Samstag, Februar 11, 2012

Weisch na?

Neulich musste ich aufs Chefpilotenbüro. Ich wurde persönlich angeschrieben mit der Bitte, doch einen Termin zu vereinbaren, damit man sich Zeit nehmen könne, mit mir zu reden.
Ich tat was mir befohlen und ich tat es gerne.

Mädels, wir kommen!
Der Anlass war ein erfreulicher, zumindest aus meiner Sicht. Ich hatte mein 20-jähriges Dienstjubiläum und dies oh Wunder in einer Firma, die es erst seit zehn Jahren gibt.
So vereinbarte ich ein Treffen an diesem Datum, an dem ich zwanzig Jahre zuvor das erste Mal in offizieller Mission das Schulhaus an der Balz Zimmermann Strasse betrat.

PC-7 Cockpit auf dem Kopf
(wir flogen mit der PC-7 ja meistens auf dem Kopf)
An diesem 3. Februar 1992 traf ich mit Herzklopfen auf eine Gruppe von fünf ehemaligen Flight-Engineers, die Jahre zuvor als Piloten selektioniert wurden, aber zuerst einige Flugstunden auf der DC-10 die Aufgaben des F/E's übernehmen durften.
Wir bildeten eine Vorhut, die einen Monat vor unseren Kollegen für eine Grundausbildung nach Sion dissoziierten, weil wir im Gegensatz zu unseren Klassenkollegen vom Fliegen keinen blassen Schimmer hatten.

So ohne Vorbildung einen Kurs beginnen, das war mir ganz und gar nicht geheuer. Mehrere Male klopfte ich im Vorfeld bei der Schulleitung an und erkundigte mich, ob ich nicht doch etwas vorbereiten solle? Die Antwort war immer die gleiche: "Kommen sie unbelastet, sie lernen das schon!"

So kam ich unbelastet.

mein Arbeitsplatz für 622 Stunden
Als erstes wurde mir ein brandneuer Colani-Crewbag mit dem eingestanzten Schriftzug SWISSAIR überreicht und der Kursleiter machte die Kursbegrüssung kurz und schmerzlos. Er wünschte uns viel Spass in Sion und mahnte uns, vorsichtig zu fahren.

Ein paar hundert Kilometer und ein paar Kaffees später trafen wir am Flughafen Sion ein. Eingekleidet in einen graublauen Sack mit der Aufschrift SCHWEIZERISCHE LUFTVERKEHRSSCHULE liefen wir unter fachkundiger Führung um unser Trainingsgerät herum. Es handelte sich um einen Robin und ich war froh, dass ich von Fachleuten umgeben war. Die fachkundige Person entpuppte sich als ziemlich demotivierte und frustrierte Persönlichkeit. Ihm passte der Gedanke gar nicht, dass diese Horde nichtkönnender Flugschüler in 18 Monaten eine MD-81 bewegen würde und er nicht.

Noch vor der ersten Flugstunde am nächsten Tag bezogen wir unsere Zimmer im Hotel IBIS und kredenzten die ersten Biers aus Walliser Brauereien. Ich erfuhr alles über Massagen in Bangkok, über Steaks in Brasilien, über Gletscherlandungen in Alaska aber nichts über das Fliegen eines untermotorisierten Robins.
das schönste Flugzeug, das ich fliegen durfte


Noch vor zwanzig Jahren war dies übrigens für uns Flugschüler alles gratis. Hotel, Flugstunden und sogar ein kleiner Lohn wurden von der Swissair bezahlt.

Am nächsten Tag trat ich mit dem Fluglehrer vor das Flugzeug und wusste dank Propeller, was vorne und hinten ist. Wir schnallten uns an, starteten den Motor und rollten zu der Startpiste, wo vor uns noch zwei F5 der Luftwaffe abhoben.
Ich zog zum ersten Mal in meinem Leben an einem Steuerknüppel und flog Richtung Martigny. Einmal links, ein paar Mal rechts, nach oben und nach unten. Fliegen ist gar nicht so schwer, dachte ich und fragte mich, wie wohl so eine Landung funktioniere?

Der Fluglehrer wies mich an in den DOWNWIND zu fliegen. Ich wusste mit dieser Anweisung nichts anzufangen und erkundigte mich, woher er meine dass der Wind komme? Falsche Frage. Sein Kopf wurde röter und röter und ich sorgte mich ernsthaft, ob der Mann noch bis zur Landung überleben würde.

