Dienstag, Februar 14, 2012

Tempo Tempo Tempo

Ich sitze auf der Couch und arbeite seit genau zwei Minuten. Reserve – oder STBY, wie das seit ein paar Jahren in unserer Firma heisst, steht auf dem Plan. Nein, eigentlich stand etwas anderes auf dem Plan, doch es gab wieder einmal Umstellungen, Änderungen, Probleme, Stress.

Die Tatsache, dass ich auf Abruf verfügbar bin kann dazu führen, dass ich diesen Text urplötzlich abbreche und mich in die Uniform stürze.

Der Tee an meiner Seite wird kühler. Eigentlich verkroch ich mich mit einem Buch auf dem Sofa,  kam aber nur bis zum Editorial. Es ist das Jahrbuch der Journalisten, das neben dem Schwarztee mit Milch liegt. Nicht dass ich ein Journalist wäre, aber ich mag einfach anregende Reportagen. Dieses Buch ist voll davon.

Im besagten Editorial berichtet Johann Oberauer vom Journalistenkongress in Wien. Die Schreibzunft hat gemerkt, dass das Diktat des Tempos die Leute und die Journalisten überfordert und Geschichten und Zeitungen uninteressant macht. Recht hat er! "Wir haben die Jagd nach der Zeit aufgegeben und jagen jetzt Geschichten", meinte der Chefredaktor der Politiken aus Dänemark.

Ein Chefredaktor aus Portugal doppelte nach: "Die Menschen schaffen das Tempo nicht mehr, mit dem wir auf sie eintrommeln, und sie wenden sich von uns ab, wenn wir so weitermachen."
Ich denke, dazu muss man nichts mehr sagen.

Und wann merken das die Verantwortlichen in der Fliegerei, die Passagiere, die Manager?

Am gestrigen Tag war der Wurm drin. Das kann passieren, das ist unter diesen Umständen, wie wir heute operieren (man merke: wir fliegen nicht mehr, wir operieren…) nichts als normal.

Das Flugzeug kam dreissig Minuten zu spät in London an und Heathrow hatte auch keinen guten Tag. Bevor wir mit 60 Minuten Verspätung abhoben, spielte sich im, am und ums Flugzeug herum beste Unterhaltung ab.
Ein Flugzeug ist per se eine Bühne, wo jeder meint, er spiele die Hauptrolle. Da braucht es einen Regisseur und das muss der Kapitän sein.
Beim Boarding die ersten Reklamationen der Hauptdarsteller. "Der Jetty sei zu lang, zu kalt, ungepflegt und überhaupt eine Zumutung für eine Qualitäts-Airline wie es die Swiss doch sei oder sein möchte."
Mag sein, aber auf die Geometrie und die Innenarchitektur von Heathrow hat die Swiss relativ wenig Einfluss. Ich war versucht dem Kunden zu sagen, er solle sein Geld im Königreich versteuern und nicht auf sein Schwarzgeldkonto in der Schweiz überweisen, dann sähe Grossbritannien vielleicht etwas freundlicher aus. Ich unterliess diese Bemerkung und wünschte ihm einen schönen Flug.
Jeder Passagier schleppte Koffer, Laptop und sonst noch was in das Flugzeug, was das Boarding logischerweise unglaublich verlangsamte.
"Warum er sich das antue und soviel Mist aufs Flugzeug schleppe, statt im geheizten Frachtraum zu verstauen?", fragte ich einen Passagier, während er mehrere Minuten neben mir im Boarding-Stau stand. "Er spare so wertvolle Minuten in Zürich", seine Antwort.

Wieder ein Banker, der von "Return of Investment" keine Ahnung hatte.

Eigentlich sollten wir 55 Minuten nach der Landung in Zürich nach Rom abheben. Dass dies in die Hose geht, merkten wir schon bald. Ein kurzes Telefonat nach Zürich, um die Kollegen zu informieren war unumgänglich. Sollen die sich etwas überlegen. Wir stellen uns jetzt in die Kolonne vor die 27L.

Vier Line-up Positionen hat die 27L in Heathrow. Wir standen als Vorderste in der ersten Box. Das sieht gut aus, so meine Einschätzung, die ich auch an die Kabinencrew und die Gästen weitergab. Von rechts nahte die Langstrecken-Armee der Britisch Airways. Sechs 777 und eine 747. Den Heimvorteil habe ich ziemlich unterschätzt. Wir standen noch weitere 20 Minuten.

