Dienstag, Mai 29, 2012

Phasen des wohltätigen Leerlaufs


Wenn ich nicht viel geschrieben habe, lag es daran, 
dass ich meine ganze Zeit darauf verwandte, glücklich zu sein.
Nicolas Bouvier, die Erfahrung der Welt

Ich gebe mein Hund hat recht. Als Begründung nehme ich das obere Zitat, das so nebenbei nicht das erste Mal in diesem Blog als Textstarter missbraucht wird. 
Als Fliegender schätzt man die Bodenzeit umso mehr. Mit der Bodencrew verhält sich das genau umgekehrt. Ich spüre das hier im Engadin im Moment ganz besonders. Die Engadiner sind zurück aus ihren wohlverdienten Maiferien, die sie zum grössten Teil an fernen Stränden verbracht haben und meinem Arbeitgeber volle Flugzeuge bescherten. Sie berichten von fernen Stränden, exotischen Gerichten und immer scheinender Sonne. Sie schwärmen vom Flug, vom Hotel und von ihrem braunen Bauch. 
Als sie sich Richtung Westen, Süden oder auch Osten gemacht haben, war der Silvaplanersee noch mit einer Eisschicht bedeckt und der Julierpass nur mit Schneeketten befahrbar. An eine Joggingrunde um den Champfersee war ohne Schneeschuhe noch nicht zu denken und die Restaurants lagen im Gegensatz zum Bär M13 noch im Winterschlaf.

Das war Anfangs Mai und seit diesem Tag bin ich mit kürzeren und längeren Unterbrüchen im Engadin geblieben. Drei Wochen in diesem Paradies, drei Wochen lang beobachten, wie sich die Natur "verfrühlingt" und die Schneeschmelze für volle Bäche sorgt. Sich drei Wochen daran erfreuen, wie die Rehe jeden Nachmittag Punkt 1630 Uhr vor unserem Fenster Essbares suchen und drei Wochen ein "kaltes Bettendorf" fast für sich alleine haben.

Ich habe es geschafft, mich zu erholen und die Batterien zu laden. Möglich gemacht, hat das mein Teilzeitvertrag. Beim Wort "Teilzeitvertrag" stehen vielen die Nackenhaare zu Berge. Teilzeit passt so gar nicht in unsere Leistungsgesellschaft. Dabei ist das Gegenteil der Fall. So überdreht, so intensiv und so hoch getaktet, wie sich das Arbeitsumfeld im Jahr 2012 präsentiert, braucht jeder Mensch längere Zeitspannen des Nichtstuns – Körper und Geist brauchen Phasen des wohltätigen Leerlaufs! Nur leider kann und darf das nicht jeder – ich weiss wie privilegiert ich in dieser Beziehung bin. 

Eine Gesellschaft, die sich mehr leistet, als sie sich leisten kann, nennt man Leistungsgesellschaft.
Werner Misch

Ich denke, der Satzteil "..mehr leistet, als sie sich leisten kann, ..." bezieht sich ganz speziell auch auf die körperliche und seelische Leistung, oder mit anderen Worten den Stress.

Damit ich nicht allzu sportlich wieder in den Arbeitsalltag einsteige, habe ich noch eine Woche frei. Ich verspreche, dass ich dann wieder von aviatischen Themen berichten werde: Von vollen Flugzeugen, lustigen Passagieren, schrillen Kollegen, Slots, Flugverkehrsleiterinnen und anderen schrägen Vögeln aus der Welt des Reisens. Doch bis dahin geniesse ich noch etwas das Engadin – Scheisse, jetzt ist es 16:55 Uhr und ich habe die Rehe verpasst! 




Samstag, Mai 26, 2012

die neue RUNDSCHAU ist ONLINE


Die neuste Ausgabe kann HIER gratis heruntergeladen werden. Das Heft berichtet unter anderem über den gefährlichen Dämmerzustand bei Müdigkeit, das Projekt Solar Impulse und die Flugschule SAT. Ausserdem besuchten die Redakteure einen ehemaligen Direktionspräsidenten. Robert Staubli war in den 80er Jahren Chef der Swissair und erzählt in einem Interview von alten Zeiten. Besucht wurde auch Gery Gubler. Er baut zu Hause, bzw. in einem Fabrikgebäude ein Cockpit einer MD80 nach und versucht dieses flugfähig zu machen. Natürlich finden sich auch Texte, die das Leben der Flugbesatzungen und die damit verbundenen Schwierigkeiten in ein satirisches Licht rücken.

Die Lektüre lohnt sich!

