pdf

    Allerdings lässt sich aufstehen um 7:15 nicht im geringsten vergleichen mit Aufstehen um 4:00(Das schläckt kei Geis weg). Die Müdigkeit im Vorlesungssaal ist jedoch mit der Müdigkeit auf dem Jumpseat nach 3 stressigen Services vor der Landung (eigentlich verboten, leider aber immer wieder Tatsache) vergleichbar. => Leiden tun beide, klagen auch, und trotzdem, wenn die Vorlesung/ der Flug endet ist die Müdigkeit verfolgen und alle sind wieder hellwach.

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