Er überlebte und ich war bis zum Ende des Kurses sein Lieblingsfeind. Er ist wohl der Grund dafür, dass ich seit dem Februar 1992 freiwillig keinen Fuss mehr in ein Flugzeug gesetzt habe, das nicht mindestens über eine Kaffeemaschine und eine Toilette verfügt.

Landetraining auf der A332 in LFLX
Fluglehrer sind ein seltsames Völklein!

Nach den rund 30 Stunden Robin folgten ungefähr 120 Stunden Piaggio und ein paar zerquetschte Archer und PC-7 Flugminuten. Doppelmotorig durfte ich die Seneca ein paar Stunden bewegen (nicht so lustig) und danach die Cheyenne (extrem lustig). Es kamen 1487 MD-81 Flugstunden (anspruchsvoll!) dazu, gefolgt von 622 Stunden als F/E auf der 747 (kompliziert). Nach dem Rutsch einen Meter nach vorne bewegte ich die 747-357 1001(!) Stunde als Copi (ein Traum!), bevor ich auf die MD-11 (was für eine Diva…) umschulte. Wieder 2166 Stunden später folgte die Umschulung auf die A332 (1423h) und die A343 (4023h). Seit 620h bin ich Kapitän auf der A320 Familie und schüttle jetzt meinem Chef die Hände.
Gottseidank haben die nie gebrannt!
Zwanzig Jahre, eine lange Zeit. Fast mein halbes Leben habe ich in Cockpits verbracht und viel erlebt. Was soll man dazu sagen? Vielleicht ist Danke das richtige Wort! Danke liebe Kolleginnen und Kollegen, dass ihr mich so lange ausgehalten habt. Danke liebe Swissair, dass Du so eine Pfeife positiv selektioniert hast und danke liebe Swiss, dass Du diese zum Kapitän schlugtest (schreibt man das so?).

Danke!


Kommentare:

  1. … an alle Blogger, die jetzt wieder ein schlechtes Gewissen haben: ich schiebe STBY :-)

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  2. Also ich habe genügend Zeit zum Lesen.
    Danke für den gerafften Einblick in deinen Werdegang.

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  3. Herrlich! Erinnert mich an meinen Erst- und zugleich Letztflug während meiner Ausbildung zur Lotsin (wir hätten eigentlich bis zum ersten Soloflug machen sollen/dürfen). Es war ebenfalls ne Robin, allerdings in Grenchen. Der Fluglehrer war nach 10 Minuten total frustriert, die Kollegen, die auch im Flieger drin sassen hatten ganz viel Mitleid mit mir und die Schulhäuptlinge haben mich nach der Landung vom weiteren Flugtraining WIE befreit...

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  4. Tja, du lebst den Traum Vieler. Aber schon lustig ein 20 Jähriges Dienstjubiläum in einer Firma zu haben, die gar noch nicht 20 Jahre alt ist. Wie es wohl den Kollegen der Swiss (Crossair) geht, wenn sie ein "rundes" Jubiläum erreichen. Ist vermutlich nur noch eine Frage der Zeit bis wieder "air" hinten dran steht.

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  5. Ein abwechslungsreiches und interessantes bisheriges Fliegerleben.

    Die 743 und die MD-11 sind - zumindest heute betrachtet - wahre Leckerbissen.

    War das Usus, dass man bei der SR als relativer "Frischling" so schnell an den F/E-Platz in der 743 gesetzt wurde, oder kamen da nur Leute hin, die von vorher schon technischen Background aufwiesen (FH/Uni)?

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  6. Richi hat gesagt...
    Beindruckend, äh, Bee...beeindruckend!

    "Der lange Weg nach Vorne links."

    (Der Titel eines Buches, verfasst von einem deutschen Airline Kapitän).

    Man stelle sich vor, jeder Swiss Kapitän hätte seinen eigenen Blog: Da käme wohl eine Menge ähnlich eindrücklicher Geschichten zusammen.

    Hat wieder einmal Spass gemacht, diesen wohl artikulierten Beitrag zu lesen.

    P.S.: Das "Danke" am Schluss dieses Artikels finde ich denkwürdig: Herrschen doch mindestens 99%Undankbarkeit weit und breit!

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  7. Einer meiner liebsten Artikel bisher, wie Du Deinen Werdegang beschreibst.

    Ich finde es sehr eindrücklich, was, wen und wie du so vieles in den zurückliegenden Jahren transportiert hast und bin der Überzeugung, daß neben deiner dich ehrenden eigenen Dankbarkeit, was dir in der Vergangenheit an Gutem zuteil wurde insbesondere auch Dir zu danken ist, daß du nämlich genau das machst, was du da machst-und das scheinbar hinreichend gut. ;)

    Von daher alles Gute zu Deinem 20-jährigen Dienstjubiläum und auf die nächsten 20 Jahre.

