Mittwoch, April 25, 2012

ein Schwank

Es gibt zwei Arten des Humors, die fast immer funktionieren: entweder man lacht über sich selber oder über andere. Also Selbstironie oder Spott. Während ersteres nobel und unproblematisch ist, verlangt zweiteres nach vorsichtigen Formulierungen und sprachlichem Gespür.
Versagt man bei dieser Gratwanderung, findet man sich mit seinem Gegenüber schon einmal vor dem Kadi oder – besser oder schlechter sei dahingestellt – redet kein Wort mehr mit seinem Kontrahenten.

Ich spiele mal das erste Spiel und erzähle einen Schwank über mich. Es darf mitgeschmunzelt und mitkommentiert werden.

Flug in die kosovarische Hauptstadt Pristina. Während in Zürich der April seinem Namen alle Ehre macht, wird es gegen Osten immer schöner. Der Kapitän fliegt (hier kocht der Chef persönlich!) und erfreut sich des warmen Kaffees.
Die 200 Passagiere und geschätzten 20 Babys sind zufrieden und sehnen sich nach der Heimat, die sie mit Sonnenschein und 15°C begrüsst. Gut 20 Minuten vor der Landung greift der Kapitän zum Mikro und verabschiedet seine Gäste. Unter dem Flugzeug präsentiert sich eine Landschaft, die schöner nicht sein könnte. Rechts das blaue Meer, links schneebedeckte Berge. Gerne würde ich den Passagieren sagen, was sie zu ihrer Linken und Rechten sehen, aber da würde ich gefährliches Glatteis betreten, das so unbedingt vermieden werden muss. Der Copilot redet mit Tirana Radar, schwafelt aber etwas von Skopje. Erst waren wir noch bei Belgrad Radar und jetzt? Bürger meines Jahrgangs mögen sich noch erinnern, was vor 20 Jahren in diesem Landstrich los war. Darum ist Vorsicht geboten, darum greife ich zur Notlüge.

"Unter ihnen sehen sie die Welt in ihrer ganzen Schönheit"

Nein, das habe ich so natürlich nicht gesagt, aber es wäre mal einen Versuch wert. Meine politisch, sprachlich und PA-Guide-mässig korrekte Ansage war vorüber, als mich der Copilot grinsend ansah.

"Willst Du auf die 35 in Pristina?"
"Ja klar, da sparen wir 10 Minuten."
"Aber du bist etwas SEHR hoch."
"Geht schon."
"Du kannst runter auf FL120."
"Dann nichts wie runter."
"LADIES AND GENTLEMEN, CABIN CREW. WE GOT A SHORTCUT. EXPECT THE LANDING IN 10 MINUTES"
"Wer hat uns eigentlich die 35 offeriert?"
"Skopje."
"Hat der was zu sagen in Pristina?"
"Weiss nicht, aber Befehl ist Befehl..."
"Siehst Du die Piste da unten?"
"Gear down!"

Auch Pristina erlaubte uns, die 35 nach Sicht anzufliegen. Bei 1500ft über Grund waren wir fertig konfiguriert und stabilisiert, also bereit für die Landung. Eine schwere A321 (Man benutzt für Flugzeuge die weibliche Form, das haben die Engländer richtigerweise so definiert. Alles was Lärm macht und schwierig zu beherrschen ist – so die Angelsachsen, muss zwingend die weibliche Form haben) ist etwas anders zu landen, als die beiden anderen störrischen Weiber, darum ging ich den Landeablauf noch einmal im Kopf durch. Es war windstill, es war ideales Flugwetter.

"50 - 40 - 30 - RETARD - BUMM!"

Nein, es war nicht meine schönste Landung, aber schlecht war sie auch nicht.

Passagiere verabschieden ist in Pristina Chefsache. Die Leute pflegen dem Chef die Hand zu geben und sich zu bedanken. Ich finde das angenehm, ich finde das zeugt von guter Erziehung.

Ein alter Mann steuerte auf mich zu, gab mir die Hand und sagte:
"He Chef, nächscht mal weniger schnell abe, dänn weniger Bumm!"

Soweit zur Selbstironie, jetzt folgt die anspruchsvollere Disziplin – der Spott.
Doch dafür brauche ich Zeit und den richtigen Ort, etwas Bätziwasser und der Duft von loderndem Feuer. Ich reise noch heute ab auf eine Alp am Pilatus, wo sich unsere Pilotenklasse aus dem Jahr 1992 alle zwölf Monate zu Älplermakaronen, Zigarren und Bätziwasser trifft.
Haben wir die letzten 19 Jahre über die Kapitäne gespottet und geflucht, sind aus aktuellem Anlass die Copiloten dran. Der Dide kann seine Ferien also spannungsfrei geniessen, er ist für uns Jungkapitäne als Opfer nicht mehr interessant.
Debriefing


Sonntag, April 22, 2012

Wertschätzung

Eine schöne Geste gegenüber den Mitarbeitern bewies Turkish Airlines beim Design ihres neuen Flugzeugs.

