Freitag, August 31, 2012

Es ist nichts mehr wie früher!


Ich transportiere gerne Menschen. Menschen haben Geschichten und tragen diese freiwillig oder unfreiwillig nach aussen. Als Beobachter kann man schauen oder zuhören, riechen oder tasten. Tasten geht gar nicht im Airline-Business, darum beschränke ich mich als Geschichtenkonsument auf das Hören, Sehen und Riechen. 
Stehe ich mit meinen fast zwei Metern und der dreistelligen Gewichtszahl eingeklemmt zwischen Toilettentüre und Kaffeemaschine, dann geniesse ich das mit vollen Zügen. Ich mag Geschichten und ich mag Menschen. Von beidem bekommt man während des Boardings mehr als genug ab.

Zuerst zu den Gerüchen. Piloten und Flugbegleiter könnten bei "Wetten dass" auftreten. Steigt ein Transitpassagier ein, reichen ein paar Moleküle und ich kann sagen aus welchem Flugzeug er eben entstiegen ist. Ein Mix aus Mottenkugeln und Essenszeiten: typisch Indien! Schweiss, Massageöl und Schwefelgeruch: Bangkok! Frisch gewaschene Kleider und dennoch müffelt es leicht säuerlich: Afrika! 
Auch die zusteigenden Passagiere aus der Schweiz verraten viel über ihre Ausdünstung. Stechendes und viel zu üppig aufgetragene Wässerchen: Wenigflieger, die sich durch den "Duty-Free" gespritzt haben. Schwere Moschusdüfte: Subalternes Kader, die ihre Unsicherheit mit einem Duftpanzer verjagen möchten. 

Da lob ich mir das Visuelle! Mache lächeln, viele verharren schweigend einen Moment und berührend die Cocktitüre, einige schauen weg, andere lächeln mir zu. Es gibt solche die cool sind und solche die cool wirken möchten. Nicht wenige verdrehen die Augen und ab und zu zwinkert mir auch jemand zu. Viele sorgen sich über die Sicherheit aber nicht wenige besteigen das Flugzeug mit Schuhen, die sie bei einer Flucht über Scherbenhaufen alt aussehen lassen.
Die meisten haben sich adrett gekleidet. In den Händen halten sie Taschen von Harrods, A&F, Globus, Sprüngli, Baumarkt, Beate Uhse, Migros, noch einmal Sprüngli, der Kiosk AG und vielen anderen, die vor dem Abflug mit der Langeweile der Passagiere ein Geschäft gemacht haben.

Doch die meisten und besten Geschichten hört man. Nicht wenige Passagiere halten noch beim Boarding ein Mobile in den Händen und wickeln die letzten Geschäfte gut hörbar zwischen meinem Ohr und dem der Maitre de Cabin ab. Dies ist auch immer ein Statement in unsere Richtung: Ihr seit zwar wichtig für dieses Flugzeug, ich bin aber wichtig für die Welt! 
Immer wieder wird auch ein lockerer Spruch gemacht und man bedankt sich für die freundliche Begrüssung. Es wird viel gelacht und noch mehr genickt, es wird in vielen Sprachen begrüsst und in vielen Sprachen einen schönen Tag gewünscht. Man wird beim Boarding zur Schicksalsgemeinschaft und in einer Schicksalsgemeinschaft ist es immer wieder gut zu wissen, wer dazugehört.

So auch die schwarzen Schafe. Entweder haben sie Flugangst oder sich müssen sich vor dem Begleittross aufspielen. Ignoranz ist eine oft eingesetzte Waffe, Kritik die weitaus meist verbreitete. Wenn sich jemand die Mühe gemacht, mich zu begrüssen, dann grüsse ich zurück. Das gehört zur guten Kinderstube und hat mit Respekt zu tun. Dreht mir jemand provokativ den Rücken zu, werde ich unruhig. Kritisiert dieser jemand mit mir zugewandtem Rücken mein Dienstleistungsunternehmen ungerechtfertigt und gut hörbar, ist er vor einer Diskussion mir mir nicht sicher. 

"Es ist nichts mehr wie früher. Diese Airline ist eine Dienstleistungshölle!", der Mann zu seinem Kollegen.
Was denn schief gelaufen sei, wollte ich wissen.

"Ach, es ist nichts mehr wie früher!", seine kurze Antwort.
Was denn nicht mehr wie früher sei, wollte ich vom Gast wissen.