Montag, Mai 21, 2012

Zahlen, Menschen, Geschichten

Wir neigen dazu, Zahlen als Grundlagen für Geschichten, Ereignisse und Schicksale zu nehmen. Es gibt Daten, die brennen sich ein, Zahlen die wecken Emotionen oder faszinieren durch ihre schiere Grösse.

So zum Beispiel die Zahl 46. Ich habe morgen Geburtstag und werde 46. Eine Zahl, ein Moment, ein Ereignis, das vergänglich ist wie das Lächeln einer schönen Dame in einem Film.

Eine andere Dame wäre am 4. November 103 Jahre alt geworden. Es war ihr nicht vergönnt, sie starb am 10. Mai dieses Jahres. Ich habe sie nicht gekannt, spielte aber immer wieder einmal mit dem Gedanken, eine längere Geschichte über sie zu verfassen.

Zum ersten Mal bin ich über ihren Namen gestolpert, als ich 2009 den echten Aviatik-Veteran "Al" zu Besuch im Cockpit hatte. Dieser Aviatik-Veteran informierte mich heute über den Tod der weiblichen Aviatiklegende, die mit sage und schreibe 57'635,4  Flugstunden in die Geschichtsbücher eingeht.
Folgender Artikel über das Gespräch mit Al wurde im Jahre 2009 in der Aviatikzeitschrift COCKPIT publiziert:


Pilotengespräche

Auf dem Ladeblatt sind 223 Passagiere aufgeführt. Menschen mit verschiedensten Schicksalen und unterschiedlichsten Geschichten. Manchmal hat man die Gelegenheit, ein paar Worte mit den Gästen zu wechseln. Dabei erfährt man nicht selten Überraschendes.

Die Cockpittüre fiel leise ins Schloss. Müde stand ich in der Küche und streckte meine Glieder. Es knackste in einem Gelenk – ein deutliches Zeichen, dass ich älter werde. Bevor ich mich den kritischen Blicken der Passagiere präsentierte, rückte ich die Krawatte zurecht und nahm Haltung an. «Schliesslich bin ich jemand, schliesslich repräsentiere ich die Zunft der Piloten!», dachte ich nicht ohne Grund. Über 10'000 Flugstunden und unzählige Nordatlantiküberquerungen hinter mir, durfte ich doch etwas Selbstvertrauen zeigen.

Al stellt sich vor

In diesem Moment griff eine kräftige Hand nach mir. Sie gehörte einem älteren Mann mit amerikanischen Wurzeln. «Hi, I’m Al!», stellte er sich mit einem Lächeln vor. Mit dieser für Amerika typischen Mischung aus Optimismus und Lebenskraft, blickte er in meine müden Augen. Er wollte alles von mir wissen. Flugzeit, Kraftstoffverbrauch und Position waren noch die einfachsten seiner Fragen. Als ich mich erkundigte, ob er sich in der Fliegerei auskenne, klopfte er mir lachend auf die Schulter: «Young man, I’ve got 43'000 flight hours!»

Fünf Jahre in der Luft

Meine wenigen Hirnzellen begannen zu rechnen. Seine 43'000 Flugstunden bedeuteten fast fünf Jahre Nonstop in der Luft. Ich schätzte ihn auf 80 Jahre. Begann er also mit 20 zu fliegen, war er jedes Jahr über 700 Stunden in der Luft. «That’s impossible», antwortete ich nach der kurzen Rechenpause. Al überzeugte mich vom Gegenteil. Mit 16 Jahren verliess er mit einer gefälschten Geburtsurkunde das Elternhaus in Minnesota und meldete sich bei der Navy, was damals erst ab 17 Jahren möglich war. Al wollte fliegen, und zwar um jeden Preis. Mit 20 Jahren wurde er Flight-Engineer auf dem B-29 Bomber, ein Jahr später Pilot auf dem gleichen Muster. Es folgte eine Karriere bei der Navy und später bei der Fluggesellschaft United, wo er auf der B-727 pensioniert wurde. Ruhestand? Nichts für Al!

Meine Selbstsicherheit sank

Seit seiner Pensionierung bei United baute er acht Flugzeuge der RV-Familie zusammen, ist mit der Super-Constellation als Kapitän nach Europa geflogen und besitzt immer noch die Berechtigung als Fluglehrer. Copilot Tilly, der sich vor diesem Gespräch viel auf seine Lizenzeinträge einbildete, wurde immer ruhiger. Nach einigen Minuten bedankte ich mich bei Al. Ich musste das interessante Gespräch unterbrechen, im Cockpit wartete Arbeit. In meine Gedanken versunken, schnalle ich mich auf dem Copilotensitz an. Ich musste dieser Sache nachgehen, Ich musste recherchieren.