Über Paris dann die Meldung aus Zürich. Nach Amsterdam ginge es, statt nach Rom, dafür mit der gleichen Maschine. So schnell als möglich wieder in die Luft, so die Vorgabe. Tempo, Tempo, Tempo.
Als einzige in ganz Westeuropa wusste unsere Crew nicht, was sich zu dieser Zeit in Schipol abspielte. Bombendrohung, Räumung des Terminals, Chaos.
Wäre noch wichtig gewesen, dass der Regisseur des Unternehmens Flug darüber informiert würde. Doch dies hielt niemand für notwendig. Hauptsache es ging flott.

Die Leute stiegen ein, genau 200 in der Zahl. Wie gesagt, unsere Crew hatte keine Ahnung, warum ausgerechnet heute ein so volles Flugzeug nach Amsterdam geschickt wurde und warum die Leute so gereizt waren. Die Kommentare beim Einsteigen waren dementsprechend stilvoll.  Es war 1840 Uhr, um 19 Uhr begann unser Startfenster, das heisst um 1915 Uhr mussten wir spätestens in der Luft sein. Zweihundert Passagiere mit schätzungsweise 600 Rollköfferchen. Die Kontrollen am Gate haben komplett versagt, doch das interessiert heute niemanden mehr. Auch unsere Partnerfirmen haben Zeitvorgaben und die orientieren sich nicht am Gesamtergebnis (pünktlicher Abflug), sondern am zeit- und bonusgerechten Schliessen des Gates. Hauptsache schnell, auch wenn es länger dauert!

Ich stand am Eingang und machte alle paar Minuten eine Ansage. Verstaut das Handgepäck und setzt Euch so hurtig wie möglich, so die Kurzfassung.

Wir starteten um 19:18 Uhr (Danke für Eure Flexibilität, TWRMädel).

Mit fast Schallgeschwindigkeit rasten wir Richtung Schipol immer noch im Unwissen, was sich dort abgespielt hatte. Hätte ich davon gewusst, hätte ich mich nicht gewundert, dass ich zum ersten Mal in meiner Karriere in ein Holding über Amsterdam einfliegen musste.

Nach dem Motto, wenn der Wurm einmal drin ist… gesellte sich noch ein Notfall eines Flugzeugs dazu. Die Anflugsequenz wurde auf Null heruntergeschraubt und so warteten wir über dem Punkt mit dem schönen Namen RIVER auf bessere Zeiten.
Mit noch 45 Minuten Verspätung rollten wir an die Parkposition B15. "Immer zu spät die Swiss!", "never Swiss again!", "always the same…". Ich liebe meine Passagiere wirklich!

Tja, so ist das Leben als Regisseur, wenn die Hauptdarsteller gereizt sind.

Natürlich wollten wir schnell wieder weg. Nicht nur wegen unserem Feierabend, sondern auch wegen der Anschlusspassagiere, die mit Dide, G! und skypointer nach weiss der Kuckuck wohin mussten.
Die Leute waren da – zumindest fast. Zwei der Seelen haben sich in den Weiten von Schipol verlaufen. Ausladen, aber hopp!
Als alles bereit war, wir die Freigabe zum Zurückstossen bekamen, störte ein PING die Ruhe im Cockpit.
Ein Defekt wurde angezeigt. Mhhhh, super. Der Regisseur hat hier zwei Möglichkeiten. Entweder die Minimum Equipment List anschauen und abarbeiten oder telefonisch Hilfe anfordern bei den Zauberlehrlingen, die ab und zu einen Trick auf Lager haben. Während das Handy wählte, suchte ich im elektronischen Buch (Windows gesteuert, das nächste Problem) das passende Verfahren. Der Speziallist jagte mich durch das CB-Panel und nach einer Minute war das Problem gelöst. Wir rollten zurück, die Damen und Herren Hauptdarsteller haben nichts bemerkt.

Wieder mit (fast) Schallgeschwindigkeit nach Kloten. Unterwegs jede Abkürzung erbettelt flogen wir rasant Richtung Schaffhausen. "Langsam, langsam", schrie der Kontroller ins Mikrofon, "wir befreien gerade die Landebahn von Schnee und Eis."