"Die ganze Fliegerei ist ein Massengeschäft geworden", klage der knapp Dreissigjährige in einem gut sitzenden Sakko. "Und überhaupt", so der Jungmanager, "könnte ich eine NZZ haben?"
Ich verneinte und erklärte ihm, dass die Zeitungen nur für die Business-Class Passagiere seien.

"Es ist nicht mehr wie früher, sag ich ja. Und überhaupt sei das eine Frechheit, soviel zu verlangen und nichts zu bieten! Eine Dienstleistungshölle, sage ich ja." Ein normaler Kapitän hätte an diesem Punkt die Diskussion beendet, aber ich bin ja nicht normal.

Er solle doch einmal einen kurzen Blick auf den Ticketpreis werfen und sich fragen, was man in seiner Firma für diesen Betrag bekäme und wie er reagieren würde, wenn sich ihm ein Kunde mit gleicher Rhetorik nähern würde? Er wurde still.
Die anderen 145 Passagiere waren übrigens ganz nett...

Zuhause angekommen wollte ich wissen, ob es nicht mehr wie früher war. Ich wühlte in einem alten Flugplan von 1942, der aus dem Nachlass von Flugkapitän H. stammt. H. hat diesen Stapel alter Zeitdokumente dem Flugkapitän K. gegeben, der wiederum den Stapel Flugkapitän S. weitervermacht hat und dieser hat die Dokumente an meine Wenigkeit weitergereicht. Darin findet man manch eine Geschichte, die in der einen oder anderen Form von mir weiterverarbeitet wird. Ich verspreche, dass ich die Leser an den alten Leckerbissen teilhaben lassen werde.

Zurück zum Flugplan von 1942. Ein Flug Zürich – Berlin – Zürich kostete im Kriegsjahr 1942 inkl. 15 kg Freigepäck stolze 340 Franken. Es darf erwähnt werden, dass laut Bundesamt für Statistik BfS der Durchschnittslohn heute 23 Mal höher ist als 1942. Ein Kilogramm Übergepäck schlug übrigens mit 1.30 Franken zu Buche. Nein, es ist nicht mehr wie früher!





Samstag, August 25, 2012

Schlafmodelle

 

Frührotationen – man mag sie oder man hasst sie. Um 04:00 Uhr aufzustehen ist nicht jedermanns Sache und um 05:00 Uhr so auszusehen, wie sich der gemeine Flugpassagier es sich wünscht, auch nicht.
Ein Wunder, das es trotzdem jeden Morgen klappt. Keine Haar schaut in die falsche Richtung, kein Lidschatten ist zu dunkel. Die Lippen sind sauber nachgezogen und die Wangen dezent parfümiert. Die Crew sieht wach, motiviert und tatbereit aus, und das zu so früher Morgenzeit am Tag nach Freitagabend.

Da mekt man, dass man von Profis umgeben ist. Denn auf den Punkt wach zu werden ist gar nicht so einfach, da braucht es Routine, Vorbereitung und Disziplin. Oft wird behauptet, dass der Schlaf individuell sei und mit unendlich vielen Faktoren zusammenhänge, die bis zur Kindheit zurückgehen. Als Kapitän weiss ich natürlich, dass dies absoluter Mumpitz ist. Die Wissenschaftler irren einmal mehr, als Praktiker kann ich weiterhelfen.

Schlaf ist einzig und alleine eine Frage der Rangordnung, der Hierarchie! Wir leben glücklicherweise nicht mehr in einer Zeit, wo Hierarchie die Antwort auf alle Fragen gibt, aber ab und zu ist sie richtig, so auch in der Schlaffrage.

