Donnerstag, April 19, 2012

Buchstaben im Takt


Lange Zug zu fahren ohne sich mit Buchstaben zu befassen, das geht gar nicht. Man kann im Zug Buchstaben lesen, Buchstaben schreiben und Buchstaben hören. Gerade letzteres gehört sich eigentlich nicht, inspiriert aber ungemein.
Der Zug von Zürich nach Bern am Morgen um halb Neun ist voller spannender Menschen mit noch spannenderen Geschichten. Die Buchstaben reisen so schnell und in so grosser Menge durch die Abteile, dass man schon das geübte Ohr eines HF-Funkers braucht, um Wortfetzen zu sortieren und den Buchstabensalat richtig zu ordnen.

Im Zug kann auch gut beobachtet werden, dass sich Reisende gerne mit Problemen beschäftigen. Rechts von mir beklagt sich ein Mitarbeiter über die Arbeit im Allgemeinen und den Chef im speziellen und etwas weiter vorne liest jemand die Weltwoche – wie kann man nur!

Mittlerweile sind wir in Dietikon, der Wiege der neueren Schweizer Geschichte. Sie wissen das nicht? Aber, aber… Wäre nicht 1798 ein General der Truppen Napoleons bei Dietikon über die Limmat geschwommen und hätte in Zürich die Österreich-Russischen Truppen zum Teufel gejagt, dann hätte in meiner Jugend tatsächlich dem Klammer Franz die Daumen drücken müssen. Dietikon wäre dann nicht am Arc de Triomphe (schreibt man das so?) eingemeisselt und Bernhard Russi kaum ein Nationalheld geworden.

Zu den Problemen an der Arbeit gesellt sich auch noch ein Beziehungsproblem. Der Passagier zu meiner Rechten scheint keinen guten Tag erwischt zu haben.

Mittlerweile bin ich im Aargau. Einem schönen Kanton, der gerne unterschätzt wird. Beim Aargau denkt man an Autos, Autobahnen, AKWs und das GIPOL-Holding. Dabei ist die Landschaft links und rechts lieblich und grün – ohalätz, auf der A1 hat es Stau. Der Kluge fährt im Zuge.

Es riecht nach Kaffee. Warum nur haben wir im Flugzeug keine Espresso-Maschine, warum nur müssen wir ständig diese Sockenbrühe trinken? Der Passagier weiter vorne hat andere Probleme, er liest noch immer die Weltwoche.
Potz, jetzt kommt noch der Kondukteur. Ein Schreibstopp – behördlich verordnet!

Mittlerweile haben wir die alte Hauptstadt der Schweiz durchfahren. Diese Fahrt ist eine richtige Hauptstadt-Tour. Von der Hauptstadt des Eishockeys über die alte Hauptstadt zur politischen.

Vor ein paar Jahren hatten wir einen Kollegen der Qantas zu Besuch. Wo fährt man mit den Besuchern hin? Richtig, ins Berner Oberland. Im Bereich Bern führten wir auf der Autobahn folgendes Gespräch:

Where are we Peter?
We’re in the capital of Switzerland!

Schallendes Gelächter auf der Hinterbank. Es wurden Taschentücher verlangt, es wurde auf die Schenkel geklopft. Ratlosigkeit unsererseits.

What’s going on Graham?
This is probably the best name for a capital I’ve ever heard: WANK-DORF.

Olten steht auf einem grossen Silo am Bahnhof der gleichnamigen Stadt. Tropfen fallen vom Himmel.

Kein guter Tag, um die Solar Impulse in Payerne zu besuchen, ich freue mich trotzdem.

Genug Buchstaben geschrieben und gehört, jetzt lese ich ein bisschen. Adieu.

Kommentare:

  1. Das mit dem Wankdorf ist mir immer im Vorbeifahren präsent. Bähnler kennen auch die SOB oder die FART als Verkehrsunternehmen, die die Angelsachsen immer wieder zum Kichern bringen.
    Peter

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