Samstag, März 31, 2012

die Schweiz aus FL160


... vielen Dank GVA ACC, ZRH ACC und vor allem – und ganz speziell –ZRH ARR!














Donnerstag, März 29, 2012

Osterstau

Zufahrt zu den Parkhäusern P1, P2 und P3

Wer kennt sie nicht, die Bilder vom Osterstau. Stossstange an Stossstange stehen sie auf der Autobahn gegen den Gotthard hinauf und träumen von einem Espresso an der Piazza von Ascona. Das Schweizer Farbfernsehen ist mit Kameras zur Stelle und die fidelen Staugänger berichten freimütig, wie ihnen das doppelspurige Stehen an praller Sonne nichts ausmache – ja im Gegenteil – es gehöre einfach zum Frühlingsanfang wie der erste Sonnenbrand und die sich schälende Haut auf den ungeschützten Schultern.

Doch heuer findet der Spass nicht statt, er wurde abgesagt. Es werden vereinzelte Camper den Weg Richtung Süden unter die Räder nehmen, doch der grosse Stau wird ausbleiben. Warum die Wagenkolonnen dem Gotthard fernbleiben, wissen Insider schon seit Monaten. Foren berichteten es schon eine Ewigkeit, in Stau-Fan-Kreisen sind die Drehbücher für die Ostertage bereits umgeschrieben worden. Man trifft sich dieses Jahr am Flughafen Zürich, der Stau soll gigantische Ausmasse annehmen. Das Schweizer Farbfernsehen tut gut daran, diesen Beitrag genaustens zu lesen und ihre Übertragungswagen bereits am Gründonnerstag in Stellung zu bringen.

Doch warum der Flughafen und nicht der Gotthard? Warum Zürich Nord und nicht Altdorf Süd? Es gibt deren Gründe genug, auf die an dieser Stelle eingegangen wird.
Altdorf Süd, als auch Biasca Nord, zeigen sich während dieser katholischen Feiertage von ihrer unfreundlichen Seite. Das gastronomische Angebot wird auf ein Minimum heruntergefahren (Hostien und bleifreier Wein) und Shoppingangebote sind keine Vorhanden, da die Läden entweder geschlossen oder noch nicht auf die neusten Trends getrimmt sind.

Da hat es der Flughafen Zürich merklich besser. Die Gastronomie ist fast rund um die Uhr geöffnet, bietet E-Stoff-verseuchte Speisen aus aller Welt an und lässt grosse und kleine Einkaufsherzen höher schlagen. Während die Stauerinnen Kleider, Accessoires und Schuhe schnappen, genehmigen sich Stauer beim Comestibles heimlich einen Schluck Grappa und kaufen beim Discounter das neuste elektronische Spielzeug ein. Der Staunachwuchs schlürft derweil einen Caramel-Latte-Machiatto-Double-Cream-soundso-Coffee bei Starbucks, oder verlängert ohne das Wissen der Erzeuger den all-inclusive-Handy-Vertrag um ein weiteres Jahr, wofür es das neuste Android-Teil von Samsung gibt.

Wer nicht shoppen will, schaut den Flugzeugen nach oder vergnügt sich im Fitness-Center des Hotels an Cardio-Geräten in der Hoffnung, eine der vielgerühmten und vielbewunderten Hostessen zu Gesicht zu bekommen. Wer darf oder einen kennt der darf, tummelt sich im Operation Center herum und schnuppert Uniformluft und die neusten Parfüms, getragen eben von diesen vielgerühmten und vielbewunderten Hostessen.

Bei schönem Wetter lohnt sich eine Fahrt auf dünnen Rollen um den Flughafen, wo man gemütlich bei der Pistenschwelle 14 oder dem Heligrill den Flugzeugen nachschauen kann und eine Wurst aus dem benachbarten Hohentengen isst. Natürlich immer in der Hoffnung, eine der vielgerühmten und vielbewunderten Hostessen zu erblicken.

Der Flughafen ist ein Paradies, gerade über die Ostertage.

Wenn nur dieser Stau nicht wäre!

Wäre da nicht die ununterbrochene Fahrzeugschlange am Flughafen, gäbe es in der Tagesschau Hauptausgabe vom Ostersamstagabend wenig zu berichten. Auch Tele Züri hat Stellung bezogen und filmt die Autos von vorne, hinten und von unten. Während das Schweizer Farbfernsehen in der Hauptausgabe der Tagesschau nach den Gründen für diese Stauverlagerung vom Gotthard an den Flughafen sinniert, weiss das Lokalfernsehen die Antwort auf die schwierige Frage innert Sekundenbruchteilen.

Schuld sind die Fliegenden! Warum bloss müssen sie sich an diesen Freitagen in die Uniform zwängen und am Flughafen verzweifelt einen Parkplatz suchen? Warum können sie die Spotter, Shopper, Skater, Starbuckler und Stehwurstfresser nicht in Ruhe lassen und mit dem ÖV an ihren Arbeitsplatz kommen? Was wollen die eigentlich am Flughafen? Was arbeiten die eigentlich?

