Donnerstag, Juli 19, 2012

zwei Kapitäne…

Ferienzeit heisst Copilotenmangel. Die Jungeltern wollen mit dem Nachwuchs an die Wärme und das wenn möglich alle zur gleichen Zeit. Das beschert der Firma alljährlich einen Mangel an Dreistreifigen, was die Kapitäne zur Mehrarbeit zwingt. Statt 1 CMD und 2 F/O, setzt sich die Langstrecken-Pilotencrew nicht selten aus 2 CMD und 1 F/O zusammen.

Für den Dreistreifigen keine schlechte Variante, kann er doch in der Mitte schlafen und erlebt beide Nahrungsausgaben in voller Länge mit. So schön kann Fliegen sein, denkt sich der Copilot, freut sich aufs Upgrading und amüsiert sich über Revierkämpfe zweier Rudelführer.

Auch auf der Kurzstrecke gibt es diese Situationen. Zwar nicht im Cockpit, sondern zu Hause. Meine Nachbarn wollten auch mal fliegen, die Kinder sowieso und so packten sie ihre Koffer, bestiegen ein Flugzeug Richtung Westen und kämpfen jetzt gegen die neun Stunden Zeitverschiebung in Kalifornien.
Traurig sah der Hund der Packerei zu und wusste genau, dass er die Reise nicht antreten darf. Er machte sich auf einen Aufenthalt in einer Tierpension bereit, soweit kam es aber nicht. Hundchen zog für drei Wochen zu uns – und Ohalätz, das warf mich ganz unerwartet wieder in meine Langstrecken-Copilotenzeit zurück.

Plötzlich sah ich mich in der Situation wieder, dass ich von zwei Kapitänen umgeben bin – und das nicht für 13 Stunden, sondern für 21 Tage! Die Beiden steckten vorsichtig ihr Terrain ab, kämpften subtil um Rechte, die eigentlich dem anderen zustanden und neckten sich wo sie nur konnten. Wenn einer etwas zu berichten wusste (Wuff), wusste es der andere es bestimmt besser (Wuff Wuff). Wenn einer Präsenz markierte (Bein hoch), markierte der andere darüber (auch Bein hoch). Wenn einer in den linken Crewbunk – äh Verzeihung – in das linke Körbchen wollte, fühlte sich der andere benachteiligt.
Nach 15 Jahren Langstrecken-Copilot weiss ich, dass man die Kapitäne ihre Hahnenkämpfe austragen lassen muss und sich dabei sehr wohl auch amüsieren kann. Denn es hat enorme Vorteile, wenn zwei Häuptlinge einen Stamm von zwei Indianern führen. Die Häuptlinge sind so sehr mit sich selber beschäftigt, dass sie den Indianern viel Freiheit lassen und ihnen Entscheidungen wie:

- Wann stehen wir auf?
- Wo laufen wir durch?
- Welche Katze jagen wir?

…abnehmen.

Wobei bei diesen drei Fragen die Parallelen zur Aviatik augenscheinlich sind, Man(n) muss nur das Wort "laufen" durch "fliegen" ersetzen.

So, genug geschrieben, meine Kapitäne wollen raus. Adieu und bis bald. Arme Katzen…

Kommentare:

  1. Ich kann dir gut nachfühlen! Spätestens seit dem SATA-Absturz von 1974 in Funchal ist bekannt, dass zwei Kapitäne im selben Cockpit der Sicherheit nicht unbedingt förderlich sind. Im Gegenteil, wenn zwei (vierstreifige) Rudelführer ihre Rangkämpfe austragen, geschieht dies fast immer auf Kosten wichtiger Arbeitsfunktionen.

    Es scheint, dass jemand der einmal ein Upgrading durchlaufen hat Mühe bekundet, eigene Führungsansprüche zu drosseln. Ego im Konkurrenzkampf mit Alter Ego.
    Und plötzlich werden Nebensächlichkeiten zu Kernthemen. Gerangelt wird um alles: Vom vermeintlich zu spät eingeschalteten Landeschweinwerfer bis zur Aufmerksamkeit der jüngsten Hostess.

    Die Hunde kann man ins Freie lassen, wo sie sich ungehemmt austoben können. Ein Cockpit bietet diesbezüglich weniger Platz. Schnell einmal wird die Luft dünn.

    Nein, Kapitäne sind wahrlich nicht dafür gemacht, gemeinsam die gleiche (Flugzeug)Kanzel zu teilen.


    Gruss aus Boston

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  2. Wie gut, dass bei Airbus wenigstens die Sticks entkoppelt sind, sonst würden die Herren Kapitäne auch noch Armdrücken machen.

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  3. ...und wärst du nicht so ein first class, 1A, Alpha Flugkapitän:
    Aus dir wäre wohl ein ebenso guter Verhaltensforscher geworden.

    Hast Erinnerungen an Konrad Lorenz wachgerufen bei mir, mit deiner Story hier.

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  4. Mal abgesehen vom verhaltenspsychologischen Inhalt - hat es in der Schweiz schon wieder Schnee? Bei uns am Lago di Fedaia scheint die Sonne ;-)
    Liebe Grüsse Urs
    mit Moira, Hundekapitänin
    und Kuno, Hundecopilot

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  5. ...Cockpit lässt sich meines Wissens auch mit "Kampfarena für Hahnenkämpfe" übersetzen...

    @Urs: auch bei euch scheinen die Hierarchien genauestens definiert zu sein ;-)

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  6. Irgendein Copi20 Juli, 2012 17:58

    Einer meiner Instruktoren hat ein Flugzeug, in dem 2 Kapitäne sitzen, mal "Dumm-Dumm-Geschoss" genannt ;)

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  7. @TWR Mädel
    Bei den Hunden unter sich schon, aber sie sind sich wohl bewusst, dass ich der Chefpilot bin ;-)
    Liebe Grüsse aus Italien
    Urs

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  8. @ TWR Mädel:

    ROGER, that!

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