Die Maschine rollte neben uns auf den Standplatz in Pristina. Das musste ich mir einfach näher ansehen.




Die paar Worte mit den Kapitän der Maschine haben sich auch gelohnt. Mit einer ganzen Tüte voller Haselnüssen in den Händen ging es zurück zu unserem A321. Die Nüsse schmecken übrigens himmlisch!

Donnerstag, April 19, 2012

Buchstaben im Takt


Lange Zug zu fahren ohne sich mit Buchstaben zu befassen, das geht gar nicht. Man kann im Zug Buchstaben lesen, Buchstaben schreiben und Buchstaben hören. Gerade letzteres gehört sich eigentlich nicht, inspiriert aber ungemein.
Der Zug von Zürich nach Bern am Morgen um halb Neun ist voller spannender Menschen mit noch spannenderen Geschichten. Die Buchstaben reisen so schnell und in so grosser Menge durch die Abteile, dass man schon das geübte Ohr eines HF-Funkers braucht, um Wortfetzen zu sortieren und den Buchstabensalat richtig zu ordnen.

Im Zug kann auch gut beobachtet werden, dass sich Reisende gerne mit Problemen beschäftigen. Rechts von mir beklagt sich ein Mitarbeiter über die Arbeit im Allgemeinen und den Chef im speziellen und etwas weiter vorne liest jemand die Weltwoche – wie kann man nur!

Mittlerweile sind wir in Dietikon, der Wiege der neueren Schweizer Geschichte. Sie wissen das nicht? Aber, aber… Wäre nicht 1798 ein General der Truppen Napoleons bei Dietikon über die Limmat geschwommen und hätte in Zürich die Österreich-Russischen Truppen zum Teufel gejagt, dann hätte in meiner Jugend tatsächlich dem Klammer Franz die Daumen drücken müssen. Dietikon wäre dann nicht am Arc de Triomphe (schreibt man das so?) eingemeisselt und Bernhard Russi kaum ein Nationalheld geworden.

Zu den Problemen an der Arbeit gesellt sich auch noch ein Beziehungsproblem. Der Passagier zu meiner Rechten scheint keinen guten Tag erwischt zu haben.

Mittlerweile bin ich im Aargau. Einem schönen Kanton, der gerne unterschätzt wird. Beim Aargau denkt man an Autos, Autobahnen, AKWs und das GIPOL-Holding. Dabei ist die Landschaft links und rechts lieblich und grün – ohalätz, auf der A1 hat es Stau. Der Kluge fährt im Zuge.

Es riecht nach Kaffee. Warum nur haben wir im Flugzeug keine Espresso-Maschine, warum nur müssen wir ständig diese Sockenbrühe trinken? Der Passagier weiter vorne hat andere Probleme, er liest noch immer die Weltwoche.
Potz, jetzt kommt noch der Kondukteur. Ein Schreibstopp – behördlich verordnet!

Mittlerweile haben wir die alte Hauptstadt der Schweiz durchfahren. Diese Fahrt ist eine richtige Hauptstadt-Tour. Von der Hauptstadt des Eishockeys über die alte Hauptstadt zur politischen.

Vor ein paar Jahren hatten wir einen Kollegen der Qantas zu Besuch. Wo fährt man mit den Besuchern hin? Richtig, ins Berner Oberland. Im Bereich Bern führten wir auf der Autobahn folgendes Gespräch:

Where are we Peter?
We’re in the capital of Switzerland!

Schallendes Gelächter auf der Hinterbank. Es wurden Taschentücher verlangt, es wurde auf die Schenkel geklopft. Ratlosigkeit unsererseits.

What’s going on Graham?
This is probably the best name for a capital I’ve ever heard: WANK-DORF.

Olten steht auf einem grossen Silo am Bahnhof der gleichnamigen Stadt. Tropfen fallen vom Himmel.

Kein guter Tag, um die Solar Impulse in Payerne zu besuchen, ich freue mich trotzdem.

Genug Buchstaben geschrieben und gehört, jetzt lese ich ein bisschen. Adieu.