Das Fazit der Sendung ist klar: Das umsatzmässig zweitgrösste Shopping-Center der Schweiz wird durch den Flugbetrieb empfindlich gestört. Das fliegende Personal verstopft die wenigen Parkplätze und Zufahrtstrassen und Piloten – wieder die Piloten! – verärgern die Zuschauer auf der Freilichtterrasse, weil sie wegen Parkplatzmangel zu spät auf das Flugzeug kommen, Verspätungen generieren und dadurch Besucher auf der Zuschauerterrasse warten lassen. Mediensprecher lächeln in die Mikrofone und beteuern, dass der Flugbetrieb defizitär und das Einkaufsgeschäft lukrativ ist.

Auch der Spartensender ARTE befasst sich mit dem brisanten Stoff. Das ganze Sonntagabendprogramm hat die Parkplatzproblematik des fliegenden Personals zum Thema. Der Anfang macht der Spielfilm "Falling Down – ein ganz normaler Tag" mit Michael Douglas. Im Anschluss an den Spielfilm diskutieren Fachleute über unberechenbare Reaktionen (bis hin zu Nervenzusammenbrüchen) von Personen – insbesonderes vom fliegendem Personal – das durch den Stress des Parkplatzsuchens ausgelöst werden kann.
Die Wirtsschaftssendung "die Drachme" klärt in einem Beitrag ab, ob ein Unternehmen, das 2003 Parkhäuser nach Amerika verkauft hat, um diese subito wieder zurück zu leasen, Personen aktiv daran hindern darf, nach eben diesem Amerika zu reisen. Der Strafrechtsprofessor D. J. erläutert, ob es den Betreibern von Parkhäusern erlaubt ist, das Parkhaus vorsorglich für eine Personengruppe zu schliessen, damit eine andere Personengruppe weiterhin parken kann. Und als Höhepunkt streiten Frauenorganisationen und Gewerkschaften darum, ob die Frauenparkplätze für Shopperinnen höheren Schutz geniessen, als die für die vielgerühmten und vielbewunderten Hostessen.

Als Stargast wird André Dosé erwartet, der ja diese Ostern auch wieder etwas zu feiern hat.

Mittwoch, März 28, 2012

Fragen


Rede nur, wenn du gefragt wirst, 
aber lebe so, dass man dich fragt.
Paul Claude


Was mich wirklich fasziniert ist Leidenschaft. Leidenschaft ist ein so intensives Lebenselixier, dass es ansteckender wirkt als mach eine Seuche. Egal von welchen Thema oder Hobby jemand fasziniert ist, wenn dieses Leuchten in den Augen erscheint und Worte in einem kaum zu stoppenden Redeschwall über die Lippen gehen, hört das neugierige Gegenüber zu und wird von den Worten gefangen.

Wenn Neugierde und Leidenschaft aufeinandertreffen, läuft die Zeit schneller als einem lieb ist. Gespräche mit leidenschaftlichen Menschen dauern nicht selten länger als geplant und enden (fast) immer bei einem guten Glas Wein in einem Haus mit schmackhafter Küche.

Im nächsten Monat habe ich in meiner nebenamtlichen Funktion als Redaktor der Rundschau das Vergnügen, drei leidenschaftliche Leute zu interviewen. Das Heft wird pünktlich am 25.Mai erscheinen (gratis download unter dem oben angegebenen Link). 
Aus diesem Grund werde ich an dieser Stelle weder über die Personen noch die Themen etwas verraten. Die Spannung und Vorfreude möchte ich nicht mindern.

Doch bevor ich mein Gegenüber ausquetschen und in die Tasten hauen kann, kommt die Recherche. Dabei wird das Netz durchforstet und Zeitungsarchive studiert. Fotos werden entdeckt und zuweilen auch Vergessenes an die Oberfläche befördert. Nicht selten verändert sich das Bild des Gegenübers während der Recherche komplett. Immer wieder staune ich, was Menschen in ihrem Leben schon erlebt und erschaffen haben. Konzentriert lese ich mich durch den Faktenteppich und versuche, Zusammenhänge zu konstruieren und Schlüsse zu ziehen. Fragen werden notiert, ein möglicher Gesprächsfaden aufgezeichnet.
Doch ein sturer Fragenkatalog führt selten zum Ziel. Er verbaut zudem die Möglichkeit, Unbekanntes zu entdecken – und unbekannte Seiten haben meine zukünftigen Gesprächspartner einige.

Ich freue mich auf die Gespräche und ich freue mich auf die Personen. Es sind Persönlichkeiten, die viel erlebt haben, ihre Leidenschaft mit mir teilen und eben so gelebt haben, dass sie gefragt werden. 

Genug jetzt, ich muss wieder recherchieren!


Dienstag, März 27, 2012

Passivfliegen

Passivrauchen ist ungesund, das weiss mittlerweile jeden Kind. Während der Raucher genüsslich an der Zigarre zieht, fühlt sich der Passive seiner Gesundheit bedroht. Interessanterweise husten nur Passivraucher, Aktivraucher bekommen höchstens eine sexy Stimme. Auch beim Coolnessfaktor zieht der Passivraucher den Kürzeren. Er riecht genauso mies, hustet ähnlich und stirbt an Volkskrankheiten, die allesamt wenig mit dem Genuss zu tun haben, doch cool ist er nicht – der Raucher schon.

