Freitag, März 02, 2012

Schneeschmelze

Die Sonne, für die das Engadin so berühmt ist, brennt mit aller Kraft auf das Tal nieder. Temperaturen weit der zehn Grad Marke sind die Folge. Der Schnee schmilzt und legt allerlei Vergessenes frei. Wo einst eine dicke Schneeschicht lag, kommen jetzt verlorene Handschuhe und Kinderspielsachen zum Vorschein. Ob die Kleinen wohl geweint haben, als der Verlust erkannt wurde? Ob die Eltern wohl getobt haben, als der Nachwuchs mit klammen Fingern die warme Stube betrat und vom Verlust des Kleidungsstücks berichtete?

Ich weiss es nicht.

Auch unappetitliches präsentiert sich. Hundekot an jeder Ecke und Papiernastücher in allen Farben.

Die Natur lernt uns gerade im Frühling, dass unter einer schönen Decke auch sehr viel Scheisse versteckt sein kann.

In der Geschäftswelt ist es ganz ähnlich wie im Engadin. Wie im lokalen Kurverein nach jeder Saison üblich, klagt auch die Industrie über die herrschende Krise, den starken Franken und die sinkende Kauflust der Konsumenten. Die Wirtschaft tut gut daran, sich an der Natur zu orientieren. Das macht sie eigentlich schon zur Genüge. Organisches Wachstum ist in aller Manager Munde und selbst einheimische Unternehmen haben gemerkt, dass es sich beim wirtschaftlichen Wachstum wie beim Wachstum in der Natur verhält. Ein zu forsches Tempo tötet jedes Pflänzchen ab.

Wie die Natur versucht sich auch die Wirtschaft jeden Frühling neu zu erfinden. Der Schnee muss weg und das unbrauchbare, verlorene und unnötige – intern auch mal Scheisse genannt – soll sichtbar werden, damit es weggeputzt werden kann. Dies heisst nicht Frühlingsputz, sondern Umstrukturierung, Sparprogramm, MOVE, SCORE oder wie auch immer. Dieses Aufräumen tut gut und soll die Unternehmen für den Sommer fit machen.

Man darf den CEOs dabei Glück wünschen und hoffen, dass sie eine genauso glückliche Hand beweisen, wie die Engadiner Sonne. Diese lässt die vermeintlich unnütze Scheisse liegen und macht daraus Dünger, der herrliche Krokusse wachsen lässt und die Wiesenblumen zwischen dem saftigen Gras blühen lässt.

Es braucht nur etwas Geduld dazu und die Nerven, den eigenen Dünger nicht allzu früh wegräumen zu lassen. Es steckt oft mehr in den vermeintlich unnützen Sachen, als CEO denkt.

Kommentare:

  1. Wowhhh!
    Bin beeindruckt. Danke.

    Lächelgrüesslis
    Fränzi Sternenzauber

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  2. Das ist "Der kleine Machiavelli" im iPad-Format.
    Ein Plädoyer für die Kürze.

    M aka @timezonedriver

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  3. Genial geschrieben und passend zu den Gerüchten, dass Mutti OS verkaufen will. Mal schauen was Herr Franz machen wird.

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