Noch lange nicht Rekord

Wie ich später im Internet herausfand, rangiert Al mit seiner beachtlichen Anzahl Flugstunden «unter ferner liefen». Evelyn Johnson hält den Rekord bei den Damen. Mit 57'635,4 Flugstunden, musste sie die Fluglizenz nach einem Autounfall im Alter von 96 Jahren aufgeben. Noch bis ins Alter von 95 Jahren wies sie als Fluginstruktorin Schüler in die Geheimnisse vom «Pitch und Power» ein. Ihre Flugstunden sammelte Evelyne ausschliesslich auf kleinen Maschinen. Auf der Homepage des Flughafens Morristown in Tennessee wird Evelyne Johnson noch immer als Airport Managerin geführt. Ein Leben für die Fliegerei!

Flugbuch

Nach der Landung in Los Angeles trug ich Flugstunde 10519,5 in mein Logbuch ein. Etwa 8000 davon in Langstrecken-Jets, der Rest auf der MD-80 und den Schulflugzeugen. Ein Niemand verglichen mit den beiden. Gut, ein bisschen stolz bin ich schon auf meine Erfahrung, wenn auch der Respekt vor Al und Evelyne überwiegt. 


Möge sie den letzten Flug geniessen!




Freitag, Mai 11, 2012

Vinyl

33 oder 45 Umdrehungen pro Minute, das sagt nur noch den Älteren unter den Lesern etwas. Meine Grossmutter arbeitete noch mit 78 U/min. Bei ihr zu Hause stand so ein altes Ding, wo Schallplatten aufgelegt werden mussten, die dicker waren als mein Zahltag heute.

Meine erste Platte kaufte ich mir im Vilan im Shopping Center Spreitenbach und die hatte eine Frau auf dem Cover, die für einen 12-jährigen heisser nicht sein konnte: Suzi Quatro.


"If you can't give me love" lief ununterbrochen in einer Lautstärke, die das Geschepper des Rasenmäher meines Vaters bei weitem übertönte. Es folgte australisches aus der Küche von Status Quo:


Bereits mit der zweiten Schallplatte hatte ich die Hymne meines zukünftigen Berufslebens gefunden: "Rockig all over the world…".

Meine Schwester fand dieses Gitarrengeklimper abscheulich, ja widerwärtig. Sie träumte von der grossen Welt und das konnte man zu dieser Zeit am besten mit Katja Epstein, dem Theo, der nach Lodz fuhr und den Bay City Rollers. Bay City Rollers? Das war früher eine Ansammlung von Biebers, Lucas, Bruno Mars' und anderen zurechtgeschminkten Schwiegermütterträumen, die per se nur grauenhafte Musik machen konnten.

Was folgte war ein akustischer Krieg zwischen zwei Kinderzimmern, den ich dank den elektrischen Gitarrenklängen stets um Längen gewann. 
Selbstverständlich wachsen in so Kinderköpfen auch allerlei gemeine Gedankenspiele, die Schwesterlein masslos ärgern konnten. Ein Umschalten der Laufgeschwindigkeit von 33 auf 45 U/min – und plötzlich lief der Theo nicht mehr nach Lodz, er spurtete! Meine Schwester kochte vor Wut und liess als Revanche in Volllautstärke Katja Epstein vom Stern von Mykonos träumen. 

Auf seltsame Art und Weise kam der gänzlich vergessene Geschwindigkeitsschalter dreissig Jahre später wieder in mein Bewusstsein zurück – und zwar dank den jungen Copiloten. Vor dem Anflug pflegen wir zusammen den Ablauf des bevorstehenden Landgangs zu besprechen. Wie das zu geschehen hat, ist in den Reglementen beschrieben, was darin vorkommen muss auch. Am wichtigsten sind wie immer im Leben diejenigen Sachen, die nirgends beschrieben sind. Wie fit bin ich? Was sind heute die Gefahren? Wie vermute ich, wie es heute ablaufen könnte? Was habe ich die letzten Male hier erlebt?
Zusammen mit den vorgeschriebenen Bausteinen kommt bis vier mal am Tag eine veritable "Gute Nacht Geschichte" zusammen. Damit keiner einschläft, müssen die wichtigsten Punkte entsprechend hervorgehoben und die Spannung bis am Schluss erhalten werden.

Erfahrung hilft hier sehr.

Junge Copiloten empfinden diese "Gute Nacht Geschichte" derweil als Belastung und leiern den Text hinunter, als hätten sie intern ihren Geschwindigkeitsschalter von 33 auf 45 U/min gestellt.

Wie soll Kapitän auf das reagieren?  Genauso wie früher, mit Gegenakustik – zumindest gedanklich.

"HELP!" von den Beatles passt da prächtig. Dies war übrigens meine dritte Vinylplatte.



Dienstag, Mai 08, 2012

Bergfrühling

...was soll ich denn in Thailand?
Der Nebel zieht den Bergflanken entlang, die Schneeglöcklein liefern sich Duelle mit den Schneeflöcklein und auf den Seen treiben noch die letzten Schollen Eis.
Der Mai ist der einsamste Monat im Engadin, darum vielleicht auch der Schönste. Wer kann flüchtet, wer hier bleibt wird mit Ruhe und Wetterkapriolen belohnt.

Die Wanderwege sind zum Teil noch knöcheltief mit Schnee bedeckt und verlangen von den Benutzern Trittsicherheit. Auch der erste Gang mit dem Hund am Morgen braucht minimale Vorausplanung. Es kann sein, dass noch Rehe vor dem Fenster nach Futter suchen, es kann aber auch sein, dass wie Vorgestern 15 cm Neuschnee liegt, das in diesem Monat von keiner Fee von der Strasse geputzt wird.

Eine herrliche Zeit die Batterien zu laden und den Organismus sportlich zu fordern. Endlich wieder einmal ein Buch lesen und ohne schlechtes Gewissen die Beine hängen lassen.

Der Mai ist noch lang und ich habe nicht vor, diesen Monat noch zu arbeiten.

Montag, Mai 07, 2012

Blogger Motivationsschub

Mich erreichte folgendes Mail, das mich sehr freute. Mit Erlaubnis des Verfassers publiziere ich es auf dem Blog. Hoffe, das es Dide, TWRMädel, skypointer und der Airbuspilot auch lesen!


Hallo Liebe schweizer Kollegen,

lange lese ich eure Blogs, doch kommentiert habe ich nie.
Zum Kommentieren fehlt mir vielleicht die Kreativität, und jedem ein "danke fürs bloggen" unter einen beliebigen Beitrag zu schreiben, finde ich auch zu langweilig.
Daher auf diesem Wege, ich hoffe, euch erreicht diese Mail.

Seit Mitte 2008 verfolge ich eure Internetauftritte und sie gehören zu meiner regelmäßigen Internet-Lektüre. 
Damals noch als frischgebackener Abiturient in der "Orientierungsphase".
Der Beruf Pilot hat mich lange Interessiert, und nach diversen Bewerbungen und noch mehr Überlegungen habe ich mich dazu entschlossen, diesen Berufs-, Lebens- (und Leidens-) weg einzutreten und befinde mich nun kurz vorm Ziel.
2010 begann ich meine Ausbildung bei einer anderen Airline mit rot-weißem Heck, stecke nun mitten im MCC, und erwarte in den nächsten Tagen die Nachricht, auf welches Muster ich geschult werde (A320/737NG).

Eure Blogs waren stete Begleiter, und mit der Zeit begann ich auch zu verstehen, was ihr so schreibt.
Sie waren (vor allem während der ATPL-Theorie) große Motivation, und manche Blogeinträge konnte ich auch im Unterricht einbringen (JoBos Abenteuer eher in den Pausen).

Nundenn, soviel zu mir.
Ich hoffe auf viele weitere Geschichten über das Leben als Jungkapitän, Wanderrouten Japans, Journalistische Inkompetenz, Shop-Namen Kaliforniens, der anderen Seite des Miks und natürlich von JoBo. 


Bis Bald, vielleicht am Funk,

Christopher

Sonntag, Mai 06, 2012

ein Heft entsteht


In regelmässigen Abständen wird es in diesem Blog ruhig. Meistens dann, wenn der Endspurt lanciert ist, wenn der Redaktionsschluss der AEROPERS «Rundschau» naht. Es werden die letzten Texte geschliffen, die gewünschten Änderungen angebracht, aktuelles eingeflochten und Pointen umgeschrieben.

Sind dann alle Texte im Kasten, ändert mein Verzeichnis die Farbe von Orange zu Grün. Bei Heft 02-12 war das gestern der Fall, meine sieben Beiträge wurden als finale Version abgeliefert. Eine Befreiung, aber auch ein Loch, das sich auftut. Was bringt das nächste Heft? Wen soll ich im Sommer befragen? Heft 03-12 hat den Status Rot. Da steht noch kein Thema fest, das steht noch nicht einmal das Konzept.

Heft 02-12 wird übrigens am 25. Mai ausgeliefert und ist ein paar Tage später HIER gratis downloadbar.

Lesespass wird garantiert!