Ähnlich ist es beim Fliegen. Auch hier gibt es Passivflieger und wie beim Rauchen, machen diese Stress, stören die Atmosphäre mit unpassenden Bemerkungen und tragen wenig zur guten und gemütlichen Stimmung bei. Wie schön wäre das Fliegen ohne diese Stimmungsbremser, wie sorglos und schnell könnten wir die ILS herunterrutschen, wenn diese Nörgeler nicht wären. Passivflieger nennt man in der Fliegerei übrigens Checker und so einer bin ich auch seit geraumer Zeit.

Wenn ich noch einmal den ersten Abschnitt durchlese, fallen mir immer mehr Ähnlichkeiten mit dem Rauchen auf. Passivfliegen ist im höchsten Masse ungesund. Auf dem hinteren Notsitz kommt man sich vor, wie der dritte Mann im Porsche Boxer. Alles ist zu klein, alles für den Notfall gemacht. Meine 1.96m sind da auch nicht wirklich förderlich. Und glauben sie mir, beim A320 zieht es aus sämtlichen Löchern! Wissen sie wie viele Lüftungsöffnungen dieses Flugzeug hat? Ich auch nicht! Wer es weiss, schreibe mir bitte  S O F O R T ein Mail. Auch gerne mit der Angestelltennummer, ich werde es im nächsten Checkblatt positiv vermerken.

Natürlich hat das Passivfliegen auch seine guten Seiten. Zwanzig Jahre Erfahrung dürfen weitergeben werden und dabei kann auch der Passivflieger enorm viel Lernen. Man kann Fragen stellen, bei denen man garantiert die richtige Antwort weiss und bei den von Kandidaten gestellten Rätseln, darf mit der immer richtigen Antwort "es kommt drauf an!" kontern.

Doch wie beim Rauchen ist der Passivflieger irgendwie weniger sexy. Die Umgebung solidarisiert sich automatisch mit dem zu prüfenden und der Prüfer wird zwar zwecks Ablenkung (eingefädelt von dem zu prüfenden) verwöhnt, doch das Makel des Passivfliegers bleibt.

Damit man alles überblicken kann, jede Manipulation sieht, braucht es Aufmerksamkeit. Die Augen müssen über die Instrumente wandern und die Ohren immer offen sein. Nichts darf dem Checker entgehen, alles muss am Abend sauber protokolliert sein. Ablenkungen müssen vermieden werden, wenn das auch nicht immer gelingt. Gerade wenn es zieht, geht sehr viel Checkerenergie verloren, weil der zügige Spalt lokalisiert und gestopft werden muss. Schliesslich geht es um die eigene Gesundheit, um die eigene Performance. Das wissen natürlich auch die zu prüfenden und können diese Zugwaffe bei hohem Nervfaktor des Checkers gezielt einsetzen. Darum meine Aufforderung: Wer weiss, wie viele Lüftungsschlitze der A320 hat, schreibe mir bitte  S O F O R T ein Mail.

Donnerstag, März 22, 2012

zurück auf Feld 1

Es gibt Leute, die schwelgen ewig in alten Erinnerungen und andere, die leben hier und jetzt. Es gibt Piloten, die kennen noch sämtliche geflogenen Flugzeugtypen in- und auswendig, andere vergessen Limiten am Tag der Umschulung auf den neuen Flugzeugtyp.

Ich gehöre eher zu zweiten Gruppe, ich vergesse zum Glück sehr schnell.

Seit nun einem Jahr und fast 1000 Flugstunden sitze ich auf dem linken Sitz und bediene das Flugzeug von der anderen Seite, mit den anderen Armen. Ob man den Airbus aus dem linken oder rechten Handgelenk steuert, macht fast keinen Unterschied. Man gewöhnt sich sehr schnell an die Umstellung und auch der Wechsel der Gashebel von der einen zur anderen Hand bereitet kaum Mühe.

Es sind die kleinen Sachen, die kaum ins Blut übergehen. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis man zur Sitzverstellung ans richtige Ort greift, plötzlich findet man Schalter erst auf den dritten Blick wieder und wenn ein Funkruf ertönt, sucht man mit Sicherheit am falschen Ort das Mikrofon. Braucht man eine Checkliste, geht der erste Griff ins Leere und die Suche nach der Taschenlampe will kein Ende nehmen.

Das sind Schwierigkeiten, die den Kollegen der Langstrecke bestens vertraut sind. Gerade die Copiloten fliegen auf dem gleichen Flug nicht selten ein Drittel von rechts und ein Drittel von links. Auf der Kurzstrecke sind solche Probleme unbekannt, ausser man hat die Qualifikation, von beiden Sitzen aus zu fliegen. Solche sogenannten either seat qualifications (ESQ) brauchen Instruktoren, die Jungkapitäne auf den ersten Rotationen einführen.

So sass ich gestern im Simulator – quasi zurück auf Feld 1 – auf dem Copilotensitz eines A320 und flog zwei Stunden lang Startabbrüche, Circuits und Anflüge mit mehr oder weniger Motorenunterstützung. Ende Monat werde ich dann einen Tag im Streckenbetrieb als Copilot eingesetzt und der Instruktor wird mir peinlich genau auf die Finger schauen, ob ich auch die Checklisten genau und sauber mache.