Montag, April 16, 2012

Ostern in Athen

Sechs Tage, 53 Stunden Duty, zweimal um 02:50 Uhr aufstehen. Ich bin zu müde für das Schreiben, lassen wir die Bilder sprechen.






Samstag, April 14, 2012

kennen Sie den Unterschied…

…zwischen Neuschnee und einem Kurzstreckenpiloten?
Der Neuschnee kann am Morgen liegenbleiben…

Diese Woche habe ich den Langstreckenkoffer aus der Versenkung geholt. Eine dicke Schicht Staub lag auf dem grossen Koffer und am Griff klebte noch eine Etikette mit der Nummer LX41. Eine Ewigkeit ist es her, seit ich das grosse Teil zum letzten Mal zum Flughafen zog.

Diese Rotation standen nicht ein Hin- und ein Rückflug auf dem Programm, sondern deren 18. Ja, Sie haben richtig gelesen A C H T Z E H N.
Mehr als die Hälfte habe ich bereits hinter mir und darf heute Nacht im wohl besten Hotel Athens schlafen. Würde mich der Wecker nicht schon um 02:50 Uhr CH-Zeit wecken, ich wäre jetzt sicher auf der Piste. In Rom war ich schon, nach Athen kehre ich morgen wieder zurück.

Obwohl – da muss man ehrlich sein – handelt es sich nicht um das beste Weekend, um in Athen abzuhängen. Es ist Ostern hier am Peloponnes und die Griechen gönnen sich ein paar entspannte Tage in ihren unversteuerten Liegenschaften.

So endete die Crew, wo so viele Crews in Athen enden. In der hoteleigenen Galaxy Bar mit Aussicht auf ein paar tausend Jahre Geschichte.

Der Barman war nett und fragte die Frage, die ein Barman fragen muss:

Are you traveling around here in Greece?
No, we're working

Ein lauter Lachanfall überkam den nette Griechen mit venezolanischen Wurzeln.
Working in Greece? You're probably the only one!

So stehe ich vermutlich um 3 Uhr alleine vor der Kaffeemaschine und träume von einem hauseigenen Nespresso. 

Life is good!

Mittwoch, April 11, 2012

sprachlos…

Da hat wohl jemand beim Winter-OPS Test geschummelt.
Ich bin sprachlos, entsetzt und froh, dass da nichts passiert ist…
(Danke LDG NO BLUE FÜR DEN LINK)


Sonntag, April 08, 2012

... one Moment in time


Die Blase schon leer, den Blog gelesen. Augenflüssigkeit dringt durch die Kanäle, Erinnerungen werden wach. Ein Griff ins Fotofach, das Bild ist schnell gefunden!

Gewisse Zahlen kann man einfach nicht übersehen...

...doch was gestern war, ist heute bereits wieder Vergangenheit...



Ich freue mich auf die erste Sitzung des Kernteams :-)


heiteres Koffersuchen


Das Wetter war garstig in Wien. Dank elektronischem Wetterdienst waren wir klamottenmässig bestens darauf vorbereitet. Die Internetwetterdienste meldeten schon am Vortag, dass die österreichische Hauptstadt an diesem Ostersamstag von Touristen und Regentropfen überschwemmt werden würde.

Acht Minuten zu früh gelandet! Die Crew für den Rückflug war dankbar dafür. Statt 35 Minuten blieben ihnen deren 43, bis das Flugzeug wieder nach Zürich startete. Durch schmale Gänge, an Duty-Free Geschäften vorbei, folgten wir den Schildern zum Ausgang und betraten die Halle der Gepäckausgabe. ZÜRICH war über dem Band 5 gross angeschrieben. Darunter standen noch andere Städtenamen, was den Andrang vor Band 5 anwachsen liess. Zuerst kamen viele Koffer, dann ein paar wenige und am Schluss keiner mehr. Band 5 war in der Zwischenzeit leer und unsere Koffer nirgends zu sehen. Noch gut 20 Minuten bis zum Start der Maschine nach Zürich. Das LOST & FOUND war nicht weit, die Damen darin hilfsbereit und nett. Ein kurzes Telefonat brachte Klärung.
Die Koffer befänden sich noch auf dem Flugzeug, meinte die Dame in Rot, da hätte wohl jemand seine Arbeit nicht richtig verrichtet. In maximal zehn Minuten seinen unsere Gepäckstücke, beladen mit Regenjacke, bequemen Hosen, Schlafanzug, Ersatzhemd, Toilettenartikeln und diesem und jenem, was man in einem Hotelzimmer halt so braucht, auf dem Gepäckband für uns bereit. Neun Minuten später noch keine Koffer, die Dame im LOST & FOUND erwartete mich bereits.