Am schwierigsten ist es wie immer für die unteren Chargen. Sie sind neu und wollen alles richtig machen. Sie dürfen um keinen Preis verschlafen und haben auch Respekt davor. Aufstehen vor 04:00 Uhr ist für die meisten Neuland, vor allem für Studentinnen und Studenten, die trotz Bologna-Punkten kaum je vor 09:00 Uhr Tageslicht sehen – an Wochenenden manchmal gar nie. Dementsprechend nervös sind sie, dementsprechend unruhig ist der Schlaf. Wenn alle drei Wecker und das iPhone gestellt sind, legen sich die jüngsten Flight-Attendants zur frühen Abendstunde ins Bett und hören das eigenen Herz schlagen. Mit Recht fragt man sich, warum man bereits in den Federn liegt, wenn die WG-Kollegen doch erst beim Warm-up sind. Uniform und Crew-Bag liegen bereit, die Ersatzstrümpfe auch. "Habe ich das Verkaufsportemonnaie eingepackt?", "Sind die Ersatzstrümpfe wirklich da?", "Ist das Ladekabel des iPhones auch dabei?", "Habe ich den Wecker richtig gestellt?" – Fragen wie diese lassen an Schlaf nicht denken. Fallen die Lider dann nach ein paar Stunden endlich zu, handelt der erste Traum mit Sicherheit vom Verschlafen, vom Einchecken ohne Rock, vom vergessenen Verkaufsportemonnaie. Das mit dem Ergebnis, dass tiefe Chargen in der Regel drei bis viermal pro Nacht schweissgebadet aufwachen. Wir von den höheren Chargen haben Verständnis dafür, denn wir haben das vor uhuren langer Zeit auch einmal durchgemacht.

Der Copilot, das unbekannte Wesen, folgt hierarchisch vor dem Kapitän. Mit Schlaf assoziert er ganz andere Tätigkeiten, als flach im Bett zu liegen. Neben der Aufgabe des Arbeitgeber – und zwar ausgeruht am Arbeitsplatz zu erscheinen, hat er von Mutter Natur noch viel wichtigere Pflichten gefasst, nämlich sich fortzupflanzen. Auch dies führt zu Träumen, auch diese enden oft vollgeschwitzt (bitte diese Wort richtig lesen!). Mit dem Unterschied allerdings, dass Mann nach dem Traum nicht mit rasendem Puls erwacht, sondern in einen tiefen und zufriedenen Schlaf fällt, bis die nächste Traumfrau in den Gedanken ins Bett hüpft. Darum kann man nicht generell sagen, dass Copiloten schlecht schlafen. Viel wichtiger ist der Zeitpunkt des Weckergangs. Fällt dieser nämlich kurz vor den träumerischen Höhepunkt, brauchen Copiloten in den ersten Stunden des noch jungen Tags in der Regel spezielle Zuwendung von anderen Schlafopfern tieferer Chargen. An solchen Tagen fliegen sie nie das erste Teilstück.

Am Hierarchieende steht der Kapitän. Ohne ihn geht nichts, von ihm hat es immer zu wenige, vor allem an Wochenenden. Darum kann er sorgenlos zu Bett, darum reicht ein Wecker, denn die Crew Dispo würde sofort anrufen, wenn die Schlafgeister nicht vertrieben werden könnten. Alte Kapitäne erwachen sowieso mit den Hühnern, da sie nach bald 50 Jahren endlich gemerkt haben, dass Morgenstund tatsächlich Gold im Mund hat. Von Sex träumen sie auch nicht mehr und sind dankbar, wenn sie nach ein paar Stunden das Bett verlassen dürfen und den gebeutelten Rücken durchstrecken können.

So trifft sich in den frühen Morgenstunden im Operation-Center eine Schar Unausgeschlafener, die eine erstaunliche Routine darin entwickelt hat, die Müdigkeit zu verdrängen, in Koffein zu ersaufen, wegzuschminken und wegzuparfümieren. Wenn wir uns auch wie Zombies fühlen, wir sehen nicht so aus. Das überlassen wir lieber unseren Gästen, die uns beim Boarding manchmal anschauen, als ob wir Schuld seinen, dass sie um 04:00 Uhr aus den Federn mussten.

Bis Morgen liebe Kollegen, um 05:XY im Briefing!

Ach, fast vergessen, ich flog heute das erste Teilstück...




Samstag, August 04, 2012

ENG DUAL FAIL FUEL REMAINING

Oft werde ich gefragt, ob das Flugzeug auch fliege, wenn beide Motoren den Geist aufgeben. Die Antwort ist so klar wie einfach: Ja, das tut es tatsächlich und zwar gar nicht so schlecht.

Im Airbus stimmt die Daumenregel ziemlich gut, dass man etwa doppelt so weit kommt, wie man hoch ist. Diese Aussage ist so nur richtig, wenn ich die richtigen Einheiten dazu stelle. Aus 35 Tausend Fuss kommt man ungefähr 70 nautische Meilen weit. Das ist weiter als mach ein SUV mit einer Tankfüllung fährt.

Doch wie es in Realität ist, wenn beiden Triebwerken die Luft ausgeht, davon können nur einige Piloten erzählen. Ich gehöre seit gestern auch dazu. Gut, es sind nicht wirklich beide Motoren ausgegangen, aber es fühlte sich genau so an.
Auf einen Schlag war es mucksmäuschenstill im Cockpit. Kein Summen der Airconditioning, kein dröhnen der Motoren. Nur der Funk war zu hören und das in einer Qualität, wie ich ihn so noch nie gehört habe.
Störend war nur mein Herzschlag. Die Pumpe schlug schneller und lauter als gewohnt und klang beängstigend dumpf.

Was war passiert?

Ich wurde als Testperson ausgewählt, ein sogenanntes "noise canceling headset" auszuprobieren. Schaltet man den aktiven Teil dieses Wunderdings ein, filtert ein ausgeklügeltes System alle Nebengeräusche aus und es wird auf einen Schlag still. Diese Stille kennt man sonst nur von Übernachtungen in Einmannzelten auf mindestens 3000 Metern über Meer. Gespenstig, unheimlich und dennoch befreiend.
Unglaublich, wie laut es im Cockpit ist. Unglaublich, was ich mir da in den letzten 20 Jahren angetan habe. Meine "Dellen" in der Hörkurve zeugen davon...

Interessant ist auch der Nebeneffekt, dass der Kollege einem viel besser hört. Befehle müssen nicht wiederholt werden und der Stresslevel während der arbeitsintensiven Phasen sinkt spürbar.

Der einzige Nachteil ist vielleicht, dass dieses Headset nicht so cool aussieht wie das Ursprüngliche, das man lässig auf dem Kopf trug und eine Ohrmuschel zur Seite klappte.
Wenn ich jetzt meine Arme tätowiere, dann sehe ich aus wie die Fussballer in den oberen Ligen.

Ach fast vergessen: Olympia ist ganz lustig, auch ohne Turnschuhe an den Füssen.

Mit Gruss aus London Kensington

nff

Mittwoch, August 01, 2012

Der Unsichtbare


Er ist da und geht gleich wieder. Sich vor ihm verstecken ist unmöglich, ihm entfliehen schon gar nicht. Er stört fast jeden, obwohl er von allen Seiten gerufen wird. Links taucht er auf, rechts sowieso. Würden ich nicht auf dem bequemen Sessel sitzen, er käme bestimmt auch von unten.

Mal trägt er ein modernes Kleid, mal ein ganz klassisches, heute ein martialisches. Man benutzt ihn um Freude zu zeigen, aber auch um einzuschüchtern. Frauen werden damit verführt und Männer zu richtigen Männern gemacht. Er ist penetrant, ja gar gesundheitsschädigend, dennoch geben die Leute Geld aus, um ihn einen kurzen Moment zu sehen, zu hören, zu fühlen.

Es gibt Studien über ihn in allen Sprachen, gefangen hat ihn doch noch keiner.

Ha, da ist er wieder! Ich dachte ich fange ihn mit der Kamera ein. Doch auf dem Bild sind nur meine Füsse zu erkennen. Der Unsichtbare fehlt, obwohl er mir den schönen Abend fast ein bisschen ruiniert. Selbst die Buchstaben scheinen ihn zu hassen, sie wollen heut Abend partout nicht in der richtigen Reihenfolge am Schirm erscheinen.

Der Unsichtbare stört aber nicht nur meine Buchstaben. Auch andere Personen, die darauf angewiesen sind, dass die Wörter richtig das Sprechorgan verlassen und noch korrekter an der Hörmuschel ankommen, sind durch den Unsichtbaren abgelenkt. Kein Wunder, wird an manch einem Höhenfeuer heute Abend ein ziemlicher Schmarren erzählt. Schuld sind nicht etwa die Redner, nein es ist der Unsichtbare.

Da ist er wieder, links, rechts, oben – nur nicht unten. Ich versuche ihn zu fassen, zu erledigen – vergeblich. Gerade heute ist er unerträglich, er wird mir mit Bestimmtheit auch den Schlaf rauben, das ist sicher.

Ich mag den unsichtbaren Lärm nicht sonderlich, auch nicht an einem Nationalfeiertag. Da ist er wieder! Diesmal von unten! Von unter? Es riecht nach Schwefel – wie bedrohlich! Hat sich wohl eine Rakete unter meinen Hintern verirrt? Entwarnung – es war ein Furz meines Hundes, der sich unter dem Stuhl verkrochen hat.

Gute Nacht!