Klappt dies, was ich natürlich hoffe, habe ich die Berechtigung, die A320 Familie von beiden Seiten aus zu bedienen. Eine Lizenz für zwei verschiedene Sitze auf ein und demselben Flugzeug, das hatte ich schon einmal. Es war dies auf dem Jumbo, den ich zuerst als Flight Engineer beflog und dann damit als Copilot unterwegs war. Wer weiss, vielleicht schiebt uns die Lufthansa aus einer Laune heraus ein paar 747 rüber, es würde dann noch der dritte Sitz im Jumbo dazukommen…

Träumen darf man ja!


Dienstag, März 20, 2012

Flugtage


Die ersten drei Flugtage nach drei Wochen Ferien sind bereits wieder um. Erstaunlich, wie schnell man sich nach dieser langen Abwesenheit wieder in diesem Gewirr von Lampen, Schaltern, Knöpfen und Griffen zurechtfindet.

Berlin, Barcelona, Paris und Pristina standen auf dem Programm. In Barcelona genoss ich einen freien Nachmittag mit Sonne, Sangria und Meer und in Pristina die Herzlichkeit der Kosovaren, die in unserem Land meines Erachtens zu Unrecht einen so schlechten Ruf haben. Paris hat sich von der freundlichen Seite gezeigt und mit Berlin habe ich trotz der Absage für die Flughafensimulation Frieden geschlossen.

Kurz: Es war ein guter Start zurück ins Pilotenleben.

Interessant waren sie auch – und wie!
Zu meiner Rechten sass ein aus fliegerischer Sicht noch unerfahrener Copilot. Meine 12'000 Flugstunden gegen seine knapp Dreihundert, mein Wissen gegen seinen Wissensdurst, meine Altersdemenz gegen seine schnelle Auffassungsgabe.
Ich war als Instruktor unterwegs und hatte die hehre Aufgabe, Wissen zu vermitteln, Erfahrung weiterzugeben und Können zu beurteilen.

Acht Landungen waren zu verteilen, ich machte deren drei. Der Zufall wollte es, dass deren fünf weich und komfortabel waren und drei – naja.

Instruktion ist im Cockpit nicht nur ein einseitiges Dozieren, sondern ein gegenseitiger Lerntransfer. Es werden mögliche Probleme diskutiert, technische Details besprochen, scheinbare Widersprüche geklärt und Grauzonen ausgeleuchtet. Weil die Nachwuchspiloten unbelastet sind, werfen sie Fragen in den Raum, die sich ein alter Sack wie ich so noch nie gestellt hat. Das führt zu spannenden Gesprächen und endet nicht selten tief in den Büchern oder Vorschriften. Plötzlich ist ein Flug zu kurz, plötzlich geht die Zeit viel zu schnell.

Beim Anflug Richtung Pristina briefte ich den Copiloten über das, was ihn an dieser für ihn neuen Destination erwartete. Ich schwärmte von der zu erwarteten Abkürzung, betonte, wie wichtig es sei bei der Flugplanung in Zürich auf das maximale Ladegewicht zu achten und beschrieb die Landschaft in dieser in der Vergangenheit so umkämpften Gegend. Auch wenn die Spannungen zwischen Albanien, Mazedonien, Serbien und dem Kosovo noch immer vorhanden sind, klappt die Koordination der Abkürzungen seit Jahren tadellos. Noch im Luftraum von  Belgrad funkte ich auf dem zweiten Kommunikationsgerät mit Tirana Control. Ich sagte freundlich "Hallo" und die Dame versprach mir umgehend, dass sie sich bei Skopje Control um die Abkürzung bemühen werde. Skopje würde dann Pristina anfragen und wir bekämen dann eine Abkürzung, die uns viele Minuten und viel Fuel ersparen würde. Würde, hätte, sollte.
Verdutzt meldete sich die Dame wieder und berichtete, dass sich Skopje heute weigere, uns die Abkürzung zu geben. Ich sollte vielleicht mal Schokolade abwerfen, dachte ich und nahm den Befehl so entgegen.
Ein paar Minuten später dann der Wechsel zu Skopje Control.
"Sorry Captain, I'm unable to give you direct PRN, there is some shooting and fighting and we don't know where exacty. So you better stay on flight plan route…"
Der Flug dauerte dadurch etwas länger als angenommen, Einschusslöcher fanden wir beim Preflight Check in Pristina keine.

Jetzt hatte ich dem Copiloten versprochen, wie schnell es IMMER geht und dass man IMMER zu hoch daherkomme, in diesem Pristina. Ich habe meine Lektion gelernt, als Instruktor sollte man das Wort IMMER mit Vorsicht benutzen.

Doch bei den meisten Fragen wusste ich die richtige Antwort und das ging so weiter bis kurz vor Zürich.