Der Angestellte sei zum Flugzeug gefahren, hätte aber niemanden gefunden, der berechtigt gewesen wäre, etwas auf dem Frachtraum zu entladen, informierte mich die Dame in Rot etwas aufgeregt. Sie sei aber guten Mutes, meinte sie wenig überzeugend, das Flugzeug befände sich noch ein paar Minuten am Gate.
Just in diesem Moment begann die Uniformhose zu jucken und mein Hemd zu riechen. Es war ein psychologisches Jucken, ein psychologisches Riechen… Ich stellte mir vor, wie ich den ganzen Nachmittag und Abend in meiner Uniform stecke, die ich den folgenden Tag wieder tragen muss.
Ich stellte mir auch vor, dass ich kein Schnitzel kriege, auf das ich mich so gefreut habe. Und ich stellte mir weiter vor, wie viel Schreibkram mir an diesem Ostersamstag noch bevor stand.

Die Zeit lief zu unseren Ungunsten und die netten Damen im LOST & FOUND wurden zahlreicher. Man entschuldigte sich, machte mir Hoffnung und verkündete schliesslich das Unvermeidbare: Die Maschine sei wieder auf dem Weg nach Zürich, unsere Koffer wohl auch…

Figlmüller ade!

Ausgerüstet mit einem «Overnight-Kit», bestehend aus Zahnbürste, T-Shirt und Deodorant, machten wir uns auf den Weg ins Hotel. Schnitzel gab es trotzdem am Samstagabend. Eingenommen haben wir diese ausserplanmässig im hoteleigenen Restaurant.
Auch ein Bier haben wir uns – trotz Uniform – auch gegönnt. Dies war nach allen Regeln der Vorschriften legal. Uniform waren wir gekleidet, steckten wir doch allesamt im weissen T-Shirt gefunden im Overnight-Kit der Star-Alliance.

Für einmal war ich bereits um 20 Uhr im Bett und schlief auch sofort ein. Um 21 Uhr klingelte das Telefon zehn Zentimeter neben meinem Ohr. Es war die nette Dame vom LOST & FOUND. Unsere Koffer warten im L&F in Zürich auf uns, sagte die Dame am Telefon. Ob sie diese am nächsten Tag mit den ersten Kurs nach Wien schicken solle?, erkundigte sie sich ganz nett am Telefon. Leicht verschlafen und verstimmt informierte ich die Dame, dass wir diesen Morgenkurs ungefähr über Salzburg kreuzen werden.
«Sie sind nur so kurz in Wien?», meinte die Dame mitleidig, «dann ist es ja gar nicht so schlimm, dass sie ohne Gepäck in Wien gelandet sind!»
Sie war ganz offensichtlich noch nicht mit den neuen Arbeitsmodellen von Flugbesatzungen vertraut.

Eine gute Nachricht gab es dennoch zu verkünden: Wenn wir am Sonntag in Zürich ankommen, beginnt das heitere Koffersuchen. Wenigstens kommt so etwas Osterstimmung auf.

Freitag, April 06, 2012

…wer fliegt an Ostern findet ab & zu …

Eier!


Einen Dank an die Kollegen von SAS für die tolle Idee und einen Dank an Barbara für den Link!

… wäre ich doch heute in Arlanda ins Gebäude gegangen, statt bei Schneefall die Reifen zu kontrollieren!

Montag, April 02, 2012

der Furz

geklaut im Facebook bei Urs L.
Angeregt durch den sehr gelungenen Facebook-Eintrag eines meiner Freunde (siehe Bild), habe ich mich aufgemacht, in den und neu zu Verfügung gestellten Unterlagen in Pixelgrafik nach möglichen Auswegen aus dieser doch unangenehmen Situation zu suchen.

Und siehe da, die neue Version unseres Flight Warning Computers geht auf die doch eher unschmackhafte und definitiv ungesunde Crewverpflegung ein, die uns Kurzstrecken-Fliegern dank den übermässig eingesetzten E-Stoffen hie und da das ruhig Sitzen sehr sehr schwer macht.

Im FCOM in der Sektion ABN findet man gut versteckt das folgende neue Procedure. Dieses ist seit 1. April und bis zum Zeitpunkt, wo humanverträgliche Nahrung geladen wird, auf allen Airbussen mit Whiskas Kurzstreckenverpflegung und fehlerlos installierten LPC-Browser gültig.

NACHTRAG:
Ein aufmerksamer Leser, den den neuen Typen bereits geflogen ist, schickte mir freundlicherweise ein Bild der eingebauten Hardware: