Freitag, Mai 11, 2012

Vinyl

33 oder 45 Umdrehungen pro Minute, das sagt nur noch den Älteren unter den Lesern etwas. Meine Grossmutter arbeitete noch mit 78 U/min. Bei ihr zu Hause stand so ein altes Ding, wo Schallplatten aufgelegt werden mussten, die dicker waren als mein Zahltag heute.

Meine erste Platte kaufte ich mir im Vilan im Shopping Center Spreitenbach und die hatte eine Frau auf dem Cover, die für einen 12-jährigen heisser nicht sein konnte: Suzi Quatro.


"If you can't give me love" lief ununterbrochen in einer Lautstärke, die das Geschepper des Rasenmäher meines Vaters bei weitem übertönte. Es folgte australisches aus der Küche von Status Quo:


Bereits mit der zweiten Schallplatte hatte ich die Hymne meines zukünftigen Berufslebens gefunden: "Rockig all over the world…".

Meine Schwester fand dieses Gitarrengeklimper abscheulich, ja widerwärtig. Sie träumte von der grossen Welt und das konnte man zu dieser Zeit am besten mit Katja Epstein, dem Theo, der nach Lodz fuhr und den Bay City Rollers. Bay City Rollers? Das war früher eine Ansammlung von Biebers, Lucas, Bruno Mars' und anderen zurechtgeschminkten Schwiegermütterträumen, die per se nur grauenhafte Musik machen konnten.

Was folgte war ein akustischer Krieg zwischen zwei Kinderzimmern, den ich dank den elektrischen Gitarrenklängen stets um Längen gewann. 
Selbstverständlich wachsen in so Kinderköpfen auch allerlei gemeine Gedankenspiele, die Schwesterlein masslos ärgern konnten. Ein Umschalten der Laufgeschwindigkeit von 33 auf 45 U/min – und plötzlich lief der Theo nicht mehr nach Lodz, er spurtete! Meine Schwester kochte vor Wut und liess als Revanche in Volllautstärke Katja Epstein vom Stern von Mykonos träumen. 

Auf seltsame Art und Weise kam der gänzlich vergessene Geschwindigkeitsschalter dreissig Jahre später wieder in mein Bewusstsein zurück – und zwar dank den jungen Copiloten. Vor dem Anflug pflegen wir zusammen den Ablauf des bevorstehenden Landgangs zu besprechen. Wie das zu geschehen hat, ist in den Reglementen beschrieben, was darin vorkommen muss auch. Am wichtigsten sind wie immer im Leben diejenigen Sachen, die nirgends beschrieben sind. Wie fit bin ich? Was sind heute die Gefahren? Wie vermute ich, wie es heute ablaufen könnte? Was habe ich die letzten Male hier erlebt?
Zusammen mit den vorgeschriebenen Bausteinen kommt bis vier mal am Tag eine veritable "Gute Nacht Geschichte" zusammen. Damit keiner einschläft, müssen die wichtigsten Punkte entsprechend hervorgehoben und die Spannung bis am Schluss erhalten werden.

Erfahrung hilft hier sehr.

Junge Copiloten empfinden diese "Gute Nacht Geschichte" derweil als Belastung und leiern den Text hinunter, als hätten sie intern ihren Geschwindigkeitsschalter von 33 auf 45 U/min gestellt.

Wie soll Kapitän auf das reagieren?  Genauso wie früher, mit Gegenakustik – zumindest gedanklich.

"HELP!" von den Beatles passt da prächtig. Dies war übrigens meine dritte Vinylplatte.



Kommentare:

  1. Plattenspieler, Telefonzelle, TV Screens...???

    Bei uns zu Hause lautete der Kampf ABBA gegen Kiss, sehr zum Leidwesen unserer Mutter!

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  2. AustrianEagle11 Mai, 2012 12:19

    Hehehe...da kommen Erinnerungen auf, vielen Dank.
    Bei uns hieß der Kampf Frank Duval (meine Schwester) und ACDC (ich). Wer gewonnen hat dürfte klar sein, denn neben der Musik setzte ich auf die besseren Verstärker und stärkeren Lautsprecher.....

    Dieses Horrorszenario (für meine Schwester) stieß ihr wieder unangenehm auf, als mein kleiner Sohn (8 Jahre) bei ihr ein paar Tage Urlaub machte und jede Menge ACDC-Shirts dabei hatte.....

    Rock on

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  3. See me ride out of the sunset
    On your colored TV screen
    Out for all that I can get
    If you know what I mean
    Women to the left of me
    Women to the right
    Ain't got no gun
    got no knife
    Don't you start no fight

    (Chorus)
    Cos I'm
    T.N.T.
    I'm Dynamite
    T.N.T.
    And I'll win the fight
    T.N.T.
    I'm a power-load
    T.N.T.
    Watch me Explode

    einfach grossartig!

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  4. ... und da haben wir den TV screen wieder!!!

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  5. ...sag ich doch, TV screen... und im Radio läuft jetzt

    I was made for loving you

    Vielleicht müsstest du den Blog umbenennen in "Gedanken eines Golden Oldies"?

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  6. Sehr sympathisch, deine Schwester, wirklich! Dürfte in etwa meinen Jahrgang haben.
    http://flohnmobil.wordpress.com/2012/04/17/die-drei-magischen-buchstaben-meiner-jugend/

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  7. ... ach nein, Du auch?
    Ich überdenke meine Bloglist :-)

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  8. Super Text wiedermal, liebe Schallplattenfans, lasst euch diese Seite ans Herzen legen: http://www.youtube.com/user/Atticus70?feature=watch Wenn ihr die Playlist besucht findet ihr mehr als 500 gescannte Platten aus den 30-50er Jahren. Grosse Klasse und sicher ein Reinhören wert. Auch wenn ihr nicht so alt seit, vielleicht triffts ja DIDE's Wellenlänge (Duckundweg)

    Grüsse aus Basel vom Student,

    Severin

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  9. Hallo an Alle -
    aber Bay City Rollers geht ja wohl gar nicht! The Sweet waren die Größten!!!
    Liebe Grüße von Reinhold, der in dieser Altersklasse liegt.
    btw auch ich muß mich als Fan von Suzi Quatro outen - die Lady rockte.

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  10. Meinst du das ernst, dass es vorgeschrieben ist, dass ihr Euch gegenseitig über Eure Landgänge informieren müsst? ;D

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  11. Bin zwar weiblich, aber ich war ein riesengroßer Fan von Suzie Quattro. "Can The Can" und "48 Crash" hallten täglich mehrmals lautstark aus den Lautsprechern, sehr zum leidwesen meiner Großeltern, bei denen ich damals wohnte. :-) Jedoch war mein Musikinteresse immer schon sehr breitgefächert und hatte somit auch nichts gegen BCR, Stauts Quo, Sweet und auch nichts gegen Katja Epstein einzuwenden. :-)
    LG Gabi

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