Die letzte Unsicherheit des Auszubildenden betraf die Navigation am Flugplatz Zürich. Zürich ist unsere Homebase, Zürich kennen wir gut, zumindest meinen wir das. Natürlich machen wir dies oder das öfters, jenes lieber und manches ganz und gar nie. Ich mag zum Beispiel den Anflug auf die Piste 28 bei Nacht nicht besonders. Das Aussenlicht rund um den Touchdown Punkt ist ungerecht verteilt und führt dazu, dass genau dort, wo ich etwas sehen möchte, ein dunkles Nicht ist.
Was ich seit Vorgestern in Herz geschlossen habe, ist der Punkt ZH714, den ich so öfters DIREKT und OHNE HOLDING ansteuern möchte.
Mein Lieblingsstart ist der auf der 28 Richtung Westen. VEBIT DEPARTURE heisst das Verfahren und führt exakt 2.0NM vor dem Punkt BREGO über den leider noch nicht publizierten Punkt TILLY. Unter diesem noch nicht publizierten Punkt (wird voraussichtlich bei der nächsten Überarbeitung so eingeführt) residiere ich zufällig. Wie der Leser richtig vermutet, kenne ich dieses Abflugverfahren in- und auswendig und so gut wie kaum ein Anderer.

Ausgerechnet über dieses Abflugverfahren fragte mich der junge Copilot aus und wollte vom Instruktor NFF wissen, was denn genau der Unterschied zwischen dem alten VEBIT 2W und dem neuen VEBIT 3W sei. Ich wusste die Frage nicht im Ansatz zu beantworten und gebe den Ball weiter an die Jubilarin Frau TWRMädel.

Donnerstag, März 15, 2012

Wortwolke



Da ich trotz meines etwas in die Jahre gekommenen Titels als Software-Ingenieur nachweisslich unfähig bin, neuartige Benutzeroberflächen von aviatischen Programmen zu installieren, freue ich mich umso mehr, dass auch ich jetzt dank eines Hilfsprogramms, das heute im Tagi vorgestellt wurde, solche Wolkengebilde basteln kann und dazu noch fertig bringe, diesem unglaublich langen Satz zu Papier zu bringen!

Was mich freut ist die Tatsache, dass das Leben in meinem Leben den grössten Stellenwert einnimmt (und auf dem Kopf steht!) und das Fliegen als Tätigkeit ganz zu fehlen scheint.

Was mich etwas verunsichert ist das Wort Revision, das dem Leben die Nummer 1 streitig macht. Und was glauben Sie, was der nff im Moment macht? Richtig: er revidiert die Bücher und versucht zum x-ten Mal die ab 1.4. flugnotwendige Software zum Laufen zu bringen.


Mittwoch, März 14, 2012

Hündeler


Er ist halt noch jung!


Hündeler – so die Dialektbezeichnung für Hundehalter – haben mit Piloten vieles gemeinsam.
Sie wissen alles besser, lassen den Dreck, den sie produzieren gerne liegen, und laufen planlos durch die Gegend, wenn sie Abenteuer und Zeitvertreib suchen.

Er ist ein braver, er will nur spielen!
Ausserdem kommunizieren sie für Aussenstehende in unverständlichen Sätzen ("ist er krastriert?", "meiner will nur spielen!", "er ist halt noch jung", "er ist ein braver, er macht nichts") und stehen in konstanter Konkurrenz zu anderen Hündelern.

Mit Argusaugen wird beim Gassigehen beobachtet, was der andere Hund kann oder eben nicht kann, und wie der Gehorsam so klappt. Ausreissversuche, Kläff-Attaken und sonstige Tätigkeiten, die nach gängiger Hundeerziehungsmethode nicht opportun sind, werden mit Verachtung und Schadenfreude abgestraft.

Das Leben als Hündeler (und als Pilot!) ist knüppelhart.

Im Engadin ist das Hündelerleben stark saisonal geprägt. Je nach dem wer gerade im Tal zu Gast ist, fallen die Kommentare unterschiedlich aus.

Am einfachsten sind die Italiener. Die haben grundsätzlich an allem Freude, was aus Pelz ist. Frisst mein Hund dem Baby im Kinderwagen das Brötchen aus der Hand, applaudiert die ganze Familie und dokumentiert das auf Bildern. Will mein Hund mit mehrhundertfränkigen Handschuhen spielen, erwidern Herr und Frau Milano die Aufmerksamkeiten des Vierbeiners und lassen ein Loch im Handschuh schon mal ein Loch sein.

Ist er kastriert?
Unproblematisch sind die Deutschen. Da das "Fuss", "Platz" und "Sitz" scheinbar auch in der menschlichen Gesellschaft akzeptiert und weitverbreitet sind, zeigen die nördlichen Nachbarn auch im Umgang mit meinem Wirbelwind wenig Mühe.

Auch kein Problem sind die Welschschweizer, also die Helvetier aus der französischsprechenden Schweiz. Vielleicht hat das aber auch damit zu tun, dass ich ihre Flüche nicht verstehe.

Und jetzt kommen wir zu den Deutschweizern. Bewohner aus ländlichen Gegenden sind sich Vierbeiner gewohnt und wissen genau, wie sie sich die verspielten Fellträger vom Leib halten müssen. Städter, die Hunde nur noch aus dem Zoo kennen, schreien, wenn sie alleine sind, fallen in hysterische Krämpfe, wenn ein Kind in der Nähe ist.
Oft fuchteln sie mit den Händen und rufen: "nehmen sie den Hund weg!" In der Regel kann ich meinen Jack problemlos abrufen, aber wenn eine lustig angezogene Dame wild mit den Händen fuchtelt ist jenes Spiel um Faktoren interessanter, als meine stinkenden Lammpansen.

Das beschert immer wieder interessante Gespräche, Kontakte und Belehrungen.

Der Pilotenblick
Sodeli, heute streifen mein Wirbelwind und ich das letzte Mal über die verschneiten Wiesen des Hochtals und werden die Gäste aus den verschiedenen Regionen gebührlich und mit Respekt begrüssen, dabei artig den Dreck mit Robidog Säcklein auflesen und Belehrungen und wertvolle Tipps dankend entgegennehmen.

Wenn wir schon über Gemeinsamkeiten von Piloten und Hündelern reden: Sind Piloten für Aussenstehende auch so mühsam?


Dienstag, März 13, 2012

cancel IFR


Die Sonne schien engandinermässig und der kräftige Nordwind wurde von Plexiglasscheiben abgehalten. Der Ober brachte Kaffee und Kuchen und die Aussicht hätte schöner nicht sein können. "Bellavista" hiess das Lokal richtigerweise und die freie Sicht auf Silsersee und Corvatsch lies das Berglerherz höher schlagen.

Über uns donnerte ein Businessjet vorbei, der Minuten zuvor bei Zürich Radar "cancel IFR" verlangte.

Die Gästeschar am Tisch passte zu der Aussicht und war sogar noch weitaus Attraktiver als eben diese. Doch aufgepasst, übermütig durfte ich nicht werden, schliesslich sassen ausgerechnet die zwei Frauen am Tisch, die mir im Leben deutlich sagen können, wie und wo es lang geht. Meine Frau und TWRMädel.
Mit keiner der beiden wollte ich es nicht verbocken, denn beide haben die Macht, mein Leben himmlisch oder höllisch zu gestallten.

Wieder donnerte ein Jet über unsere Köpfe, "cancel IFR" zum Zweiten.

Die Tischrunde wurde grösser. Zu uns gesellte sich eine der fünf Damen vom Ort, die das ganze Jahr hier lebten. Ach wie ist das Leben schön inmitten schöner Frauen, auch wenn Mann sich zurückhalten musste.

Die wunderschönen drei Wochen gehen langsam zur Neige. Der nächste Einsatz rückt näher und näher. Langlaufskis und Winterjacken werden verstaut und das Bike-Equipment hervorgeholt. Leider kann ich nicht bis zur letzten Minute in den Bergen bleiben, denn eine so lange Abwesenheit von der Fliegerei verlangt nach viel Vorbereitung, verlangt nach viel Aufdatierung.

Gerade die Aufdatierung alles Systeme, Unterlagen und Sonstigem, behagt mir ganz und gar nicht. Man glaubt nicht, wie viel Post und Änderungen sich in drei Wochen aufstauen. Manuals wurden aufdatiert, Verfahren geändert, Altes neu erfunden und Neues wieder verbessert. Man liesst die Revision der Revision und wundert sich, dass selbst die Revision der Revision noch einmal revidiert wurde.

Um diese Änderungen auch lesen zu können, muss aber zuerst die bereits fünf Mal neu installierte Software deistalliert, danach wieder neu installiert und sämtliche Bücher heruntergeladen werden. Dank meinem Sorglos-Paket bei der Cablecom dauert das nur etwas über zwei Stunden pro Computer.

Das wäre dann das dritte "cancel IFR", wobei IFR an dieser Stelle für "inneren Frieden" steht.

Sitze ich aber wieder im Flugzeug, ist der innere Frieden wieder da. Computerprobleme können dort mit einem einfachen CB-Reset aus der Welt geschafft werden und TWRMädel wird mir den Tag sicherlich himmlisch gestalten.

Ich war nämlich ganz anständig am Tisch im Bellavista.

Sonntag, März 11, 2012

ein Sonntag in der Schweiz


nff an der Spitze! 
mit 30km/h unterwegs

das beste Wax für jeden Schnee, das ist ne Flasche Beaujolais

Traumhaft

Held und Pechvogel zugleich

Calanda, Schützengarten, Haldengut

der Fotograf dankt fürs Lächeln

Freitag, März 09, 2012

wo ist bloss die Kohle geblieben?


Schweizer Leser kennen das. Zu Hause liegt ein dickes Couvert voller bunter Zettel, die mit Zahlen gefüllt werden sollen und dafür hat man nur eine beschränkte Zeitspanne zur Verfügung.
Steuererklärung heisst das im Beamtendeutsch und für einmal handelt es sich hier um einen Begriff, der jedermann versteht. Nicht so wie Personenvereinzelungsanlage. Aber das ist eine andere Geschichte.

Steuern, so die Definition, sind eine Geldleistung ohne individuelle Gegenleistung. Mit dem kann ich leben. Streife ich zu Fuss durch meine Wohngemeinde, sehe ich da und dort Spuren meiner jährlichen Abgaben, die mein Herz durchaus erfreuen.

Zurück zu der Steuererklärung. Der Staat will wissen woher das Geld kam, wieviel es war und welche abzugsberechtigten Ausgaben getätigt wurden. Den grossen Teil dieser Informationen liefert der Arbeitgeber in Form des Lohnausweises. Das schmerzhafte an den Steuern ist nicht das Bezahlen dergleichen, sondern der Blick auf den angeblich letztes Jahr verdienten Betrag und die unweigerlich folgende Frage: «Scheisse, wo ist bloss die Kohle hin?»

Als Angestellter hat man wenig Möglichkeiten, die Beträge zu seinen Gunsten zu frisieren. Erstens schauen die Damen und Herren in den Steuerbüros viel zu genau hin und zweitens fehlen uns schlichtweg die verschiedenen Kreativwerkzeuge, die Firmen zu Verfügung stehen.

Also warum aufregen und Stunden damit investieren, ein paar Steuerfranken zu sparen. Die Opportunitätskosten sind einfach zu hoch.

Besser als ich hatte es die Commerzbank in Deutschland. Je nach Leseart, machten sie 638 Millionen Euro Gewinn oder 3.6 Milliarden Euro Verlust. Unnötig zu sagen, dass dem Staat die Bilanz mit dem grossen Minus davor präsentiert wurde.

Ich habe meine Steuererklärung bereits ausgefüllt und abgeschickt. Mir helfen diese Bilanztricks nichts mehr. Wer aber interessiert daran ist, lese den Artikel in der «Zeit» – mein Chef ist davon explizit ausgenommen!

Mittwoch, März 07, 2012

Pilot fiel aus den Wolken

Zugegeben, Piloten sind keine Routiniers, wenn es ums bewerben geht. Wollen wir Arbeit, dann rufen wir die Crew Disposition an und bekommen schwups einen Vierleger zugeteilt oder schieben Reservedienst vor dem Fernseher oder der Tastatur.

Doch leider gibt es auch im Pilotenleben Situationen, wo man zu Papier und Stift greifen muss, Motivationsgründe auflistet und wichtige Tatsachen verschweigt.
Bewerbung nennt sich das im Fachjargon und wie es scheint, lebt eine ganze Industrie davon.

Zuerst muss das Bewerbungsfoto ausgewählt werden. Schön sind wir ja alle, wir Piloten – und Charmebolzen obendrein. Darum bloss nicht zu viel Aufwand machen. Eine Kopie des Passbildes muss reichen.

Vor dem Brief aufsetzen, lohnt es sich, die beizulegenden Papiere zu ordnen, zu kopieren und auf Vollständigkeit zu überprüfen. Das dauert für offene Positionen in der Schweiz einige Minuten, für Jobs in Deutschland kann man schon mal eine Woche Ferien eingeben.

Ich bewarb mich in Deutschland, genauer gesagt in der Hauptstadt Berlin.

Als diese Hürde hinter mir lag und ich hoffte, dass nichts vergessen ging, wurde die Anmeldung auf den Weg geschickt. Vermutlich brachte ich diese Postsendung eigens mit dem Flugzeug nach Berlin, doch dies tut nichts zur Sache.

Dass sie mich nehmen war von vornherein klar, nur wann und zu welchen Konditionen war noch offen. Als dann die ziemlich bürokratische Bewerbung extrem unbürokratisch abgelehnt wurde, fiel ich aus allen Wolken – also gedanklich meine ich – in einem Pilotenblog muss man mit solchen Äusserungen vorsichtig sein (nicht auszudenken, wenn 13 Millisekunden später im Blick steht: PILOT FIEL AUS DEN WOLKEN…)

Ich war also Unerwünscht. Meine fachlichen Qualifikationen genügten nicht, meine Person zeigte die gewünschten Charaktereigenschaften offensichtlich nur mangelhaft. Hart so ein Urteil, aber man muss damit leben.

Doch ich habe Rache geschworen. Im Juni besuche ich den Ort persönlich und nehme meinen Airbus mit. Dann mache ich da mal richtig Lärm!



Einen Zeitungsartikel darüber gibt es in der Berliner Morgenpost

Sonntag, März 04, 2012

JoBo ist online

Sie kann nie genug kriegen und darum braucht JoBo Platz!

Unter JoBo's Abenteuer werden in unregelmässigen Abständen neue Geschichten von Johannes Bohnenblust veröffentlicht, allerdings nicht so oft wie es Sie es möchte…

Den Link zu JoBo's Abenteuern findet man auch auf der rechten Spalte.

Viel Spass

Samstag, März 03, 2012

Die Nacht davor


Es war Mitte 80er Jahre. Die Nacht vor dem zweiten Sonntag im März. "One Night in Bangkok" lief auf allen Kanälen und der Sänger Murray Head bekam dafür ein Einreiseverbot für Thailand. Bei uns im Keller lief Queen.
"We are the Champions" spielten wir immer und immer wieder, während wir sorgfältig Wachsschicht für Wachsschicht auf unsere Langlaufskis auftrugen.

Der Marathon stand vor der Tür, der Engadin Skimarathon.

Unsere Partnerinnen kochten in der Küche Sugo und verarbeiteten die nun im ganzen Tal ausverkauften Spaghettis zu waren Kohlehydratbomben.

Nach dem Auftragen der diversen Wachsschichten wurden diese draussen abgekühlt und danach bis zum letzten Rest wieder ausgebürstet. Zwischen die Laufflächen kam ein dünnes Flies und vorsichtig wurden die Skis mit Klebeband fixiert. Nicht irgend ein Klebeband, sondern das von Toko musste es sein. Es wirkte einfach professioneller, es wirkte einfach schneller.

"We are the Champions" – der Engadin Skimarathon stand vor der Tür.

Noch vor dem Nachtessen legten wir ein paar alte Latten ins Auto und fuhren beim Eindunkeln nach Maloja zum Startgelände. Die Streckenposten waren an der Wärme und so konnten wir ungestört unsere alten Skis in der ersten Reihe platzieren und so den besten Startplatz sichern.
Es knirschte unter unseren Füssen. Der Startplatz auf dem Malojasee war gefroren, ja eine Eisbahn. Hoffentlich geht am Start alles gut, hoffentlich erleiden wir keinen Stockbruch. Dann nützt das beste Wachs nichts mehr, dann war das Sommertraining auf Rollen für die Katz. Mein Puls stieg.
Fünf paar Skis lagen in Reih und Glied. Wir haben an alles gedacht.

"We are the Champions" – der Engadin Skimarathon stand vor der Tür.

Zuhause waren die Teigwaren al dente. Dreihundert Gramm pro Person – mindestens. Unisono glaubten wir an die damals populäre Schwedendiät und ließen die Woche vor dem Marathon die Finger von den Kohlenhydraten, um am Abend davor umso wuchtiger zuzuschlagen. Wir haben an alles gedacht.

"We are the Champions" – der Engadin Skimarathon stand vor der Tür.

Mit vollen Mägen legten wir die Kleider für den Renntag zurecht. Alles durchdacht, alle Schichten genau überlegt. Am Schluss kam die Starttnummer und darüber eine alte Windjacke, die vor dem Startschuss vor der Kälte schützte und nach dem Lauf der Berghilfe zu Gute kam. Wir haben an alles gedacht.

"We are the Champions" – der Engadin Skimarathon stand vor der Tür.

Das klopfende Herz hinderte uns am einschlafen, die Sportlerfürze in der überfüllten Wohnung auch. Irgendwann nahm die Nacht ein Ende und der Renntag kam näher.

In einer Woche ist es wieder soweit und ich bin wieder dabei. Als Zuschauer zwar, aber das ist egal. Aus Solidarität fresse ich am Vorabend auch 300 Gramm Pasta, gönne mir aber ein Glas Wein dazu.

"I was a Champion" – der Engadin Skimarathon steht vor der Tür.

Freitag, März 02, 2012

Schneeschmelze

Die Sonne, für die das Engadin so berühmt ist, brennt mit aller Kraft auf das Tal nieder. Temperaturen weit der zehn Grad Marke sind die Folge. Der Schnee schmilzt und legt allerlei Vergessenes frei. Wo einst eine dicke Schneeschicht lag, kommen jetzt verlorene Handschuhe und Kinderspielsachen zum Vorschein. Ob die Kleinen wohl geweint haben, als der Verlust erkannt wurde? Ob die Eltern wohl getobt haben, als der Nachwuchs mit klammen Fingern die warme Stube betrat und vom Verlust des Kleidungsstücks berichtete?

Ich weiss es nicht.

Auch unappetitliches präsentiert sich. Hundekot an jeder Ecke und Papiernastücher in allen Farben.

Die Natur lernt uns gerade im Frühling, dass unter einer schönen Decke auch sehr viel Scheisse versteckt sein kann.

In der Geschäftswelt ist es ganz ähnlich wie im Engadin. Wie im lokalen Kurverein nach jeder Saison üblich, klagt auch die Industrie über die herrschende Krise, den starken Franken und die sinkende Kauflust der Konsumenten. Die Wirtschaft tut gut daran, sich an der Natur zu orientieren. Das macht sie eigentlich schon zur Genüge. Organisches Wachstum ist in aller Manager Munde und selbst einheimische Unternehmen haben gemerkt, dass es sich beim wirtschaftlichen Wachstum wie beim Wachstum in der Natur verhält. Ein zu forsches Tempo tötet jedes Pflänzchen ab.

Wie die Natur versucht sich auch die Wirtschaft jeden Frühling neu zu erfinden. Der Schnee muss weg und das unbrauchbare, verlorene und unnötige – intern auch mal Scheisse genannt – soll sichtbar werden, damit es weggeputzt werden kann. Dies heisst nicht Frühlingsputz, sondern Umstrukturierung, Sparprogramm, MOVE, SCORE oder wie auch immer. Dieses Aufräumen tut gut und soll die Unternehmen für den Sommer fit machen.

Man darf den CEOs dabei Glück wünschen und hoffen, dass sie eine genauso glückliche Hand beweisen, wie die Engadiner Sonne. Diese lässt die vermeintlich unnütze Scheisse liegen und macht daraus Dünger, der herrliche Krokusse wachsen lässt und die Wiesenblumen zwischen dem saftigen Gras blühen lässt.

Es braucht nur etwas Geduld dazu und die Nerven, den eigenen Dünger nicht allzu früh wegräumen zu lassen. Es steckt oft mehr in den vermeintlich unnützen Sachen, als CEO denkt.