    Warum du allerdings seither keine Echo-Klasse mehr bestiegen hast, vermag ich nicht recht nachzuvollziehen. An der fehlenden Kaffeemaschine und am Plumsklo kann und sollte es doch nicht liegen. Falls du also Angst hast, nehme ich dich gern mal in sowas mit. :D (Bin übrigens kein Fluglehrer)

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  8. Auch herrlich zu sehen, wie wenig sich gewisse Personen (meine hier nicht den Autor) optisch verändert haben auf diesen "Retrobildern".

    Bei den Bildern kommen ganz ähnliche Erinnerungen hoch (Ach, was haben wir gekotzt auf dem PC-7 kopfüber...).

    M aka @timezonedriver (auch einer, bei dem die Fluglehrer damals nur den Kopf geschüttelt haben)

    P.S. Der Autor hat sich übrigens hervorragend gehalten wenn man so vorher/nachher betrachtet...

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  9. Herzliche Gratulation zum Jubi!
    Bei mir kamen schöne Erinnerungen auf an gemeinsame Flüge auf der "Diva"...
    Liebe Grüsse
    Urs
    PS: Lustig, der jetzige captcha lautet "dedifa"

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  10. @nff:
    …tja, so läuft es in der STBY. Eine halbe Stunde vor dem Feierabend dann doch noch ein Fon der Disco…

    @Flohnmobil:
    … gern geschehen.

    @TWRMädel:
    …zum Glück brauchte die SWR im '92 dringend Piloten :-)

    @Anonym1:
    …in der Fliegerei ist soviel seltsam…

    @Anonym2:
    …das war einer dieser vielen Planungsfehler der Swissair. 1995 war wieder einmal Krise und die Herren Bosse dachten, dass die 747 länger geflogen würden als geplant. Panik, wir haben zuwenig F/E! Sofort wurden in den Reihen der MD-81 Copiloten freiwillige gesucht, die für 3-4 Jahre die 747 vom dritten Sitz aus bedienen würden. Bevorzugt wurden Kandidaten mit Ingenieurstudium. Ich zögerte keine Minute und meldete mich an. Schlussendlich waren wir zu sechst, die einige Monate ausgebildet wurden und fortan als technische Sachverständige auf der 747 walteten. Eine verantwortungsvolle und sehr interessante Arbeit. Nach sieben Monaten war aber Schluss. Übung abgebrochen. Vier schulten als Copiloten auf die MD11 zurück und zu zweit durften wir als Copiloten auf der 747 bleiben. Gerne erinnere ich mich ans Flugtraining in Grenoble. 80t haben wir für je 8 Vollen getankt…

    @Richi:
    … Danke!

    @Anonym3:
    …für mich hat sich die Kleinaviatik (nicht despektierlich gemeint) erledigt. Seit ein paar Jahren bin ich auch nicht mehr berechtigt SEP zu bewegen (was auch Sinn macht). Aber danke für die Einladung!

    @Anonym4:
    … Du solltest mich sehen, wenn ich den Bauch nicht einziehe...

    @Urs:
    … genau! Und wenn ich dann mal gross bin, schule ich auf ein Wohnmobil um!

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  11. Alles Gute zum 20sten bzw. dem zweiten Zehnten und danke, dass du uns wieder mal einen Rückblick gönnst - schon interessant, vor allem wenn man das mit heutigen Trainingsprogrammen vergleicht.

    Sonntagmorgen mit den Worten des TWRmädels und der bloggenden Swisspiloten - das gehört schon fast dazu und hilft, mich ein wenig darauf einzustimmen, dass ich ab August auch bei der SAT brüten werde - hoffentlich gibt's für uns ready entries auch solch schicke overalls :o)

    Lediglich an's bloggen werd ich mich wohl nicht machen - ihr macht das ja schon exzellent. Vielleicht gibt's mal eine Fotoseite - das liegt mir schon eher :)

    Weiterhin viel Spass & jede Menge Zeit zum Bloggen ;)

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  12. Herzlichen Glückwunsch!

    Ist in den 20 Jahren denn kein einziger Incident aufgetreten?

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  13. Glückwünsche. 20 Jahre sind eine lange Zeit. Wenn man sie beruflich so verbringen kann wie man sich das vorstellt und es Spaß gemacht hat, hat man wohl schon viel gewonnen im Leben.

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