Um 22:10 Uhr dann die Erlösung. Passagiere und Crew verliessen das Flugzeug. Die Crew ruhig, langsam und müde. Die Passagiere rennend und fluchend. Mögen sie heute vom Schleppen des Handgepäcks Muskelkater haben, die Sklaven der Zeit!

Oh Wunder, schon 50 Minuten gearbeitet und noch kein Telefonanruf! Ich bin bei Cablecom, vielleicht geht ja das Telefonnetz wieder nicht.

Zum Glück versagt ab und zu die Technik. Solche Pausen sind Balsam auf meine Seele.
Sodeli, ich lese jetzt weiter.

Kommentare:

  1. Du solltest jedem, der zu dir in die Maschine steigen will, einen Audruck von diesem Post in die Hand drücken. Dann würden die Hauptdarsteller der Fliegerei etwas mehr Verständnis entgegen bringen und sie wären erst noch besser gelaunt!

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  2. Bei Pausen läufst du zu Höchstform auf, möge dass doch die Swiss bei den kommenden Einsätzen etwas mehr in Betracht ziehen. Weiterhin eine ruhige Reserve!


    Gibts eigentlich bloggende Flight Attendants? Glaub die sind nach der Fliegerei einfach zu geschafft zumindest bei SWISS, sonst wäre euer Bund ja komplett.

    Gruss und eine gute Zeit vom nun offiziellen Medizinstudenten, die 1. Prüfung ist bereits im trockenen.

    Severin

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  3. @Flohmobil:
    ... ich glaube ich gestalte einen Pin mit dem abgebildeten Aufdruck :-)

    @Severin:
    … Respekt, Respekt! Ich gratuliere.

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  4. Wow, ich kriegte Schweisstropfen und Herzrasen nur schon vom Lesen.

    Übrigens bin ich ein Bekehrter: Ich gebe auch mein kleiner Rollkoffer auf, obwohl dieser als Handgepäck durchginge. In der Tat ist das leben angenehmer, wenn man nicht noch das Teil mitschleppen muss. Mein Rucksack mit dem Laptop enthält alles notwendige für den Flug. Und meistens wartet der Koffer schon ungeduldig auf mich, selten muss man 10minuten warten.

    Zum Thema unzufriedene PAXe: Wenn die lieben Piloten Verspätungen und Verzögerungen KURZ und sachlich erklären würden könnte man es eher nachvollziehen.

    Gruss von hinten
    Philippe

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  5. @Philippe:
    … ich rede soviel wie ich schreibe :-)

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  6. Hallo an Alle,
    gerade habe ich auf SPON gelesen, dass ein Pilot während des Fluges verschieden ist - Gott hab' ihn selig.
    Meine rage ist nun, wie das im Flugzeug dann aussieht, wenn z.B. der CoPilot gerade auf der Toilette ist.
    Bitte entschuldigen Sie meine wohl dumme Frage, aber für eine Antwort wäre ich dankbar.
    Beste Grüße
    Reinhold

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  7. Herrlich kritischer Bericht, der dem Leser einen guten Eindruck der alltäglichen Hektik und dem Stress eines Luftkutschers vermittelt.

    Früher dachte man vielleicht, das Fliegen selbst sei möglicherweise anstrengend und kräftezehrend für den Piloten-in Wahrheit aber sind es die absurden Erwartungen der millionenverprassenden Ach-so-Wichtigtuern jenseits der Cockpittüre, denen außer ihrem grenzenlosen Ego sämtlicher Bezug zum Leben und der Realität zu fehlen scheint.

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  8. @Reinhold:
    .... Dann übernehmen Autopilot 1 oder 2, bis der Copi wieder vom Toilttengang zurück ist.

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  9. Erstmal Danke für die Antwort.
    Entschuldigung, wenn ich nochmal blöd nachfrage - also wie wäre das denn z.B. beim Landeanflug - oder müssen dann beide Piloten im Cockpit sein?
    Bitte nochmals um Verzeihung, aber ich bin halt ein Erdenwurm.
    Beste Grüße
    Reinhold

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  10. ... Grundsätzlich sind immer beide Pilotensitze besetzt, außer beim Pipi-Stopp

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